In meiner theoriegeleiteten Facharbeit werde ich mich daher mit der Hypothese: "Jeder Mensch ist unabhängig von kognitiven Fähigkeiten in der Lage, zu trauern, den Tod zu begreifen und das sollte ihm nicht vorenthalten werden." auseinandersetzen.
Ein differenziertes Fazit soll insbesondere sozialen Einrichtungen ein Appell zur Enttabuisierung des Themenkomplexes "Sterben, Tod und Trauer" sein und eventuelle Lösungsansätze zur Sensibilisierung in Hinblick auf die Arbeit, beziehungsweise den Umgang mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen und der Beschäftigung mit dem Lebensende aufzeigen.
Einleitend werde ich die Begriffe "Tod" und "Behinderung" in Hinblick auf ihre gesellschaftliche Tabuisierung erklären, um dann genauer auf ihren hier thematisierten Zusammenhang einzugehen und darüber das Motiv der Facharbeit deutlich zu machen.
Darauf wird eine umfangreichere Erörterung folgen, die, gestützt auf dem Stufenmodell der kognitiven Entwicklung nach Piaget und dem Todeskonzept nach Wittkowski, anhand von jeweils passenden Praxisbeispielen in Form von teilnehmenden Beobachtungen darlegen soll, dass Menschen verschiedenster kognitiver Fähigkeiten in der Lage sind, "Tod" wahrzunehmen und zu begreifen.
Zusätzlich möchte ich erörtern, inwieweit die eigene Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Tod und eventuell weitere Faktoren Mitarbeitende sozialer Einrichtungen und Angehörige zu der benannten Zurückhaltung gegenüber der Klientel bewegen. Darüber möchte ich unter anderem mit der Arbeit von Franke den individuellen sowie gesellschaftlichen Gewinn der weiteren Enttabuisierung begründen. Abschließend werde ich meine Erkenntnisse bezüglich des Veränderungsbedarfs in der Haltung zum Thema Tod in der sozialen Arbeit zusammenfassen und mögliche Lösungsansätze aufzeigen.
Schlussendlich soll die Facharbeit als Appell an den Leser und insbesondere an soziale Einrichtungen der Behindertenhilfe dienen, den persönlichen und professionellen Umgang mit dem Themenkomplex "Sterben, Tod und Trauer" zu hinterfragen und dazu einladen, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, um einen bewussteren Umgang zu erlangen und so Menschen mit kognitiven Einschränkungen gezielt und individuell auch am und in Hinblick auf das Lebensende unterstützen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Ausgangspunkt: Die Unterstellung des "Nichtverstehens"
2. Wenn "Tabus" sich treffen: Tod und Behinderung
2.1. Begriffserklärung in Hinblick auf gesellschaftliche Tabuisierung
2.2. Entwicklungstheorie und Todeskonzept: Von Piaget zu Wittkowski
2.2.1. Mögliche Verknüpfung beider Konzepte
2.3. Drei Praxisbeispiele: Menschen, die den Tod verstehen.
2.3.1. Der Tod eines Bruders
2.3.2. Die Trauer einer Tochter
2.3.3. Der Tod eines Vogels und die eigene Sterblichkeit
2.4. Die Hybris der Bewahrung
3. Das Ende - Ein Fazit
Zielsetzung & Themen der Facharbeit
Die Facharbeit untersucht die weit verbreitete Annahme in sozialen Einrichtungen, dass Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht dazu in der Lage seien, den Tod zu begreifen oder zu trauern. Ziel ist es, mittels theoretischer Konzepte und Praxisbeispiele aufzuzeigen, dass diese Menschen durchaus Kompetenzen zur Verarbeitung von Sterben und Tod besitzen und ihnen ein ehrlicher Umgang damit nicht vorenthalten werden sollte.
- Kritische Analyse der gesellschaftlichen Tabuisierung von Tod bei Menschen mit Behinderung
- Verknüpfung der kognitiven Entwicklungstheorien (Piaget) mit dem Todeskonzept (Wittkowski)
- Praktische Untersuchung der Trauerkompetenz anhand konkreter Fallanalysen
- Appell an soziale Einrichtungen zur Enttabuisierung und professionellen Begleitung in Sterbeprozessen
Auszug aus dem Buch
2.3.2. Die Trauer einer Tochter
Gemeinsam mit F., ihrer Tante und der Bestattungsfachkraft (Bfk) setze ich mich an einen runden Tisch im Büro des Bestattungshauses. Wir trinken Kaffee. F. wirkt traurig und niedergeschlagen. Sie nimmt kaum Blickkontakt auf und schweigt zunächst, während ihre Tante formale Daten mit der Bfk austauscht.
Als das Gespräch zur Planung der Trauerfeier kommt, beginnt die Bfk der Tante Fragen über die Bestattungsart, gewünschte Blumen, Musik, etc. zu stellen. Ich bemerke, dass F. angespannt wirkt, mich irritiert scheinend anblickt. Nach einem Moment interveniere ich und frage, ob F. selbst ein paar Ideen zur Trauerfeier hätte, ob ihre Mutter und sie vielleicht schon einmal darüber gesprochen haben. Bevor F. antworten kann, entgegnet die Tante: „Über so etwas spricht man doch nicht mit seiner behinderten Tochter, da bin ich mir aber ganz sicher.“ und will mit dem Gespräch fortfahren. Erneut unterbreche ich mit der Aussage, dass uns dies am besten F. selbst beantworten könne.
F. bejaht, ihre Mutter und sie hätten sich schon einmal darüber unterhalten und, dass sie ein paar Ideen dafür wüsste. Mit F.´s Kenntnis und ein paar ihrer eigenen Vorstellungen planen wir also die bevorstehende Trauerfeier, während nun die Tante schweigt und angespannter wirkt. Nachdem wir die nötigen Informationen festgehalten haben, fragt die Bfk beide noch einmal, ob sie mit der Planung zufrieden wären. F. bejaht die Frage und blickt ihre Tante an. Diese entgegnet mit verschränkten Armen: „Ich verstehe einfach nicht, wieso du überhaupt mitkommen willst. Das ist doch viel zu traurig.“ F. antwortet: „Es geht doch dabei um meine Mama. Ich möchte ihr auch Tschüss sagen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Ausgangspunkt: Die Unterstellung des "Nichtverstehens": Einleitung in die Problematik des Verschweigens der Todesthematik gegenüber Klientel in sozialen Einrichtungen aufgrund vermeintlicher Unfähigkeit zum Verständnis.
2. Wenn "Tabus" sich treffen: Tod und Behinderung: Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Tod und Behinderung sowie Darstellung von Entwicklungskonzepten, ergänzt durch Fallbeispiele zur Veranschaulichung der Trauerfähigkeit.
3. Das Ende - Ein Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse und Appell für eine offenere Haltung gegenüber Menschen mit kognitiven Einschränkungen in Bezug auf Sterben, Tod und Trauer.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Tod, Behinderung, Trauer, Todeskonzept, Enttabuisierung, Kognitive Einschränkungen, Jean Piaget, Joachim Wittkowski, Sterbebegleitung, Empowerment, Selbstbestimmung, Teilhabe, Hospizarbeit, Würde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Facharbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Hinterfragung des professionellen Umgangs der Sozialen Arbeit mit den Themen Sterben, Tod und Trauer gegenüber Menschen mit kognitiven Einschränkungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind gesellschaftliche Tabuisierung, kognitive Entwicklung in Bezug auf das Todeskonzept und die Notwendigkeit einer authentischen, ressourcenorientierten Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Menschen unabhängig von ihrem kognitiven Entwicklungsstand in der Lage sind, den Tod zu begreifen und zu trauern, und dass ihnen diese Erfahrung nicht durch vermeintliche Schonung vorenthalten werden darf.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoriegeleitete Herangehensweise, bei der die Entwicklungspsychologie nach Piaget und das Todeskonzept nach Wittkowski als theoretische Basis dienen und durch teilnehmende Beobachtungen in Praxisbeispielen untermauert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung, die theoretische Fundierung durch psychologische Modelle und eine detaillierte Analyse von drei Fallbeispielen, in denen Klienten ihre spezifische Auseinandersetzung mit dem Tod zeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Enttabuisierung, Todesverständnis bei kognitiver Behinderung, Selbstbestimmung im Lebensende und der professionelle Umgang mit Nähe und Distanz innerhalb der Sozialen Arbeit.
Wie reagieren die Personen aus den Praxisbeispielen auf eine konfrontative Kommunikation über den Tod?
Die Fallbeispiele zeigen, dass die Betroffenen durch eine offene und ehrliche Kommunikation – auch bei komplexen Themen – nicht etwa überfordert werden, sondern diese Informationen nutzen, um ihre eigene Trauer aktiv zu bewältigen.
Warum wird im Dokument das "Recht auf Nicht-Wissen" erwähnt?
Es dient als wichtige Relativierung der Forderung nach Aufklärung; wenn eine Person explizit signalisiert, sich nicht mit einem Verlust auseinandersetzen zu wollen, muss dies als individuelle Grenze respektiert werden.
- Arbeit zitieren
- Lea-Sophie Hirschfeld (Autor:in), 2022, Die Enttabuisierung der Themen Sterben, Tod und Trauer. Ein Appell an Einrichtungen der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1264195