Vom modernen Indigenismus zum Beginn des Indianismus

Indigenistische Politik in Lateinamerika im 20. Jahrhundert am Beispiel von Mexiko


Seminararbeit, 2009
11 Seiten

Leseprobe

GLIEDERUNG

I Das weite Feld des Indigenismus
a) Einleitung
b) indio und indígena
c) Geschichte und Definition des modernen Indigenismus

II Indigenismus in Mexiko

III Zeichen des Umbruchs Die Deklarationen von Barbados I und II

IV Schluss

V Quellen/Bibliographie

Internet

I Das weite Feld des Indigenismus

a) Einleitung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt in Lateinamerika ein regional unterschiedlich ausgeprägter und dem Wandel der jeweiligen politischen und kulturellen Leitbilder unterworfener Prozess, der den Umgang mit dem ethnischen Erbes des Kontinents betrifft. Die sich herausbildende mestizische Mittelschicht beginnt sich in neuer Form mit dem „unteren Ende“ ihrer genealogischen Herkunft zu beschäftigen: kulturell, und in zunehmendem Maße politisch, setzt man sich mit der Lage, der von den wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsprozessen ausgeschlossenen indigenen Bevölkerungsgruppen auseinander. Der Indigenismus wird zum Instrument politischer Interessen und Assimilierungsbestrebungen der mestizisch geführten fortschrittsorientierten Staaten. Anhand des Beispiels von Mexiko hat sich die Hausarbeit zum Ziel gesetzt, die paternalistischen Bestrebungen zur Assimilierung der „Rückständigen“ im 20. Jahrhundert zu skizzieren. Die Betrachtung soll dabei nach der mexikanischen Revolution einsetzen und die Entwicklung bis zu den Konferenzen von Barbados beleuchten. Nach einem sich auf definitorische Zusammenhänge konzentrierenden Kapitel, sollen die mit dem Begriff Indigenismus verbunden Entwicklungen und seine Eigenschaften kurz erklärt werden. Anhand eines sich besonders auf Günther Maiholds ausführlicher Arbeit zu diesem Thema stützenden Teils, wird im zweiten Teil der Arbeit die Institutionalisierung des Indigenismus in Mexiko aufzeigt.

b) indio und indígena

Allen Bezeichnungen für die von den Ureinwohnern Amerikas abstammenden Bevölkerungsgruppen, wurzeln natürlich zunächst im Irrtum des Christopher Kolumbus, er habe den Weg in jene Weltgegend entdeckt, die damals als Indien bezeichnet wurde.

Alle Bezeichnungen des hispanophonen Raums - von indio bis indígena – werden auch zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft verwendet, sind Bestandteil der kolonialen Herrschaftsideologie. Die Eroberten werden damals unter der Bezeichnung indio rechtlich und sozial zusammengefasst. Die Kolonialisierten finden sich am untersten Ende der neuen Gesellschaftshierarchie eingeordnet. Die Fremdbezeichnungen für die Ureinwohner stellen soziale und politische Konstrukte dar. (Ströbele-Gregor 2006: 6) Das rassistische Element dieser in einer gesellschaftlichen Teilungsmaßnahme wurzelnden Termini, erklärt ihren bis heute negativ konnotierten Charakter. Die Figur des indio – unter welcher Eigenbezeichnung auch immer in den einzelnen Ländern des Kontinents bekannt – bleibt bis heute Bürger 3. Klasse. Während die Verwendung der Begriffe von indio und indígena von Staat zu Staat differiert, teilweise auch innerhalb eines Staates, existieren für alle indigenen Gruppen natürlich auch die von ihren Mitgliedern verwendeten Eigenbezeichnungen. Die indigenen Akteure besitzen zum größten Teil auch kein gemeinsames politisches Bewusstsein. Der rassistische Gehalt des Begriffes indio wird von heute von einigen Indigenen umgemünzt, um die Fremdbezeichnung selbstbewusst als politischen Kampfbegriff zu verwenden. Die Bezeichnung indígena hingegen ist zur Selbstbezeichnung der Akteure in politischen Angelegenheiten geworden. Einerseits betont sie die kulturellen Gemeinsamkeiten der Gruppen gegenüber europäischstämmigen und mestizischen Bevölkerungsteilen, spiegelt aber andererseits die Ablehnung gegen die Assimilierungspolitik des von Mestizen geführten Staates wieder. Weiterhin erfuhr der Begriff durch seine Verwendung in der Sprache der internationalen Institutionen - indigenous peoples - die Eigenschaft der political correctness. Wie verhält es sich nun – in verallgemeinerter Form – mit der Verwendung dieser Bezeichnungen im alltäglichen Leben durch die Betroffenen selber? Juliana Ströbele-Gregor bemüht hier das Konzept der multiplen Identitäten: das Indígena-Sein kann als soziales Konstrukt verstanden werden, welches in den Interaktionen mit gesellschaftlichen Institutionen oder Auseinandersetzungen mit anderen Identitäten konstruiert, gepflegt oder betont wird. (2006: 7) Wie in anderen Teilen der Erde, wird die gerade als vorteilhaft oder wichtig erscheinende Identitätskomponente von ethnischer Gruppe, Herkunftsgebiet oder Geschlecht in den Vordergrund gerückt.

Die recht unterschiedlich verwendeten Begriffe von Indianismus und Neoindigenismus beziehen sich entweder auf künstlerischen Strömungen, oder dienen zur Benennung der sich nach 1968 entwickelnden heterogenen neuen Ansätze in der indigenistischen Politik.

Die 40 bis 50 Millionen Einwohner Lateinamerikas, die zu den Indigenen gerechnet werden, verteilen sich auf über 400 ethnische Gruppen. Bolivien, Guatemala, Peru und Ecuador besitzen mit Anteilen von ca. 60-30% an der Gesamtbevölkerung die größten indigenen Gemeinschaften in Meso- und Südamerika. Mexiko besitzt mit 12% eine relativ kleinen, aber kulturell sehr vielfältigen, indigenen Bevölkerungsanteil. Ähnlich verhält es sich mit den 210 ethnischen – sich größtenteils im Gebiet des Amazonas befindlichen - Gruppen in Brasilien, die lediglich 1-2 % der Bevölkerung des riesigen Staates repräsentieren. Kolumbien und Venezuela hingegen besitzen relativ kleine Anteile indigener Bevölkerungen.

In den letzten 500 Jahren haben in den Staaten Lateinamerikas verschiedenste Aufstände mit dem Ziel stattgefunden, die Lebensbedingungen für die indigenen Völker zu verbessern. Sicherlich können die ersten kritischen Schriften des Domikaner­pater Antonio de Montesinos (1511) und Bartolomé de Las Casas’ (1542) als Anfänge einer indigenistischen Literatur gesehen werden. Diese frühen Zeugnisse fanden jedoch in der Kolonialpolitik kaum Beachtung. Auch der blutig niedergeschlagene Aufstand der Andenvölker unter Tupac Amaru II. im späten 18. Jahrhundert im Zeichen des Incaismo – einer romantisch Stilisierung des Erbes des Inkareiches – ist hier zu nennen. Auch in der Folge der in den 1820er Jahren erreichten Unabhängigkeit fast aller lateinamerikanischen Staaten, änderte sich wenig für die unteren Klasen der ländlichen Bevölkerung. Trotz einiger rechtlicher Neuerungen, blieb die ökonomischen Situation der Indigenen und schwarzen Arbeiten gegenüber der besitzenden Landoligarchie unverändert schlecht. (Knost 18.04.09)

Erst gegen Ende des 19. Jhrd. beginnen sich die Wurzeln des literarischen und politischen Indigenismus des 20. Jhrd. herauszubilden. Sie sind in der romantischen und humanistischen lateinamerikanischen Literatur des 19. Jhrd. – besonders jener der andinen Staaten - zu finden. Besonders hier existieren die Konditionen für die Entstehung eines Indigenismus: eine führende Mestizenschicht, sieht sich einer großen indianischen Bevölkerung gegenüber.

c) Geschichte und Definition des modernen Indigenismus

Um den Beginn des 20. Jhrd. zeichnen Romane wie Aves sin nido (1889) von Clorinda Matto de Turner (1889), Alcides Arguedas's Raza de bronce (1919), Jorge Icazas (1906–1978) Huasipungo (1934), und wissenschaftliche Arbeiten wie José Carlos Mariáteguis (1894–1930) Siete ensayos de interpretación de la realidad peruana (1928) sowie José Vasconcelos's (1882–1959) Indología (1926) – um nur wenige Beispiele zu nennen – ein zunehmend kritisches Bild von den Lebensbedungen der Indigenen. Mit dem Fortschreiten des 20. Jhrd. beschäftigen sich die Schriften zunehmend mit dem wahren Charakter der Realität des Lebens der Indigenen. Der Indigenismus kann als panamerikanischen Phänomen gesehen werden. Die Art der zunehmenden Beschäftigung mit den indianischen Bevölkerungsteilen und der Form der Umsetzung seiner Ergebnisse - als Kunstströmung und/oder Staatspolitik divergiert jedoch stark von Staat zu Staat. Diese Umstände betont Günther Mailhold durch die Verwendung des Begriffes indigenistisches Denken, weißt damit auf die unterschiedliche Inanspruchnahme des Begriffs hin und die nicht notwendigerweise folgende indigenistische Praxis. Die unterschiedlichen Gebrauchsformen des Indigenismus durch Schriftsteller, Politiker und Sozialwissenschaftler zu verschiedenen Zeiten, lassen also keine ahistorische Definition des Begriffs zu hin.(1986: 9)

Regional übergreifende Eigenschaft des Indigenismus ist, dass er als Ideologie der Mestizen entsteht. Die Indianer waren nicht selbst Träger dieses Gedankenguts, welches aus der Perspektive der Nicht-Indios, das Indigene an sich erst konstruiert. Dabei kann ein Zusammengehen der Konstruktionen von zwei lateinamerikanischen kulturellen Identitäten ausgemacht werden: Erst die sich selbst ihrer Lage zwischen Kolonialherren- und „Indianertum“ bewusst werdende Schicht der Mestizen – selber nach konstituierenden Elementen ihrer Identität suchend – erschafft lo indígena. (ebd. 1986:10) In diesem Zusammenhang spielt der Indigenismus auch als Instrument einer auf Integration bzw. Assimilation abziehlenden Politik zur Verwirklichungen eines mestizischen Nationenkonzepts eine wichtige Rolle. (Blum 1993: 226)

Mexiko soll im folgenden als Beispiel für eine Ausprägung des modernen Indigenismus dienen. Im Gegensatz zu einigen anderen Länder des lateinamerikanischen Kontinents, in denen er sich hauptsächliche in der Kunst und/oder in der politischen Opposition ausprägte, findet in dem mesoamerikanischen Land eine frühe Integration des Indigenismus in die offizielle Staatspolitik statt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Vom modernen Indigenismus zum Beginn des Indianismus
Untertitel
Indigenistische Politik in Lateinamerika im 20. Jahrhundert am Beispiel von Mexiko
Hochschule
Universität Leipzig
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V126274
ISBN (eBook)
9783640315253
ISBN (Buch)
9783640318599
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indigenismus, Beginn, Indianismus, Indigenistische, Politik, Lateinamerika, Jahrhundert, Beispiel, Mexiko
Arbeit zitieren
Franz Thiel (Autor), 2009, Vom modernen Indigenismus zum Beginn des Indianismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126274

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vom modernen Indigenismus zum Beginn des Indianismus


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden