Christlob Mylius Beitrag zum medizinischen Diskurs der Frühaufklärung mit dem Lustspiel "Die Ärzte"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Theoretische Vorbemerkungen: Medizin und Literatur

2. Der Arzt und seine Therapie in der Aufklärung

3. Medizinische Konzepte zu Mylius' Zeit
3.1 Die mechanistische Arzneigelehrtheit
3.2 Der Stahlsche Animismus
3.3 Vernünftige Ärzte

4. Der Entstehungskontext
4.1 Der Freigeist Christlob Mylius
4.2 Prätexte
4.3 Das deutsche Lustspiel in der Frühaufklärung

5. Der medizinische Diskurs in „Die Ärzte“
5.1 Die fiktionale Funktion der Medizinthematik
5.2 Analyse der inhaltlichen Darstellung der Medizin
5.3 Hypochodrie – ein antiaufklärerisches Übel?

6. Schluss

7. Verzeichnis sämtlicher zitierter und genannter Literatur

„So wie die Leibärzte der Ochsen Menschen sind, so hat man auch oft gefunden, daß die Leibärzte der Menschen Ochsen sind“

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

1. Theoretische Vorbemerkungen: Medizin und Literatur

Die Medizin hat sich als beliebtes Thema in der antiken wie gegenwärtigen Literatur, sowohl in der Prosa wie auch im Drama oder der Lyrik, erwiesen: Immer wieder wurden Ärzte samt der durch sie vertretenen wissenschaftlichen Ausrichtung zu zentralen literarischen Gestalten. Die Literatur beschreibt und verarbeitet dabei das medizinische Wissen und bewertet schließlich Aspekte der Medizin implizit oder explizit als positiv oder negativ. Laut Engelhardt spiegeln sich die unterschiedlichen Bestandteile der medizinischen Welt, unterteilt in die sieben Ebenen Arzt, Patient, Krankheit, soziale Umwelt, medizinische Institutionen, Diagnose, Therapie und Prävention sowie Wissen, Methode und Theorien, allesamt in der Literatur wider (vgl. Engelhardt, 9).

Die Wechselwirkung, die Literatur und Medizin aufeinander ausüben, lässt sich, wie Engelhardt deutlich macht, in drei Perspektiven gliedern. Es ist hier die Rede von der „literarische[n] Funktion der Medizin, [der] medizinische[n] Funktion der Literatur [sowie der] genuine[n] Funktion der literarisierten Medizin“ (Engelhardt, 12).

Die literarisch-fiktionale Funktion der Medizin ist auf die Bedeutung der genannten sieben Ebenen für die Thematik und Struktur des literarischen Werkes bezogen. Inhaltliche und formale Besonderheiten, etwa Aspekte des Raumes und der Zeit sowie Figurenzeichnung und -entwicklung sind an dieser Stelle mit zu berücksichtigen.

Die Bedeutung, die dagegen die Literatur für die Medizin stiftet, ist folgende: Gemäß der Tatsache, dass Kunst auch für andere Funktionssysteme der Gesellschaft eine Leistung erbringt, kann festgehalten werden, dass Literatur in der Lage ist, medizinisches Wissen zu konkretisieren und zu veranschaulichen. Die Literatur dient auf diese Weise sogar der „Verbreitung medizinischer Kenntnisse, [...] einer Popularisierung der Medizin oder einer medizinischen Aufklärung“ (Engelhardt, 15). Die Behandlung der Medizin in einem literarischen Werk lässt demnach Rückschlüsse auf die zeitgenössische reale Situation der Medizin zu.

Literatur in ihrer genuinen Funktion hinsichtlich ihrer Darstellung medizinischer Aspekte schließlich erweist sich als ein „allgemeiner Zugang zur Welt des Kranken und seiner Subjektivität, zum Selbstverständnis des Arztes und seinem therapeutischen Tun“ (Engelhardt, 18). Die Literatur erscheint aus dieser Perspektive selbst als eine Form der Krankheitstherapie. Sie allein kann eine Art Ganzheitskonzept für den Menschen entwerfen, das einer sich durch die Jahrhunderte immer mehr spezialisierenden Medizin gegenübersteht.

Alle drei genannten Perspektiven eint die Tatsache, dass die Medizin weit mehr ist als bloßer Stofflieferant für die Literatur: Sie sieht sich durch die Spiegelung in der Literatur auf kritische Art und Weise selbst reflektiert.

Insbesondere die satirische Auseinandersetzung der Literatur mit der Medizin scheint einer solchen Selbstreflexion Nahrung zu geben. Schon antiken Komödien, etwa des Aristophanes, Plautus oder Terenz, wohnen kritische Ansätze inne. Seither ist das medizinische Thema immer wieder zum Gegenstand der Satire geworden. Die „entsprechenden Texte von Boccaccio, Brant, Molière, Swift, Smollet, Sterne [...] richten sich aber nicht nur auf den Arzt, sondern ebenfalls auf den Kranken und seine Umwelt. Die Aufmerksamkeit wird auf Mängel der ärztlichen Persönlichkeit und des ärztlichen Berufes wie auf übertriebene Ängste und Hoffnungen des kranken Menschen und das Versagen der Mitmenschen gelenkt“ (Engelhardt, 12).

Gerade auch im Zeitalter der Aufklärung war die A]useinandersetzung mit dem medizinischen Diskurs hoch aktuell. Christlob Mylius (1722-1754) und Theodor Johann Quistorp (1722-1776) leisteten im Jahr 1745 mit ihren Lustspielen „Die Ärzte“ bzw. „Der Hypochondrist“ jeweils einen wichtigen Beitrag zur literarischen Verarbeitung der medizinischen Thematik.

Gegenstand vorliegender Arbeit soll nun die Untersuchung von Mylius' Lustspiel „Die Ärzte“ sein. Aufgrund des dürftigen Forschungsstandes zu Mylius und diesem Stück, der einerseits darin begründet sein mag, dass Myluis' Oeuvre aufgrund seines zeitigen Ablebens sehr begrenzt geblieben ist und andererseits darin, dass es ihm aus diesem Grund nicht vergönnt war, sein Können zu perfektionieren, erscheint es lohnend, über die Analyse des Dramas hinaus etwas weiter auszuholen.

Diesen einleitenden Worten zum diskursiven Zusammenspiel von Medizin und Literatur soll nun die Beleuchtung des frühaufklärerischen Arztes in seinem therapeutischen Tun folgen. Dabei wird insbesondere von den zwei miteinander im Legitimationsstreit liegenden medizinischen Hauptsystemen sowie von der stetig anwachsenden Gruppe der „vernünftigen Ärzte“ die Rede sein. Im Folgenden soll der Entstehungskontext um „Die Ärzte“, ausgehend von den Prätexten über den Verfasser bis hin zu den Erwartungen und Forderungen, die man in der Frühaufklärung an ein Lustspiel stellte, thematisiert werden. Schließlich soll der medizinische Diskurs, der Mylius' Lustspiel durchzieht, genauer betrachtet werden, indem der Medizin eine fiktionale, das Stück in seiner Anlage formende Funktion und eine inhaltliche Funktion, die ein spiegelbildlich-verzerrtes Abbild der realen zeitgenössischen Situation generiert, zugewiesen wird. Letztlich eröffnet die Analyse des Phänomens der Hypochondrie im Kontext von Mylius' Lustspiel Deutungsperspektiven im Hinblick auf den Aufklärungsdiskurs.

2. Der Arzt und seine Therapie in der Aufklärung

Geistige Kämpfe bestimmten das Gesicht der Epoche, die den Säkularisierungsprozess hin zur modernen Welt einleitete, auf vielerlei Ebenen. Die geistesgeschichtliche Kennzeichnung des 18. Jahrhunderts als Epoche der Aufklärung beinhaltet in erster Linie die postulierte Autonomie des Denkens, die eine Emanzipation von Zwängen wie Kirche oder dogmatischen Wissenschaftslehren gewährleisten sollte. Als Instanz der Erkenntnisbildung sollte einzig der vernünftige Verstand, der den Menschen vom Tier unterscheidet, gebraucht werden. Ein solches Postulat bedeutete insbesondere für die Zweige der Naturwissenschaften, also auch für die Medizin, eine konsequente Weiterentwicklung. Die neue in der Wissenschaft propagierte Leitmethode, die auch für die Medizin schnell an Bedeutung gewann, lautete: Vernunftgelenkte Erfahrungsbildung durch Empirismus und Rationalismus.

Weiterhin von großer Bedeutung für die aufklärerische Weiterentwicklung war die Diskussion der Vertreter verschiedener Disziplinen über die menschliche Natur und soziale Verfassung. An dieser Diskussion beteiligten sich in einem interdisziplinären Zusammenspiel Jurisprudenz, Theologie, Philosophie und Medizin. „Nicht zuletzt bestimmte die Medizin den Verlauf der Debatte: Denn deren Einsichten über die Natur des Menschen, insbesondere über die wechselseitige Abhängigkeit der Bereiche geistiges Vermögen (Vernunft und Erkenntnis), affektive Beschaffenheit (Leidenschaften, Empfindungen, Wahrnehmungen) und körperliche Beschaffenheit (Physiologie, Pathologie, Temperamentenlehre), tangierten alle Aspekte der nun aufgeworfenen Fragen“ (Geyer-Kordesch 1989, 255-256).

So ist die Tatsache zu erklären, dass die „Erkennung, Benennung und Behandlung von Krankheiten [...] in der vormodernen Gesellschaft [...] nicht nur in den Händen der Arzneiwissenschaftler bzw. Ärzte [lag], sondern [...] gleichfalls von Religion, Philosophie, Moral und den Künsten mitbetreut [wurde]“ (Hillen, 39).

Interessanterweise vertraten die Mediziner dieser Zeit jedoch absolut keine einheitliche Meinung. Der Einfluss anderer Wissenschaftsbereiche wie Theologie und Philosophie und die Tatsache, dass im 18. Jahrhundert die Kombination von antiker Säfte-Lehre (Humoralpathologie) und moderneren medizinischen Erkenntnissen populär war, begünstigte eine Spaltung der Medizin in verschiedene Lager. Geyer-Kordesch spricht verallgemeinernd von einer Gruppe, die eine „als ‚aufklärend‘ empfundene, empirisch-naturwissenschaftliche Methodik“ favorisierte und von einer anderen Gruppe, die anknüpfend an ältere Traditionen „medizinisches Wissen im breiten Spektrum makrokosmischer Deutungen veranker[te]“ (Geyer-Kordesch 1989, 256). Doch müssen die medizinischen Parteien, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen großen theoretischen Disput untereinander austrugen und damit eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung neuer Konzeptionen gespielt haben, noch genauer spezifiziert werden: Es handelt sich um die so genannten Mechanisten und die Animisten.

Die Unstimmigkeiten der Ärzte in Bezug auf Selbstverständnis und Methodik sowie die Leichtfertigkeit der Fakultäten bei der Verleihung der Doktorwürde (vgl. Haeser, 493) boten der Entstehung und Ausweitung eines gewissen Scharlatanentums reichlich Nährboden, so dass „[i]n allen Ländern und Städten [...] die Pfuscherei in einem Grade [herrschte], für welchen selbst unsere, in diesem Fach so fruchtbare, Zeit kaum einen Maßstab hat“ (Haeser, 495).

Krankheiten „konnten entsprechend dem damaligen Kenntnisstand nicht ursächlich behandelt werden; sondern es wurden projizierte Entgleisungen der Säfte [...] diagnostiziert und aus der Sicht des jeweiligen Theoriengebäudes eine Arzneimitteltherapie aus den spezifischen Vorstellungen über Physiologie und Pathologie abgeleitet“ (Schwaiberger, 67).

Neben diesem aus unterschiedlichen Konzeptionen hervorgehenden weitgespannten therapeutischen Spektrum beschwor das Selbstverständnis der Aufklärung eine durchgängige Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben und Wissenschaftspathos herauf. Die Reaktion der Patienten auf die Mediziner und ihre Kunst schwankte daher nicht selten zwischen Extremen.

Im Zedlerschen Universallexikon von 1732 sind die praktischen wie auch die moralischen Pflichten, die ein Arzt idealerweise in seiner Person vereinigen sollte, aufgeführt. Bezüglich der Ausübung seines Berufs wird von ihm verlangt, dass er „als ein frommer, weiser und verständiger Mann auch aus hertzlicher Liebe und Erbarmen dem, so wohl reichen als armen, krancken Nächsten die verlohrne Gesundheit umsonst, und ohne alle andere weltliche Absichten, auch bey dem größten Undanke, aufs bereitwilligste, vorsichtigste und kräfftigste [...] offenhertzig herzustellen“ (Zedler Bd. 2, 1747) gewillt sein müsse.

Wie diese Passage schon andeutet, wurde ein redliches und nützliches Wesen für die Ausübung des ärztlichen Berufes als Grundvoraussetzung angesehen. Dass solcherlei Tugenden jedoch keine Selbstverständlichkeit waren, wird deutlich, wenn sich der Verfasser des Artikels darauf hinzuweisen gezwungen sieht, dass ein wahrer Arzt „allen Geitz, Geilheit und Unzucht, Sauff-und Gesellschafts- Liebe, Verwegenheit, Boßheit und Betrug meidet“ (Zedler, Bd. 2 1748). Dass tatsächlich nicht wenige Ärzte einen teilweise katastrophalen Ruf gehabt haben mussten, wird erst mit folgendem Absatz evident: „Wiewohl die meisten Medici gemeiniglich [...] die Geld-Begierde, Ehr-Sucht und Wolleben ihre Haupt-Absicht seyn [lassen], welche zu erhalten, sie vornehmlich [...] viele und reiche Praxin ambiren, und solcher insgeheim mit tausend Künsten, mit Betrug und List, ja mit heimlichen Würgen und Umbringen, ohne Gewissen eifrig nachjagen, und wer hierinne nur zum Meister worden, der darff an zeitiger viel Patienterey und hieraus entspringenden übrigen Vortheilen nicht zweiffeln“ (Zedler Bd. 2, 1748).

Auch in der Literatur bleibt das Bild der Medizin und des Mediziners „von diesen kritischen und warnenden Stimmen nicht unberührt“ (Engelhardt, 176) – und zwar europaweit.

In Voltaires (1694-1778) „Candide“ (1759) etwa werden Arztfiguren entworfen, die lediglich aus Geldgier und ohne dass sie dazu aufgefordert wurden, ihre Dienste anbieten. Dementsprechend schädlich wirkt sich eine derart motivierte Behandlung auf den Patienten aus. An einer Stelle heißt es: „Indessen wurde Candide vor lauter Tränklein und Aderlässen ernstlich krank“ (Voltaire, 246).

Henry Fielding thematisiert ein ähnliches Problem in seinem bekanntesten Roman „The History of Tom Jones, a Foundling“ (1749). Hier wird verdeutlicht, dass sich die Interaktion zwischen Arzt und Patient derart verkehren kann, dass sie nicht mehr erkennen lässt, ob der Patient schon vor der Begegnung mit dem Arzt krank war oder ob dieser mit seiner „Therapie“ die Krankheit erst hervorbrachte: „Ob nun zuerst die Dame ihren Ärzten Glauben gemacht hatte, daß sie krank sei, oder diese nun ihrerseits sie überredeten, sich krank zu glauben, will ich nicht entscheiden“ (Fielding, 46).

Es wird noch genauer zu thematisieren sein, inwiefern auch in Mylius' Lustspiel die Figuren der Doktoren keineswegs als Verfechter der Vernunft oder Rationalität angelegt sind, und sich darin sogar alle der in den eben genannten Beispielen reflektierten Missstände wiederfinden.

Aus der Retrospektive bietet sich dem Betrachter ein ambivalentes Bild der Medizin zur Zeit der Aufklärung: Einerseits kann festgehalten werden, dass „die Ärzte als äußerst aktive Teilgruppe innerhalb der Aufklärungsbewegung“ (Pott, 338) wirkten, sodass deren Leistungen für den Fortschritt nicht in Frage gestellt werden können, dass es jedoch andererseits eine bedenkliche Anzahl von Quacksalbern gegeben haben muss, die der Medizin einen äußerst zweifelhaften Ruf einbrachten.

3. Medizinische Konzepte zu Mylius' Zeit

3.1 Die mechanistische Arzneigelehrtheit

Diejenigen, die Medizin im 18. Jahrhundert im Sinne eines mechanistischen Denkmodells begriffen, schrieben dem menschlichen Körper im wesentlichen eine übergeordnete Passivität zu. Sowohl in Beschaffenheit wie auch Funktionsweise wurden Parallelen gezogen zu einem maschinenartigen, von Gott konstruierten, Mechanismus, dessen inneren Vorgängen unintelligente „hydraulische[...], hydrostatische[...] und andere[...] physikalische[...] Gesetzmäßigkeiten“ (Kaiser, 13) zugrunde liegen.

Neben der medizinischen Theorie einer physikalischen Dynamik (Iatrophysik) existierte auch eine chemische (Iatrochemie), die sich allerdings nicht besonders lange behaupten konnte. Vertreter dieser Richtung gingen davon aus, dass Lebensprozesse in Analogie zu den in Laboren beobachtbaren Prozessen verstanden werden müssten (vgl. Snelders, 44).

Als wichtiger Vertreter der strikt iatromechanistischen Konzeption gilt Friedrich Hoffmann (1660-1742), der sich mit seinen Arbeiten um die Etablierung und Weiterentwicklung dieser Denkrichtung bemühte.

Später wandte vor allem Herman Boerhaave (1668-1738) die Methode der Iatrophysik in der Medizin an und charakterisierte sie als unentbehrlich. In der Grundauffassung des Medizintheoretikers treten wichtige Übereinstimmungen und Parallelen zu Hoffmann zutage. In einer in Leiden im Jahr 1703 gehaltene Vorlesung mit dem Titel „De usu ratiocinii Mechanici in Medicina“ brachte er zum Ausdruck, inwiefern für ihn die Vorstellung einer Körpermaschine für die Betrachtungsweise des menschlichen Leibes konstitutiv war, etwa indem er einschlägige Übertragungen aus dem Bildbereich vornahm. Boerhaave schlussfolgerte, dass „der menschliche Körper ein Gerät ist, von dessen festen Teilen einige aus Gefäßen bestehen, die fähig sind, Flüssigkeiten zu fassen, zu steuern, zu verwandeln, zu verteilen, zu sammeln und abzusondern, während andere feste Teile aus mechanistischen Instrumenten bestehen, die dank ihrer Form, ihrer Härte und der Festigkeit ihrer Verbindung fähig sind, andere Teile zu stützen oder gewisse Bewegungen auszuführen“ (zit. nach Snelders, 52). Boerhaaves Vortrag über die mechanistische Medizin reduziert den Leib lediglich auf einen Bestandteil der physikalischen Welt. Diesem Gedanken korrespondiert die Annahme, dass die Seele ihren Sitz nicht innerhalb der Materie des Körpers habe und damit durch sie kein Einfluss auf das Körpergeschehen ausgeübt werden könne.

Körper und Seele erscheinen demnach als zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Substanzen, wobei für Boerhaave die Körperlichkeit dem Funktionieren des Geistes übergeordnet ist. Kaiser nennt dies eine „dualistische Metaphysik, in der sich die Vorstellung von einer immateriellen Seele mit einer mechanizistischen Physiologie verbindet“ (Kaiser, 15).

Die Iatrophysiker bestreiten die Existenz einer Seele zwar nicht, doch halten sie die medizinische Beschäftigung mit für unnötig.

Grundlegend für diese mechanistische Auffassung ist die Vorstellung von einer Leib-Seele-Dichotomie, die sich offensichtlich aus den philosophischen Betrachtungen René Descartes' (1596-1650) herleitete, der erstmals eine ausführliche Theorie über den menschlichen Leib als eine Art Gliedermaschine entwickelte. Dieser cartesianische Dualismus von Leib und Seele prägte auch die Denkansätze von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und Christian Wolff (1679-1754) bezüglich der Leib-Seele-Problematik. Ihre Lehre von der „prästabilierten Harmonie“ besagt, dass Leib und Seele ohne aufeinander einzuwirken, gemäß jener in ihnen angelegten Harmonie, die den Leib dem Gesetz der Kausalität und die Seele jenem der Finalität zu folgen zwingt, zusammen funktionieren können (vgl. Kemper 104-105). Eine natürliche Vereinigung und gemeinschaftliche Wirkung von Leib und Seele wurde jedoch abgestritten. Ähnlich zwei nebeneinander liegenden Uhrwerken führen sie ihre Funktion getrennt voneinander durch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Christlob Mylius Beitrag zum medizinischen Diskurs der Frühaufklärung mit dem Lustspiel "Die Ärzte"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
35
Katalognummer
V126582
ISBN (eBook)
9783640324620
ISBN (Buch)
9783640326280
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arzt, Mediziner, Ärzte, Christlob, Mylius, Frühaufklärung, Lustspiel, Medizin, Gelehrsamkeit, Aufklärung, Die Ärzte
Arbeit zitieren
Sarah Till (Autor), 2008, Christlob Mylius Beitrag zum medizinischen Diskurs der Frühaufklärung mit dem Lustspiel "Die Ärzte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126582

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