Die Enttabuisierung der Themen Sterben, Tod und Trauer. Ein Appell an Einrichtungen der Sozialen Arbeit


Akademische Arbeit, 2022

27 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Ausgangspunkt: Die Unterstellung des "Nichtverstehens"

2. Wenn "Tabus" sich treffen: Tod und Behinderung
2.1. Begriffserklärung in Hinblick auf gesellschaftliche Tabuisierung
2.2. Entwicklungstheorie und Todeskonzept: Von Piaget zu Wittkowski
2.2.1. Mögliche Verknüpfung beider Konzepte
2.3. Drei Praxisbeispiele: Menschen, die den Tod verstehen.
2.3.1. Der Tod eines Bruders
2.3.2. Die Trauer einer Tochter
2.3.3. Der Tod eines Vogels und die eigene Sterblichkeit
2.4. Die Hybris der Bewahrung

3. Das Ende - Ein Fazit Verzeichnisse der Facharbeit

1. Der Ausgangspunkt: Die Unterstellung des "Nichtverstehens"

Durch meine bisherigen praktischen Arbeitserfahrungen im Hospiz, bei verschiedenen Bestattern und in der Arbeit mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen im stationären Wohnbereich bin ich mit teils sehr verschiedenen Arten des Umgangs mit dem Thema Tod seitens der Mitarbeitenden in Berührung gekommen. Ein Verhalten, das mich dabei vor allem immer wieder irritiert, ist das Verschweigen oder Leugnen der Todesthematik von Personal gegenüber Klientel, mit der Begründung, also Unterstellung, die betreffende Person könne dies nicht verstehen oder "verkraften". So werden nach meiner Erfahrung sowohl Todesfälle von Bezugspersonen, als auch die eigene Sterblichkeit oft nicht thematisiert. Eine solche Haltung führt scheinbar immer wieder zu Unaufgeklärtheit, Unmut und damit einer Barriere zur Selbstbestimmung in einer Thematik, die jedem Lebewesen so gewiss ist, wie keine andere.

In meiner theoriegeleiteten Facharbeit werde ich mich daher mit der Hypothese: ,,Jeder Mensch ist unabhängig von kognitiven Fähigkeiten in der Lage, zu trauern, den Tod zu begreifen und das sollte ihm nicht vorenthalten werden." auseinandersetzen.
Ein differenziertes Fazit soll insbesondere sozialen Einrichtungen ein Appell zur Enttabuisierung des Themenkomplexes "Sterben, Tod und Trauer" sein und eventuelle Lösungsansätze zur Sensibilisierung in Hinblick auf die Arbeit, beziehungsweise den Umgang mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen und der Beschäftigung mit dem Lebensende aufzeigen.

Einleitend werde ich die Begriffe "Tod" und "Behinderung" in Hinblick auf ihre gesellschaftliche Tabuisierung erklären, um dann genauer auf ihren hier thematisierten Zusammenhang einzugehen und darüber das Motiv der Facharbeit deutlich zu machen.

Darauf wird eine umfangreichere Erörterung folgen, die, gestützt auf dem Stufenmodell der kognitiven Entwicklung nach Piaget und dem Todeskonzept nach Wittkowski, anhand von jeweils passenden Praxisbeispielen in Form von teilnehmenden Beobachtungen darlegen soll, dass Menschen verschiedenster kognitiver Fähigkeiten in der Lage sind, "Tod" wahrzunehmen und zu begreifen. Zusätzlich möchte ich erörtern, inwieweit die eigene Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Tod und eventuell weitere Faktoren Mitarbeitende sozialer Einrichtungen und Angehörige zu der benannten Zurückhaltung gegenüber der Klientel bewegen (vgl. Neimeyer et al. 2003: 114-115). Darüber möchte ich unter anderem mit der Arbeit von Franke den individuellen sowie gesellschaftlichen Gewinn der weiteren Enttabuisierung begründen.

Abschließend werde ich meine Erkenntnisse bezüglich des Veränderungsbedarfs in der Haltung zum Thema Tod in der sozialen Arbeit zusammenfassen und mögliche Lösungsansätze aufzeigen.

Schlussendlich soll die Facharbeit als Appell an den Leser und insbesondere an soziale Einrichtungen der Behindertenhilfe dienen, den persönlichen und professionellen Umgang mit dem Themenkomplex "Sterben, Tod und Trauer" zu hinterfragen und dazu einladen, sich intensiver damit auseinanderzusetzen, um einen bewussteren Umgang zu erlangen und so Menschen mit kognitiven Einschränkungen gezielt und individuell auch am und in Hinblick auf das Lebensende unterstützen zu können.

Mein Anliegen ist es, eine willkommenere Haltung gegenüber dem Umgang mit dem Tod zu etablieren. Daher scheint mir zum Auftakt meiner Facharbeit Kübler-Ross (1975: 11) bekräftigend, wenn sie schreibt:

Der Tod ist nicht ein Feind, der überwunden werden muß, oder ein Gefängnis, aus dem man entfliehen muß. Er ist integraler Bestandteil unseres Lebens und verleiht der menschlichen Existenz Sinn. Er setzt unserer Lebenszeit eine Grenze und zwingt uns, etwas Produktives innerhalb dieser Zeit zu tun, solange wir sie noch nutzen können.

2. Wenn "Tabus" sich treffen: Tod und Behinderung

2.1. Begriffserklärung in Hinblick auf gesellschaftliche Tabuisierung

Zu Beginn möchte ich die Begrifflichkeiten "Tod" und "Behinderung" in Hinblick auf ihre gesellschaftliche Tabuisierung zusammengefasst erklären und in Kontext setzen.

Die Geschichte der Beziehung der westlichen Welt und dem Umgang mit dem Tod ist ambivalent und bewegt sich, immer abhängig von prägenden historischen Ereignissen, auf einem Spektrum zwischen Akzeptanz als Teil des Lebens und angstbehafteter Verdrängung.

Während es beispielsweise in vorangegangenen Jahrhunderten zur Norm gehörte, sich um Kranke sowie Verstorbene im eigenen häuslichen und familiären Umfeld zu kümmern, nahm dieser Umgang mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der Begründung und Etablierung des Bestatterberufes stark ab.

Dadurch, dass bewusste und intime Rituale somit "professionalisiert" wurden, entwickelte sich eine immer stärker zunehmende wortwörtliche Unheimlichkeit um die Todesthematik.

Die über das letzte Jahrhundert etablierte "Kultur des Schweigens" erlebt diesbezüglich jedoch seit wenigen Jahrzehnten einen emanzipatorischen Wandel (beispielsweise durch die "Hospizbewegung" der 1970er Jahre in den USA, bzw. 1990er Jahre in Deutschland oder das „Death Positive Movement“ in den USA (vgl. Gooden 2020), in dem eine Chance zu sehen ist, dass Menschen sich mit dem Themenkomplex "Sterben, Tod und Trauer" und darüber mit ihrer eigenen Sterblichkeit bewusster und dadurch ganzheitlicher auseinandersetzen (vgl. Bosch 2009: 24-25).

Da die Historie von Menschen mit Einschränkungen innerhalb dieser Facharbeit den Rahmen sprengen würde, möchte ich lediglich die Tabuisierung des Themas "Behinderung" mit dem Vorangegangenen insofern vergleichen, als vielen Menschen konkrete Einblicke in diesen Lebensbereich, beziehungsweise Personenkreis fehlen. Daraus kann ebenso eine Befangenheit im Gespräch über und in der Interaktion mit Menschen mit Einschränkungen entstehen, die oft von Vorurteilen gekennzeichnet ist.

Laut dem Soziologen Erving Goffman sei ,,eine Behinderung kein inhärentes Merkmal einer Person, sondern entsteh[e] erst aus sozialen Reaktionen wie Stigmatisierung und Tabuisierung." (Röhm und Ritterfeld 2020: 283).

Während ein herabwürdigendes Vorurteil (beispielsweise das Zuschreiben der Unfähigkeit, den Tod zu "begreifen") meist mit einem konkreten Merkmal einer Person verknüpft ist (beispielsweise eine kognitive Einschränkung), lässt sich das "Tabu" als unausgesprochene Selbstverständlichkeit betrachten, die kaum hinterfragt wird (vgl. Röhm und Ritterfeld 2020: 282).

Das Resultat von Stigmatisierung und Tabuisierung bedeutet so oft Barrieren in der Selbstbestimmung für Menschen mit Einschränkungen, die auf einen bestimmten Unterstützungsbedarf in ihrer Lebensführung angewiesen sind und denen dieses Thema verwehrt wird, wenn es um den Verlust von Angehörigen oder ihre eigene letzte Lebensphase geht.

Vor dem Hintergrund meiner Facharbeit zeigt sich also eine doppelte Herausforderung: der Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit kognitiven Einschränkungen sowie der Abbau von Hemmung gegenüber der Auseinandersetzung mit der Todesthematik.

2.2. Entwicklungstheorie und Todeskonzept:
Von Piaget zu Wittkowski

Nach diesem grundsätzlichen Einblick in die Thematik meiner Facharbeit werde ich nun als Überleitung zum Hauptteil die dafür verwendeten theoretischen Konzepte vorstellen.

Der schweizerische Biologe und Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) erarbeitete eine Kognitions-, beziehungsweise Erkenntnistheorie, die aus vier Phasen besteht, die jeweils aufeinander aufbauen. Diese Theorie gilt als eine der bekanntesten und am meisten angewandten in der Heilpädagogik (vgl. Thiemann 2014: 135).

Zum weiteren Verständnis der Entwicklungsphasen verweise ich auf das Buch Meine Theorie der geistigen Entwicklung (Piaget 1981).

Joachim Wittkowski (geb. 1945) ist ein deutscher Psychologe, der sich in Forschungs- und Lehrtätigkeit schwerpunktmäßig mit Entwicklungs- und Thanatopsychologie beschäftigt.

So legte er in seinem 1990 erschienenem Buch Psychologie des Todes bis dahin bekannte empirische Studien und Konzepte zum Verständnis von Tod dar, verglich sie miteinander und komprimierte diese auf ein aus vier Hauptdimensionen bestehendes "Todeskonzept" (vgl. Wittkowski 1990: 47-49).

Dieses ist laut ihm als ,,die Gesamtheit aller kognitiven Bewußtseinsinhalte (Begriffe, Vorstellungen, Bilder), die einem Kind oder einem Erwachsenen zur Beschreibung und Erklärung des Todes zur Verfügung stehen" zu verstehen und ,,beinhaltet eine kognitive [...] sowie eine emotionale Komponente" (Wittkowski 1990: 44).

In der folgenden Tabelle habe ich die vier Dimensionen kurz veranschaulicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Enttabuisierung der Themen Sterben, Tod und Trauer. Ein Appell an Einrichtungen der Sozialen Arbeit
Note
15
Autor
Jahr
2022
Seiten
27
Katalognummer
V1264195
ISBN (Buch)
9783346702562
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterben, Tod, Trauer, Piaget, Wittkowski, Heilerziehungspflege, Heilpädagogik, Sonderpädagogik, MmB
Arbeit zitieren
Lea-Sophie Hirschfeld (Autor:in), 2022, Die Enttabuisierung der Themen Sterben, Tod und Trauer. Ein Appell an Einrichtungen der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1264195

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