Humankapital und Neuroökonomie: Eine notwendige Erweiterung der Perspektive?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1) EINLEITUNG

2) DIE HUMANKAPITALTHEORIE AUF DEM PRÜFSTAND
2.1 Beispiel: Bildungsökonomie als intertemporale Entscheidung
2.2 Implizite Kritik an der Theorie des Humankapitals
2.3 Erweiterung des Forschungsansatzes

3) NEUROÖKONOMIE
3.1 Neuroökonomie der intertemporalen Substitution
3.2 Anwendung im bildungsökonomischen Kontext
3.3 Die Genetik als Determinante von Bildungskapazitäten
3.4 Rauchen: Eine pränatale Determination der Kognition

4) EINE SYNERGIE BEIDER WISSENSCHAFTEN

5) ZUSAMMENFASSUNG

LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

1) EINLEITUNG

Im Laufe eines Lebens erstrecken sich Bildungsentscheidungen über viele Dimensionen: Angefangen beim individuellen Maß der Aufmerksamkeit über die Wahl zwischen und unter dem Angebot von Ausbildung und Studium bis hin zu späteren Fortbildungen; dabei unterliegen diese Entscheidungen nicht nur dem gegebenen Kontext, sondern auch den persönlichen Präferenzen. Die Humankapitaltheorie versucht diesen individuellen Abwägungen mit mikro-soziologischem Ansatz dadurch gerecht zu werden, dass sie die „[...] Bildungs-nachfrage als Investition im Hinblick auf künftige Erträge" (Helberger et al. 1989: 206) betrachtet. Denn unter Humankapital versteht man erlernte und erlernbare Fertigkeiten in Hinblick auf ökonomische Verwertbarkeit im Alltag (vgl. Feldmann 2005: 254). Dadurch werden aber individuelle Bildungsentscheidungen nicht nur in einen möglichst rationalen Kontext gerückt, sondern auch als souverän dargestellt.

Dabei ist insbesondere die Annahme des rationalen Handelns — wie sie beim `homo oeconomicus` angenommen wird — oft in die Kritik geraten. Dass die An-nahmen des Egoismus und der Rationalität unzureichend für die Komplexität des Seins sind, ist Gegenstand aktueller Forschung (vgl. Ockenfels 2005). Der Mensch berücksichtigt eben nicht nur seine individuelle Kosten-Nutzen-Kalkulation, sondern unterliegt sozialen Begebenheiten und den damit verbundenen Erwartungen und nicht zuletzt seinen menschlichen Eigenarten — wie etwa Emotionen. Mit diesen neuen und komplexeren Annahmen ergeben sich unter Umständen auch weitere Interdependenzen: Jüngste Forschungen im Bereich der Neurobiologie zeigen, dass eine Entscheidung nicht immer ein bewusster Akt ist, sondern ebenfalls biologisch determiniert sein kann und dadurch messbar wird. Man könnte auch sagen, dass die Annahme des souveränen Willens dem des prädiktiven Willens gegenübersteht. Im Bereich der Humankapitaltheorie ergibt sich dadurch eine wesentliche Frage: Inwieweit sind Bildungsentscheidungen noch das Produkt einer souveränen Abwägung? Mit der Beantwortung dieser Frage soll die Bedeutung der neurobiologischen Prozesse, welche im ökonomischen Kontext von der Neuroökonomie erforscht werden, für das Konzept der Humankapitaltheorie herausgestellt werden.

2) DIE HUMANKAPITALTHEORIE AUF DEM PRÜFSTAND

Der Begriff `+umankapital` findet seinen Ursprung in der wirtschaftlichen Neoklassik — insbesondere der Wachstumstheorie. Diese untersucht die für das Wachstum einer Volkswirtschaft verantwortlichen Faktoren. In den frühen Konzeptionen dieser Theorie wurden dabei nur Faktoren in der Form von Sachkapital berücksichtigt (vgl. Solow 1956: 65). Darunter fallen die drei Faktorengruppen `Arbeit`, `Boden` und `Kapital`, welche in ihrem Zusammenwirken den Wert einer Ressource durch die Umwandlung zum Endprodukt steigern. Diese Form von Wertsteigerung versteht man als kurzfristiges Wachstum. Allerdings ist dieses Modell nicht offen für innovative Fortschritte, wodurch es keinen Erklärungsansatz für langfristiges Wachstum gibt. Diese zweite Form von Wachstum erzielt man durch Verbesserungen im Fertigungsprozess oder Verbesserungen am Produkt selber (vgl. Blanchard et al. 2006: 308). Nur mit sinkenden Produktionskosten, beispielsweise durch technischen Fortschritt oder aber einem Zuwachs an Einnahmen durch verbesserte Produktlinien, kann ein Wachstum langfristig stattfinden. Andernfalls würde eine Wirtschaft zwangsläufig ihre Klimax erreichen und auf diesem Level stagnieren. Abbildung 1 ist eine vereinfachte Darstellung der oben erwähnten Entwicklungs-möglichkeiten in Form von langfristigem (B) und kurzfristigem (A) Wachstum im Zeitverlauf.

Abbildung 1: Volkswirtschaftliche Wachstumsprozesse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[Grafik: D. Klinkhammer 2008]

In den Wirtschaftswissenschaften sollte daher der Faktor Mensch nicht nur als körperlich produktiver, sondern auch als geistig kreativer Faktor eine Mitberücksichtigung finden. Dessen Bedeutung beruht auf der Tatsache, dass viele Innovationen auf in die Wertschöpfungsprozesse involvierte und sich damit befassende Menschen zurückzuführen sind (vgl. Blanchard et al. 2006: 353). Mit anderen Worten: Wer den Arbeitsablauf kennt, vermag ihn zu verbessern und wer das Produkt kennt, der hat auch Einfluss auf die Gestaltung und mögliche Verbesserungen des Produktes. Dadurch bekommt der Begriff Humankapital eine komplexe Rolle in den Wirtschaftwissenschaften, denn mit neuem Wissen kann man Altes verändern, Neues erschaffen und Bewährtes durchführen. Alleine der Fortschritt bei anfallenden Schreibarbeiten macht diese Entwicklung deutlich. So wurde beispielsweise die handschriftliche Ausführung unternehmerischer Tätigkeiten lange Zeit von der Schreibmaschine übernommen und wird zwischenzeitlich mittels Computern erledigt. Dies erforderte von vielen Beschäftigten eine Schulung für den Umgang mit Computern. Ein Mensch mit diesen erlernten Fertigkeiten sollte demnach einen höheren Faktorenwert auf dem Arbeitsmarkt haben. Denjenigen, „[...] die mit den richtigen Fahigkeiten ausgestattet sind, bringt technischer Fortschritt neue Chancen und hohere Lohne" (Blanchard et al. 2006: 389). Daher wird im Nachfolgenden betrachtet, wie dieser Faktorenwert die individuellen Bildungsentscheidungen in Hinblick auf zu erzielende Beträge beeinflussen kann.

2.1 Beispiel: Bildungsökonomie als intertemporale Entscheidung

Die Entscheidung für oder gegen eine Bildungsmaßnahme ist eine persönliche Entscheidung. Darum empfiehlt sich auch für die soziologische Betrachtung ein detaillierterer Blick auf den individuellen Entscheidungsprozess. Daher wird im Folgenden ein fiktives Szenario mit einer bildungsrelevanten Entscheidung beschrieben, um den individuellen Prozess und die aus der Humankapitaltheorie resultierenden Perspektiven aufzuzeigen. Das Modell ist stark vereinfacht, verdeutlicht aber die entscheidenden Punkte:

Eine Person hat die allgemeine Hochschulreife erworben und steht vor folgender Entscheidung: Ausbildung oder Studium? Als Ausbildung sei jede Form der Fortbildung und Tätigkeit verstanden, die direkt mit einem Gehalt verknüpft ist.

Im Gegenzug sei das Studium eine zeitlich länger angesetzte Periode, ohne damit verbundenes Einkommen - dafür aber mit höheren Ertragsaussichten nach Beendigung des Studiums.

Analytisch betrachtet offenbart dieses Modell zwei Alternativen: Sofortige finanzielle Erträge auf der einen Seite und möglicherweise mehr finanzielle Erträge in der Zukunft auf der Anderen. Dadurch entsteht ein temporaler Horizont, der im individuellen Kalkül berücksichtigt werden sollte. Unter Ausschluss sozioökonomischer Faktoren ist die entscheidende Frage die nach der individuellen Beurteilung von Erträgen im Lauf der Zeit. Vereinfacht lässt sich auch fragen, wie sich die Bewertung monetärer Erträge in Abhängigkeit von dem Bezugszeitpunkt verändert? Jemand verzichtet beispielsweise in Zeitpunkt t, um einen besseren Ertrag in t+1 zu erlangen. Wenn man über Erträge entscheidet, welche sich mit der Zeit verändern, wie beispielsweise bei angelegtem Kapital mit einem festen Zinssatz, dann spricht man auch von intertemporalen Finanzentscheidungen (vgl. Kalenscher et al. 2008: 285). Im Folgenden soll es zunächst darum gehen, wie Individuen bei diesen intertemporalen Entscheidungen verfahren und was dies für die Humankapitaltheorie bedeutet. Aber zunächst eine kurze Kritik an dem ursprünglichen Modell der Humankapitaltheorie.

2.2 Implizite Kritik an der Theorie des Humankapitals

Auf der einen Seite überzeugt die Humankapitaltheorie mit einem überschaubaren und nachvollziehbaren Modell von Investitionen in Bildung und den daraus resultierenden zukünftigen Renditen auf dem Arbeitsmarkt (vgl. Helberger et al. 1989: 206). Auf der anderen Seite limitieren genau diese simplen Annahmen aber auch die Anwendbarkeit für reale Kontexte. Eine bildungsrelevante Entscheidung ist eben mehr als eine vereinfachte Kosten- und Nutzenabwägung. Sie wird gemäß Bourdieu (1982: 32) von individuellen Präferenzen, sozialen Netzwerken, dem sozialhistorischen Kontext und darüber hinausgehenden Faktoren maßgeblich mitbestimmt. Ungeachtet der Relevanz sozialer Kontexte bietet die Human-kapitaltheorie eine mikroökonomische Perspektive, denn sie fokussiert sich auf das Individuum und dessen Entscheidung. Selbst wenn die Annahmen der Humankapitaltheorie erfüllt sind, also wenn ein Individuum sich seiner Selbst, der Situation und den sich ergebenden Möglichkeiten bewusst ist, so kann man nicht antizipieren, dass die zu treffende Entscheidung unter verschiedenen Individuen mit ähnlichen Voraussetzungen analog verläuft. Es ist eben dieser individual-orientierte Fokus der Humankapitaltheorie, der nahe legt, den Ablauf der Entscheidung eines Individuums weitestgehend zu erfassen. Diese mögliche Erweiterung und die dadurch erfolgende Vertiefung des Fokus auf ein Individuum sind Thema des nächsten Abschnitts.

2.3 Erweiterung des Forschungsansatzes

Die probabilistischen Wissenschaften, wie die Soziologie und die Psychologie, argumentieren mit abstrakten Modellen der Wirklichkeit und unterstellen dabei eine Reihe von Annahmen (vgl. Chorvat 2007: 577), welche das Verhalten von Bezugsgruppen erklären sollen. Erst später war es der Wissenschaft möglich, einen detaillierteren Einblick in die physikalischen Prozesse der Willensbildung zu nehmen (vgl. Camerer 2007). Damit wandelte sich der Fokus von aggregierten Annahmen über das Verhalten einer spezifischen Gruppe in gegebenem Kontext zu einem beobachtbaren und interpretierbaren Prozess Einzelner. Mit anderen Worten: Es sollte möglich sein, das mit den modelltheoretischen Annahmen der Sozialwissenschaften unterstellte Verhalten im Gehirn aufzuzeigen. Demnach kann die Neuroökonomie dazu führen, „[...] an entirely new set of constructs[..]" zu etablieren, welche dem „[..] economic decision making" (Camerer 2005: 10) unterliegen. Darüber hinaus können neurowissenschaftliche Methoden zur Manifestierung bestehender Erkenntnisse beitragen. In einem kleinen Selbstversuch, mit der Frage nach Menschen mit einem detaillierten Orientierungssinn und Stadtkenntnissen, kommt man sehr wahrscheinlich zu folgender Antwort: `Taxifahrer`. Tatsächlich lässt sich in der Medizin vermessungstechnisch bestätigen, dass Taxifahrer eine überdurchschnittliche Speicherkapazität räumlicher Informationen besitzen und das dafür zuständige Areal im Gehirn — hier der Hippocampus — besonders ausgeprägt ist (vgl. O'Shea 2008: 129). Dieses Beispiel verdeutlicht die Relevanz neurowissenschaftlicher Forschung in Hinblick auf bestehende Annahmen über die soziale Realität.

In Bezug auf die Humankapitaltheorie ergibt sich somit die Frage, welcher Art die biologischen Einflüsse auf ökonomisch abzuwägende Bildungsentscheidungen sind oder ob man sogar von einer biologischen Determination sprechen kann?

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Humankapital und Neuroökonomie: Eine notwendige Erweiterung der Perspektive?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V126028
ISBN (eBook)
9783640314508
ISBN (Buch)
9783640318025
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Neuroökonomische Erkenntnisse für die Verhaltens- und Entscheidungsforschung
Schlagworte
humankapital, neuroökonomie, eine, erweiterung, perspektive
Arbeit zitieren
Dennis Klinkhammer (Autor), 2008, Humankapital und Neuroökonomie: Eine notwendige Erweiterung der Perspektive?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126028

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