Fachpflegegeleitetes Weaning auf der Intensivstation in Deutschland. Rechtsgrundlagen und internationaler Vergleich


Akademische Arbeit, 2022

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen und vorauszusetzendes Fachwissen
2.1. Weaning
2.2. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Weaning
2.3. Beatmungssteuerung
2.4.Schmerzmanagement
2.5.Extubation

3. Darstellung der Rechercheergebnisse
3.1. Rechtsgrundlagen und fachpflegerische Kompetenzen
3.1.1. Ärztliche Kernkompetenz
3.1.2. Pflegerische Kompetenzen und ärztliche Delegation
3.1.3. Kompetenzen von Intensivpflegekräften
3.1.4. Normierung der delegationsfähigen Tätigkeiten
3.2. Fachpflegerische (Weaning-) Expertise im internationalen Vergleich
3.2.1. Überblick über die internationale Entwicklung
3.2.2. Überblick über die Entwicklung in Deutschland

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Rechtsquellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

1. Einleitung

Diese Facharbeit widmet sich dem Thema „Rechtsgrundlagen für ein fachpflegege­leitetes Weaning auf der Intensivstation in Deutschland und im internationalen Ver­gleich“. Die zentrale Frage lautet, inwieweit qualifizierte Fachpflegekräfte auf deut­schen Intensivstationen eigenständig endotracheal intubierte Patienten in den Wea- ningprozess überführen und extubieren dürfen. Besondere Beachtung im Vergleich zu anderen Ländern finden dabei die zunehmende Übertragung ärztlicher Tätigkei­ten als Vorbehaltsaufgaben, das protokollbasierte Abtrainieren vom Respirator als fachpflegerische Aufgabe sowie die vergleichende Betrachtung der weiterführenden Qualifikation von Intensivfachpflegekräften in Deutschland und international.

Pflegekräften auf deutschen Intensivstationen werden trotz ihrer hochspezialisierten Ausbildung im Rahmen der Fachweiterbildung deutlich weniger Kompetenzen zu­gesprochen als im globalen Vergleich (vgl. Keienburg, C. 2016, S. 310). Stattdessen werden diese in ärztlicher Hand belassen, da eine gesetzliche Absicherung im Sin­ne einer Handlungsautonomie der Pflege gänzlich fehlt (vgl. Achterfeld, C. 2014, S. 75). Gerade erfahrene und fachweitergebildete Pflegekräfte im intensivstationären Setting wünschen sich mehr Autonomie und Handlungsspielraum im Zusammen­hang mit medizinischen Entscheidungen (vgl. DGF, DIVI 2021). Als frustran werden vor allem die gesetzlich nicht geregelte Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten als Vorbehaltsaufgabe und nicht entsprechende Anerkennung empfunden, insbesonde­re im Zusammenspiel mit dem prekären Personalmangel in der Pflege auf Intensiv­stationen (DGF, DIVI 2021, DBfK 2021 und Achterfeld, C. 2014, S. 256).

Durch die besondere Nähe und aufmerksame Beobachtung der Patienten durch In­tensivpflegekräfte können unnötig lange Beatmungszeiten verhindert und das gene­relle Outcome der Patienten verbessert werden. Deshalb bietet sich ein fachpflege­geleitetes Weaning mit anschließender Extubation an, wie es beispielsweise in Großbritannien (vgl. Anderson, O'Brien 1995), der Schweiz (vgl. Thorens et al. 1995), Frankreich (vgl. Tonnelier 2005) und Italien (vgl. Villa et al. 2012) bereits üb­lich ist. Studien belegen, dass dies die Verweildauer der Patienten auf der Intensiv­station reduziert, beatmungsinduzierte Pneumonien vermindert und zur Kostenre­duktion beiträgt (Ley 2012, S. 2). Vor allem aber fühlen sich Pflegende durch die damit einhergehende Zunahme an Verantwortung aufgewertet und in ihrer Fach­kompetenz bestätigt (vgl. Nydahl, P., Rothaug, O. 2010, S. 75). Die Grundlage hier­für bilden Weaning-Protokolle und SOPs, die in den letzten Jahren international vermehrt als sichere Option für Patienten im Rahmen des fachpflegegeleiteten Weanings verstanden werden (vgl. Blackwood et al. 2014).

Die Grundlage dieser Facharbeit bildet eine freihändische internationale Literaturre­cherche nach vereinheitlichten und systematisierten Guidelines, Richtlinien oder Protokollen zum fachpflegegeleiteten Weaning im intensivmedizinischen Setting. Es erfolgt eine literaturgebundene Zusammenfassung der dem Autor vorliegenden Fachliteratur, Rechtsquellen und Studien.

In der nachfolgenden Arbeit wird zur Wahrung der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet, die beide Geschlechter ein­schließt.

2. Begriffsdefinitionen und vorauszusetzendes Fachwissen

Dieses Kapitel soll eine Vorstellung davon vermitteln, welche speziellen fachlichen Voraussetzungen erforderlich sind, um die Expertise zum Weaning und zur Extuba­tion zu erlangen. Hierzu gehören sowohl umfangreiches theoretisches und prakti­sches Hintergrundwissen zu den physiologischen und pathophysiologischen Vor­gängen einer Erkrankung, die zur Beatmungspflicht führen, als auch Kenntnisse von Beatmungsformen und -steuerung sowie gerätetechnisches Wissen und die Fähig­keit, Untersuchungsergebnisse sicher interpretieren und selbstständig und eigen­verantwortlich beatmete Patienten versorgen zu können. Überdies müssen Notfallsi­tuationen identifiziert und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden können (vgl. Keienburg, C. 2016, S. 312).

Zwei zentrale Begriffe, die im fachlichen Kontext regelmäßig Anwendung finden, sind Weaning und Extubation. Um ein einheitliches Begriffsverständnis als Grundla­ge für die weitere Bearbeitung des Themas zu ermöglichen, werden diese nachfol­gend erklärt. Da auch das Fachwissen für die Sedierungssteuerung, das Schmerz­management und die Kenntnis möglicher Komplikationen bei der Extubation Vor­aussetzung für ein erfolgreiches Weaning sind, werden diese Sachgebiete ebenfalls in Kurzform erläutert.

2.1. Weaning

In der Fachliteratur wird der Begriff Weaning übergreifend mit der „Übertragung der Atemarbeit und der Atemregulation vom Beatmungsgerät auf den Patienten“ (Oc- zenski 2012, S. 394) gleichgesetzt. Es fallen weiterhin die Begriffe des Abtrainierens von bzw. des Reduzierens der maschinellen Beatmung, sodass der Patient eigen­ständig das selbstständige Atmen übt, also selbstständig einen gewissen Anteil der Atemarbeit leistet. Von Bedeutung ist hierbei die Zeitdauer der Entwöhnung von der Beatmung. Diese ist abhängig von der Schwere von Grund- und Begleiterkrankun­gen, Alter des Patienten, Dauer und Invasivität der Beatmungstherapie sowie der Erfahrung des Behandlungsteams (vgl. Schäfer et al. 2019, S. 198).

Grundsätzlich ist das Ende der Weaning-Phase dadurch gekennzeichnet und als erfolgreich anzusehen, wenn der Patient „ohne maschinelle Atemhilfe über mindes­tens 48 Stunden spontan atmen kann und keine Zeichen der respiratorischen Er- schöpfung zeigt“ (Oczenski, 2012, S. 395). Das Weaning beinhaltet „den gesamten Prozess von der kontrollierten Beatmung bis zur Spontanatmung (...) sowie die Extubation (vgl. Hintzenstern, U., Bein, T. 2007, S. 114).

2.2. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Weaning

Im Verlauf des Weanings muss der Patient zunehmend mehr eigene Atemarbeit leisten. Für diese Entwöhnung mittels gesteigerter Spontanatmung und Reduktion des Anteils der Atemarbeit durch den Respirator wurden Kriterien entwickelt, um dem Patienten frustrane Entwöhnungsversuche, Erschöpfung und eine mögliche Reintubation mit den damit verbundenen Risiken zu ersparen. Die zentralen Begriffe hierbei sind respiratorische Erschöpfung oder inspiratorische Muskelermüdung (vgl. Schäfer et al. 2019, S. 199). Folgende Kriterien bilden die Grundlage für den Beginn der Weaning-Phase (Schönhofer et al. 2019, S. 33) und zeigen eine generelle Wea- ning-Bereitschaft bzw. Entwöhnbarkeit von der Beatmung an; auch bezeichnet als „readiness to wean“ (Schäfer et al. 2019, S. 199):

- Base Exzess < 5 mval/l
- P aO 2/ FO 2 150 mmHg
- P aO 2 > 60 mmHg und S aO 2 90% bei FO 2 < 0,4
- PEEP < 8 mmHg
- P a CO 2 < 55, pH > 7,3
- Atemfrequenz <25-35/ Min. AZV > 5ml/kg/KG
- RSBI (AF/ V tidal ) < 105
- Keine Sedierung oder adäquate Funktion unter Sedierung (RASS 0/-1)

Um ein Übersteigen der erforderlichen Atemarbeit über die Leistungsfähigkeit des Patienten hinaus und eine daraus resultierende Erschöpfung des Patienten zu ver­meiden, müssen alle Faktoren optimiert werden, die dies beeinflussen können.

Die nachfolgend aufgeführten allgemeinen Weaning-Kriterien sind für jeden Patien­ten in intensivmedizinischer Behandlung während der Entwöhnung von der Beat­mung anzustreben (vgl. Oczenski 2012, 396ff):

- Adäquate Lungenfunktion (Atemmechanik, Gasaustausch)
- Adäquater zerebraler Funktionszustand (gezielt kontaktierbar, Kooperationsfä­higkeit, Motivation, kein delirantes Zustandsbild)
- Stabile Herz-Kreislauf-Funktion
- Ausgeglichene bzw. negative Flüssigkeitsbilanz
- Intakte Magen-Darm-Motilität
- Ausgeglichener Säure-Basen- und Elektrolythaushalt
- Stabile Stoffwechselsituation (adäquater Ernährungszustand)
- Ausreichende Mobilisation
- Miteinbeziehen der Angehörigen in die Weaning-Phase

2.3. Beatmungssteuerung

Bei der maschinellen Beatmung auf Intensivstationen werden die kontinuierliche Ab­leitung von EKG, Pulsoximetrie, Blutdruck und die Auswertung von Blutgasanalysen (BGA) in einem regelmäßigen Zeitintervall als Mindestanforderungen [an Intensiv­pflegekräfte - Anm. d. Verf.] angesehen. Die entnommenen BGAs liefern kombiniert mit dem klinischen Bild des Patienten wichtige Indikationen für die Beatmungssteue­rung. Hiernach werden die zugeführte Sauerstoffmenge (FiO2), die Atemfrequenz und das Tidalvolumen individuell angepasst (vgl. Trummer, G., 2011, 282f.).

2.4. Schmerzmanagement

Eine der wichtigsten Aufgaben im Rahmen des Weanings von Intensivpatienten stel­len das Erfassen von Schmerz und die Einleitung einer adäquaten Schmerztherapie durch Intensivpflegekräfte dar. Ein umfassendes Wissen zur Pathophysiologie von Schmerz und dessen Ursachen sowie die Möglichkeiten der pharmakologischen und nicht pharmakologischen Therapie bilden hierbei die Grundlage (vgl. Teising, D., Tönsfeuerborn, H. 2021, S. 147-161).

Für eine an die individuelle Situation angepasste Schmerztherapie von Patienten auf der Intensivstation stehen mehrere Analgesieverfahren zur Verfügung. Die Er­kenntnisse über Physikochemie, Pharmakokinetik und -dynamik von Analgetika sind nicht problemlos auf kritisch kranke Intensivpatienten übertragbar. Als Goldstandard für die Verabreichung systemisch wirksamer Analgetika beim Intensivpatienten gilt zur Sicherung eines schnellen und zuverlässigen Wirkungseintritts, unabhängig von Resorptionsstörungen, die intravenöse Gabe. Zur Beurteilung der Schmerzintensität bei sedierten und beatmeten Patienten bietet sich die Behavioral Pain Scale (BPS) an, die auf der (Fremd-) Beurteilung des Gesichtsausdrucks, der Bewegungen der oberen Extremitäten und der Adaptation an das Beatmungsgerät basiert (vgl. Tro­jan, S., Wappler, F. 2011, S. 249-257). Das Analgesie-Ziel sollte <6 sein (vgl. Spies et al. 2013, S. 43).

Deutsche Fachgesellschaften setzen aufgrund der hohen Bedeutung von Schmerz­therapie und Sedierung in der Intensivmedizin die Nutzung der S3-Leitlinie „Analge­sie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin“ voraus (vgl. DGAI, DIVI 2021).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Behavioral Pain Scale (BPS), Quelle: Trojan, S., Wappler, F. 2011, S. 255

Rechtlich gesehen ist auf anästhesiologisch geführten Intensivstationen der Anäs­thesist in Zusammenarbeit mit dem Operateur für die postoperative Schmerzthera­pie zuständig. Der jeweils leitende Arzt trägt also die ärztliche und rechtliche Ver­antwortung. Es gelten in diesem Setting jedoch die Grundsätze der strikten Arbeits­teilung und der Vertrauensgrundsatz im Rahmen der interdisziplinären Delegation von ärztlichen Tätigkeiten auf nicht-ärztliches Personal. Intensivpflegekräfte haben also nach dem Prinzip der Eigenverantwortung für die leistungs- und sorgfaltsge­rechte Durchführung der übernommenen Maßnahmen zur Schmerztherapie einzu­stehen (vgl. Niesel, H., 2003, S. 129).

2.5. Extubation

Der Begriff Extubation wird in der Fachliteratur als das Entfernen eines Beatmungs- schlauchs bzw. Endotrachealtubus beschrieben, wenn der Patient nicht länger auf diesen angewiesen und vom Beatmungsgerät entwöhnt ist. Erst wenn der Patient über einen eigenen, spontanen Atemantrieb ohne Erschöpfung, einen stabilen Kreislauf, eine Normothermie sowie einen nicht gestörten pulmonalen Gasaus­tausch verfügt, kann die Extubation erfolgen. Als Kontraindikationen gelten das Nicht-Vorhandensein von Husten- oder Schluckreflex. Weiterhin muss der Patient erweckbar und eine Kontaktaufnahme möglich sein (vgl. Ullrich, L. et al. 2010, S. 144).

Bei der Extubation ist das Erkennen von Risikofaktoren für eine Reintubation sehr wichtig, um frühzeitig gegensteuern zu können. Häufige Gründe für das Weaning- Versagen (auch im Rahmen der nicht-invasiven Beatmungstherapie, NIV) sind die ausgeprägte Bronchialsekretion, psychomotorische Agitation und Patienten-Ventila- tor-Asynchronität. Diese sind bei vorhandener Expertise des Personals und unter Beachtung der allgemeinen Weaning-Kriterien jedoch gut beherrschbar (vgl. Gei- seler, J., Kelbel, C., 2016, S. 211).

Die häufigsten Komplikationen nach der Extubation sind Atemwegsobstruktionen. Diese können reflektorisch als Laryngospasmus, traumatisch als Larynxödem oder Stimmbandlähmung, als Druckschäden durch den Tubus oder Cuff oder durch Fremdkörper (Gewebe, Blutkoagel, Tamponaden, Zähne) verursacht werden. Der Laryngospasmus stellt als natürlicher Abwehrmechanismus bei Fremdkörperreizen die häufigste Ursache von Atemwegsobstruktionen dar. Zur Prophylaxe können oro­pharyngeales Absaugen, Entfernen des Tubus und die medikamentöse Dämpfung der Reflexe mittels beispielsweise Lidocain dienen. In Zusammenhang mit einer schwierigen Extubation oder exzessivem Absaugen sind auch traumatische Kompli­kationen zu beachten (vgl. Scherer, R. et al. 2000, S. 70-71). Besonderes Augen­merk bei der Extubation gilt außerdem einer möglichen Bronchoaspiration (vgl. Mül­ler, E., Baumhöfener, I. 2000, S. 268). Zusätzliche Vorkehrungen müssen getroffen werden, wenn ein schwieriger Atemweg besteht (vgl. „At-risk algorithm“ der Difficult Airway Society 2011).

3. Darstellung der Rechercheergebnisse

In diesem Kapitel werden die Rechercheergebnisse zum Thema Respirator-Wea­ning und Extubation durch Pflegekräfte vorgestellt. Ausgehend von den in Deutsch­land geltenden gesetzlichen Grundlagen werden die Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen sowie die Implementierung fachlicher Kompeten­zen in die Weiterbildung von Intensivpflegekräften behandelt.

Es erfolgt ein vergleichender Überblick über die Befähigung von Fachpflegekräften im internationalen Setting und Entwicklungen zu dieser Thematik in Deutschland.

In Deutschland werden zum derzeitigen Stand bereits Kompetenzkataloge für die Weiterbildung von Intensivpflegekräften nach auf europäischer Ebene geregelten Levels erarbeitet (vgl. Busch, J., Wohlgehagen, J. 2014). Dazu wurden die Ergeb­nisse mehrerer internationaler Studien und Fachliteratur zusammengetragen und analysiert, um die mögliche Realisierung eines fachpflegegeleiteten Weanings in Deutschland zu stützen.

Abschließend werden die Situation der zunehmenden interdisziplinären Zusam­menarbeit, Delegation und Übernahme ärztlicher Aufgaben durch Intensivpflegekräf­te beleuchtet. Die besondere Expertise von Intensivfachpflegekräften und die Evi­denz von Protokollen und Guidelines beim Weaning werden in den Fokus gestellt.

3.1. Rechtsgrundlagen und fachpflegerische Kompetenzen

Vor dem Hintergrund der sich aus der jeweiligen Ausbildung ergebenden haftungs­rechtlichen Verantwortungen werden nachfolgend die ärztlichen Kernkompetenzen den pflegerischen Kompetenzen gegenübergestellt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Kompetenzen von Intensivpflegekräften hinsichtlich der Ausweitung ihrer Handlungsfelder. Angesichts der von Fachorganen im Rahmen des arbeitsteili­gen Zusammenwirkens mit nicht-ärztlichen Berufsgruppen ausdrücklich erwünsch­ten Substitution ärztlicher Leistungen wird insbesondere die fehlende Normierung der delegationsfähigen Tätigkeiten in Deutschland beleuchtet.

3.1.1. Ärztliche Kernkompetenz

Die deutsche Rechtsprechung teilt die Verantwortung für die Behandlung und Pflege von Patienten in Krankenhäusern eindeutig dem Arzt zu. Er trägt die Hauptverant­wortung und diese ist nicht teilbar (§28 Abs. 1 (1) SGB V, sowie §613 (1) BGB). Weiterhin ordnet das SGB im Sinne des Grundsatzes zur persönlichen Leistungser­bringung ganz konkret einen ärztlichen Vorbehalt an, indem §15 Abs. 1 (1) SGB V verlangt, dass die ärztliche Behandlung von Ärzten erbracht wird. Überdies stellt die (Muster-) Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer das Atemwegsmanage­ment, dessen technische Maßnahmen sowie die Ausleitung der Anästhesie und die damit verbundene postoperative Patientenversorgung und Schmerztherapie (vgl. Bundesärztekammer 2018, S. 30ff.) in den ärztlichen Aufgabenbereich. Sowohl die Beatmungsentwöhnung vom Respirator als auch die anschließende Extubation ge­hören somit auf Grundlage der im Vorhinein genannten Quelle in den direkten Auf­gabenbereich der Ärzte.

3.1.2. Pflegerische Kompetenzen und ärztliche Delegation

Die Ausbildung zur Pflegefachkraft erfolgt in Deutschland basierend auf dem Gesetz über die Berufe in der Krankenpflege (Krankenpflegegesetz KrPflG) und im Zuge der Reform der Pflegeberufe seit dem 01.01.2020 auf Grundlage des Pflegeberufe­gesetzes (PflBG): Nur wer bestimmte Voraussetzungen erfüllt, ist berechtigt, die entsprechende Berufsbezeichnung zu führen.

Die Ausbildung vermittelt die „erforderlichen fachlichen und personalen Kompeten­zen [...] zur Erhaltung, Förderung, Wiedererlangung oder Verbesserung der physi­schen und psychischen Situation der zu pflegenden Menschen“ (§5 (1) und (2) PflBG). Hiernach sind Pflegefachkräfte insbesondere dazu befähigt, eigenständig Pflegebedarfe zu erkennen sowie Pflegemaßnahmen zu planen und durchzuführen. Dies gilt insbesondere auch für ärztlich veranlasste Maßnahmen (vgl. §5 (3) 2 PflBG). Besondere Beachtung wird der interdisziplinären Zusammenarbeit mit ande­ren Berufsgruppen zur Entwicklung und teamorientierten Umsetzung „individueller, multidisziplinäre(r) und berufsübergreifende(r) Lösungen bei Krankheitsbefunden und Pflegebedürftigkeit“ geschenkt (§5 (3) 3 PflBG).

Der Rahmenberufsordnung für professionell Pflegende folgend, die am 18.05.2004 vom Deutschen Pflegerat verabschiedet wurde, sind Pflegende dazu verpflichtet, „ihren Beruf entsprechend dem allgemein anerkannten Stand pflegewissenschaftli­cher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse auszu­üben“ (§2 (1) Deutscher Pflegerat e.V. 2004). Dies schließt auch die Pflicht zur Fort­bildung ein, „um ihre Qualifikation dem jeweils aktuellen Wissensstand anzupassen“. Sie tragen hierbei Sorge dafür, „dass sie ihre (...) berufsfachlichen Kompetenzen kontinuierlich weiterentwickeln“ (§3 (6) Deutscher Pflegerat e.V. 2004).

Gerade im Bereich der Intensivmedizin existieren vor dem Hintergrund haftungs­rechtlicher Verantwortung Befähigungsnachweise („Spritzenscheine“ - Anm. d. Verf.) für ärztlich delegierbare Tätigkeiten. Diese stellen eine organisatorische Mög­lichkeit dar, „die Qualifikation einzelner Pflegekräfte für bestimmte ärztlich delegier­bare Tätigkeiten formal festzulegen“ (Höfert, R. 2011, S. 52). Hierzu gehören laut Auslegung des Pflegeberufegesetzes unter anderem auch intravenöse Injektionen, das Legen von arteriellen Zugängen sowie damit verbundene vorbereitende Tätig­keiten. Eine Ausweitung auf die Entwöhnung vom Respirator mit anschließender Extubation wird nicht explizit genannt. In jedem Fall müsste der Arzt sich jeweils in­dividuell von der Qualifikation der jeweiligen Pflegeperson überzeugen und trägt die Anordnungsverantwortung; die Pflegeperson trägt die Durchführungsverantwortung (Höfert, R. 2011, S. 93). Die Übernahme solcher Tätigkeiten durch und auch deren Überantwortung an Pflegende ist potentiell nicht unproblematisch und oftmals haf­tungsrechtlich risikobehaftet. Dieser Umstand kann durch Standards und Dienstan­weisungen bzw. -vereinbarungen, die durch die Einrichtungen zu erarbeiten und zu verantworten sind, vereinfacht werden, um allen Beteiligten ein klares Procedere vorzugeben (vgl. Höfert, R. 2011, S. 93-94). Es besteht sogar die Möglichkeit der Vereinbarung einzel- oder kollektivvertraglicher direktionsrechterweiternder Klau­seln. Solche Delegationsdienstvereinbarungen wurden in den letzten Jahren bereits an verschiedenen Kliniken geschlossen (vgl. Achterfeld, C. 2014, S. 78-79).

3.1.3. Kompetenzen von Intensivpflegekräften

Das Arbeitsumfeld der Intensivmedizin ist ein Gebiet, in dem Ärzte und Pflegefach­kräfte eng miteinander vernetzt sind. Basierend auf der gemeinsamen Verantwor­tung für den Patienten entwickelte sich die Aufgabenteilung zwischen Arzt und Pfle­ge in den letzten Jahrzehnten nachhaltig (vgl. Wanka, K. 2005 und Ley, C. 2012).

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Fachpflegegeleitetes Weaning auf der Intensivstation in Deutschland. Rechtsgrundlagen und internationaler Vergleich
Note
1
Autor
Jahr
2022
Seiten
28
Katalognummer
V1264016
ISBN (Buch)
9783346708939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachpflege, Intensivpflege, Anästhesie, Fachweiterbildung, weaning, Extubation, beatmung, Fachpflegekompetenzen, Rechtsgrundlagen, Intensivstation, Intensivfachpflegekräfte, endotracheal, Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten, fachpflegegeleitetes Weaning, pflegeinduzierte Extubation
Arbeit zitieren
Johannes-Maximilian Brede (Autor:in), 2022, Fachpflegegeleitetes Weaning auf der Intensivstation in Deutschland. Rechtsgrundlagen und internationaler Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1264016

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