Drehte es sich in der DDR nur um Überwachung? Die DDR und ihre Sozialpolitik wird meist direkt mit einem Stasi-Regime und starker Überwachung assoziiert. Dadurch liegt eine Verknüpfung von Computern in der DDR mit einer Kontrollfunktion im Rahmen der Computerisierung nahe. Obwohl Computer zu den relevantesten, gesellschaftlichen Veränderungen in der jüngsten globalen Zeitgeschichte zählen, sind soziale Praktiken im Kontext der Computerisierung zeithistorisch noch wenig erforscht. Daher soll diese Forschungsarbeit über den Überwachungsframe hinaus die Rolle von Computern in der DDR untersuchen und kritisch reflektieren.
Computerisierung impliziert ein Wechselverhältnis von gesellschaftlicher und technischer Entwicklung, das insbesondere in der DDR ein spannendes Forschungsfeld darstellt. Da in der bisherigen Literatur Computer primär im Kontext von Überwachung und Kontrolle auftreten, ist es relevant, einen Teil des Computerdiskurses der 1980er Jahre aufzufangen und zu untersuchen. Dabei bieten sich Computerbilder in Zeitungen an, um die Bilderwelten und die dargestellten gesellschaftlichen Kontexte zu erschließen. Einerseits sind diese Bilderwelten inszeniert, andererseits spiegeln sie die gesellschaftliche Vorstellung des Einsatzes von Computern sowie deren Funktionalitäten von sozialen Praktiken wider. Diese sozialen Praktiken werden in Bildern etabliert und bieten sich demnach als Untersuchungsmaterial an.
Zunächst sollen die Facetten und die damit einhergehende Vielfalt der Computerbilder explorativ untersucht werden. Darüber hinaus soll die gesellschaftliche Vorstellung der Rolle des Computers innerhalb der Bilder abgeleitet werden. Abschließend erfolgt die Analyse, inwiefern Computer in den Alltag und die Lebenswelt der DDR-Bürger eingebettet sind, um darauf aufbauend Schlüsse über die Rolle von Computern in der DDR ziehen zu können.
Für das geschilderte Forschungsinteresse wird ein Methodenmix aus qualitativer Bildanalyse und qualitativer Themenanalyse genutzt. Es sollen sowohl die visuellen Auffälligkeiten sowie Themen, welche die Bilder widerspiegeln, erhoben werden. Daraus ergibt sich eine hermeneutisch-visuelle Analyse der Computerbilder in der DDR, die auf unterschiedlichen Ebenen die Rolle der Computer untersucht. Im Fokus steht die Darstellung der Rolle der Computer in der DDR. Die forschungsleitende Frage dieser Studie lautet wie folgt: Welche gesellschaftliche Rolle spielte der Computer in der DDR?
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Die Sozialpolitik der DDR
2.2 Verhältnis von Ost- und Westdeutschland im Kontext der Computerisierung
2.3 Herleitung der Forschungsfragen
3. Methodisches Vorgehen
3.1 Sample
3.2 Die Themenanalyse
3.3 Die Bildanalyse
4. Ergebnisse und Diskussion
4.1. Ergebnisse der Themenanalyse
4.2 Ergebnisse der Bildanalyse
5. Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht explorativ, welche gesellschaftliche Rolle Computer in der DDR ab den 1980er Jahren spielten und wie diese sowie deren Nutzer medial in Zeitungsberichten dargestellt wurden, um über den dominierenden Überwachungsdiskurs hinauszublicken.
- Erforschung der gesellschaftlichen Bedeutung des Computers in der DDR.
- Analyse der visuellen Darstellung von Computern und deren Nutzern in Pressemedien.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen technischer Entwicklung und gesellschaftlichen Praktiken.
- Methodische Kombination aus qualitativer Themenanalyse und visueller Semiotik nach Barthes.
- Kritische Reflexion der Rolle des Computers als Wirtschaftsbeschleuniger gegenüber dem Überwachungsframe.
Auszug aus dem Buch
2.2 Verhältnis von Ost- und Westdeutschland im Kontext der Computerisierung
Während sich Westdeutschland im Rahmen der Computerisierung stark an den USA und Japan orientierte, richtete sich die DDR erst ab den 1980er Jahren in ihrer Entwicklung nach dem Westen (Danyel & Schuhmann, 2015). Daher fand auch ein indirekter Einfluss der USA, die als digitale Übermacht galt, auf die DDR statt (Bösch, 2018). Allerdings wollte die DDR ursprünglich eine eigene Entwicklung hinsichtlich ihrer Computer etablieren, weswegen der Mathematik-Professor Nikolaus Joachim Lehman der TU Dresden die Idee eines individuellen Schreibtischrechners entwickelte (Ebert, 2015). Jedoch blieb der Bedarf eines Bürocomputers auf politischer Ebene aus, sodass gegen Ende der 1960er Jahre die Investitionen in Computer- und Mikroelektronik gekürzt und die eigene Entwicklung nicht vorangetrieben wurde (Ebert, 2015).
In den 1980er Jahren entstand schließlich der Druck, die acht bis zehn Jahre Verspätung hinsichtlich der Computerentwicklung zu dem Westen aufzuholen (Bösch, 2018). Insbesondere der Kalte Krieg und die Globalisierung sind Einflussfaktoren, die als Erklärung für die unterschiedliche Entwicklung von West- und Ostdeutschland herangezogen werden können. So führte die digitale Unterlegenheit der Ostdeutschen zu einer Anpassung der DDR an der BRD (Danyel & Schuhmann, 2015). Daraus resultierte ab 1984, dass Digitalisierung sowie Computerisierung als Prestigeziel der DDR galten (Ebert, 2015).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Die Arbeit hinterfragt die einseitige Assoziation von Computern in der DDR mit Überwachung und leitet daraus die Notwendigkeit einer breiteren Untersuchung ab.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die sozialpolitischen Rahmenbedingungen der DDR und die computertechnische Entwicklung im Vergleich zur Bundesrepublik.
3. Methodisches Vorgehen: Hier werden die qualitative Themenanalyse und die Bildanalyse nach Barthes als Instrumente zur Auswertung von 86 Zeitungsartikeln eingeführt.
4. Ergebnisse und Diskussion: Die Analyse zeigt, dass der Computer in der Berichterstattung primär als wirtschaftlicher Beschleuniger und Bildungsinstrument dargestellt wurde, statt als Kontrollwerkzeug.
5. Reflexion: Der Autor ordnet die Ergebnisse kritisch ein, erkennt die Einschränkungen durch die Materialauswahl (Neues Deutschland) an und weist auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten hin.
Schlüsselwörter
DDR, Computerisierung, Sozialgeschichte, Medienanalyse, Themenanalyse, Bildanalyse, Wirtschaft, Bildung, Technik, Neue Technologien, Neues Deutschland, digitale Moderne, Propaganda, Überwachung, Gesellschaftspraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Forschungsarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle des Computers in der DDR anhand einer explorativen Analyse von Zeitungsbildern aus der Zeitung "Neues Deutschland".
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Untersuchung konzentriert sich auf gesellschaftliche Teilbereiche wie Wirtschaft, Bildung, Technik und die mediale Inszenierung von Nutzern im Kontext der Computerisierung der 1980er Jahre.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den einseitigen Überwachungsfokus in der Forschung zur DDR-Computergeschichte zu erweitern und die tatsächliche, breit gefächerte Nutzung sowie Bedeutung von Computern im DDR-Alltag aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Autorin oder der Autor nutzt einen Methodenmix bestehend aus einer qualitativen Themenanalyse nach Froschauer und Lueger sowie einer visuellen Bildanalyse nach Barthes.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Hintergründe zur DDR-Sozialpolitik als auch die Ergebnisse der systematischen Auswertung von Zeitungsartikeln zu wirtschaftlichen und bildungstechnischen Aspekten der Computerisierung dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte sind DDR, Computerisierung, Medienanalyse, Wirtschaft und Sozialgeschichte.
Welche Rolle spielt die Zeitung "Neues Deutschland" für die Studie?
Sie dient als Primärquelle, aus der 86 Artikel für die Vollerhebung generiert wurden, was jedoch auch eine Limitation der Studie hinsichtlich der Repräsentativität darstellt.
Warum wird der Begriff "Wirtschaftsbeschleuniger" in der Analyse verwendet?
Der Begriff beschreibt die mediale Inszenierung des Computers als technisches Hilfsmittel, das dazu beitragen sollte, den wirtschaftlichen Rückstand der DDR zur BRD aufzuholen.
- Quote paper
- Adriana Henke (Author), 2020, Die gesellschaftliche Rolle der Computer in der DDR und ihre mediale Darstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1265489