Allerspätestens seit den Studienergebnissen von PISA (Programme for International Student Assessment) und TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) ist bekannt, dass die Schülerinnen und Schüler unserer deutschen Schulen im internationalen Vergleich nur mittelmäßig abschneiden.
Es fehlen die sogenannten Schlüsselqualifikationen wie z.B. Selbstständigkeit, Eigeninitiative, Methodenbeherrschung, Problemlösungsvermögen, Kommunikations- und Teamfähigkeit, deren Bedarf gerade für die Arbeitswelt als wichtige Ergänzung zu All-gemein- und Fachwissen immer wieder von Vertretern der Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften sowie von Politikern betont und gefordert wird (vgl. MEISTER, 2000, S. 13).Als Grund für diese Misere wird die gegenwärtige Lernkultur in den Schulen Deutschlands angesehen, denn „nach allem, was wir über die alltägliche Unterrichtspraxis wissen, ist der Frontalunterricht die häufigste Sozial- und Organisationsform des Unterrichts“ (BÖNSCH, 1995, S. 78).
Auch Studien bezüglich des Methodenrepertoires von Lehrerinnen und Lehrern gelangen zu der Erkenntnis, dass nach wie vor der sogenannte Frontalunterricht in der Mehrzahl der gehaltenen Unterrichtsstunden dominiert (vgl. HAGE u.a., 1985).
Problematisch an dieser momentanen Situation ist vor allem die primäre Orientierung entweder an den leistungsstarken Schülerinnen und Schülern einer Klasse oder an einem Klassendurchschnitt. Dieses Orientieren an einem Durchschnittsmenschen führt letztendlich zu einer Vernachlässigung des Individuums (vgl. MEISTER, 2002, S. 12; vgl. MEYER-WILLNER, 1979, S. 18).
Nun wies zwar bereits vor mehr als 200 Jahren der damalige amerikanische Präsident THOMAS JEFFERSON (1743-1826) auf „die verfassungsmäßige Gleichheit der Men-schen“ (JEFFERSON, zit. nach SCHRÖDER, 2000, S. 185) hin, erkannte aber auch zugleich das Grundproblem jeder Demokratie und Pädagogik, nämlich „die faktische Ungleichheit in physischer, seelisch-geistiger und sozialer Hinsicht“ (JEFFERSON, zit. nach SCHRÖDER, 2000, S. 185).
Somit stellt sich die Frage, wie Unterricht angemessen auf die „Verschiedenheit der Köpfe“ (HERBART, zit. nach SÖLL, 1976, S. 17) und die „unausweichliche Ungleich-heit der Schüler“ (HERBART, zit. nach SÖLL, 1976, S. 17) reagieren kann, so dass zugleich der allgegenwärtigen Schulmüdigkeit und dem Schulverdruss, nach Erachten der Autorin ein Resultat aus dem zu oft frontal gesteuerten Unterricht, entgegengewirkt werden kann?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Teil I »Das Prinzip der inneren Differenzierung«
1. Zur gegenwärtigen Unterrichtspraxis
2. Zur Entfaltung des Differenzierungsproblems
3. Der Begriff der Differenzierung und seine Tücken
3.1 Der Begriff der Individualisierung
3.2 Offener Unterricht - eine Abgrenzung
3.3 Unterscheidungen zum Begriff der Differenzierung
4. Zur äußeren Differenzierung – ein Überblick
4.1 Interessendifferenzierung
4.2 Leistungsdifferenzierung
4.2.1 Streaming
4.2.2 Setting
5. Zur inneren Differenzierung
5.1 Warum muss Unterricht differenziert werden?
5.2 Ziele innerer Differenzierung
5.3 Innere Differenzierung und die Bildungspläne
5.4 Zum Bedingungsgefüge differenzierenden Unterrichts
5.4.1 Erfassung von Lernbedürfnissen und Lernvoraussetzungen
5.4.1.1 Personaler Entwicklungsstand
5.4.1.2 Sozialer Entwicklungsstand
5.4.1.3 Sachstruktureller Entwicklungsstand
5.4.1.4 Arbeitsmethodischer Entwicklungsstand
5.4.1.5 Problem bei der Erfassung der individuellen Disposition
5.4.2 Die Disponibilität der Lehrperson
5.4.3 Der optimale Passungsgrad im Unterricht
5.5 Zur Praxis der inneren Differenzierung
5.5.1 Differenzierung durch Variation der Sozialformen
5.5.2 Differenzierung in den Methoden
5.5.3 Differenzierung durch Medien
5.5.4 Differenzierung auf thematisch-intentionaler Ebene
5.5.5 Differenzierung in der Lehrerhilfe
5.6 Überlegungen für eine variable Sitzordnung
5.7 Ordnungs- und Suchraster zur inneren Differenzierung
Teil II »LRS in der Sekundarstufe I«
1. Zum Begriff „LRS“
1.1 Zur Geschichte der „LRS“
1.2 Der Begriff Analphabetismus - eine Abgrenzung
2. Developmental Spelling - Entwicklungspsychologische Modelle des Schriftspracherwerbs
2.1 Das Entwicklungsmodell von FRITH
2.1.1 Das logographemische Stadium
2.1.2 Das alphabetische Stadium
2.1.3 Das orthographische Stadium
2.2 Stufen des Lesen- und Schreibenlernens nach VALTIN
2.2.1 Das Stufenmodell der Schreibentwicklung nach VALTIN
2.2.2 Entwicklungsstufen beim Lesenlernen nach VALTIN
2.2.3 Was leistet das Modell?
3. Bedingungsmodell: Entstehung und Aufrechterhaltung der LRS
3.1 Frühkindliche Prinzipien: „Die Welt der Tassen“
3.2 Phonologische Bewusstheit
3.3 Phonologische Defizite
3.4 Aufmerksamkeitsverhalten und Gedächtniszugriff
4. Symptome der LRS
4.1 Primärsymptomatik
4.2 Sekundärsymptomatik
4.3 Das Leistungsversagen verbreitert sich
5. Der baden-württembergische Runderlass vom 10.12.1997
5.1 Allgemeine Fördermaßnahmen
5.2 Besondere Fördermaßnahmen
5.3 Förderbedürftige Schüler
5.4 Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung
5.5 Zeugnis
6. Erfassung der Rechtschreibfertigkeit in der Sekundar- stufe I mit der Hamburger Schreibprobe (HSP)
6.1 Lern- und entwicklungspsychologisches Konzept der HSP
6.2 Erfasste Merkmale des Rechtschreibkönnens
Teil III »Praxis der Inneren Differenzierung im Lernbereich Rechtschreibung in der Realschule «
1. Innere Differenzierung im Rechtschreibunterricht
2. Fördermöglichkeiten bei LRS im Rechtschreibunterricht der Sekundarstufe I
2.1 Kriterienkatalog zur Förderung bei LRS in der Sekundarstufe I
2.2 Aneignung der Grundlagen der Rechtschreibung durch Lesen
2.3 Rechtschreibtraining durch Verwendung des Wörterbuchs und der Rechtschreibkartei
2.4 Dynamisch-integrative Förderung von Sprechen Schreiben Lesen
3. „Lernen an Stationen“ - eine Möglichkeit
3.1 Begriffsklärung
3.2 Grundidee der Arbeitsform
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Prinzip der inneren Differenzierung im Deutschunterricht der Realschule, um der Heterogenität der Schülerschaft sowie den spezifischen Anforderungen von Lernenden mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) gerecht zu werden. Ziel ist es, Ansätze für einen Unterricht zu finden, der durch flexible Methoden und individuelle Förderung das Interesse am Lernen stärkt und Schulverdruss entgegenwirkt.
- Theoretische Grundlagen und Formen der inneren und äußeren Differenzierung
- Entwicklungspsychologische Aspekte des Schriftspracherwerbs
- Entstehung, Symptomatik und förderpädagogische Ansätze bei LRS
- Praktische Implementierung von Differenzierung im Rechtschreibunterricht
Auszug aus dem Buch
1. Zur gegenwärtigen Unterrichtspraxis
Bereits eingangs wurde kurz auf die Dominanz des Frontalunterrichts in der Mehrzahl der gehaltenen Unterrichtsstunden hingewiesen. Dies geht aus zahlreichen älteren wie neueren Studien bezüglich des Methodenrepertoires von Lehrerinnen und Lehrern (vgl. HAGE u.a., 1985; vgl. BOHL, 2000; vgl. BAUMERT, 2003) hervor, die eine „überwältigende Vorherrschaft eines streng vom Lehrer gelenkten Frontalunterrichts“ (MEYER-WILLNER, 1979, S. 12) eindeutig belegen.
So berichten KLAUS HAGE u.a., dass in ca. 75% des in ihrer Untersuchung beobachteten Unterrichts immer dasselbe Methodenspektrum angewendet worden sei. Dabei handle es sich meist um fragend-entwickelnde Verfahren mit einer stark ausgeprägten Dominanz der Lehrkraft und vergleichsweise geringer Aktivitäten seitens der Schülerinnen und Schüler (vgl. HAGE u.a., 1985, S. 147ff).
Charakteristisch für diese Form des Unterrichtens ist, dass die Lehrperson ihre Aufgabe darin sieht, „alle [Schülerinnen und Schüler] zur gleichen Zeit mit gleichen Verfahren zum gleichen Ziel zu bringen.“ (MEYER-WILLNER, 1979, S. 11). Diese Vorgehensweise liegt in der Annahme begründet, relativ alters- und begabungshomogenen Lerngruppen könnten in gleicher Zeit die gleichen Lernprozesse zugemutet werden (vgl. BÖNSCH, 1995, S. 78).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur gegenwärtigen Unterrichtspraxis: Analysiert die Dominanz des Frontalunterrichts und zeigt auf, dass dieses starre Modell den individuellen Lernvoraussetzungen von Schülern in heterogenen Klassen kaum gerecht wird.
2. Zur Entfaltung des Differenzierungsproblems: Zeichnet die historische Entwicklung von der Differenzierung in kleineren Gruppen des Mittelalters bis hin zur starren Klassenorganisation durch Comenius nach.
3. Der Begriff der Differenzierung und seine Tücken: Setzt sich mit der terminologischen Vielfalt und den verschiedenen Definitionen der Differenzierung auseinander und grenzt den Begriff von Individualisierung und offenem Unterricht ab.
4. Zur äußeren Differenzierung – ein Überblick: Beschreibt organisatorische Ansätze wie Streaming und Setting, die auf die Bildung homogener Lerngruppen abzielen, um die Leistung in selektierten Gruppen zu optimieren.
5. Zur inneren Differenzierung: Erläutert das Konzept der Binnendifferenzierung, das Heterogenität im Klassenverband akzeptiert und gezielte Maßnahmen zur optimalen individuellen Förderung integriert.
Schlüsselwörter
Innere Differenzierung, Binnendifferenzierung, LRS, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Schriftspracherwerb, Frontalunterricht, Heterogenität, Hamburger Schreibprobe, Fördermaßnahmen, Schulverdruss, individuelle Förderung, Lernstörungen, Unterrichtsplanung, Pädagogik, Sekundarstufe I.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Prinzip der inneren Differenzierung als pädagogische Antwort auf die Heterogenität in Realschulklassen, speziell mit Fokus auf Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind Unterrichtsmethodik, individuelle Lernförderung, die Entstehung und Symptomatik von LRS sowie praktische Ansätze für den Rechtschreibunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie differenzierender Unterricht Schüler mit LRS innerhalb des Klassenverbandes unterstützen kann, um Schulverdruss zu minimieren und individuelle Lernfortschritte zu ermöglichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte Literaturanalyse didaktischer Theorien und erziehungswissenschaftlicher Modelle zur Differenzierung und Lernpsychologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen der Differenzierung, Modelle des Schriftspracherwerbs, Symptome der LRS und konkrete Fördermöglichkeiten wie Rechtschreibkartei oder Lernen an Stationen erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Innere Differenzierung, LRS, Schriftspracherwerb, individuelle Förderung, heterogene Lerngruppen, Unterrichtsplanung, Hamburger Schreibprobe.
Inwiefern ist das „Prinzip der optimalen Passung“ entscheidend für den Unterricht?
Es bezeichnet die Abstimmung des Schwierigkeitsgrades einer Aufgabe auf den jeweiligen Entwicklungsstand des Schülers, um Über- oder Unterforderung zu vermeiden und Lernblockaden abzubauen.
Warum wird das Konzept „Lernen an Stationen“ kritisch betrachtet?
Obwohl es die Eigenverantwortlichkeit fördert, sieht die Autorin darin eher einen Kompromiss, da es oft ein festgelegtes Pensum vorgibt und somit kein „offener Unterricht“ im eigentlichen Sinne ist.
Welche Rolle spielen die Diagnoseverfahren wie die Hamburger Schreibprobe?
Sie dienen dazu, den individuellen Lernstand und das spezifische Strukturwissen der Schüler exakt zu erfassen, um darauf basierend zielgerichtete Fördermaßnahmen ableiten zu können.
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- Nadine Zunker (Autor), 2006, Viele Wege führen nach Rom - Innere Differenzierung als Fördermöglichkeit im Deutschunterricht der Realschule, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126064