Zur Analyse von Geiselnahmen in Justizvollzugsanstalten (JVA)


Hausarbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung - Warum eine Analyse der Geiselnahmen in JVA?

2.) Darstellung verschiedener Fälle

3.) Arten der Geiselnahmen in JVA
3.1.) Der Einzeltäter
3.2.) Der Gruppentäter
3.3.) Die Meuterei

4.) Zusammengefasste Befunde
4.1.) Was wissenswert ist
4.2.) Theorien von Macht und Kontrolle

5.) Quellenverzeichnis

1.) Einleitung - Warum eine Analyse der Geiselnahmen in JVA?

Angaben des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein Westfalen (NRW) zufolge gab es in den Jahren 1991 bis 1998 in der Bundesrepublik Deutschland 37 Geiselnahmen im Bereich von Justizvollzugsanstalten (JVA), die Häufigkeiten schwankten diesen Daten nach zwischen drei und sieben Fällen jährlich (E. v. Groote, 2002, S.23).

Für das Bundesland Hessen hat der Diplom-Psychologe Wilfried Heinrich von 1989 bis 1999 Straftaten in Gefängnissen untersucht. Demnach gab es in diesen zehn Jahren elf Geiselnahmen in JVA allein in Hessen.

An dieser Stelle sei ein kurzes Zitat eingefügt, um klar zu stellen was das Wesen einer Geiselnahme ist und welche Aspekte für uns im Kontext unserer Fragestellung von Interesse sind:

è Geiselnahme, die dem -> Menschenraub ähnliche Überwältigung eines Menschen, um einen anderen zu einem bestimmten Verhalten zu nötigen; strafbar nach § 239b StGB. (Brockhaus, 1992, S. 303)

Dieses hier genannte bestimmte Verhalten soll die Erfüllung des Zieles des Geiselnehmers bewirken. Daher ist von besonderem Interesse zunächst sein zugrunde liegendes Motiv. Wiegel (1990) hat hier eine Tätertypologie erstellt, die vier verschieden Varianten von Geiselnehmern postuliert. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass diese Typologie stets das zugrunde liegende Motiv in den Vordergrund des Fokus stellt und dies als Abgrenzungskriterium nutzt, folgt auf ein Motiv doch oft auch die Handlungsweise. In den im Rahmen dieser Arbeit betrachteten Fällen kann stets das gleiche Motiv und Ziel unterstellt werden, das Freikommen aus dem Gefängnis. Aus diesem Grund hilft uns der Ansatz Wiegels an dieser Stelle leider nicht sonderlich weiter, sieht man einmal davon ab, dass politische Täter weiterführende Ziele haben könnten und psychopathische bzw. geistesgestörte Geiselnehmer sich einer klaren Kategorisierung entziehen; das Gros der Geiselnahmen in JVA wird sicher nicht von diesen Typen von Geiselnehmern initiiert.

Ausgehend von diesem postulierten Grundmotiv „Flucht“ werden in den folgenden Abschnitten zunächst Fälle verschiedener dokumentierter Geiselnahmen in JVA dargestellt (Abschnitt 2), anhand derer eine Unterteilung in drei Kategorien dieser Taten folgt. Hierbei zeigen sich drei Arten, die in Einzeltäter, Gruppentäter und Meuterei unterteilt werden (Abschnitt 3). In einem Versuch die gesammelten Daten zu bündeln wird letztlich die Frage gestellt, was für potentiell von dieser Art der Geiselnahme bedrohte Personen wissenswert wäre, dabei werden unter anderem einzelne, möglicherweise nützliche Theorien von Kontrolle und Macht angeführt (Abschnitt 4).

Nun zu der Frage zurück, die diesem Abschnitt ihren Namen gab: „Warum eine Analyse der Geiselnahmen in JVA?“ Als Ort der Sanktionierung und Freiheitsbeschränkung bringt ein Gefängnis spezifische Merkmale mit sich, in denen Gewalt zum Teil zum Alltag gehört, so notierte Heinrich in seinem Bericht über die JVA in Hessen innerhalb von 10 Jahren 1058 Fälle von Körperverletzungen, 17 Sexualdelikte und 3 Morde an Mithäftlingen. In einer solchen Atmosphäre kann es für die Angestellten des Justizsystems von großem Vorteil sein, sich möglicher Dynamiken während einer Geiselnahme bewusst zu sein, zu mal gerade sie die potentiellen Opfer sind.

2.0) Darstellung verschiedener Fälle

Im Folgenden sollen nun zunächst einige dokumentierte Fälle von Geiselnahmen in JVA dargestellt werden, welche allesamt von Männern begangen wurden, um mögliche spezifische Charakteristika für eine Unterscheidung feststellen zu können. Dabei sei darauf hingewiesen, dass alle Fälle in gekürzter, teilweise stark gekürzter Version vorliegen. Auch ist keine Gewährleistung der Vollständigkeit gegeben, was letztlich schlichtweg den Rahmen sprengen würde. So sollen die angeführten Beispiele der Klassifizierung in drei Arten der Geiselnahme ermöglichen. Fälle vor dem Jahre 1962 liegen vor, sind aber zunächst nicht eingeflossen, da sie alle vor dem zweiten Weltkrieg stattfanden. Hier gehe ich davon aus, dass ein Vergleich aufgrund sich zum Teile grundlegend geänderter Gesellschaften nicht sinnvoll ist.

2. Juli 1962, San Quentin/Kalifornien (USA): In der so genannten „Death Row“, dem Todestrakt, wo Häftlinge untergebracht sind, die auf ihre Hinrichtung warten, kommt es zu einem Ausbruchsversuch. Ein Beamter wurde niedergeschlagen. Mit seiner Dienstwaffe wird ein zweiter Beamter gefangen genommen. Die sich widersetzenden Beamten wurden mit dem Tode bedroht, jedoch am Leben gelassen, da sie als Geiseln dienen sollten. Im Telefonat mit der Gefängnisleitung stellt diese klar, dass ihr nicht erlaubt sei mit den Geiselnehmern zu verhandeln. Unter Einsatz von Tränengas werden die Täter zur Aufgabe gezwungen.

30. September 1970, Tegel: Einem 25-jähriger Mann gelingt es einem Kriminalbeamten dessen Dienstwaffe abzunehmen und ihn als Geisel zu nehmen. Er fordert die Zurückverlegung in eine Einzelzelle, Kontakt mit der Ehefrau und einen einmaligen Ausgang.

Der Anstaltspfarrer kann den Täter zur Aufgabe überreden, nachdem die Anstaltsleitung der Erfüllung der Forderungen zugesagt hat.

9. November 1970, Straubing: Drei Gefangene bringen mit Hilfe von in das Gefängnis geschmuggelten Pistolen den Werkstattmeister in ihre Gewalt und zwingen ihn die Türen zu öffnen. So gelangen sie bis zum Haupttor, wo sie von Justizbeamten angegriffen werden. Dabei fallen Schüsse, es wird aber niemand verletzt und die Täter werden überwältigt.

September 1971, Attica/New York (USA): Nachdem ein Häftling aufgrund eines Angriffs auf einen Wärter in die Arrestzelle gebracht werden soll, kommt es zur Meuterei. Es werden vier Zellenblocks von den Gefangenen gestürmt. Drei werden sofort wieder zurückerobert, einer verbleibt mit 38 Geiseln unter Kontrolle der Häftlinge. Im Rahmen der Verhandlungen bezeichnen sie sich als politische Gefangene und verlangen die Erfüllung von 32 Forderungen, unter anderem sofortige Amnestie, freies Geleit in nicht-imperialistische Länder und die Entlassung des Anstaltsleiters. 30 der Forderungen werden bewilligt, Amnestie und freies Geleit jedoch nicht. Schließlich wird vom Leiter der Anstalt mit Zustimmung des Gouverneurs und des damaligen Präsidenten Nixon der Sturm auf den Zellenblock beschlossen. Dabei sterben 42 Menschen, darunter 10 Geiseln.

1971, Kingston/Ontaria (Kanada): 500 Gefangene meutern, da sie die Verlegung in ein neueres, modernes Gefängnis, in welcher jede Zelle mit Fernsehüberwachung ausgestattet ist.

Es werden sechs Beamte als Geiseln genommen. Ein Bürgerkomitee verhandelt und kann die Freilassung eines Beamten erwirken. Ein Strafrechtsprofessor, der Mitglied dieses Komitees ist, kann alleine zu den 500 Insassen sprechen, worauf diese alle übrigen Geiseln freilassen und sich bedingungslos ergeben.

21. September 1971, Clairvaux/Aube (Frankreich): Die Meuterei in Attica war hier bekannt, so nehmen zwei Gefangene einen Aufseher und eine Krankenschwester gefangen und fordern freies Geleit, einen Wagen sowie 10.000 Franc und zwei Karabiner samt Munition. Zunächst werden bis auf die Waffen alle Forderungen erfüllt, darauf brechen die Verhandlungen aber ab. Eindringende Polizisten finden die Geiseln tot auf.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Analyse von Geiselnahmen in Justizvollzugsanstalten (JVA)
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Viktimologie
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V126456
ISBN (eBook)
9783640323685
ISBN (Buch)
9783640321643
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Geiselnahmen, Justizvollzugsanstalten
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Joachim Stöter (Autor), 2005, Zur Analyse von Geiselnahmen in Justizvollzugsanstalten (JVA), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126456

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