Über Franz Kafkas "Das Urteil" - Unermessliche Schuldgefühle oder ödipaler Komplex?


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

1. Einleitung

Die Erzählung „Das Urteil“ von Franz Kafka birgt viele Rätsel für den Leser und lässt demzufolge viel Raum für Interpretationen und Analysen. Es wurden unzählige interpretatorische Texte und Bücher über dieses Werk geschrieben, die sich oftmals mit dem Ödipuskomplex im Werk befassen oder sich mit der Thematik der Schuldfrage auseinander setzen. In dieser Arbeit sollen drei Interpretationen vorgestellt werden, die sich eben mit diesen Themen befassen. Die Texte von Jürg Beat Honegger und Helmut Richter handeln von der Theorie der Schuld und Schuldgefühle Georg Bendemanns gegenüber seinem Vater und seinem Freund, die Interpretation Martin Bartels hingegen zieht die Theorie des Ödipuskomplex von Freud hinzu. Alle beide Themen analysieren den Grund für Georgs Verhaltensweisen und vor allem stellen sich alle drei Werke die Frage, warum sich Georg schlussendlich in den Tod stürzt.

Obwohl beide Strategien im Grunde die gleiche Intention haben, nämlich den Grund für Georgs Suizid zu klären, kommen sie zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, was im folgenden aufgezeigt werden soll.

Zunächst werden die Arbeiten von Honegger und Richter vorgestellt und eventuelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede dargestellt. Im Anschluss wird die Meinung Martin Bartels zur Schuldtheorie und seine Interpretation erläutert.

2. Unermessliche Schuldgefühle oder ödipaler Komplex?

2.1 Die Deutungen Helmut Richters und Jürg Beat Honeggers

Beide Autoren beginnen ihr Ausführungen mit der Beschreibung des Anfangs der Geschichte, in dem Georg Bendemann seinem Freund in einem Brief von seiner Verlobung mit Frieda Brandenfeld berichtet, was er ihm eine geraume Zeit verschwiegen hat. Beide Autoren kommen auch sogleich auf die Gründe für Georgs Verschwiegenheit zu sprechen. Nach außen hin möchte Georg seinem Freund „in der Fremde [nichts] von seinen Erfolgen [berichten], um ihm keine Schmerzen zu bereiten , um ihn nicht zu kränken und in seiner Abgeschiedenheit zu stören“[1], das heißt er möchte seinem Freund nicht vor Augen führen, dass er im Gegensatz zu Georg, der ja ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein scheint, versagt hat. Doch vielmehr, so die beiden Autoren, schonte Georg durch seine Verschwiegenheit mehr sich selbst, als den Freund. Denn der eigentliche Grund für die Verleugnung seiner Verlobung ist das Schuldgefühl gegenüber dem Petersburger, ihn vernachlässigt und „nicht wie einen Freund behandelt zu haben“[2]. Georg weiß „irgendwie um die Möglichkeit der Schuld [...], seiner Freundschaft in den letzten Jahren nicht genügt zu haben und ihr auch jetzt nicht zu genügen“[3].

Vor allem wird ihm diese Tatsache durch den Besuch bei seinem Vater bewusst. Auf die Frage, warum Georg ausgerechnet in diesem Moment mit diesem Hintergrund seinen Vater besucht, gehen beide Autoren nicht ein. Doch deuten sie, vor allem Jürg B. Honegger, den Zustand Georgs während des Gesprächs. Georg scheint verwirrt, „die widerspenstigsten Eindrücke stellen sich ihm dabei gänzlich unvermittelt nebeneinander: Der Vater erscheint Georg fast im selben Augenblick einerseits besonders schwach [...] und gerade in der Pflege von ihm vernachlässigt, andererseits aber auch besonders machtvoll und groß: 'mein Vater ist noch immer ein Riese'“[4]. Georg schwankt eine Zeit lang zwischen beiden Perspektiven, mit hinein in seine schon starke Verwirrung treten zudem auch noch die Gedanken an den Freund und die dabei aufkommenden Schuldgefühle, die der Vater nur schürt, indem er ihm Frage stellt die „'Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?' Georg scheint doppelt verlegen zu sein: 'Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater.' Er erkennt wohl, dass er wenig Berechtigung hat, den Petersburger, so wie er ihn behandelt hat, noch als Freund, ja als guten Freund zu bezeichnen“[5]. Doch ehe er sich gänzlich verliert, gelingt es ihm sich auf ein bestimmtes, wenn auch nicht erfreuliches, Anliegen zu konzentrieren. Die beiden Autoren bemerken hier, dass sich Georgs Augenmerk plötzlich auf den Zustand seines Vaters richtet. Ihm wird „die Nachlässigkeit immer bewusster [...], mit der er seinen Vater lange Zeit behandelt hat“[6]. Für den Grund dieser plötzlichen Aufmerksamkeit halten beide die unangenehme Richtung, die das Gespräch einschlägt. Er versucht „seine dadurch geweckten Schuldgefühle zu beruhigen und das bisher verfehlte wiedergutzumachen [und ist deshalb] ganz von der Pflege des Vaters in Anspruch genommen“[7]. An dieser Stelle erkennen beide Autoren eine entscheidende Wendung in der Erzählung. Als Georg in seinem Anflug von Fürsorge den Vater zudecken möchte, springt dieser auf und wehrt sich mit den Worten: „Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die letzte Kraft, genug für dich, zu viel für dich“.[8] Es vollzieht sich hier eine Umkehrung der Machtverhältnisse: „Der Vater erhebt sich in ungeahnter Größe und Macht über den zurückweichenden Sohn [und] überschüttet ihn mit Vorwürfen und Beschuldigungen [...]“[9]. Diese Reaktion des Vaters „bringen Georg auf einmal den ganzen Umfang der Trägheit seines Herzens, seines Versagens gegenüber dem schweren Schicksal seines Freundes zum Bewusstsein. Sachverhalte tauchen auf, die er vordem noch vor seinem Gewissen unterschlagen hatte“[10]. Der Vater beschuldigt ihn, seinen Freund vernachlässigt und vollkommen egoistisch seine eigene Karriere verfolgt zu haben ohne Rücksicht auf andere Menschen in seinem Umfeld. „Georgs Schuld, die bisher nur aus einem bequemen Abwehren der Verantwortung für den fernen Freund zu bestehen schien, enthüllt sich jetzt als völliges Versagen vor der Pflicht zu helfen“[11] Weiterhin beschuldigt er seinen Sohn, dass dieser ihm seinen Platz in der Firma streitig gemacht habe. Statt dem Petersburger Freund nachzueifern und in die weite Ferne zu ziehen, blieb er und machte seinem eigenen Vater dessen Lebensraum streitig. Jürg B. Honegger nennt dies auch die „Kafkasche Urschuld der Verselbstständigung und Vermessenheit [...], welche sich hier gegen den Machtkomplex Vater, Mutter und Freund richtet“.[12]

Honegger betrachtet auch, im Gegensatz zu Richter, der nur den Aspekt der Schuld untersucht, die Verbindung von Georgs Schuld und seiner Angst. Schon am Beginn der Geschichte ist hinter Georgs Unentschlossenheit und Unsicherheit, den Brief an den Freund wegzuschicken, ein Indiz für Angst, die sich in sein noch nicht offen zugelassenes Schuldbewusstsein zu drängen droht[13]. Honegger ist der Ansicht, dass vor allem die Verbindung von Schuld und Angst zur letztlichen Katastrophe führt, denn diese Verbindung führt zu Unsicherheit, die wiederum dazu führt, dass er sich bei seinem Vater Hilfe sucht. Und durch diesem Besuch beim Vater werden wieder neue Schuldgefühle geweckt, dieser Punkt, so Honegger, ist der Durchbruch von Schuld und Angst für den weiteren Verlauf der Erzählung.

Doch noch gibt Georg seine Stellung als mächtigerer Teil der beiden nicht auf und versucht die Situation in ihrem Zusammenhang zu überblicken, einen kühlen Kopf zu bewahren[14]. Beide Autoren erkennen, dass er versucht „sich zu rechtfertigen und ein Unbeteiligtsein vorzuspielen“[15] und „immer wieder versucht er auch, die Situation in ihrem Zusammenhang zu überblicken und Angriffe im Voraus zu berechnen, um sie parieren zu können [...]“[16]. Doch seine Konzentration fällt ab, er wird schwächer und kann bald keinen klaren Gedanken mehr fassen. An dieser Stelle wird deutlich, dass Georg seine Position als Überlegener verliert, „[sein] Widerstand ist verzweifelt und er weiß das auch“[17]. Er kommt gänzlich aus seinem Konzept, kann seinem Vater keine Paroli bieten und sein Zustand wird immer verwirrter. Die Situation in der er sich befindet wird immer unerträglicher. Wieder kommen die Gedanken an seinen Freund und die unermesslichen Schuldgefühle ihm gegenüber, hinzu kommt die Angst und das beklemmende Gefühl, so Honegger, dass das Geschehen endgültig, die Zeit unumkehrbar und die ganze Situation ausweglos ist[18]. Richter schreibt außerdem, dass Georg an einem Punkt angelangt ist, an dem er die Reife besitzt, die Größe seiner Schuld zu erfassen. Das heißt, er ist an dieser Stelle so weit, dass sein Schuldbewusstsein gänzlich hervortritt und ihm in seinem ganzen Ausmaß wie „Schuppen von den Augen fällt“. „Aller Widerstand, davon ist er nun überzeugt, ist sinnlos. Er kann nur noch die Konsequenzen aus seiner Einsicht ziehen. Schon vor der Anklage bekannte Georg sich schuldig“[19].

Als sein Vater ihm dann schlussendlich das Urteil ausspricht: „Und darum wisse: ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens“[20] befolgt Georg dies auch. An dieser Stelle sind sich beide Autoren einig. Der Grund, warum Georg dieses Urteil tatsächlich befolgt, beziehungsweise es nicht in Frage stellt ist, dass sein Schuldbewusstsein so ins Unermessliche gestiegen ist, dass er es vor Scham, Angst und Druck nicht mehr aushält.

„In die Ausweglosigkeit der Angst Georgs bricht nun das Urteil des Vaters geradezu als Erlösung ein“[21]. Es ist die einzige Möglichkeit für Georg aus dieser für ihn qualvollen Situation zu entkommen. Er fühlt „dass [es] vor Schuld und Urteil keine Rettung gibt, der Härte des Spruchs entspricht sein Schuldbewusstsein“[22]. Der Tod scheint für Georg die einzige Möglichkeit, von der Angst der Schuld befreit zu werden, sich mit sich selbst, mit dem Freund und den Eltern wieder zu versöhnen.[23]

Honegger bezeichnet dieses Phänomen auch als Umkehrung des Helden zu seiner ursprüngliche Lebenssituation und zu seinen alten Werten, er endet wieder da wo er einst begonnen hat: Unter der Autorität seines Vaters.

Richter und Honegger sehen also den Grund für den Suizid Georgs in seinen, zum Schluss qualvollen Schuldgefühlen gegenüber dem Vater und dem Freund, die er nicht mehr unterdrücken kann, vor allem aus dem Grund, da ihm sein Vater immer wieder darauf hinweist und er zum Schluss weder ein noch aus weiß und somit das Urteil als Erlösung ansieht.

2.2 Die Kritik Martin Bartels und seine Deutung

Zu Beginn seines Textes übt Martin Bartels an dem Interpretationsansatz, wie ihn auch Jürg Beat Honegger und Helmut Richter verwandt haben: der Schuldthematik. Er stellt sich die Fragen, ob der „übermächtige Vater in der Geschichte wirklich als Vertreter des Absoluten dargestellt wird“[24] und ob es nicht eher eine „Perisflage [ist], wenn der Repräsentant des Übermenschlichen als alter Mann im Nachthemd gezeigt wird, der nach seinem Urteilsspruch zusammenbricht“[25]. Und weiterhin stellt er sich die Frage, ob der Vater seinem Sohn wirklich ein sittlich – religiöses Vergehen vorhält. Der Autor kritisiert vor allem, dass sich in dieser Interpretationsrichtung der Biographismus gegen die textimmanente Betrachtung durchgesetzt hat. Des weiteren kritisiert er, dass es den Vertretern der Schuldthematik nicht gelingt, die Beziehungen „zwischen den dargestellten Personen angemessen zu erfassen, weil sie den Vater-Sohn-Konflikt isolieren und des Petersburger Freund als unbeteiligtes, vorbildhaftes 'Alter Ego' Georgs aus dem Kampf zwischen Vater und Sohn ausklammern“[26].

Wie schon zu Beginn erwähnt, bezieht sich Bartels auf die Theorie des Ödipuskonflikts, welchen er in seiner Arbeit auch ausschweifend erklärt um ihn dann auf seine Interpretation zu beziehen.

[...]


[1] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1975 (= Philologische Studien und Quellen). Seite 224.

[2] Richter, Helmut: Franz Kafka. Berlin: Rütten und Loening 1964 (= Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft). Seite 106.

[3] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 225.

[4] Ebd. S. 225.

[5] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 107.

[6] Ebd. Seite 107

[7] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 226.

[8] Kafka, Franz: Das Urteil. In: Kafkas >>Urteil<< und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Herausgegeben von Jahraus, Oliver und Neuhaus, Stefan. Stuttgart: Reclam 2002. Seite 7.

[9] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 226.

[10] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 107.

[11] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 108.

[12] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 226.

[13] Ebd. S. 227.

[14] Ebd. S. 228.

[15] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 108.

[16] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 228.

[17] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 109.

[18] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 229.

[19] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 109.

[20] Kafka, Franz: Das Urteil. Seite 8.

[21] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 229.

[22] Richter, Helmut: Franz Kafka. Seite 109.

[23] Honegger, Jürg Beat: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka. Seite 203.

[24] Bartels, Martin: Der Kampf um den Freund. Die psychoanalytische Sinneinheit in Kafkas Erzählung 'Das Urteil'. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1 (1982). Seite 230.

[25] Ebd. S. 231.

[26] Ebd. S. 231.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Über Franz Kafkas "Das Urteil" - Unermessliche Schuldgefühle oder ödipaler Komplex?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Neuere deutsche Literatur I
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V126303
ISBN (eBook)
9783640315376
ISBN (Buch)
9783640318698
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafkas, Urteil, Unermessliche, Schuldgefühle, Komplex
Arbeit zitieren
Stefanie Krahner (Autor), 2008, Über Franz Kafkas "Das Urteil" - Unermessliche Schuldgefühle oder ödipaler Komplex?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126303

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