Der Stierkampf oder auf Spanisch die corrida de toros, ist ein Phänomen, das in der spanischen Alltagskultur tief verwurzelt ist, und sowohl Könige und Adel, als auch die einfache Stadt- und Landbevölkerung über Jahrhunderte hinweg faszinierte.
Der Stierkampf war eine wahre Obsession, das Massenspektakel Spaniens, bis ihm der Fußball den Rang ablief. Die Spanier bauten ihren Nationalhelden (den Matadores) Mausoleen und Monumente, ehrten ihr Andenken in Stierkampfmuseen und zahllosen musealen Tavernen. Auf der Straße spielten die Kinder aller sozialen Schichten Stierkampf, Torero war der Traumberuf unzähliger Kinder.
Auch in die Hochkultur fand die Corrida Einzug, man denke nur an die weltberühmten Gemälde Francisco de Goyas oder Pablo Picassos. Ausländische Beobachter gaben in ihren Reisebeschreibungen und Ethnographien über das Land jenseits der Pyrenäen der Corrida meist einen breiten Raum. Ernest Hemingway wurde ein wahrer Corrida-Anhänger, ein aficionado de toros. Auch deutsche Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky oder Wolfgang Koeppen konnten sich der Faszination dieses Spektakels nicht entziehen. Allerdings unterschied sich deren Wahrnehmung der Veranstaltung meistens doch recht deutlich von derjenigen der einheimischen Zuschauer.
In Abgrenzung zu den auch heute noch landesweit stattfindenden Stierläufen, von denen der in Hemingways Roman ‚Fiesta’ beschriebene von Pamplona seither Weltruhm erlangte, möchte ich in dieser Arbeit speziell auf die in der Arena stattfindende Corrida eingehen.
Nach einer Untersuchung ihrer Entstehungszusammenhänge (Kapitel 2) wird der Ablauf einer modernen Corrida in ihren einzelnen Bestandteilen beschrieben (Kapitel 3). Dieses Kapitel kulminiert in der These von Karl Braun, dass die moderne Corrida ein Abbild ihrer historischen Entwicklung darstellt, zu deren Erläuterung ich noch einmal auf die in 3.1-3.4 beschriebenen Bestandteile eingehen werde (3.5).
Das spannungsreiche Verhältnis der Veranstaltung zum Christentum bildet den Ausgangspunkt des 4. Kapitels. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Aficionados auf der einen, und der Corrida-Gegner auf der anderen Seite, mögliche Gründe für diese Diskrepanzen, sowie die auf den ersten Blick etwas erstaunliche Annahme, dass die Corrida offenbar sogar einen Beitrag zur Artenvielfalt leistet, sind Gesichtspunkte, die in Kapitel 5 erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung der Arena-Corrida
3. Ablauf und Beschreibung
3.1. Der Einzug - el paseillo
3.2. Suerte de picadores
3.3. Suerte de banderillas
3.4. Suerte de faena
3.5. Ablauf und historische Entwicklung
4. Corrida und christliche Religion
5. Unterschiedliche Wahrnehmungen von Aficionados und Stierkampfgegnern.
6. Resümee und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kulturelle Bedeutung der spanischen Corrida, ihre historische Entwicklung von volkstümlichen Stierläufen zur modernen Arena-Veranstaltung sowie das spannungsreiche Verhältnis zwischen Tradition, ästhetischer Wahrnehmung und Tierschutzethik.
- Historische Herleitung und Phasen der Corrida
- Strukturierter Ablauf des Stierkampfes in der Arena
- Symbolik der Corrida im Kontext christlicher Religiosität
- Kontroverse Wahrnehmungsunterschiede zwischen Aficionados und Kritikern
- Zukünftige Bedeutung und gesellschaftlicher Wandel der Fiesta Nacional
Auszug aus dem Buch
3.4 Suerte de faena
Der Präsident hält sein weißes Taschentuch heraus, der aviso erklingt, und das letzte Drittel beginnt. Der Matador lässt sich von seinem Degenjungen, dem Mozo de espadas, Muleta und Degen bringen. Vielmehr handelt es sich um einen Holzstab, eine Degenatrappe, welche die Funktion hat, das Tuch zu straffen.
Zur Ausrüstung zählen auch zwei bis drei Stoßdegen, Estoques von verschiedener Größe, die er je nach Eigenschaften des Stiers auswählt.
Handelt es sich um den ersten Stier der Corrida bittet der Matador den Präsidenten um Erlaubnis ihn zu töten. Manchmal widmet er den Stier einer Person aus dem Publikum, der er dann die Montera zuwirft. Versprechen Bravura (Angriffslust, Tapferkeit) und Nobleza (Geradlinigkeit, Freimütigkeit) des Stiers eine glänzende Faena, pflegt der Matador den Stier dem gesamten Publikum zu widmen. In diesem Fall geht er in die Mitte des ruedo, und wirft dann den Hut über die Schulter in den Sand. Der Aberglaube sagt, liegt der Hut mit der Öffnung nach unten bringt dies Glück, liegt er mit der Öffnung nach oben, bringt dies Unglück, da der Anblick an einen geöffneten Sarg erinnert.
Nun beginnt die eigentliche Arbeit des Matadors mit der Muleta. Der Stier folgt den Bewegungen des Tuches die in beide Hände genommen werden kann. Die Degenattrappe, bleibt in der Rechten, der Stichhand. Würde der Matador jetzt schon den richtigen, schweren Degen verwenden, würde ihm später die Kraft fehlen für den Todesstoss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die archaische Symbolik des Stiers und führt in den aktuellen gesellschaftlichen und medialen Kontext der Corrida in Spanien ein.
2. Entstehung der Arena-Corrida: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von der feudal-adeligen Stierjagd bis zur bürgerlichen Arena-Form nach.
3. Ablauf und Beschreibung: Es erfolgt eine detaillierte technische Analyse der drei Akte (Terzios) einer Corrida, vom Einzug bis zum Todesstoß.
4. Corrida und christliche Religion: Das Kapitel untersucht die spirituelle Symbolik sowie die Ambivalenz der Kirche gegenüber den heidnisch anmutenden Opferritualen des Stierkampfes.
5. Unterschiedliche Wahrnehmungen von Aficionados und Stierkampfgegnern.: Hier werden die gegensätzlichen ethischen und ästhetischen Standpunkte zwischen Stierkampffans und Tierschützern gegenübergestellt.
6. Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die zentrale These der kulturellen Transformation zusammen und bewertet den aktuellen Stellenwert der Fiesta Nacional in einer modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Corrida, Stierkampf, Spanien, Fiesta Nacional, Matador, Picador, Banderillas, Aficionados, Tierschutz, Kulturgeschichte, Ritual, Muleta, Arena, Tradition, gesellschaftlicher Wandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kulturellen und historischen Bedeutung des spanischen Stierkampfes (Corrida) und analysiert seine Entwicklung und Wahrnehmung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die historische Entstehung, die rituellen Abläufe, die religiöse Verknüpfung sowie der ethische Konflikt zwischen Tradition und moderner Tierschutz-Kritik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Stierkampf als komplexes kulturelles Phänomen zu verstehen und zu erklären, warum er trotz zunehmender Ablehnung weiterhin existiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Analyse, die historische Quellen, Fachliteratur und zeitgenössische mediale Berichte auswertet.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung der rituellen Phasen der Corrida und die soziokulturelle Interpretation der beteiligten Akteure.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Corrida, Ritual, Tradition, kulturelle Identität, Stierkampfkritik und ethische Abwägung.
Welche Funktion hat der Picador in der modernen Corrida?
Er repräsentiert die historischen Überreste der adeligen Stierjagd und ist heute primär der Helfer des Matadors, um den Stier durch Verletzungen im Nackenbereich zu schwächen.
Warum wird der Matador im Text als "aufgeklärter Meister" bezeichnet?
Die Bezeichnung verweist auf die Transformation des Stierkampfs von einem ungeordneten, tumultartigen Volksvergnügen hin zu einer kontrollierten, kunstvollen und rational strukturierten Darbietung in der Arena.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Corrida und christlicher Symbolik?
Ja, der Text beschreibt, wie Konzepte wie Leid und Überwindung (Märtyrertum) sowie Metaphern wie die der Heiligen Veronica in die Riten des Stierkampfes integriert wurden.
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- Ulrich Ackermann (Author), 2008, Stierkampf: Die 'Corrida de Toros' - Spaniens 'Fiesta Nacional', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125976