Werbung ist in der Marktwirtschaft und modernen Mediengesellschaft eine unverzichtbare kommunikative Struktur des wirtschaftlichen wie auch des sozialen Lebens.“ Dieser Auszug aus Dirk Reinhards Aufsatz zur 'Werbung in der Konsumgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts' spiegelt deutlich die Auffassung von Werbung im postindustriellen, globalen Marktwirtschaftssystem wider. Ganz im Gegensatz dazu steht die Ansicht der Konsumenten im ausgehenden 19. Jahrhundert gegenüber des Kommunikationsmittels Werbung, oder - wie man damals sagte - der Reklame. Die Geschichte der Reklame in Deutschland ist eng mit der Industrialisierung des Landes verbunden. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein dominierte die Überzeugung, dass sich ein Produkt primär durch sich selbst verkauft und nicht durch eine geschickte Werbestrategie, welche imstande ist, ein Bedürfnis beim Verbraucher zu wecken.
Die vorindustrielle Wirtschaft jedoch war vor allem durch das Zunftwesen geprägt, welches der Auffassung war, „[dass das] direkte Anreden ans Publikum […] gegen den Ehrenkodex der Zunftwirtschaft [verstoßen würde], dem das Anlocken der Käufer auf dem Marktplatz noch als unmoralisch gegolten hatte.“ Es waren in erster Linie die Hersteller von Markenprodukten im Lebensmittelsektor, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erkannten, dass die Kommunikation zwischen Produzent und Verbraucher der entscheidende Faktor war, den es zu verbessern galt, um dadurch den Absatz zu steigern. Im Zuge der zunehmenden Liberalisierung des Wettbewerbs und der stärkeren Bedeutung der Kundenbindung bildeten sich Markenartikel heraus. Einer dieser Markenartikel war ‚Liebigs Fleischextrakt‘, welcher den Status der Marke sowohl durch seine hervorragende Qualität als auch durch den massiven Einsatz des firmeneigenen Reklamemittels - dem Liebigbild - erringen konnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Genussmittelwerbung im 19. Jahrhundert in Deutschland
2.1 Entstehung und Entwicklung
2.2 Werbeträger
2.2.1 Anzeige
2.2.2 Plakat
2.2.3 Sammelbild
3 Markenprodukte
3.1 Begriffserklärung und Definition
3.2 Entstehung und Entwicklung im 19. Jahrhundert
3.3 Bedeutung der Markenprodukte für den Absatz der Unternehmen
4 Liebig Extract of Meat Company
4.1 Das Unternehmen – Firmengeschichte
4.2 Das Produkt – Liebigs Fleischextrakt
4.3 Der Werbeträger – Das Liebigbild
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Entwicklung der Werbung für Lebens- und Genussmittel im 19. Jahrhundert in Deutschland. Dabei wird analysiert, wie die Industrialisierung und der Wandel der Konsumgesellschaft neue Kommunikationsformen zwischen Produzenten und Verbrauchern erforderten. Ein zentrales Ziel ist es, am Beispiel der "Liebig Extract of Meat Company" und deren bekanntem Werbeträger – dem Liebigbild – aufzuzeigen, wie durch strategische Markenführung und Kundenbindung neue Absatzmärkte erschlossen wurden.
- Entwicklung und Liberalisierung der Werbeträger im 19. Jahrhundert
- Die Entstehung und strategische Bedeutung von Markenprodukten
- Historische Analyse der Liebig Extract of Meat Company
- Die Rolle des Liebigbildes als Instrument der Kundenbindung
- Wechselwirkung zwischen technologischer Entwicklung und Konsumverhalten
Auszug aus dem Buch
4.2. Das Produkt – Liebigs Fleischextrakt
Das Stammprodukt der Firma 'Liebig Extract of Meat Company' war getrocknetes Rindfleisch, welches durch ein spezielles chemisches Verfahren des deutschen Chemikers Justus von Liebig eingedampft wurde.70 Er erkannte, dass Fleisch eine Vielzahl chemischer Eigenschaften hat; durch Eindampfen entstand ein nahrhaften Sirup. Eine weitere chemische Reaktion ermöglichte, aus diesem Sirup ein Pulver zu gewinnen, das gegenüber rohem oder gepökeltem Fleisch viel länger haltbar war.71 Ein zusätzlicher Vorteil des Fleischextraktes bestand darin, dass es für den menschlichen Organismus gut verträglich war, so dass es sich vor allem auch zur Einhaltung von Diäten bewährte.
Den Absatzmarkt für das Fleischextraktes bildeten die Märkte des industrialisierten Europas und dessen schnell wachsende Städte, wie Judel treffend anmerkte: „Die wirtschaftliche Situation Europas in der Mitte des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch eine schnell zunehmende Industrialisierung. Im Gefolge wuchsen die Städte; immer mehr Menschen zogen vom Land in die Stadt, weil sie hier bessere Verdienstmöglichkeiten erwarteten. Der bessere Verdienst änderte nun die Verzehrgewohnheiten: Es wurde mehr Fleisch gegessen.“72
Das Rindfleisch für die Fleischextraktproduktion, das vor allem aus Südamerika stammte, sollte nach den Vorstellungen seines Erfinders - Justus Liebig - helfen, „die Ernährungsprobleme in den Elendsquartieren der europäische Großstädte [zu] lösen […].“73 Diesem Anspruch konnte Liebig nie gerecht werden - vor allem, weil das Produkt letztendlich zu teuer und nur für das Bürgertum erschwinglich war. Der Preis für eine Dose Liebig Fleischextrakt (100g) lag 1895 bei einer Reichsmark74 und war damit für Arbeiterschaft und Landbevölkerung unerschwinglich wie folgendes Zitat belegt: „Dieser Fleischextrakt hätte nach Liebigs Meinung als Fleischersatz dienen können. Allerdings war für die Verbreitung als Nahrungs- und Genussmittel eine wirtschaftliche Grundlage nicht gegeben, da die Fleischpreise in Deutschland viel zu hoch lagen.“75 Des Weiteren war das Produktionsverfahren des Produktes vergleichsweise teuer, da für die Herstellung von 100g
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet den Wandel der Werbelandschaft im 19. Jahrhundert im Kontext der Industrialisierung und der Herausbildung einer Konsumgesellschaft.
2 Genussmittelwerbung im 19. Jahrhundert in Deutschland: Dieses Kapitel beschreibt die Liberalisierung des Anzeigewesens nach 1848/49 sowie die Entwicklung der zentralen Werbeträger Anzeige, Plakat und Sammelbild.
3 Markenprodukte: Der Abschnitt erläutert die Definition von Markenartikeln und deren zunehmende Bedeutung für die Absatzsicherung der Unternehmen im späten 19. Jahrhundert.
4 Liebig Extract of Meat Company: Hier wird die Firmengeschichte, das Produkt "Fleischextrakt" und die strategische Nutzung von Liebigbildern zur weltweiten Marktbeherrschung detailliert analysiert.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die Entwicklung von einer zunftgeprägten Wirtschaft zu einer modernen Werbelandschaft, in der die Bindung des Konsumenten an eine Marke zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wurde.
Schlüsselwörter
Werbung, Reklame, 19. Jahrhundert, Konsumgesellschaft, Liebig Extract of Meat Company, Markenartikel, Fleischextrakt, Liebigbild, Industrialisierung, Kundenbindung, Sammelbilder, Absatzstrategie, Anzeigewesen, Litfaßsäule, Liberalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Entwicklung der Werbung für Lebens- und Genussmittel im 19. Jahrhundert in Deutschland, wobei der Fokus auf dem Übergang zur Markenartikelgesellschaft liegt.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die Entwicklung der Werbeträger wie Anzeigen und Plakate, das Konzept der Markenartikel sowie die Firmenstrategie eines Pioniers der Markenführung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll verdeutlicht werden, wie durch innovative Reklamekampagnen und eine gezielte Markenpolitik die Kundenbindung gefördert und ein Produkt global erfolgreich vermarktet werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die gedruckte Primär- und Sekundärquellen (Aufsätze, Monographien) sowie die Auswertung von Bildbelegen und Tabellen zur Preis- und Marktentwicklung nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung allgemeiner Werbeträger, die theoretische Einordnung von Markenprodukten und eine detaillierte Fallstudie zur Liebig Extract of Meat Company.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für den Text?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Markenartikel, Reklamelandschaft, Kundenbindung, Industrialisierung und spezifisch der Liebig-Produktwelt.
Warum war der "Fleischextrakt" für Liebigs Vision so wichtig?
Justus von Liebig wollte ursprünglich ein nahrhaftes und haltbares Produkt schaffen, um den Nahrungsmangel in den Elendsquartieren der Großstädte zu lindern, was jedoch aufgrund des hohen Preises nur dem Bürgertum zugutekam.
Welche Rolle spielte die Technik bei der Werbung?
Die industrielle Revolution, insbesondere die Erfindung der Farblithographie und später der Kühltechnik, ermöglichte neue Werbeformen (Sammelbilder) und veränderte die globalen Absatzwege.
Warum wurde das "Liebigbild" zum Synonym für Sammelbilder?
Die Liebig Extract of Meat Company brachte ab 1875 in Serie qualitativ hochwertige und vielfältige Bilder heraus, was bei den Konsumenten eine enorme Sammelleidenschaft entfachte, die den eigentlichen Wert des Fleischextraktes oft überstieg.
- Quote paper
- Andrej Wackerow (Author), 2009, Die Entwicklung der Lebens- und Genussmittelwerbung im 19. Jahrhundert am Beispiel der 'Liebig Extract of Meat Company', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125962