Zur Verwendung des internalistischen Realismus bei Martha C. Nussbaums Fähigkeitenansatz


Seminararbeit, 2004

10 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Nussbaums Fahigkeitenansatz - Abgrenzung gegenfiber dem Utilitarismus
1.1 Die Fahigkeitenliste
1.2 Rolle des internalistischen Realismus

2. Probleme bei der Verwendung des internalistischen Realismus
2.1 Auswahlkriterien
2.2 Rationalitatskriterien

3. Schlusswort

4. Literatur

1. Nussbaums Fahigkeitenansatz - Abgrenzung gegenfiber dem Utilitarismus

In ihrem Buch Gerechtigkeit oder das gute Leben prasentiert Martha Nussbaum den aristoteli-schen Ansatz fur eine Theorie der Verteilungsgerechtigkeit. In einem ersten Schritt prasentiert sie eine Beschreibung essentieller menschlicher Funktionen und in einem zweiten Schritt eine Liste menschlicher Fahigkeiten.[1] Ausgehend von der Liste menschlicher Fahigkeiten, lassen sich sowohl, ein menschliches als auch ein gutes menschliches Leben definieren. Nussbaum verbindet damit nach aristotelischem Vorbild Politik und Ethik in einer sogenannt "dicken" Konzeption des guten Lebens, welche vom Staat verlangt, die Voraussetzungen zur Forderung jener, ein gutes Leben konstituierenden Fahigkeiten zu schaffen. Die Bezeichnung "dicke Konzeption des Guten" riihrt von der von Martha Nussbaum vorgestellten expliziten Liste menschlicher Grundfahigkeiten, die bei einem Menschen ausgebildet sein milssen, um von ei-nem menschlichen Leben bzw. einem guten menschlichen Leben sprechen zu konnen. Nuss-baums Konzeption ist deshalb aristotelisch, weil sie besagt, class sich der Wert von Gatem erst aus deren Nutzen fur Tatigkeiten der Menschen ergibt.

Ihr Ansatz unterscheidet sich von der utilitaristischen Vorstellung, welche die Gleichvertei-lung einer Menge von Grundgiltem vorsieht, deren Wert sich aus individuellen Praferenzen und nicht aus einer Konzeption des Guten ergeben. Der Utilitarismus propagiert also lediglich die Maximierung des gesellschaftlichen Gesamtnutzens und beschrankt so die Verantwortung des Staates gegeniiber dem Individuum auf eine minimale Nachtwachterrolle, weshalb er auch als "diinne Konzeption" bezeichnet wird. Nussbaum verwirft aber nicht nur die utilitaristische Vorstellung, dass die blosse Bereitstellung von Grundgiltern zur Herstellung von Verteilungs-gerechtigkeit ausreiche, sondem sie rtickt vielmehr das Individuum via dessen Fahigkeiten ins Zentrum der Staatstatigkeit. Nicht mehr die Gesamtgesellschaft ist Adressat staatlicher Hand-lungen, sondern der einzelne Burger. Das bedeutet auch, dass das Wohl des einen nicht dem Wohl der vielen geopfert werden kann. Nicht der Gesamtnutzen einer Gesellschaft soil im Vordergrund stehen, sondern die Forderung individueller Fahigkeiten. Der Grad der Ausbil-dung dieser Fahigkeiten bei den Bargern wird zum Indikator der Leistungsfahigkeit staatlicher Institutionen und damit der Lebensqualitat innerhalb eines Staates. Der Fahigkeitenansatz zielt auf eine Neuformulierung von Entwicklungspolitik und richtet sich gegen die Messung der Lebensqualitat eines Landes anhand pauschaler Kennzahlen wie z.B. dem Pro-Kopf- Einkommen. Er spricht sich far die Forderung individueller menschlicher Fahigkeiten aus, welche langfristig zur Entwicklung beitragen und kurzfristig ein gutes Leben nach allgemein anerkannten humanen Bedingungen ermoglichen soil. Eine universelle Gliltigkeit (Universa-lismus) beziiglich essenzieller menschlicher Fahigkeiten (Essentialismus) soll somit Kontro-versen bezuglich Verteilungsgerechtigkeit verhindern und einer gerechteren Politikformulie-rung Raum machen. Wahrend der Utilitarismus es jedem Menschen selbst iiberlasst, das Bute menschliche Leben fur sich zu definieren, ist Nussbaums Konzeption eine substanzielle, in-haltliche Bestimmung desselben und kulminiert in einer von ihr skizzierten, bereits erwahnten Fahigkeitenliste.

1.1 Die Fahigkeitenliste

Der zentrale Teil von Nussbaums Fahigkeitenansatz ist die Fahigkeitenliste. Nussbaum unter-scheidet zwischen sogenannten G- und I-Fahigkeiten sowie E- Umstanden, wobei die I-Fahigkeiten dem inneren Potential zum Leben eines guten Lebens entsprechen, E-Umstande zur Entfaltung dieses Potentials notig sind und G-Fahigkeiten als Vorbedingung zur Entwick-lung von I-Fahigkeiten gelten. Unentwickelte G-Fahigkeiten werden demnach als menschli-che Grundbediirfnisse verstanden.[2] Der Staat hat nach Nussbaum die Voraussetzungen zu schaffen, G-Fahigkeiten auszubilden, I-Fahigkeiten in jungen Menschen zu fordern, in er-wachsenen Menschen zu erhalten, sowie E-Umstande zu schaffen und zu erhalten.[3] G-Fahigkeiten werden von Nussbaum explizit genannt und stellen die Fahigkeitenliste dar. Sie umfasst 10 Punkte welche ein menschliches Leben auszeichnen. Es sind dies: Die „Fahigkeit zu voller Lebensdauer", „zu Gesundheit", „zu angemessener Ernahrung und angemessenem Obdach", „zu sexueller Befriedigung" „zu Mobilitat", „zur Vermeidung sinnlosen Leidens und zum Genuss freudevoller Erfahrungen und erholsamer Tatigkeiten", „kognitive Fahigkei-ten", die „Fahigkeit zu Bindungen, vor allem zur Sozialen und nattirlichen Umwelt", „zu praktischer Vernunft" und die „Fahigkeit, sein eigenes Leben zu leben".[4] Der Anspruch auf globale Gilltigkeit eines Kriterienkatalogs ftir ein gutes Leben wirft sofort den kulturrelativi-stischen Vorwurf des Kulturimperialismus auf, des Sich-aufdrangens eigener Werte (Fahig-keitenliste) auf andere Kulturen und der Missachtung lokaler Traditionen. Nussbaum vertei- digt sich gegentiber diesem Vorwurf zweierlei, indem sie einerseits betont, dass die Fahigkei-tenliste stets einem interkulturellen Diskurs unterworfen bleibt und damit offen far Verande-rungen ist. Andererseits betont sie deren vagen Charakter, welcher sowohl plurale wie lokale Spezifikationen zulasst.[5]

Nussbaum konnte ihre Fahigkeitenliste durch metaphysischen Bezug auf einen sogenannten "archimedischen Punkt", also durch Berufung auf eine der Erfahrungswelt nicht eigenen Rea-litat und damit universal gilltigen Werten berufen, was sie jedoch ablehnt.

[...]


[1] Bobonich (1993) 74f.

[2] Miller (2003) 314

[3] Scherer (1993) 917

[4] Nussbaum (1995) 83ft

[5] Nussbaum (1992) 224

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zur Verwendung des internalistischen Realismus bei Martha C. Nussbaums Fähigkeitenansatz
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Martha Nussabum - Gerechtigkeit oder Das gute Leben
Autor
Jahr
2004
Seiten
10
Katalognummer
V126404
ISBN (eBook)
9783640323449
ISBN (Buch)
9783640321452
Dateigröße
1081 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martha Nussbaum, Internalistischer Realismus, Philosophie
Arbeit zitieren
Elena Holzheu (Autor), 2004, Zur Verwendung des internalistischen Realismus bei Martha C. Nussbaums Fähigkeitenansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126404

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