Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen Niederlausitz

Unterwegs bei Priebus und Sorau


Essay, 2008

9 Seiten


Leseprobe

Albrecht Neumann

Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen NiederlausitzPriebus und Sorau (3. Juni 2008)

Nach einer langen Anfahrt immer der Sonne entgegen ist der Morgen noch frisch, als ich zwischen Görlitz und Niesky in Horka erstmalig zum Stehen komme. Diese lange Ansiedlung setzte sich einstmals aus Ober-, Mittel- und Niederhorka zusammen und wurde un-längst sogar zum Schauplatz eines Ro-manes. Im Oberdorf lege ich Rast ge-genüber einem alten kleinen Schulge-bäude ein. Die Straßenerweiterung um das Kriegerdenkmal und zwei hochge-wachsene Eichen ruht noch im kühlen, frühsommerlichen Schatten der alten kirchlichen Wehranlage.

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Horka: Wehrkirche

Die hohe Zinnenmauer umschließt die Horkaer Dorfkirche komplett, aber die oberen Schichten des sorgsam gefügten Feldsteinringes sind von Auflösungser-scheinungen gezeichnet. Im geduckten Bogen der Tordurchfahrt flutet mir das Sonnenlicht des jungen Tages entgegen. Weiter drinnen tauchen die hohe, teils überwucherte Mauer und die großen alten Bäume die verborgenen Winkel des Kirchhofs mit ihren Grabsteinen in ein gedämpftes Morgenlicht. Es ist noch etwas von der alten Trutzigkeit zu ahnen, vom so wichtigen Schutz, den das stei-nerne Oval den Einwohnern früher ein-mal bot, und die alten Zeiten in der Lau­sitz müssen unsicher gewesen sein. Stämmige Mauern mit Tortürmen um die Kirche im Dorf werden mir heute immer wieder begegnen. Die Luft ist noch rein und mild, vom letzten Tau der Nacht durchfeuchtet. Es duftet leicht nach Heu. Nur wenn der Tag neu ist, liegt darin so eine Leichtigkeit und Unverbrauchtheit, die jedoch bald verfliegen wird. Noch kein Mensch scheint hier, etwas abseits, auf den Beinen zu sein, dafür machen sich Scharen von Mücken, denen es in den Niederungen an Schöps und Neiße prächtig zu gehen scheint, über mich her. Vor allem in den östlichen deutschen Gauen fielen seinerzeit zu „undeutsche“ Ortsnamen scharenweise einer groß ange-legten Germanisierungsaktion zum Op-fer. Horka, slawisch für „Hügel“, nannte man dann wenige Jahre lang zwar tref-fend, dennoch ohne Not, „Wehrkirch“.

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Rothenburg in der Oberlausitz

Am Güterbahnhof Horka vorbei, wo nach Kriegsende mancher Flüchtlingszug aus dem Osten hier den noch verbliebenen deutschen Boden erreichte, gelange ich mit einer späten Welle des Berufsver-kehrs nach Rothenburg, einst Kreisstadt in der 1815 schlesisch gewordenen Ober-lausitz. Nordwärts des weitläufigen Marktplatzes mit Kirche und Rathaus bestärkt mich schon die Priebuser Straße in meiner beabsichtigten Reiserichtung. Die Siedlungen werden kleiner und sel-tener, bis schließlich der Ostrand der Muskauer Heide erreicht ist, wo man vor dem Schießlärm der Bundeswehr warnt. Heute bleibt alles ruhig und ich rolle nach rechts hinab ins stille Neiße-tal, das verträumt in der Morgensonne daliegt. Groß sind hier die Ortsschilder, bisweilen sechszeilig beschrieben. In der Leipziger Gegend sind zwar ebenso große Schilder zu finden, nur erscheint dies hier schlüssiger, weil jede Angabe darauf zweisprachig erfolgt. Auch Klein Priebus wird auf Sorbisch als „Přibuzk“ ausgewiesen. Als letztes Dörfchen vor der polnischen Grenze liegt hart am lin-ken Neißeufer Podrosche, dessen slawi-scher Name von „unterwegs“, „auf Rei-sen“ her heute kaum besser passen könnte.

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Die Neiße-Aue bei Podrosche

Linkerhand ruht der Friedhof auf dem alten Burgwall oberhalb des Flussüber-gangs. Einschusslöcher an den Grabstät-ten sind stumme Zeugen der unglückli-chen Kämpfe vom Frühjahr 1945. In de-ren Vorgeschichte „taufte“ man auch diesen Ort um, nämlich in „Grenzkirch“. Es mutet wie ein düsterer Treppenwitz der Geschichte an, wie eine Ahnung: als hätten die eifrigen Namenserfinder von damals schon eine Handvoll Jahre frü-her jenes vorweggenommen, was sich alsbald einstellen sollte. Tatsächlich stand hier lange vordem eine evangeli- sche Grenzkirche, denn das gegenüber liegende Priebus gehörte zum schlesi-schen Herzogtum Sagan (heute śagań) und seine Kirche war, wie jetzt wieder, katholisch. Nur das Dorf Pechern, gut fünf Kilometer neißeabwärts, ist heute noch vom „alten“ Schlesien in Deutsch­land übrig. Den Norden und Osten der bis dato sächsischen Oberlausitz ringsum gliederte man erst 1815 in die preußische Provinz Schlesien ein.

Die Grenze ist inzwischen so offen wie nie, seitdem sie gezogen wurde. Auf der anderen Seite werden fortan zwei Wahr-nehmun]gen stets mitfahren: Vertrautheit und Fremde. Ähnliche Landschaft, be-kannte Baustile. Auf der alten Landkarte gewohnte Ortsnamen, fast wie zu Hause. Nach etwas Beschäftigung mit der polni-schen Phonetik erscheinen auch die heu-tigen Namen nicht mehr so rätselhaft, wenn man sie aussprechen kann. Polni-sche Neubauten, bunte Werbung, kitschi-ge Betonzäune und andere Nummern-schilder. Stets aufs neue erlebbare deut­sche Vergangenheit und sichtbare polni-sche Gegenwart. Wie zwei Folien, die man übereinander gelegt hat. Für viele weiter westlich scheint hier jedoch un-verändert die Welt zu enden; man weiß vor dem Grenzfluss noch von Fürst Pück-lers kunstvoll geformter Landschaft, ei-nem Saurierpark und den Umgebinde-häusern. Und die hübsche Altstadt von Görlitz gibt es. Danach ist Schluss, höchs-tens flott tanken und Zigaretten holen. Aber sonst: freiwillig fährt man nicht nach Polen! O doch – und ob!

[...]

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Details

Titel
Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen Niederlausitz
Untertitel
Unterwegs bei Priebus und Sorau
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V126479
ISBN (eBook)
9783640339235
Dateigröße
4025 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der vorliegende Text beschreibt eine Tagestour beiderseits der deutsch-polnischen Grenze. Im Mittelpunkt stehen Impressionen und Beobachtungen entlang einer historisch, baulich und landschaftlich interessanten Strecke beiderseits der Neiße. Oft erschließt sich ihr Wert erst auf den zweiten Blick. Seit 1945 Grenzgebiet, lädt die Region aber nun wieder zum Entdecken ein und soll Deutsche wie auch Polen zum Kennenlernen der jeweils anderen Seite ermuntern.
Schlagworte
Sommertag, Niederschlesien, Niederlausitz, Unterwegs, Priebus, Sorau
Arbeit zitieren
Albrecht Neumann (Autor:in), 2008, Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen Niederlausitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126479

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