Im Vorwort des Sammelbands „Literatur als Erinnerung“1 weist der Herausgeber Bodo Plachta auf ein hochaktuelles Phänomen hin, wenn er von einem „'Höhepunkt' unserer gegenwärtigen Erinnerungskultur“2 spricht. Tatsächlich ist gerade in Deutschland der Erinnerung insbesondere an die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts mit fortschreitender Zeit ein immer bedeutenderer kultureller Stellenwert zuteil geworden. Ob durch die Neuerrichtung und Pflege von Gedenkstätten, Museen und Archiven oder durch die vermehrten Forderungen nach Symposien bzw. historischen Forschungsprojekten – die Erinnerung an Geschichte konstituierende Ereignisse ist zweifelsohne mittlerweile ein wichtiger Parameter des modernen Selbstverständnisses.
Im Folgenden soll nun erörtert werden, inwiefern literarische Werke einen Teil zu diesem großräumig angelegten Erinnerungsdiskurs beitragen und ihn gegebenenfalls komplettieren können. Diese Arbeit fragt danach, wie die Geschichte – im Sinne von Historie – in den Roman gelangt, sie fragt nach Schnittstellen und Wechselwirkungen zwischen Geschichtsschreibung und literarischer Fiktion und sie fragt nach dem Beitrag, den Literatur hinsichtlich der Aufarbeitung von jüngster Geschichte im Zeichen einer generationsübergreifenden Erhaltung von Erinnerung zu leisten vermag.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Poetisierte Geschichtsschreibung und historiographischer Roman
2.1 Geschichte(n): Literatur und Geschichtsschreibung
2.2 Das Romaneske an der Geschichtsschreibung
2.3 Der historiographisch orientierte Roman
2.4 Oral history und Mentalitätengeschichte
3. Literarische Erinnerungskultur zwischen Erkenntnisgewinn und Neuperspektivierung
3.1 Literatur als Beitrag zum kollektiven Gedächnis
3.2 Sinnfindung durch Erkenntnisgewinn
3.3 Sinnfindung durch Neuperspektivierung
4. Das narrative Programm des Schoah-Gedächtnisses
4.1 Die Poetik moderner Literatur
4.2 Schreiben nach Auschwitz: Ein Widerspruch?
4.3 Die Betroffenheit der Nachgeborenen-Generation
5. Reflexion von Geschichte in Uwe Johnsons Jahrestage
5.1 Erzählsituation: „Schreib mir zehn Worte für mich, Genosse Schriftsteller“
5.2 Poetisierte oral history: „[A]ber du warst doch dabei, wenn in einem Moment Geschichte gemacht wurde“
5.3 Ewige Wiederkehr des Gleichen: „Wie oft noch“
5.4 Erinnerung als Voraussetzung für das Erzählen von Geschichte: „Wenn ich die Erinnerung will, kann ich sie nicht sehen“
5.5 Experimentelle Geschichtsschreibung mithilfe von Fiktionalität: „Geschichte ist ein Entwurf“
6. Reflexion von Geschichte in Einar Schleefs Gertrud
6.1 Erzählsituation: „Wenn ich das aufschreibe, wird es nicht wieder in Details zerfallen“
6.2 Poetisierte oral history: „Mich quälen Daten, Geschichten“
6.3 Ewige Wiederkehr des Gleichen: „Die Umstände verändern sich, es bleibt ewig dasselbe“
6.4 Erinnerung als Voraussetzung für das Erzählen von Geschichte: „Mich erinnern, was bringt das, flennen, jeden Tag“
6.5 Experimentelle Geschichtsschreibung mithilfe von Fiktionalität: „Wie ist es und wie könnte es sein“
7. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Literatur, Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Ziel ist es zu erörtern, inwiefern literarische Werke durch ihre ästhetische Verfahrensweise einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis leisten und Geschichte in bewusster Abgrenzung zur Historiographie aufarbeiten können. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie diese Literatur durch die Reflexion von Zeitgeschichte und den Umgang mit Erinnerung eine Sinnstiftung ermöglicht, die über die sture Faktenvermittlung hinausgeht.
- Interdisziplinäre Untersuchung zwischen Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Kulturwissenschaft
- Analyse des "Blicks von unten" als narrative Methode zur Erinnerung
- Vergleichende Interpretation von Uwe Johnsons Jahrestage und Einar Schleefs Gertrud
- Bedeutung von Fiktionalität als Mittel zur Aufarbeitung deutscher Geschichte nach 1945
- Untersuchung der "Oral History" in der literarischen Praxis
Auszug aus dem Buch
2.1 Geschichte(n): Literatur und Geschichtsschreibung
Vor über 2000 Jahren wurde die eindeutige erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen dichterischem und literarischem Diskurs nicht hinterfragt. Aristoteles weist in seiner Poetik auf einen basalen Unterschied hin, wenn er erklärt, dass
„der Geschichtsschreiber und der Dichter [...] sich nicht dadurch voneinander [unterscheiden], daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre [...] um nichts weniger ein Geschichtswerk [...]; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte“.
Mit Aufkommen der Moderne relativierte sich diese strenge Grenzziehung zwischen historiographischer Realität und literarischer Fiktion in zunehmendem Maße und es begannen sich gegenseitige Überlappungen und Beeinflussungen abzuzeichnen. So nennt denn auch Eberhard Lämmert in Bezug auf die letzten 200 Jahre das „Verhältnis von Geschichtsschreibung und Roman [...] ein[en] Wechsel von Annäherung und Abstoßung“. War der Roman zuvor gern aufgrund seines Hangs zum Fabulieren hinter die Historiographie zurückgestellt worden, so verschafft sich mittlerweile schon vereinzelt die Ansicht Akzeptanz, dass allein der Roman imstande sei, aus überlieferten Nachrichten ein vollständiges und vor allem plastisches Panoramabild vergangener Zustände entstehen zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die aktuelle Bedeutung von Erinnerungskultur in Deutschland und die Forschungsfrage zur Wechselwirkung von Literatur und Geschichte.
2. Poetisierte Geschichtsschreibung und historiographischer Roman: Erläuterung der theoretischen Grundlagen und der zunehmenden Aufhebung der Grenze zwischen fiktionalem Erzählen und historischer Faktizität.
3. Literarische Erinnerungskultur zwischen Erkenntnisgewinn und Neuperspektivierung: Untersuchung der Schlüsselfunktion von Literatur im kulturellen Gedächtnis und deren Potential zur Neuperspektivierung.
4. Das narrative Programm des Schoah-Gedächtnisses: Diskussion der Problematik des Schreibens nach Auschwitz und der daraus resultierenden neuen Erzählformen in der Nachkriegsliteratur.
5. Reflexion von Geschichte in Uwe Johnsons Jahrestage: Analyse der komplexen Erzählsituation und der "Perspektive von unten" in Johnsons Romanepos.
6. Reflexion von Geschichte in Einar Schleefs Gertrud: Untersuchung von Einar Schleefs Gertrud als "Monumentalmonolog" und dessen Stellenwert innerhalb der Erinnerungskultur.
7. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Bestätigung des Wettbewerbsverhältnisses zwischen fiktionaler Literatur und traditioneller Geschichtsschreibung.
Schlüsselwörter
Geschichte, Literatur, Erinnerungskultur, Historiographie, Fiktionalität, Oral History, Uwe Johnson, Einar Schleef, Jahrestage, Gertrud, Kollektives Gedächtnis, Erinnerung, Narration, Zeitgeschichte, NS-Zeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wechselverhältnis von Literatur und Geschichtsschreibung, insbesondere wie literarische Werke durch ihre ästhetische Form Geschichte reflektieren und als Teil der Erinnerungskultur fungieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Funktionen von Erinnerung, das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion sowie die spezifische Rolle der Literatur bei der Aufarbeitung deutscher Zeitgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass literarische Erzählungen eine eigenständige und notwendige Ergänzung zur traditionellen Geschichtsschreibung darstellen, da sie das "Individuelle" und das "Mögliche" in die historische Betrachtung einbeziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparatistischen Ansatz und wendet literaturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden auf historiographische und fiktionale Texte an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich zunächst den theoretischen Grundlagen der Geschichtsdarstellung und analysiert anschließend detailliert die Romane Jahrestage von Uwe Johnson und Gertrud von Einar Schleef.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erinnerungskultur, Historiographie, Fiktionalität, Oral History und das Spannungsfeld zwischen individueller und kollektiver Geschichte.
Wie unterscheidet sich der Ansatz der untersuchten Autoren im Umgang mit Geschichte?
Während Johnson in Jahrestage durch eine multiperspektivische, fast dokumentarische Struktur das Kollektive reflektiert, nutzt Schleef in Gertrud den exzessiven inneren Monolog, um Geschichte als existenzielle, subjektive Leidensgeschichte der "Namenlosen" erfahrbar zu machen.
Welche Rolle spielt der Begriff "Oral History" in dieser Arbeit?
Die Arbeit identifiziert in beiden Romanen Elemente der "Oral History", da beide Autoren subjektive Erlebnisse von Durchschnittsmenschen als Zeitzeugnisse in den Vordergrund stellen, um das autoritative Geschichtsbild zu hinterfragen.
- Citar trabajo
- Sarah Till (Autor), 2009, Erzählen gegen das Vergessen - Über die erzählende Reflexion von Geschichte in Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Einar Schleefs „Gertrud“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126580