Meinungsstreit um den Selbstmord in Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Neue Leserschaft
2. Selbstmorddebatte und Moraldefinitionen
3. Lager
a. Orthodoxe Reaktionen
b. Rationalistische Meinungen
c. Aufklärer
d. Stürmer und Dränger
4. Generationenkonflikt
5. Selbstmordwelle

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Johann Wolfgang Goethes Werk hat in der Geschichte der deutschen Literatur deutliche Spuren hinterlassen und sich auf die Etablierung der deutschen Literatur weltweit ausgewirkt. Schon die zeitgenössischen Reaktionen auf Goethes Wirken waren zahlreich und uneinheitlich. Goethe stellte die Literaturkritiker vor das Problem, ihn nicht einer Gruppe zuordnen zu können. Er hielt sich nicht an bestehende Normen, trieb laufende Entwicklungen auf den Höhepunkt und vergrößerte den Freiraum der Autoren. Seine Werke übertrafen die Erwartungen des Publikums und stellten das bisherige Verständnis von Literatur in Frage.

Ein Modellfall dafür ist die Wirkungsgeschichte des Briefromans Die Leiden des jungen Werther von Goethe, der im Jahre 1774 erschien und gefühlsintensiv den Weg Werthers zum Freitod beschreibt. In dem damaligen Spannungsverhältnis von verschiedenen Weltanschauungen löste der Werther, der den Rahmen des bisher Dagewesenen sprengte, einen enormen Literaturstreit aus, den es so noch nie gegeben hat. Bereits kurze Zeit nach dem Erscheinen wimmelte es an Rezensionen verschiedenster Meinungen.

In dieser Hausarbeit ist es mein Ziel, die Menge an Rezensionen zu strukturieren. Dazu werde ich die jeweiligen geschichtlichen und geistigen Hintergründe betrachten, um die Berechtigung der einzelnen Meinungen herauszuarbeiten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig auf die damalige Selbstmorddebatte einzugehen und zu untersuchen in wie weit ein Generationenkonflikt zu dem Literaturstreit beigetragen hat. Ein weiterer Aspekt, den ich betrachten will, ist, in welchem Maße die Rezensenten zwischen dem Autor Goethe und der literarischen Figur Werther differenzierten. Um das Wirken des Romans zu betrachten, widme ich mich letztlich der Frage, ob Goethes Werther die befürchtete Selbstmordwelle ausgelöst hat.

II. Hauptteil

1. Die Neue Leserschaft

Der Briefroman Die Leiden des jungen Werther erscheint an einem „Schnittpunkt literarischer und sozialgeschichtlicher Entwicklungen“.[1] Die geistlich erbauliche Literatur wird nach und nach von weltlich fiktionaler Literatur abgelöst. Diese fiktionale Literatur erreicht über neue Distributionswege wie Leihbibliotheken und Lesegesellschaften ein größeres Lesepublikum. Es ist modern zu Lesen und immer mehr Menschen greifen zur Literatur.

Kurz nach dem Erscheinen des Werther s lesen hauptsächlich Gelehrte den Roman. Diese haben bereits Erfahrung mit der neuen weltlich fiktionalen Literatur und loben den Briefroman ohne Bedenken. Erst als der Werther diese Schicht der erfahrenen Leserschaft hinter sich lässt, wird der Roman zum Problem.[2] Die Volksbuchfassung des Werthers dringt in den 70er Jahren des 18. Jhd. über Leihbibliotheken bis zu den Kleinbürgern und Arbeitern durch. Von diesem großen unerfahrenen Publikum wird Werther fälschlicherweise als Erbauungsbuch aufgefasst, was schließlich zum sogenannten Wertherfieber führt. Die Leser sind noch an die erbauliche Literatur der Aufklärung gewöhnt, die didaktischen Prinzipien untergeordnet ist und den Leser bilden soll. Die Form des einseitigen Briefromans fördert außerdem eine emotionale Identifikation mit Werther.

Bei der Betrachtung der Wirkung Werthers ist folglich eine Unterteilung der Leserschaft und Rezensenten nach sozialen und bildungskulturellen Aspekten, sowie nach der bisherigen Erfahrung mit der neuen Erzählliteratur notwendig. Geklärt werden muss auch, welche moralischen Ansichten das Publikum Werthers hat und wie es zum Selbstmord steht.

2. Selbstmorddebatte und Moraldefinitionen

Nicht erst Werther veranlasst eine Diskussion über den Selbstmord. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt man in Deutschland über den Selbstmord zu debattieren. Es entstehen neue medizinische und juristische Erklärungsmodelle und die Einstellung gegenüber dem Selbstmord wird überdacht. Diese Debatte rührt aber keineswegs von der theologischen Seite her. Erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts beteiligen sich Theologen an der Debatte. Die orthodoxen Kleriker stehen den Veränderungen feindlich gegenüber.[3] Für sie ist Selbstmord nach wie vor eine dreifache Todsünde, die nicht zu entschuldigen oder zu rechtfertigen ist. Die neue Interpretation des Selbstmordes, als Krankheit und pathologisch bedingten Zustand, wird nicht akzeptiert. Der orthodoxe Pastor Goeze beispielsweise weicht nicht von der alten Gleichsetzung von Selbstmord mit Mord ab. Für die jungen Menschen dagegen ist der Selbstmord „das konsequente und romantisch verklärte Ende kultivierter Todessucht oder auch die

Konsequenz einer bürgerlichen Außenseiterposition“[4], aber nicht moralisch verwerflich. Die junge Generation hat andere Werte und will sich von der konservativen Moral befreien.

Die orthodoxen Vertreter verteidigen wohl gerade in Anbetracht der derzeitigen Bewegungen ihre Erbauungsliteratur, die die christliche Moralität fördern soll. Die aufkommende Erzählliteratur halten sie für unmoralisch und sehen das Moralsystem der aufklärerischen Popularphilosophie als schlecht an. Die neue Moral ist eine subjektiv empfindsame Moral und widerspricht der geistlich konfessionellen Moral. Die Moral in der Literatur entwickelt sich dennoch dahingehend, dass zuerst die Tugend als unangefochten überindividuelle Instanz über den Gefühlen sieghaft bleibt[5], allerdings wird die Tugend schrittweise von den Gefühlen zurückgedrängt, die sich verselbstständigen. Dies lässt sich auch am Werther beobachten. Es stellt sich nun die Frage, welche Rolle die verschiedenen Lager dem Werther an der ganzen Entwicklung zuteilen.

3. Lager

Schon kurze Zeit nach dem Erscheinen des Werthers beginnt der Meinungsstreit über den neuartigen Roman und seine Wirkung. Jeder will seine Ansicht dazu kundgeben und so wimmelt es schon bald von Rezensionen verschiedenster Art auf die sogleich Gegenrezensionen folgen. Jedes Lager hat seine eigene Meinung in Bezug auf die verschiedenen Diskussionspunkte. So liefert der orthodoxe Klerus die schärfste Kritik, gefolgt von den ebenfalls kritisch gestimmten Rationalisten, während bei den Aufklärern eine relativ neutrale Meinung vorherrscht. Lob dagegen bekommt Goethe von den Stürmern und Drängern. Im Folgenden sollen die verschiedenen Lager und ihre Meinungen differenziert dargestellt werden.

a. Orthodoxe Reaktionen

Der orthodoxe Klerus reagiert mit beißender Kritik auf den Werther und verlangt die Zensur des Romans.

„Ob es nun gleich mit dem Verbot da das Buch so weit verbreitet ist, etwas zu spät zu seyn scheint; so mag es doch , meines Ort, dem petito der Herren Theologen gerne deferiren, und Ew. Wohlgeb. überlaßen, den debit des Buches, etwa bey 10. Thlr. Strafe, allen Buchdruckern und Buchhändlern, biß auf weitere Verordnung, per Patentes, untersagen zu laßen.“[6]

In Leipzig wird die Zensur kurz darauf tatsächlich erwirkt, bleibt aber ohne große Wirkung. Die Leidensgeschichte des jungen Werthers entwickelt sich in großen Maßen zu einem öffentlichen Ärgernis und die Gründe dafür sind wohl in der unterschwelligen Unzufriedenheit der Bevölkerung, vor allem der Studenten, zu suchen. Diese fühlen sich durch den Roman angesprochen und in ihrer Meinung bestätigt, da Werthers Leiden auch durch die bürgerlichen Verhältnisse bedingt sind. Viele identifizieren sich mit Werther und sehen ihn als Vorbild, auch in Bezug auf seine religiösen Ansichten. Die kirchlichen Vertreter sind daher beunruhigt und beobachten schockiert die wachsende leidenschaftliche Anhängerschaft. Nur kurze Zeit später gibt es die ersten Kritiken am Werther aus dem orthodoxen Lager. Der hartnäckigste und rigoroseste orthodoxe Kritiker ist Pastor Johann Melchior Goeze. Er ist als Verfechter der lutherischen Orthodoxie gegen die verschiedensten Richtungen der theologischen Aufklärung bekannt. Goeze befürchtet, die Jugend würde, von Werther angestachelt, moralische und gesellschaftliche Werte anzweifeln und sich gegen sie auflehnen.

„Natürlich kann die Jugend keine andre als diese Lehre daraus ziehen: folgt euren natürlichen Trieben. Verliebt euch, um das Leere eurer Seele auszufüllen. Gaukelt in der Welt herum; will man euch zu ordentlichen Berufsgeschäften führen, so denket an das Pferd, das sich unter den Sattel bequemte, und zu schanden geritten wurde. Will es zuletzt nicht mehr gehen, wohlan ein Schuß Pulver ist hinlänglich aller eurer Noth ein Ende zu machen.“[7]

Die Jugend reagiert tatsächlich in der Weise, dass sie die Mängel der gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung für ihre Leiden verantwortlich macht und ihren Leidenschaften folgt, statt der Vernunft und der Religion. Der orthodoxe Klerus will die Jugendlichen wieder auf den richtigen Weg bringen und die Wirkung des Werthers eindämmen. Aus diesem Grund liefern die Kleriker viele scharfe Kritiken und setzen sich für die Zensur des Werkes und andere Werther -Schriften ein.

Am stärksten aber kritisiert Goeze nicht Goethe als Autor, sondern die Befürworter des Romans. Er befürchtet, dass eben diese durch ihr Lob und ihr Mitleid mit Werther die Schande und Schmach, die Selbstmörder verdienen, leugnen und das Unheil dadurch verteidigen.

„Das einzige, was sie noch auf eine Zeitlang von der Vollziehung des Selbstmordes zurückhalten wird, ist die Vorstellung der Schmach und Schande, welche das Gedächtnis eines vorsätzlichen Selbstmörders zum Gräuel macht.“[8]

[...]


[1] Georg Jäger, „Die Wertherwirkung. Ein rezeptionsästhetischer Modellfall“, in: Hans Peter Herrmann (Hrsg.), Goethes ›Werther‹ Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 223-231, hier S. 223.

[2] Vgl. ebd., S. 225.

[3] Vgl. Vera Lind, Selbstmord in der frühen Neuzeit: Diskurs, Lebenswelt und kultureller Wandel am Beispiel der Herzogtümer Schleswig und Holstein, Göttingen 1999, S. 97.

[4] Ebd., S. 127.

[5] Vgl. Bernd Leistner, „Goethes ‚Werther‘ und seine zeitgenössischen Kritiker“, in: Werner Kelle (Hrsg.), Goethe Jahrbuch, Bd. 112, Weimar 1995, S. 71-82, hier S. 73.

[6] Illustris et Magnifice Domine Consul. Carl Andreas Bel, Leipzig 30. Januar 1775. In: Karl Eibl u.a. (Hrsg.), Der junge Goethe und seine Zeit. Texte und Kontexte. In zwei Bänden und einer CD-ROM, Frankfurt/Main und Leipzig 1998, CD-ROM, Eintragnr. 37730.

[7] Johann Melchior Goeze, Rezension in: FreywilligeBeyträge zu den Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, Hamburg, 1775, 21. März. In: Eibl (Hrsg.), Der junge Goethe und seine Zeit, CD-ROM, Eintragnr. 37788.

[8] Johann Melchior Goeze. In: Peter Müller (Hrsg.), Der junge Goethe im zeitgenössischen Urteil. Berlin 1969, S. 120-121.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Meinungsstreit um den Selbstmord in Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V126345
ISBN (eBook)
9783640323159
ISBN (Buch)
9783640321193
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Meinungsstreit, Selbstmord, Goethes, Leiden, Werther
Arbeit zitieren
Ilona Späth (Autor), 2009, Meinungsstreit um den Selbstmord in Goethes 'Die Leiden des jungen Werther', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126345

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