Stierkampf: Die 'Corrida de Toros' - Spaniens 'Fiesta Nacional'

Geschichte, Ablauf, Diskussion


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Entstehung der Arena-Corrida

3. Ablauf und Beschreibung
3.1. Der Einzug - el paseillo
3.2. Suerte de picadores
3.3 Suerte de banderillas
3.4 Suerte de faena
3.5. Ablauf und historische Entwicklung

4. Corrdia und christliche Religion

5. Unterschiedliche Wahrnehmungen von Aficionados und Stierkampf-gegnern.

6. Resümee und Ausblick

7. Literaturangaben

1. Einleitung

Der Stier- Opfertier, Tod, und Wollust in einem.

Als archaisches Symbol von diffuser Magie, konnte der Stier fast alles bedeuten.[1]

Als Opfertier war er die zentrale Figur im heidnischen Mithraskult[2] der Römer, wo er Symbol der Finsternis und des Bösen war. Aus dem bei seiner Opferung vergossenen Blut entstand das pflanzliche, aus seinem Samen das tierische Leben. Das Bad der Gläubigen in seinem Blut versprach ewiges Leben, der gemeinsame Verzehr seines Fleisches war eine Art Abendmahl oder Kommunion.[3]

Mit einem Exemplar dieser Spezies zu kämpfen, war in Spaniern durch die Jahrhunderte unentbehrlicher Feiertagsrausch geworden und hat sich bis heute erhalten.

Am 27.08. 2007 vermeldet die Süddeutsche Zeitung: Stierkämpfe werden in Spanien nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Die staatliche Sendeanstalt RTVE stellt deren Ausstrahlung ein. Dies stellt eine Zäsur in der Geschichte des spanischen Fernsehens dar, schließlich nahm der Sender 1948 seinen Betrieb mit der landesweiten Live-Übertragung einer Corrida auf.[4] Umgehend muss sich der Sender schwere Vorwürfe gefallen lassen.

„Eine schamlose Attacke auf die Kultur“[5] unterstellen die Veranstalter, „mangelnde Vaterlandsliebe“ die konservative Volkspartei Partido Popular.

Doch ungeachtet dessen verzeichnet die Stierkampfbranche Jahresumsätze von über 1,5 Milliarden Euro und stellt 200.000 Beschäftigte in Lohn und Brot (Stand 2005). Auf 600 Toreros kommen bei jährlich 2.000 Veranstaltungen 12.000 getötete Stiere.[6]

Hierfür stehen 550 fest gebaute Arenen[7] bereit, die etwa 2 Millionen Zuschauern Platz bieten.[8] Zudem gibt es 30 Stierkampfschulen und an der Universität Cordoba seit 2004 sogar einen Lehrstuhl für „Taurologie“, Stierkampfkunde.

Der Stierkampf oder auf Spanisch die corrida de toros[9], ist ein Phänomen, das in der spanischen Alltagskultur tief verwurzelt ist, und sowohl Könige und Adel, als auch die einfache Stadt- und Landbevölkerung über Jahrhunderte hinweg faszinierte.

„Wenige Dinge haben unsere Nation in ihrer ganzen Geschichte so leidenschaftlich begeistert und so glücklich gemacht wie diese Fiesta“ so José Ortega y Gasset.[10]

Der Stierkampf war eine wahre Obsession, das Massenspektakel Spaniens, bis ihm der Fußball den Rang ablief...[…] Die Spanier bauten ihren Nationalhelden [den Matadores, U.A.) Mausoleen und Monumente, ehrten ihr Andenken in Stierkampfmuseen und zahllosen musealen Tavernen. Auf der Straße spielten die Kinder aller sozialen Schichten Stierkampf, Torero war der Traumberuf unzähliger Knirpse…[11]

Auch in die Hochkultur fand die Corrida Einzug, man denke nur an die weltberühmten Gemälde Francisco de Goyas oder Pablo Picassos.

Ausländische Beobachter gaben in ihren Reisebeschreibungen und Ethnographien über das Land jenseits der Pyrenäen der Corrida meist einen breiten Raum.

Ernest Hemingway wurde ein wahrer Corrida-Anhänger, ein aficionado[12] de toros.

Aber auch deutsche Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky oder Wolfgang Koeppen konnten sich der Faszination dieses Spektakels nicht entziehen. Allerdings unterschied sich deren Wahrnehmung der Veranstaltung meistens doch recht deutlich von derjenigen der einheimischen Zuschauer.

In Abgrenzung zu den auch heute noch landesweit stattfindenden Stierläufen, von denen der in Hemingways Roman ‚Fiesta’ beschriebene von Pamplona seither Weltruhm erlangte,[13] möchte ich in dieser Arbeit speziell nur auf die in der Arena[14] stattfindende Corrida eingehen.

Nach einer Untersuchung ihrer Entstehungszusammenhänge (Kapitel 2) wird der Ablauf einer modernen Corrida in ihren einzelnen Bestandteilen beschrieben (Kapitel 3).

Dieses Kapitel kulminiert in der These von Karl Braun, dass die moderne Corrida ein Abbild ihrer historischen Entwicklung darstellt, zu deren Erläuterung ich noch einmal auf die in 3.1-3.4 beschriebenen Bestandteile eingehen werde (3.5).

Das spannungsreiche Verhältnis der Veranstaltung zum Christentum bildet den Ausgangspunkt des 4. Kapitels.

Die unterschiedliche Wahrnehmung der Aficionados auf der einen, und der Corrida-Gegner auf der anderen Seite, mögliche Gründe für diese Diskrepanzen, sowie die auf den ersten Blick etwas erstaunliche Annahme, dass die Corrida offenbar sogar einen Beitrag zur Artenvielfalt leistet, sind Gesichtspunkte, die in Kapitel 5 erörtert werden.

Im abschießenden Resümee soll einer komprimierten Zusammenfassung des bis dahin Gesagten schließlich ein kurzer Ausblick auf die Zukunft der spanischen „Fiesta Nacional“ erfolgen.

2. Entstehung der Arena-Corrida

Arena-Corrida – so die gängige Erklärung – ging aus der Corrida des einfachen Volkes hervor. Enrique Gil Calvo unterscheidet historisch in seinem Buch „Función de torros“ drei Typen von Stierläufen,[15] die auch für die Entwicklungsphasen stehen:[16]

1.) den feudal-adeligen: adelige Stierjagden, bei denen Stiere in ein Gehege gehetzt wurden und dort dann von Reitern, teilweise auch unter dem Einsatz von Hunden, erlegt wurden. Teilweise fanden diese Veranstaltungen auch in Form von Turnieren statt. Diese höfische Form, auch corridas reales (königliche Stierfeste),[17] ist erstmalig für das Jahr 1080 anlässlich der Hochzeit zwischen Sancho de Estrada und Dona Urraca Flores in Avila dokumentiert.[18] Eben bei solchen hoheitlichen Anlässen, neben Hochzeiten z.B. auch Geburten, Krönungen oder Besuche anderer Monarchen,[19] wurden Stiere „gelaufen,“ wie die mittelalterlichen Chroniken berichten.[20] Sogar Könige selbst stellten sich den Stieren entgegen: so im Jahre 1527, als Karl V. einen Stier mit der Lanze tötete, anlässlich der Geburt seines Sohnes Phillip, dem späteren II.[21]

2.) den ländlich-volkstümlichen:

bei den adeligen Spielen war zur Unterstützung der Reiter immer auch Fußvolk dabei, welches mit dem Untergang der adeligen Spiele, spätestens also im 18.Jahrhundert, die Führung übernahm.

Zur Zeit der Herrschaft der französischen Bourbonendynastie (seit 1700), verlassen die Höflinge die Arena. Bauernsöhne, Kleinbürger und Zigeuner, die vormaligen Helfer derer, die hoch zu Ross saßen, sind jetzt die Helden, nicht nur des einfachen Volkes im Gegensatz zum Adel, sondern zugleich der spanischen Nationalität gegenüber der französischen Herrschaft.

Aus dem popularen Stierlauf, wie er auch heute noch z.B. in Pamplona, Soria, Cáceres, Grazalema und in vielen anderen spanischen Orten stattfindet, entwickelte sich

3.) der städtisch-bürgerliche Arena-Stierlauf, der dem ungeordneten und wilden Treiben der popularen Stierläufe, eine Art „Meistertum“ in der Person des Matadors entgegensetzte. Aus ihm entwickelte sich schließlich die moderne Corrida.[22] Diese Form entstand im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Fanden die Corridas bisher üblicherweise auf dem örtlichen Haupt- oder Marktplatz statt, so entstanden nun dauerhafte Arenen (Sevilla 1761, Ronda 1763, Zaragoza 1764, Valencia, Cadiz 1802).

[...]


[1] www.tauromaquia.de <29.09.2007, 10:51h>

[2] Mithras: indoiranischer Gott des Rechts und der staatlichen Ordnung, Als Apollon-Mithras-Helion-Hermes wichtige Gestalt der synkretistischen Religion. Fand seit dem 1. Jhd. n. Chr. viele Anhänger unter den römischen Legionären, die seinen beinahe zu einer Weltreligion gewordenen Kult über das römische Reich bis nach Britannien, Germanien und Hispanien verbreiteten. Im Mittelpunkt des Kults, von dem Frauen ausgeschlossen waren, stand die Tötung eines Stiers. Lexikon Alte Kulturen (Bd.2). Mannheim 1993

[3] Neuhaus, Rolf: Der Stierkampf. Eine Kulturgeschichte. Frankfurt am Main 2007, S.55

[4] Hintergrund waren wohl steigende Kosten für Übertragungsrechte.

„Kein Stierkampf mehr auf TVE“ Süddeutsche Zeitung 27.08.2007

[5] Ebd.

[6] „Rentnerglück statt Massenhype“ Stern vom 30.12.2006

[7] hinzu kommen noch etliche mobile Arenen, die während der Saison von Dorf zu Dorf ziehen.

[8] Neuhaus (2007): S. 187

[9] Da es sich im eigentlichen Sinne nicht um einen Kampf handelt, bei dem sich zwei gleichrangige Gegner gegenüberstehen, wie bei Sportwettkämpfen (Boxen, Fußball etc.), sondern um eine Darbietung, deren Ausgang bereits von vorneherein feststeht, ist die deutsche Bezeichnung „Stierkampf“ oder auch das angelsächsische „bullfight“ der Sache eher unangemessen. Deshalb möchte ich nachfolgend ausschließlich den Begriff corrida (de toros) verwenden. Seit Hemingway wurde immer wieder betont, dass es sich vielmehr um ein tragisches Schauspiel handele.

Vgl. Schmid Noerr, Gunzelin/Eggert, Annelinde: Die Herausforderung der Corrida. Vom latenten Sinn eines profanen Rituals. In: Lorenzer, Alfred: Kultur-Analysen. Psychoanalytische Studien zur Kultur. Frankfurt am Main 1986. S. 99-162, hier S. 102. Folgerichtig erscheint die Berichterstattung in spanischen Tageszeitungen auch im Feuilleton und nicht im Sportteil.

[10].Zitiert nach: Neuhaus (2007): S. 8

[11] Neuhaus (2007), S. 33. Der Autor bezieht sich hier auf das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Ob es heute auch noch so aussieht, wie Neuhaus nachfolgend behauptet, werde ich im abschließenden Fazit dieser Arbeit kurz erörtern.

[12] Bezüglich der Corrida bezeichnet aficionado den Anhänger, der nicht nur gern zur Veranstaltung geht, sondern wirklich etwas von Stieren, Toreros und der Kunst des Toreros versteht.

[13] 6.-14. Juli Feria de San Fermín: Stiertreiben, Stierkämpfe, Fiesta total

[14] arena = Sand. Im spanischen Sprachgebrauch ausschließlich in diesem Zusammenhang verwendet. Der Veranstaltungsort der Corrida wird mit plaza de toros bezeichnet.

[15] correr los toros – die Stiere hetzen, die Stiere laufen

[16] Gil Calvo, Enrique: Función de toros. Una interpretación funcionalista de las corridas. Madrid 1989, S. 25ff

[17] Neuhaus (2007), S. 99

[18] Marvin, Garry: Bullfight. Oxford 1988, S. 54

[19] Selbst noch im Oktober 1940 bekam der Reichsführer SS Heinrich Himmler beim Besuch in Spanien, als er den frischgebackenen Diktators Franco zum Kriegseintritt überreden wollte, statt der Kriegszusage nur eine Corrida zu sehen, bei der ihm persönlich ein Stier gewidmet wurde. Braun, Karl: Toro! Spanien und der Stier. München 2000, S. 63

[20] Neuhaus (2007): S. 99

[21] Noch heute werden diese rejoneos, das Töten des Stiers mit der Lanze zu Pferde, etwa in Jerez de la Frontera regelmäßig ausgetragen.

[22] Vgl.: Braun(2000): S.155 ff

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Stierkampf: Die 'Corrida de Toros' - Spaniens 'Fiesta Nacional'
Untertitel
Geschichte, Ablauf, Diskussion
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde Uni Freiburg)
Veranstaltung
Hauptseminar Sommersemester 2007: Theatralität und Volksschauspiel im Mittelmeerraum- Beispiele aus der italienischen und spanischen Festkultur
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V125976
ISBN (eBook)
9783640314256
ISBN (Buch)
9783640317837
Dateigröße
1381 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Thema: Stierkampf: Geschichte, Ablauf, Diskussion
Schlagworte
Corrida, Toros, Spaniens, Fiesta, Nacional, Stierkampf, Geschichte, Ablauf, Diskussion
Arbeit zitieren
Ulrich Ackermann (Autor), 2008, Stierkampf: Die 'Corrida de Toros' - Spaniens 'Fiesta Nacional', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125976

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