E-Mail und Hypertext. Wie elektronische Medien Sprache und Kommunikation verändern


Term Paper (Advanced seminar), 2000
32 Pages, Grade: 2,1

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Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Alte und neue Medien

2. Bedeutungswandel von Schrift durch Multimedialisierung

3. Wortschatz

4. Medienbedingte Auswirkungen auf die Kommunikation im Netz
4.1. Unterschiedliche Kommunikationsformen in Computernetzwerken
4.2. Neue Kommunikationsverhältnisse und Textsorten
4.3. Veränderung des Stils und des Sprachgebrauchs
4.4. Neue Textdarstellungsformen

5. Textverständnis
5.1. Kohärenz und Kohäsion
5.2. Linearität
5.3. Emoticons

6. Die E-mail-Kommunikation (im Vergleich zum Brief)
6.1. Begriffsbestimmung
6.2. Motivation der Medienwahl
6.3. Merkmale

7. Hypertext
7.1. Begriffsbestimmung
7.2. Sprache verliert zunehmend an Bedeutung
7.3. Texte und Hypertexte – ein Vergleich

8. Schluss

0. Einleitung

Elektronische Medien treten nicht an die Stelle, sondern an die Seite der alten Medien, doch gewinnen zunehmend an Einfluss auf sie. Neben neuem Wortschatz bilden sich auch neue Kommunikationsformen und Sprechweisen heraus. Sowohl Produzent als auch Rezipient treffen auf neue Stilformen jenseits der Standardschriftsprache. Flexible Schreibmonologe, schriftliche Dialoge und Hypertexte bringen neue Textsorten hervor. Die Bedeutung der Sprache verändert sich, und immer mehr verschwimmen die hergebrachten Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie zwischen sprachlichen und nonverbalen (insbesondere bild- und tongestützten) Kommunikationsweisen. Dies soll am Beispiel der E-mail und des Hypertextes verdeutlicht werden.

1. Alte und neue Medien

Unterschiedliche Phasen in der Mediengeschichte

Oft werden drei Arten von Medien unterschieden, die technisch aufeinander aufbauen und deshalb in einer historischen Reihe stehen. Primäre Medien sind an den Körper gebundene Darstellungsmittel im direkten zwischenmenschlichen Kontakt, also insbesondere mündliche Rede, Gestik und Mimik. Bei sekundären Medien werden die wahrnehmbaren Zeichen durch einen technischen Vorgang hergestellt, vom Empfänger aber ohne ein technisches Gerät aufgenommen; dazu gehören vor allem Geschriebenes und Gedrucktes. Bei tertiären Medien bedürfen sowohl die Herstellung und Übertragung der Zeichen als auch ihr Empfang einer technischen Einrichtung; dazu gehören besonders Telefon, Fernschreiber, Fernkopierer, Film, Schallplatte, CD, Rundfunk, Fernsehen und alle jüngeren, also 'neuen' Medien (vgl. Hunziker 1988:16).

Dementsprechend teilt Faulstich (1994:29) die Mediengeschichte in drei große Phasen ein. Bis etwa 1500 dominierten "Primär- oder Mensch-Medien" in Kleingruppen. Von 1500 bis 1900 dominierten "Sekundär- oder Druck-Medien", zunächst als Individual-, später als Massenmedien. Während des gesamten 20. Jahrhunderts verlagerte sich die Dominanz auf die "Tertiär- oder elektronischen Medien". Ob seine prognostizierte vierte Phase mit der Dominanz von "Quartär- oder 'Substitutionsmedien'", die manchen Druckmedien ihre traditionellen Funktionen von Informationsspeicherung und -vermittlung nehmen würden, eine sinnvolle gleichgewichtige Einteilung bietet, bleibt abzuwarten. Jedenfalls befinden wir uns derzeit in einer Zeit massenhafter Ausbreitung elektronischer Medien aller Art.

Verhältnis alter und neuer Medien zueinander

Wie verhalten sich nun die verschiedenen Medien zueinander? Entgegen mancher Vorurteile verdrängen die neuen die alten nicht einfach, sondern sie erweitern zunächst die kommunikative Vielfalt der Gesellschaft. Elektronische Post (E-mail) in einem Unternehmen zum Beispiel ersetzt weder die mündliche noch die telefonische noch die traditionelle schriftliche, sondern sie intensiviert die gesamte Kommunikation. Faulstich (1994:29) beobachtet an der Mediengeschichte...

"...dass bislang noch kein Medium von einem anderen überflüssig gemacht oder verdrängt worden wäre. Allerdings hat jedes der neu entstehenden Medien einen Funktionswandel bei bereits bestehenden Medien zur Folge gehabt."

In gleichem Sinne meint Schanze (1988:82), dass sich...

"...bei Hinzutritt eines 'Neuen Mediums' das Kommunikationssystem als Ganzes..."

ändere.

2. Bedeutungswandel von Schrift durch Multimedialisierung

In neuen Medien verändern Menschen allgemein ihre Sprache, bzw. diese wird neu verteilt. Schrift verliert ihre nur wenige Jahrhunderte währende Hegemonie als kulturprägendes Medium. Denn Massenmedien förderten im Laufe der Zeit nicht nur Schrift, sondern zunehmend auch bild-, wort- und tongetragene Formen gesellschaftlicher Verständigung. Heutzutage entstehen medial immer komplexere Zeichengebilde und Schrift wandert mehr und mehr in multimediale Kontexte ein. Dabei weicht die äußere Abgeschlossenheit und innere Ganzheit, zu der rein schriftliche Texte neigen, immer offeneren semiotischen Gebilden. Mit Computern wird dieser Trend zur Multimedialisierung und in der Folge auch Fragmentarisierung noch intensiviert. Immer flüchtigere Produktion von Texten führt dazu, dass Menschen entweder nur noch blindlings zappen oder neue Kommunikationsweisen entwickeln müssen.

Geht man von letzterem aus, gehört dazu u.a. widerständiges Lesen, Selbstdisziplinierung zur Langsamkeit und Pflege alter Medien.

Denkt man an die besondere Leistungsfähigkeit von Bild und Ton, kann Schrift aber auch über sich hinauswachsen und zusammen mit ihnen neue Qualitäten entwickeln. Anders als in Massenmedien nämlich können mit Computern sämtliche herkömmlichen Kommunikationsweisen außer dem persönlich unmittelbaren Gespräch in einem Medium zusammengeführt werden. Dies hat gänzlich neue Kommunikationsweisen und Textsorten zur Folge. Insbesondere fällt die Grenze zwischen Individual- und Massenkommunikation, und die strikte Unterscheidung zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation löst sich tendenziell auf. Doch nicht nur Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern auch Verbalität und Nonverbalität gehen ineinander über. Das ergibt sich zunächst aus der körperlichen Abwesenheit des Partners (wie bei der Schrift) trotz synchroner Kommunikation (wie beim mündlichen Gespräch). Stärker als beim Telefon und beim handschriftlichen Brief fehlen in computervermittelter Kommunikation nicht nur optische bzw. akustische, sondern gänzlich alle nonverbalen Signale persönlicher Kommunikation. Also erfindet man dafür neue Zeichen. So signalisieren vier Fragezeichen, wie wir das vielleicht aus der Comicsprache kennen, stutzendes Unverständnis. Seit Anfang der achtziger Jahre hat die Computerkommunikationsgemeinschaft auch eigene Logos zur typographischen Darstellung nonverbaler Signale entwickelt. Mit sogenannten Emoticons werden Aussehen, Verhalten, Haltungen, persönliche Wertungen und Emotionen ikonisch dargestellt; so bedeutet beispielsweise :-( (um 90 Grad gedreht zu lesen) soviel wie "traurig". Auf diese Emoticons werde ich später noch genauer eingehen.

Computer erlauben vielfältige neuartige, flexible, interaktive, individuelle Benutzungsformen, die noch längst nicht ausgereizt sind. Auch mit Schrift kann neu experimentiert und gebastelt werden.

Mit multimedialen elektronischen Zeichengebilden haben wir noch kaum Erfahrung. Vom Produzenten verlangen sie ungewohnte Ausdrucksformen, neue Organisation von Texten und eine bewegliche Grammatik komplexer Zeichen. Dem Leser werden ungewohnte Rezeptionsformen abverlangt; er schwankt zwischen Zappen, Basteln und Entdecken. Neu ist auch der schnelle Rollenwechsel zwischen Sender und Empfänger. Das kennen wir aus mündlichen Gesprächen, nicht aber aus schriftlichen oder gar massenmedialen Umgebungen.

3. Wortschatz

Am einfachsten zu beschreiben ist der Wortschatz, der sich an neue technische Entwicklungen knüpft. Neue Techniken bringen stets auch neue Wörter und Wendungen mit sich. Neue Wörter bezeichnen neue Geräte und Vorgänge und kommen wie diese auch im Alltag oft vor. Meist sind diese Wörter aus dem Englischen, was sich leicht mit der Herkunft der Netzkommunikation erklären lässt (Lehnübersetzungen: Maus, Menü; Internationalismen: Computer, Laptop; Abkürzungen: CD, ISDN). Dass sich diese Begriffe aber auch im deutschsprachigen Raum halten, ist zum Teil mit Sprachökonomie zu begründen. So bedeutet das englische Wort 'pollen' 'einen Netzanruf durchführen' oder 'E-Mail' 'elektronische Post'. Trotzdem ist mit der Entstehung der deutschen Netze auch eine Emanzipation vom Englischen zu erkennen. So wird für den Begriff 'Net' 'Netz' verwendet oder - speziell im CL-Netz - für den Begriff 'Newsgroup' (Bezeichnung im Internet) der Begriff 'Brett'. Weiterhin sind in dem Zusammenhang Entwicklungen im Netzjargon zu beobachten. So sagt jemand, wenn er eine Nachricht in ein Brett schickt: "Ich werde das demnächst mal ins Brett stellen." Diese Verwendung deutet darauf hin, dass der Begriff 'Brett' semantisch nichts mehr mit dem 'Schwarzen Brett' zu tun hat, denn dann müsste es ja 'hängen' heißen, sondern dass sich hier eigenständige Formen entwickeln, die mit der realen Welt nichts mehr zu tun haben. Neben diesen Entwicklungen zeichnen sich Zwischenstufen ab: Gerade bei den Verben, die aus dem Englischen kommen, arbeiten die Netznutzer häufig mit der Halbeindeutschung, indem sie die Verben mit deutschen Konjugationsendungen versehen oder Komposita aus deutschen und englischen Bestandteilen bilden. Beispiele: gepostet; spoole; gepostete; posten; Eilmail;

4. Medienbedingte Auswirkungen auf die Kommunikation im Netz

4.1. Unterschiedliche Kommunikationsformen in Computernetzwerken

Grundsätzlich kann die Kommunikation innerhalb der Computernetzwerke nach zwei Kriterien eingeteilt werden: Nach Anzahl der beteiligten Personen unterscheidet man zwischen bi- und multilateraler Kommunikation. Nach den Zeitverhältnissen wird zwischen zeitgleicher (synchroner) und zeitversetzter (asynchroner) Kommunikation unterschieden.

Bei der bilateralen synchronen Kommunikation, dem Chatten, unterhalten sich zwei Gesprächsteilnehmer miteinander. Die Forschungsgruppe Wetzstein (1994) vergleicht diese Form der Kommunikation mit dem Telefongespräch, welches ebenfalls interpersonalen Austausch unter Abwesenden ermöglicht.

Wird die Kommunikation auf mehrere Gesprächsteilnehmer erweitert, spricht man vom Multi-User-Chat. Das Internet Relay Chat (IRC) ermöglicht auf dieser Ebene sogar globale Computer-Konferenzen.

Die zeitversetzte Kommunikation zwischen zwei Partnern wird Private Mail genannt. Dabei verfasst der Absender eine Nachricht, die über ein Netzwerk in den Briefkasten (Mailbox) des Adressaten gelangt. Nach Eingabe eines persönlichen Passwortes kann dieser daraufhin die eingegangene Post - geordnet nach Absender, Datum oder Thema - sichten. Als zeitversetzte bilaterale Kommunikationsform ist die Private Mail wohl am ehesten mit herkömmlichen Briefen oder Faxen zu vergleichen.

News Boards bieten die Möglichkeit eines asynchronen Austausches zwischen mehreren Teilnehmern. Die Anwender aller angeschlossenen Rechner können hierbei alle verfassten Texte (News) lesen und auch selber Nachrichten schreiben. Auf Bulletin Boards sind die News nach Themenbereichen geordnet. Die Palette der Themen ist in den letzten Jahren stark gewachsen und umfasst nun nicht mehr - wie anfänglich - nur technische oder computerbedingte Themen.

In der vorliegenden Arbeit soll an späterer Stelle allerdings nur auf die private oder E-mail eingegangen und zur gleichen Zeit mit konventionellen Briefen verglichen werden.

4.2. Neue Kommunikationsverhältnisse und Textsorten

Neue Medien verlangen aber nicht nur, wie alle Techniken, neue Wörter und Wortbedeutungen. Sie tragen ja Kommunikation selbst, und deshalb ziehen sie auch neue Kommunikationsformen und Sprechweisen nach sich. Dort, wo sie Massenmedien sind, setzen sie Einflüsse von Massenmedien auf die Gegenwartssprache intensiver fort. Dort, wo sie wechselseitiger Kommunikation dienen, erzeugen sie neuartige Kommunikationsverhältnisse und Textsorten.

Betrachten wir an einem Beispiel, wie neue Medien neue Kommunikationsverhältnisse schaffen. Kiesler/Siegel/McGuire (1984) untersuchen sozialpsychologische Aspekte computervermittelter Kommunikation in Netzwerken, also z. B. in elektronischen Konferenzen oder per E-mail. Dabei zeigt sich, wie in derartigem elektronischen Austausch einige typische Elemente mündlicher bzw. schriftlicher Kommunikation eine charakteristische Mischung mit bisher ungekannten Kommunikationsweisen eingehen: Die Geschwindigkeit bis hin zur Gleichzeitigkeit kennt man sonst nur aus mündlichen Gesprächen. Sie kann die Erwartung erzeugen, dass unmittelbar geantwortet werde, obwohl ja, wie stets in schriftlicher Kommunikation, fast jegliche Art von nonverbalem Feedback fehlt und Computerkommunikation deshalb dramaturgisch sehr schwach ist. Überhaupt gibt es sehr wenig Möglichkeiten, Bedeutungsnuancen und situationsabhängige Feinheiten auszudrücken. Deshalb wirkt elektronische Kommunikation unpersönlich. Die Software für elektronische Kommunikation ist blind für soziale Hierarchien. Demnach ermöglichen Computernetze dehierarchisierte Kommunikationsformen in dem Sinne, dass alle Beteiligten gleichberechtigt an einem öffentlichen Diskurs teilnehmen können. Untersuchungsergebnisse der Trierer Forschungsgruppe Wetzstein (1994) haben folgendes gezeigt:

"Bestehende soziale Ungleichheiten können nivelliert werden, wenn die Teilnehmer beim Eintritt in die virtuelle Netzsphäre wesentliche Merkmale ihrer Identitätsausrüstung 'abgeben'. Individuelle Rollen- und Persönlichkeitsmerkmale, wie z. B. Alter, Geschlecht, Schicht, Gruppenzugehörigkeit, Aussehen, Kleidung entfallen und werden auf eine elektronische Netzanschrift reduziert. Des weiteren erlauben die interaktiven Möglichkeiten der Netze, die sich in der Möglichkeit des direkten Zugriffs auf das mediale Geschehen zeigen, prinzipiell gleiche Partizipationschancen für alle Teilnehmer." (Wetzstein 1994, S. 284)

Traditionelle Arbeitszeiten und Grenzen zwischen beruflicher und privater Kommunikation lösen sich tendenziell auf.

4.3. Veränderung des Stils und des Sprachgebrauchs

In der Kommunikation mit Computern kommt es zwecks Ökonomie und Präzision meist zu einer sparsamen Kürze des Ausdrucks, aus der sich oft elliptische und schematische Formen ergeben, die sich unter Umständen auch präzisierend oder restringierend auf den Inhalt auswirken können. Mathiassen/Andersen (1986) zeigen am Beispiel von Krankenschwestern, wie die Einführung von Computern in den beruflichen Alltag professionelle Sprechweisen erheblich verändern kann. In dem untersuchten Fall werden u.a. die Ausdrücke strikter formularisiert und damit normiert und weniger feinkörnig; die patientenbezogene Information entfernt sich mehr von persönlicher Erfahrung und orientiert sich stärker an fester definierten Standardformulierungen.

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Details

Title
E-Mail und Hypertext. Wie elektronische Medien Sprache und Kommunikation verändern
College
Saarland University  (Dolmetscher Institut)
Course
Sprache im Internet
Grade
2,1
Author
Year
2000
Pages
32
Catalog Number
V12651
ISBN (eBook)
9783638184793
ISBN (Book)
9783638642538
File size
580 KB
Language
German
Tags
Auswirkungen, Medien, Sprache, Kommunikation, Internet
Quote paper
Shirley Bieg (Author), 2000, E-Mail und Hypertext. Wie elektronische Medien Sprache und Kommunikation verändern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12651

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