Sprachursprungstheorien im 18. Jahrhundert: Rousseau und Herder


Hausarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Der Ursprung der Sprache nach Rousseau
2.1.1 Das Verhältnis des Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine des langues
2.1.2 Der sprachtheoretische Exkurs des Discours als Kritik an Condillac
2.1.3 Die Sprachursprungstheorie des Discours
2.1.4 Die Begründung des affektiven Sprachursprungs im Essai sur l’origine des langues
2.1.5 Rousseaus Klimatheorie: südliche versus nördliche Sprachen
2.2 Der Ursprung der Sprache nach Herder
2.2.1 Herders Reaktion auf die Sprachursprungshypothesen seiner Zeit
2.2.2 Der Begriff der „Besonnenheit“ und seine Begründung durch die Theorie der „Sphären“
2.2.3 Die Urszene der Sprachentstehung
2.2.4 Das Ohr als „erster Lehrmeister der Sprache“

3 Schluss

4 Bibliograpie

1 Einleitung

Eine Fragestellung, die im Zeitalter der Aufklärung mit äußerst großem Eifer diskutiert wurde, ist die nach dem Ursprung der Sprache. Vor allem in Frankreich entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine lebhafte Debatte über die Entstehung der menschlichen Lautsprache. Neben Philosophen wie Maupertuis, Turgot oder Perrin diskutierten auch die Enzyklopädisten Diderot, Du Marsais und Beauzée den Sprachursprung, was das allgemeine Interesse der Philosophen an dieser Thematik belegt. Da die Lautsprache als differencia specifica des Menschen gegenüber dem Tier betrachtet werden kann, führt das Nachdenken über deren Ursprung natürlich unweigerlich zur Diskussion über das Wesen des Menschen, über seine stammesgeschichtliche Entwicklung sowie über die Abgrenzung des Menschen vom Tier. Georgia Veldre stellt somit berechtigterweise fest, dass die Thematik des Sprachursprungs „in engem Zusammenhang mit anthropologischen und naturgeschichtlichen Fragestellungen“[1] steht, weshalb sie auch eng mit Fragen der Weltanschauung bzw. Religion verflochten ist und eine gewisse Sprengkraft in sich birgt. Auf der einen Seite propagierten Philosophen, die sich strikt an der biblischen Glaubenslehre orientierten, den göttlichen Ursprung der Sprache, welcher zumeist „die strikte Grenzziehung zwischen Mensch und Tier wie auch das Bild der nach dem Schöpfungsakt konstant bleibenden Lebewesen“ (Veldre 1997: S. 125) einschloss. Anhänger dieses göttlichen Ursprungs, wie z.B. Beauzée oder der deutsche Philosoph Süßmilch, gingen außerdem davon aus, dass der Mensch bereits als vernunftbegabtes Wesen mit voller Denkfähigkeit erschaffen wurde, was eine göttliche Eingabe der Sprache erst ermöglichte. Auf der anderen Seite begannen Philosophen, die Trennlinie zwischen Tier und Mensch anzutasten und sich mit einer möglichen Entwicklung des Menschen aus einem wie auch immer gearteten Naturzustand zu beschäftigen. Seit Condillac, dem Begründer des Sensualismus in Frankreich, gewannen außerdem Hypothesen an Bedeutung, die davon ausgingen, dass Sprache und Denken eng miteinander verknüpft sind und sich deshalb nur gemeinsam entwickeln konnten. Es waren jedoch nicht ausschließlich sensualistische Sprachursprungstheorien, die sich mit der Möglichkeit einer menschlichen Sprachschöpfung befassten.

Einer der bekanntesten und einflussreichsten französischen Sprachdenker des 18. Jahrhunderts war neben Condillac Jean-Jacques Rousseau, dem Droixhe und Hassler eine „sensualistisch-anthropologische Sicht der gemeinsamen Entwicklung von Gesellschaft, Sprache und Denken“[2] attestieren. Rousseau beschäftigt sich in zwei seiner Werke mit der Sprachursprungsthematik. Zum einen streift er diese in seinem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755), zum anderen behandelt er sie eingehend in seinem Essai sur l’origine des langues, welcher mit dem Untertitel où il est parlé de la mélodie et de l’imitation musicale erst posthum (1781) veröffentlicht wurde. Der wohl bedeutendste Sprachtheoretiker auf deutscher Seite war zu dieser Zeit Johann Gottfried Herder, dessen Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772) für Aufsehen sorgte und als „Kulminationspunkt“[3] der Literatur zu dieser Thematik eingestuft werden kann. Auf den folgenden Seiten sollen sowohl die oben genannten Schriften Rousseaus als auch die Abhandlung Herders genauer unter die Lupe genommen werden.

2 Hauptteil

2.1 Der Ursprung der Sprache nach Rousseau

2.1.1 Das Verhältnis des Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine des langues

Über das Verhältnis von Rousseaus Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine des langues bezüglich der darin enthaltenen Theorien zum Ursprung der Sprache besteht innerhalb der Sekundärliteratur nur wenig Einigkeit. Während manche Rousseau-Philologen auf Unstimmigkeiten, ja sogar auf Widersprüche zwischen den Theorien im Discours und im Essai aufmerksam machen, sind andere Wissenschaftler durchaus von der Vereinbarkeit der beiden Werke überzeugt. Markus Edler beispielsweise überschreibt seinen Vergleich der beiden Werke mit „Wie Feuer und Wasser. Die Sprachgeschichte im Discours und im Essai[4], während Raymund Wilhelm die rhetorische Ausrichtung bzw. narrative Struktur der Texte betont, zwischen der „Formulierung“ und dem „Gehalt“, also der tatsächlichen „argumentative[n] Absicht“ der Texte unterscheidet und somit behauptet, eine „Einheit“ bzw. „Systematizität“ in Rousseaus Sprachdenken erkennen zu können.[5] Was jedoch unstrittig ist, ist die Tatsache, dass sich Rousseau im Discours primär – was bereits aus dem Titel hervorgeht – der Entstehung von Ungleichheit bzw. dem Ursprung von Gesellschaft als solcher widmet. Der Sprachursprung spielt dabei also nur eine untergeordnete Rolle und dient vor allem der kritischen Auseinandersetzung mit der sensualistischen Ursprungshypothese, die Condillac in seinem Essai sur l’origine des connaissances humaines postuliert. Während Rousseau im Discours somit vor allem die Schwierigkeiten der Entstehung von Sprache erläutert, die Schwachpunkte der Hypothese Condillacs aufzeigt und folglich eine „’negative’ Version der Sprachursprungshypothese“ liefert, zieht er im Essai eine „’positive’ Darstellung“ (Wilhelm 2001: S. 67) vor, was bedeutet, dass er darin eine eigene Theorie zum Sprachursprung konstruiert.

2.1.2 Der sprachtheoretische Exkurs des Discours als Kritik an Condillac

Obwohl Rousseau prinzipiell der sensualistischen Sprachursprungshypothese des Essai sur l’origine des connaissances humaines folgt, ist er dennoch der Meinung, dass Condillac einige wesentliche Problemstellungen der Sprachentstehung vernachlässigt. In seinem Essai geht Condillac von zwei sprachlosen Menschenkindern in einer Wüste aus, die allmählich lernen, die cris de passion (das Geschrei der Empfindungen) mit den ihnen entsprechenden perceptions (Schmerz, Freude usw.) zu verknüpfen, was dazu führt, dass diese Schreie der Empfindung zu Zeichen für einen anderen werden (vgl. Wilhelm 2001: S. 74). Genau hier setzt jedoch Rousseaus erster Kritikpunkt an, denn für ihn ist der „homme naturel“, der Mensch im Naturzustand, kein gesellschaftliches Wesen, sondern ein stummes, sich selbst genügendes Wesen, das keinerlei Drang zur Gesellschaftsbildung verspürt (vgl. Edler 2001: S. 230). Während Condillac in seiner hypothetischen Geschichte also eine Art von Gesellschaft voraussetzt, stellt sich Rousseau die Frage, warum der Mensch sich eigentlich jemals veranlasst sah, mit anderen Menschen unter Zuhilfenahme von Zeichen zu kommunizieren. Des Weiteren findet Rousseau keine plausible Erklärung für die Entstehung arbiträrer Zeichen, die sich laut Condillac auf natürliche Weise aus den Schreien der Empfindung und einer Gestensprache entwickelt haben. Wie Wilhelm betont, können abiträre Zeichen aber nur „aufgrund einer Konvention [...] funktionieren“, da sie „nicht mehr aus einer natürlich-instinktiven Reaktion hervorgehen (wie der cri de la nature), noch auf dem Nachahmungsprinzip beruhen“ (Wilhelm 2001: S. 84). Um innerhalb einer Sprechergemeinschaft vereinbaren zu können, welcher Lautkörper (signifiant bzw. image acoustique) welchem Konzept (signifié bzw. concept) zugeordnet ist, sprich, um Sprache „erfinden“ zu können, ist jedoch bereits eine Form von Sprache notwendig – eine Paradoxie, die für Rousseau nicht lösbar scheint. Außerdem stellt sich Rousseau im Discours die Frage, wie sich bei der Entstehung von Sprache Allgemeinbegriffe bzw. signifiés oder idées générales herausbilden konnten. Wie aus seinen Ausführungen hervorgeht, ist er der Überzeugung, dass der Mensch keine natürliche Abstraktionsfähigkeit besitzt, weshalb er als sprachloses Wesen nur die jeweiligen Einzelphänomene wahrnehmen kann: „Si un chêne s’appelait A, un autre chêne s’appelait B; car la première idée qu’on tire de deux choses, c’est qu’elles ne sont pas la même.“[6] Die Festlegung von Wortbedeutungen (signifiés), die laut Wilhelm „abstrakte, rein verstandesmäßige Einheiten“ (Wilhelm 2001: S. 89) sind, kann wiederum nur durch sprachliche Definition erfolgen – eine weitere Paradoxie, die von Condillac vernachlässigt wurde und die dazu führte, dass das Problem des Sprachursprungs von Rousseau im Discours für unlösbar erklärt wurde.

[...]


[1] Veldre, Georgia (1997): „Rousseau und die Preisfrage der Berliner Akademie zum Sprachursprung im Jahre 1769“. In: Hassler, G./ Storost, J. (Hrsg.) (1997): Kontinuität und Innovation: Festschrift für Werner Bahner zum 70. Geburtstag. Münster: Nodus. S.125.

[2] Droixhe, D./ G. Hassler (1989): „Aspekte der Sprachursprungsproblematik in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“. In: Gessinger, J./ von Rahden, W. (Hrsg.) (1989): Theorien vom Ursprung der Sprache. Bd. 1. Berlin; New York: de Gruyter. S. 312.

[3] Stetter Christian (1989): „Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache“. In: Siepmann, H./ Hausmann, F.-R. (Hrsg.) (1989): Von Augustinus bis Heinrich Mann: Ringvorlesung der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen im WS 1987/88. Bonn: Romanistischer Verlag. S. 207.

[4] Edler, Markus (2001): Der spektakuläre Sprachursprung: zur hermeneutischen Archäologie der Sprache bei Vico, Condillac und Rousseau. München: Fink. S. 255.

[5] Wilhelm, Raymund (2001): Die Sprache der Affekte: Jean-Jacques Rousseau und das Sprachdenken des « siècle des lumières ». Tübingen: Narr. S. 63-65.

[6] Rousseau, Jean-Jacques (1973): Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes. Paris: Aubier Montaigne. S. 79.

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Details

Titel
Sprachursprungstheorien im 18. Jahrhundert: Rousseau und Herder
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Sprachwissenschaft um 1800
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V126359
ISBN (eBook)
9783640323180
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachursprung, Herder, Rousseau, Ursprung, Sprache, Discours, sur, l'inégalité, Essai, l'origine, langues, Klimatheorie, Sprachentstehung, Entstehung, Sprachursprungshypothese
Arbeit zitieren
Michael Brendel (Autor), 2008, Sprachursprungstheorien im 18. Jahrhundert: Rousseau und Herder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126359

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