Buchbesprechung zu David Chandler "The Tragedy of Cambodian History"


Rezension / Literaturbericht, 2006
8 Seiten, Note: 1,3

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Buchbesprechung

Chandler, David P. (1999), The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution since 1945. Chiang Mai: Silkworm Books.

David P. Chandler, der 1960 als Mitarbeiter des auswärtigen Dienstes der Vereinigten Staaten von Amerika das erste Mal kambodschanischen Boden betrat, ist Autor von sechs Büchern über Kambodscha, darunter A History of Cambodia, als dessen Fortsetzung der Autor sein 1991 erstmals veröffentlichtes Buch The Tragedy of Cambodian History versteht (p. vii). Er kann wohl als der führende westliche Experte zu dem südostasiatischen Land angesehen werden.

Anhand einer politisch- historischen Erzählung der Ereignisse in Kambodscha zwischen 1945 und 1979 untersucht Chandler Fragen zu Ursache, Verlauf und verantwortlichen Akteuren der kambodschanischen Revolution und versucht zu klären, ob diese sich in vorausgehenden Ereignissen bereits andeutete (p.3). Chandlers historiographische Herangehensweise spiegelt sich im Aufbau des Buches wider, das er in sieben Kapitel unterteilt hat, die in chronologischer Reihenfolge jeweils eine Periode der kambodschanischen Geschichte von 1945- 1979 behandeln. Ein achtes Kapitel beschäftigt sich mit sieben Augenzeugenberichten Überlebender von Democratic Kampuchea, wie Kambodscha nach dem Sieg der Roten Khmer offiziell genannt wurde, dem Grauen von Tuol Sleng, der zentralen Verhör- und Exekutionsanstalt der Roten Khmer in Phnom Penh und der Zeit nach der vietnamesischen Invasion 1979, sprengt also zumindest teilweise den von Chandler selbst gesetzten Zeitrahmen.

Chandler bemüht sich um eine größtenteils kambodschanische Perspektive (p.3). Diese findet ihren Ausdruck in dem Raum, den er der Erörterung der internen Faktoren gegenüber den externen Faktoren einräumt. Die Bedeutung der letzteren für die kambodschanische Geschichte von 1945- 1979 wird dabei keineswegs in Frage gestellt. Chandler sieht aber die Notwendigkeit eines kambodschanischen Blickwinkels in der Tatsache begründet, „ [that]…Cambodians themselves had done almost all the killing…“(p.3).

Anhand von drei Themenkomplexen, die in allen Kapiteln erörtert werden, zeigt Chandler, dass es für die Erklärung des Charakters der kambodschanischen Revolution nicht nur rationale Ansätze gibt, sondern in erster Linie Kontinuitäten in der kambodschanischen Geschichte herangezogen werden können. Diese Themenkomplexe umfassen Kambodschas geographische Lage zwischen den größeren Nachbarn Thailand und Vietnam, den Führungsstil der entscheidenden Akteure und eine der kambodschanischen Gesellschaft inhärente autoritäre Grundhaltung, sowie die einseitige Wahrnehmung der eigenen (glorreichen) Vergangenheit durch alle Gesellschaftsschichten, insbesondere der Elite.

Alle drei Themenkomplexe befinden sich in gegenseitiger Abhängigkeit und Beeinflussung.

Chandler zeigt am Beispiel des oftmals ambivalenten Verhaltens der (Nord-) Vietnamesen und Amerikaner, der beiden Hauptakteure des zweiten Indochinakrieges, dass die Wirkung der externen Faktoren auf den Geschichtsverlauf in Kambodscha vor allem in einer Beeinflussung dieser Themenkomplexe bestand. Der Titel des Buches legt nahe, dass Chandler im Zusammenwirken dieser Faktoren das „Tragische“ der kambodschanischen Geschichte sieht. Allerdings deutet er anhand der Auseinandersetzung zwischen dem König Sihanouk und der 1946 gegründeten Demokratischen Partei, die zur Auflösung derselben führte, an, dass er bei einem anderen Ausgang dieser Auseinandersetzung durchaus einen abweichenden Geschichtsverlauf für möglich gehalten hätte: „The Khmer Republic and the CPK were in a sense both children of the Democratic Party and products of this repression.“ (p.94).

In der ausführlichen Darstellung der entscheidenden Figuren Sihanouk, und, in geringerem Maße, Lon Nol und Pol Pot und der Entwicklung ihrer Charaktere, sowie der zunehmenden Intensität der Auseinandersetzungen zwischen den durch diese Figuren repräsentierten Gruppierungen kommen die ersten beiden Themenkomplexe zum Ausdruck. Der dritte, die Wahrnehmung der kambodschanischen Vergangenheit, insbesondere der Epoche von Angkor, spiegelt die irrationalen Elemente der Zeit von 1945- 1979 wider, darunter das Ausmaß der angewandten Gewalt als auch der Konflikt mit Vietnam, der zum Ende des unabhängigen Kambodschas führte. Der Charakter dieser Wahrnehmung zeigt sich vielleicht am eindrucksvollsten in einer Aussage Pol Pots 1977: “If people can build Angkor Wat, they can do anything.“

David P. Chandler stützt sich in erster Linie auf bis zum Zeitpunkt des Beginns der Arbeit an diesem Buch (1985) unveröffentlichte oder unzugängliche Primärquellen, darunter Berichte, die er selbst in seiner Zeit beim auswärtigen Dienst der USA verfasst hatte, aber auch zahlreiche Zeitungen, Originaldokumente aus dieser Zeit, Interviews mit den entscheidenden Personen wie z.B. Pol Pot oder persönliche Aufzeichnungen und Tagebücher beteiligter Akteure, unter ihnen Son Ngoc Thanh und Sihanouk. Diese Auswahl ist ein weiterer Beleg für sein Bemühen um eine kambodschanische Perspektive.

Im Mittelpunkt des ersten Kapitels „In Search of Independence“, das sich mit den Entwicklungen von 1945- 1950 befasst, steht der Beginn des Konfliktes um die künftige politische Struktur Kambodschas zwischen Sihanouk, dessen Vorstellungen eines autoritären Staatsmodells von den Franzosen unterstützt wurde, und der Demokratischen Partei, die zwar den König als Staatsoberhaupt akzeptierte, die exekutive Gewalt aber einem frei wählbaren Parlament übertragen wollte. Den Rahmen für diese Entwicklung bilden die Rückkehr der Franzosen, der Beginn des gewaltsamen Widerstandes gegen die Kolonialmacht unter Führung der nationalistischen Khmer Issarak, von denen einige allerdings bereits über Kontakte zu den Viet Minh verfügten (p.33), das Erarbeiten einer Verfassung sowie das Ringen um deren Ausgestaltung. Eine weitere maßgebliche Entwicklung dieser Zeit war die politische Profilierung Sihanouks und seine zunehmende Emanzipierung von den Franzosen, denen er seine Krönung zum König 1941 verdankte und deren williger Gehilfe er bis 1945 war (p.15). Indem er in zwei Ergänzungen zur neuen Verfassung demokratische Elemente wie das allgemeine Wahlrecht für alle männlichen Einwohner sowie Versammlungs- und Pressefreiheit gegenüber den Franzosen durchsetzte, gelang es ihm einerseits, die Demokratische Partei, die bei den ersten Wahlen in Kambodscha, den Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung 1946, eine überwältigende Mehrheit errang, über seine Vorstellungen der Machtverteilung in Kambodscha zu täuschen (p.36), andererseits legte er dadurch den Grundstein künftiger Krisen, da frei gewählte Abgeordnete sich wohl eher ihren Wählern verpflichtet fühlen würden als dem Staatsoberhaupt und die eingeschränkte Rolle, die Sihanouk ihnen zudachte, schwerlich auf Dauer zu akzeptieren bereit wären (p.29).

Der Zeitperiode von 1950- 1955, für die Chandler die Überschrift „Political Warfare“ wählte, fällt für die weitere Entwicklung eine entscheidende Bedeutung zu, da sie durch verschiedene turning points, wie die Ausschaltung der Demokratischen Partei, Sihanouks Crusade for Independence, die kambodschanischen Unabhängigkeit und die Personalisierung der Politik durch Sihanouk, die er schließlich völlig dominierte ( p.46), gekennzeichnet war. Neben der „politischen Kriegsführung“ fand auch eine Intensivierung des realen Befreiungskampfes gegen die Franzosen auf kambodschanischem Boden seitens der Viet Minh statt, deren Folge die Gründung der KPRP und gemeinsamer Widerstand mit der Issarak- Bewegung war (p.50). In den für Kambodscha relevanten Ergebnissen der Genfer Indochinakonferenz von 1954, der Neutralität Kambodschas und der Abzug sämtlicher Viet Minh- Verbände, und in der Tatsache, dass, anders als in Laos, den kambodschanischen Kommunisten kein Territorium überlassen wurde, kann eine Ursache für die spätere Spaltung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung in pro- und antivietnamesische Elemente gesehen werden. Der größte Teil der kambodschanischen Kommunisten zog mit den Viet Minh ab, die Zurückgebliebenen waren isoliert und sahen sich alsbald der brutalen Verfolgung durch Sihanouk ausgesetzt. Der Radikalisierung von Teilen der Opposition gegen Sihanouk, insbesondere von einigen Studenten, die mit durch die Demokratische Partei vermittelten Stipendien Anfang der 50er Jahre nach Frankreich gingen, unter ihnen Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan, räumt Chandler viel Aufmerksamkeit ein und stützt sich dabei vor allem auf Ben Kiernans 1985 veröffentlichtes Werk „How Pol Pot Came To Power“, in dem die Geschichte des Aufstiegs der Roten Khmer behandelt wird. Diese Radikalisierung war ein Produkt der political warfare Sihanouks und des realen Krieges unter kommunistischer Führung gegen die Franzosen.

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Buchbesprechung zu David Chandler "The Tragedy of Cambodian History"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Asien- und Afrikawissenschaften)
Veranstaltung
Südostasiatische Kerntexte
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
8
Katalognummer
V126184
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buchbesprechung, David, Chandler, Tragedy, Cambodian, History
Arbeit zitieren
Sebastian Erckel (Autor), 2006, Buchbesprechung zu David Chandler "The Tragedy of Cambodian History", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126184

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