Gerd Langguth, Staatssekretär a.D., beklagt in einem politikwissenschaftlichen Aufsatz, Deutschland leide unter einem Reformstau. Den Grund hierfür sieht er darin, dass „kaum ein anderes demokratisches Land (..) durch ein so verfeinertes System von "checks and balances", von Machtteilung, Machtverschränkung, aber auch Machtferne definiert (ist) wie das deutsche, in dem kraftvolles Regieren aufgrund unterschiedlichster, jedoch parallel wirkender Einflusssphären erschwert wird.“
Eine wichtige Rolle bei der Machtteilung nimmt der Bundesrat ein. Deshalb steht er oft im Mittelpunkt des Interesses, wenn das Blockadepotenzial innerhalb der deutschen Politik untersucht wird.
Im Rahmen dieser Hausarbeit soll untersucht werden, inwieweit es sich beim Bundesrat um ein Blockadeinstrument der Politik handelt.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Bundesrat in der Gesetzgebung
3. Funktion des Bundesrates
4. Der Bundesrat als Vetospieler in der Politikwissenschaft
5. Das Blockadeverhalten unter parteipolitisch und nicht-parteipolitisch bestimmten Gesichtspunkten
5.1. Nicht-parteipolitisch bestimmte Politik des Bundesrates
5.1.1. Der Bundesrat und die Europäische Union
5.1.2. Der Bundesrat als Vertreter heterogener Landesinteressen
5.2. Parteipolitisch bestimmte Einflussnahme des Bundesrates
5.2.1. Regierungsmehrheit im Bundesrat
5.2.2. Unklare Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat
5.2.3. Oppositionsmehrheit im Bundesrat
6. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Fragestellung, inwieweit der Bundesrat als ein Blockadeinstrument der Politik fungiert. Dabei wird analysiert, ob und unter welchen Bedingungen die Institution für parteipolitische Auseinandersetzungen instrumentalisiert wird oder ob sie primär ihre verfassungsrechtlich verankerten Aufgaben zur Interessenvertretung der Länder wahrnimmt.
- Rolle des Bundesrates im Gesetzgebungsverfahren (Zustimmungs- vs. Einspruchsgesetze)
- Differenzierung zwischen parteipolitisch und nicht-parteipolitisch motiviertem Handeln
- Die Funktion des Bundesrates als Vetospieler im politischen System
- Der Einfluss von Mehrheitskonstellationen (Regierungs-, Oppositions- und gemischte Mehrheiten)
- Die Bedeutung der "Landesfürsten" und länderspezifischer Interessen gegenüber der Parteidisziplin
Auszug aus dem Buch
5.1.1. Der Bundesrat und die Europäische Union
Genau wie der Bundestag ist auch der Bundesrat von der „Europäisierung der nationalen Politik“ betroffen. Denn dadurch ist nicht nur die Stellung der nationalstaatlichen Regierungen relativiert worden, sondern auch die des Bundesrates. Bei der Gesetzgebung der EU verfügt er nur bedingt über Möglichkeiten der politischen Einflussnahme. Die Bundesländer sind nicht direkt am Brüssler Ratstisch vertreten, wenn dort europäische Politik gestaltet wird.
Sie versuchen auf die EU-Politik einzuwirken, indem sie Vertretungen in Brüssel unterhalten und in manchen Belangen Stellungnahmen direkt an die Kommission richten, anstatt diese als Stellungnahmen über die Bundesregierung in den Prozess der politischen Willensbildung einfließen zu lassen. Dies ist z.B. bei Fragen der „Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips“, also der Kompetenzverteilung zwischen EU und nationaler Politik, der Fall.
Direkte Einflussmöglichkeit haben die Länder jedoch, wenn es auf EU-Ebene um ihre Kernkompetenzen geht, nämlich u.a. Schule und Hochschulpolitik. Hierbei sind die Bundesländer sogar per Grundgesetz befugt, bei der Arbeit des Rates der EU mitzuwirken.
Berücksichtigt man, dass die Länder in Fragen ihrer Kernkompetenzen auf EU-Ebene mitbestimmen dürfen, sie dies aber geschlossen tun müssen, so zeigt sich, dass zumindest in der Beziehung „nach außen“, also mit der EU, parteipolitische Interessen hintenangestellt werden müssen, um als politische Kraft auf EU-Ebene mitwirken zu können. Diese Harmonisierung und Koordinierung der Länderinteressen findet im Europaausschuss des Bundesrates statt. Daraus lässt sich schließen, dass in diesem Verhältnis gegenüber der EU eher länderspezifische Interessen die Entscheidungen des Bundesrates dominieren. Im Verhältnis zur EU kann somit von einem Blockadeinstrument nicht die Rede sein, da der Bundesrat hier lediglich seine ureigenen Interessen wahrnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Fragestellung des Reformstaus und der Rolle des Bundesrates als mögliches Instrument politischer Blockaden.
2. Der Bundesrat in der Gesetzgebung: Erläuterung der verfassungsrechtlichen Grundlagen, insbesondere der Unterscheidung zwischen Einspruchs- und Zustimmungsgesetzen.
3. Funktion des Bundesrates: Historischer Rückblick und Einordnung der heutigen Rolle als föderatives Korrektiv gegenüber einer reinen "zweiten Kammer".
4. Der Bundesrat als Vetospieler in der Politikwissenschaft: Theoretische Auseinandersetzung mit der Macht des Bundesrates und dessen Wirkung als "Nebenregierung".
5. Das Blockadeverhalten unter parteipolitisch und nicht-parteipolitisch bestimmten Gesichtspunkten: Detaillierte Analyse der Einflussfaktoren, unterteilt in europäische/länderbezogene Aspekte und parteipolitische Konstellationen.
6. Zusammenfassung und Fazit: Synthese der Ergebnisse und Beantwortung der Frage nach der Instrumentalisierbarkeit des Bundesrates unter verschiedenen Mehrheitsverhältnissen.
Schlüsselwörter
Bundesrat, Blockadeinstrument, Gesetzgebung, Vetospieler, Föderalismus, Landesinteressen, Parteipolitik, Mehrheitsverhältnisse, Zustimmungsgesetz, Einspruchsgesetz, Autolimitation, Koalitionslogik, Reformstau, Landesfürsten, Bundespolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Rolle des Bundesrates im deutschen politischen System und prüft kritisch, ob dieser als Blockadeinstrument für parteipolitische Interessen missbraucht wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf das Gesetzgebungsverfahren, die wissenschaftliche Theorie der Vetospieler sowie den Einfluss unterschiedlicher Mehrheitskonstellationen auf das Abstimmungsverhalten im Bundesrat.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob der Bundesrat aufgrund seiner Struktur und Funktion tatsächlich als Blockadeinstrument auftritt oder ob dies eine Fehlinterpretation seiner föderalen Aufgabe darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse politikwissenschaftlicher Standpunkte und ordnet diese anhand von Modellen zur parteipolitischen und nicht-parteipolitischen Einflussnahme ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des gesetzgeberischen Rahmens, die theoretische Verortung des Bundesrates und die Analyse des Blockadeverhaltens bei verschiedenen Mehrheitsverhältnissen (Regierungs-, Oppositions- und gemischte Mehrheiten).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Bundesrat, Vetospieler, Blockadepolitik, Föderalismus und parteipolitische Instrumentalisierung geprägt.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Zustimmungs- und Einspruchsgesetzen?
Die Arbeit differenziert, dass bei Zustimmungsgesetzen der Bundesrat eine absolute Vetomacht besitzt, während er bei Einspruchsgesetzen lediglich über ein aufschiebendes Veto verfügt, das vom Bundestag unter bestimmten Voraussetzungen überstimmt werden kann.
Was besagt die "Autolimitations-Theorie" in diesem Kontext?
Die Theorie besagt, dass sich Regierungen vorausschauend selbst beschränken, um Gesetzesvorhaben anzupassen und so eine Konfrontation und ein öffentliches Scheitern am Bundesrat präventiv zu verhindern.
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- Christian Spöcker (Author), 2008, Ist der Bundesrat ein Blockadeinstrument der Politik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126570