Literarische Initiationen - Salingers "The Catcher in the Rye" und Austers "Moon Palace"


Bachelorarbeit, 2006
38 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Überblick

2. Der Initiation Story auf der Spur
2.1. Vom Wesen der Initiationsgeschichte — ein Definitionsversuch
2.1.1 Herkunft und Bedeutung des Begriffes Initiation
2.2.2 Theoretische Annäherung an das Initiations-Motiv in der Literatur
2.2.3 Der Aspekt der Reise in der Initiationserzählung

3. Die Initiationsthematik in „The Catcher in the Rye" und „Moon Palace"
3.1 Auf der Suche nach dem Selbst
3.1.1 Selbstentwurf und Abgrenzung der Protagonisten
3.1.2 Die Reise als Quest
3.2 GegliIckter Ubergang zur Erwachsenenwelt?
3.2.1 Prägende Initialerlebnisse von Holden und Marco
3.2.2 Erzählhaltung, Sprache, Struktur
3.2.3 Holden und Marco als KiInstler.

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Uberblick

In der vorliegenden Arbeit werden die Romane „The Catcher in the Rye" (1951) von Jerome D. Salinger und „Moon Palace" (1989) von Paul Auster einander gegenübergestellt. Vorhandene Schnittstellen sollen beleuchtet und markante Unterschiede herausgearbeitet werden. Im Zentrum der Beobachtungen wird dabei die Initiationsthematik stehen. Als einer der elementarsten Bestandteile in beiden Romanen, verdient sie eine gründliche Analyse hinsichtlich der Anlage von Charakteren und Plot sowie des Kontextes von Erzählstruktur und -form. Zum besseren Verständnis soll eingangs der Begriff Initiation analysiert werden, indem dessen Herkunft geklärt wird und zusammengefasst wird, was Literaturkritiker unter diesem Terminus verstehen. Anschliel3end soll untersucht werden, welche Elemente von Initiation in den Romanen ausgemacht werden können und inwiefern sie als so genannte Initiation Stories bezeichnet werden können. Die Initiation Story wird gemeinhin als eine Art Sonderform der Novels of Adolescence betrachtet. Dieser Begriff umfasst jene literarischen Texte, in denen Heranwachsende die Hauptrolle spielen. Der Lebensabschnitt der Jugend erfuhr mit Aufkommen der gefühlsbetonten Strömung der Empfindsamkeit Mitte des 18. Jahrhunderts eine Neubewertung als eigenständige Denk- und Gefühlswelt, die sich auch auf die Literatur auswirkte. Peter Freese spricht von einem „unaufhaltsamen Einzug" (Freese 1971, 15) jugendlicher Protagonisten in die amerikanische Literatur. Die Neubewertung brachte jedoch auch Schwierigkeiten mit sich: Betroffene fühlen sich weder der Kinder- noch der Erwachsenenwelt zugehörig, woraus sich bei vielen ein individuelles schmerzhaftes Lebensgefühl entwickelt: Die Adoleszenzkrise. Der junge Mensch wird aus dem Zustand kindlicher Unwissenheit heraus erstmals mit den Gesetzen der Erwachsenenwelt konfrontiert. Für einen solchen Ubergang von einem in den anderen Zustand, der einem Weg von der Unschuld zur Erfahrung gleichkommt, ist die Suche nach einem Platz in der Welt und gleichsam auch nach einer gefestigten Identität grundlegend. Diese schwierige Phase des Ubergangs von der Adoleszenz ins Erwachsenendasein steht in „The Catcher in the Rye" und in „Moon Palace" im Mittelpunkt der Handlung. Daher gilt es schlieBlich zu sehen, auf welche Art und Weise das Thema eines drohenden Identitätsverlusts für beide Texte zentrale Bedeutung erhält und ob es den Protagonisten am Ende des Romans gelingt, eine Aussöhnung zwischen Ich und Umwelt zu erlangen und so letztlich den gesuchten Platz in der Welt zu finden. Auch soll die Frage geklärt werden, warum gerade in der amerikanischen Literatur die Darstellung des adoleszenten Lebensabschnittes mitsamt dessen Erfahrungen und Entwicklungen von so besonderer Bedeutung ist. Dazu miissen zunächst die konstitutiven Merkmale der Initiation Story betrachtet werden.

2. Der Initiation Story auf der Spur

2.1 Vom Wesen der Initiationsgeschichte - ein Definitionsversuch

2.1.1 Herkunft und Bedeutung des Begriffes Initiation

Mit der Frage nach Ursprung und analytischem Konzept des Begriffes hat sich Mordecai Marcus in seinem Essay „What is an Initiation Story?" beschäftigt. Beides lieBe sich aus der Anthropologie ableiten, wo das Prinzip der Initiation als Weg des Jugendlichen in die Reife schon länger als untriiglicher Bestandteil der so genannten Initiations- oder Pubertätsriten bekannt sei: „The most important rites of most primitive cultures center around the passage from childhood or adolescence to maturity and full membership in adult society" (Marcus, 189). Die Initiation galt dort demnach als eine Art Erziehungsinstanz, die einen menschlichen Wandlungs- und Entwicklungsvorgang a]uslöste und begleitete. Mit Freese kann festgehalten werden, dass sie in den jungen Menschen einen Selbstfindungsprozess bewirkte, sie in die Gesellschaft einfiihrte sowie einen Einblick in Transzendentes ermöglichte (Freese 1971, 154). Anthropologen haben festgestellt, dass die meisten Stammes- oder Pubertätsinitiationen schon immer auf der Vorstellung einer generellen Dreigliedrigkeit basierten. Denn als elementare Bestandteile dieser Riten gelten der Ausgang aus der alten Existenzphase, der Ubergang und schlieBlich der Eingang in eine neue. Eine groBe Rolle spielen dabei ritueller Tod und Wiedergeburt als symbolische Akte fiir die grundlegende Wandlung, die der Initiand auf psychischer, sozialer und religiöser Ebene durchzumachen hatte. Um die Ausdauer des Novizen zu erproben und sich seiner Loyalität zum Stamm zu vergewissern, war es iiblich, ihn auch besonders unangenehme Zeremonien durchlaufen zu lassen, die laut Marcus häufig mit physischer Qual, Isolation oder der Abstinenz von Nahrung einhergingen (Marcus, 189-190). Doch erweist sich Marcus' Ansatz, die urspriingliche Bedeutung der Initiation aus der Anthropologie herzuleiten, als ein wenig kurzsichtig. Freese beispielsweise ist der Meinung, dass "initiation is a term in which influences from several scholary fields coalesce" (Freese 1986, 34). Er legt dar, dass Initiationsvorgänge oft mit Gründungsmythen übereinstimmen oder sich daraus herleiten lassen. So sei auch in dieser „verbale[n] Darstellung des Initiationsvorganges [...] ein traditionelles „Symbolinventar" vorhanden [...], durch welches die Dreiheit von Aus-, Uber- und Eingang und die Abfolge von Tod und Wiedergeburt versinnlicht wird" (Freese 1971, 154). Wichtig in diesem Zusammenhang seien auch die immer wiederkehrenden Motive der Initiationsmythen, zu denen beispielsweise der „regressus ad uterum" oder die „Nachtmeerfahrt" gehören (vgl. dazu Freese 1971, 138 ff). Neben dem anthropologischen und dem mythischen, führt Freese das religiöse Initiationskonzept auf. Bis zur heutigen Zeit zähle die Initiation zu einem individuellen Prozess der Konvention religiöser Kulte, da sie den Beginn eines neuen spirituellen Lebens markiere (Freese 1971, 120-121). Auch dieses Konzept steht wieder eng im Zusammenhang mit dem Muster des symbolischen Todes, auf den die Wiedergeburt folgt. Doch inwiefern lässt sich diese „puzzling variety of meanings" (Freese 1986, 34) auf die so genannten Initiation Stories übertragen? Berühren oben genannte Konnotationen, die bei Nennung des Begriffes stets mitschwingen, die literarischen Inhalte der Initiation nur peripher oder werden Begriffsfüllungen auch übernommen?

2.2.2 Theoretische Annäherung an das Initiations-Motiv in der Literatur

Generell kann man sagen, dass es keine durchweg anwendbare Definition der Initiation Stories in der Literaturtheorie gibt. Viele Kritiker und Autoren gebrauchten diesen Terminus bei ihren Analysen für die unterschiedlichsten Beispiele und die meisten von ihnen nannten ihn, ohne ihn zu spezifizieren. Mordecai Marcus verurteilte diesen Zustand als „certain anarchy" (Marcus, 200), die eine überlegte Einordnung der Initiation Story erschwere. Dennoch es hat es mehrere Versuche gegeben, einerseits die schwammige Begriffsbestimmung zu präzisieren und andererseits der Komplexität der Initiationsabläufe, wie sie bisher in der Literatur zu finden waren, gerecht zu werden. Sechs Jahre nachdem Cleanth Brooks und Robert Warren den Ausdruck Initiation in Bezug auf ein literarisches Thema erstmals gebraucht hatten (vgl. dazu Brooks und Warren), versuchten sich Adrian Jaffe und Virgil Scott 1949 an einer allgemeineren Definition. Man könne dann von einer Initiationsgeschichte sprechen, wenn ein Charakter im Verlaufe der Erzählung Wissen erlange, das er zuvor nicht hatte, welches aber von der Mehrzahl der Menschen geteilt werde (vgl. dazu Jaffe und Scott). Erste Ansätze zu einer gattungstheoretischen Bestimmung der Initiation Story legte dann im Jahre 1952 Ray West vor. Sein Vorschlag lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Initiation Story sei in Amerika eine spezifische Kategorie der Kurzerzählung, die sich nicht nur durch ein bestimmtes Thema auszeichne, sondern auch durch die vorherrschende erzählerische Perspektive, deren Akzent eher auf einer inneren Entwicklung und der darin ausgedrückten speziellen Weltansicht als auf äuBerer Handlung liege (vgl. dazu West). Acht Jahre darauf steuerte Marcus dann mit genanntem Essay ebenso wichtige wie einflussreiche Aspekte zur Definitionsfrage bei. Er fasst jene Initiationsvorgänge, die unter den Kritikern bisher für die Initiation Story als repräsentativ galten, unter zwei mustergültigen Gruppen zusammen: „The first group describes initiation as a passage of the young from ignorance about the external world to some vital knowledge. The second group describes initiation as an important self-discovery and a resulting adjustment to life or society" (Marcus, 191). Freese schlieSt diesbezüglich dicht an Marcus an und betrachtet die Problematik nur wenig differenzierter, obwohl er Marcus' zwei Kernaspekte in vier aufspaltet. Er kommt zu dem Schluss, dass literarische Initiation eine Art Konglomerat sei, das aus der „Entdeckung der Realität des Bösen in der Welt, ein[em] dem biblischen Sündenfall vergleichbaren Verlust der ursprünglichen Unschuld, ein[er] Erweiterung und Einführung in das Gefüge und die Regeln einer bestehenden Gesellschaft und ein[er] wesentliche[n] Entwicklungsstufe auf dem Wege zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung" (Freese 1971, 102-103) bestehe. Wie vage derartige Definitionen tatsächlich sind, wird deutlich, wenn man sich Marcus' Vorschlag über die Einteilung der Initiationsgeschichten in zwei Gruppen vergegenwärtigt. Wird einem jungen Menschen, während er sich auf dem Weg aus der kindlichen Unwissenheit zu einer wie immer gearteten „vital knowledge" befindet, mit der er tiefe Einblicke in die Mechanismen der Welt erlangt, nicht auch dadurch schon die Tür zu seinem Selbst geöffnet, da er Teil dieser Welt ist? Wenn also individuelle Selbsterkenntnis als Folge aus dem Erlangen von Wissen über die Welt hervorgehen kann, leistet diese Aufspaltung, wie sie oben genannt wurde, kaum eine hinreichende Definition. Dass klare Grenzen bei der Einordnung der Initiationsvorgänge in der Literatur kaum abgesteckt werden können, räumt auch Freese ein. Seine vier Charakteristika „overlap and complement each other" (Freese 1986, 24). Interessant, aber in demselben MaBe vage, mutet Marcus' Ansinnen an, die Initiationen der literarischen Erzählungen in drei Typen zu unterteilen: In solche, die den Initianden nur zur Schwelle der Reife führen, in solche, die ihn zwar über diese Schwelle führen, ihn aber in Ungewissheit zurücklassen und in solche, die ihn sicher in den Reifezustand geleiten und ihm umfassendes Verständnis vermitteln. Marcus nennt diese drei Initiationstypen nach dem MaBe ihrer Einflussnahme auf den Reifegrad des Initianden „tentative", „uncompleted" oder „decisive initiation" (Marcus, 192). Auch dieser Vorschlag gereicht allerdings dem Vorhaben nicht, die vielen Vorstellungen über Initiation Stories zu strukturieren, da auch er Grenzziehungen praktisch nicht ermöglicht. Die Zuordnung liegt eher im Auge des Betrachters: Ist es tatsächlich denkbar, dass der Initiand besagte Schwelle durch ein prägendes Erlebnis übertritt, aber dennoch in völliger Ungewissheit darüber seinen Weg fortsetzt? Muss er nicht, wenn sich auch das vollständige Verständnis des Ereignisses erst langsam entwickelt, zumindest eine Ahnung vom Beginn des neuen Seinsabschnittes haben? Unklar bleibt auch, wann genau eine Initiation als „decisive" anzusehen wäre, wenn Marcus die eigenen Bestimmungsmerkmale der Initiation Story vage auf eine „synthesis of these ideas" reduziert. Festgehalten werden kann an dieser Stelle das Folgende: Das literarische Thema der Initiation portraitiert im Allgemeinen den Ubergang des Protagonisten von der Jugend in die Welt der Erwachsenen. Dabei findet er sich immer einer Situation ausgesetzt, die ihm die Möglichkeit der Entwicklung bietet und die schlieBlich in einer merklichen Veränderung resultiert (vgl. dazu Freese 1986, 47). In diesen Prozess sind häufig die von Freese genannten Initiationscharakteristika involviert. Sie akzentuieren vier Aspekte des menschlichen Reifeprozesses und stellen so eine Art Grundrepertoire für eine Initiation Story dar, haben allerdings, wie gezeigt wurde, keinen Ausschlie13lichkeitsanspruch inne. Auf das Phänomen, dass auch jene Erzählungen als Initiation Stories bezeichnet werden können, die beispielsweise nur eines der genannten Merkmale aufweisen oder jene, die die Hauptfigur nur auf einem Teil ihres Weges begleiten, ist oben schon hingewiesen worden. Eindeutig festlegen lässt sich somit lediglich die Tatsache, dass die besprochenen Initiationsmuster, die schon seit Urzeiten in den Pubertätszeremonien primitiver Stämme, in mythischen Erzählungen und in religiösen Einführungsfeierlichkeiten im Zeichen des Uberganges in einen höheren Reifegrad stehen, nun mit der gleichen inhaltlichen Bedeutung, jedoch auf unterschiedlichste Weise Bestandteil der Literatur geworden sind. Bei der Ubernahme der Vokabel Initiation in die Literaturwissenschaft hatte man demnach vorrangig jene Begriffsfüllungen im Blickfeld, die Bestandteil aller Arten von Initiation sind und in ausnahmslos allen Initiation Stories wiederkehren. Dazu gehört unter anderem der rituelle Charakter der Initiationsdarstellung durch feste und wiederkehrende Elemente, deren wichtigste von Freese als Tod und Wiedergeburt sowie als Dreistufigkeit des Vorganges, in dessen Ubergangsphase seine vier Aspekte anzusiedeln sind, identifiziert wurden.

2.2.3 Der Aspekt der Reise in der Initiationserzählung

Der Aspekt der Bewegung ist für Erzählungen, die die Initiationsthematik behandeln, von elementarer Bedeutung. Oftmals wird der eigentlich im Inneren ablaufende Prozess, der die Transformation in das Erwachsenenalter mit der Gewinnung von Einsicht und Verständnis vorantreibt, als eine physische Bewegung in Form einer Reise abgebildet. Diese symbolische Fahrt des Protagonisten unterliegt ebenfalls der dreigeteilten Struktur von Aus-, Uber- und Eingang. Allerdings erfährt diese eine Bedeutungsverlagerung hin zu Aufbruch, Aufenthalt in der Fremde und Rückkehr in die Heimat. Die oft mühselige Bewegung von einem Ort zum nächsten, die der Reisende in einer Erzählung vollzieht, steht metaphorisch für eine Grenzüberschreitung zwischen zwei Lebensbereichen. Dass Grenzen erforscht und gegebenenfalls überschritten werden, ist wiederum nicht nur ein zentraler Bestandteil der jugendlichen Lebensphase, sondern auch der Entwicklungsgeschichte Amerikas. Der Werdegang eines jungen Menschen, dessen Status im Leben noch unklar ist, der sich unsicher auf die Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft begibt, kann so als Ausdrucksform für die geschichtliche und kulturelle Entwicklung des Kontinentes gelesen werden, der sich in kürzester Zeit von ursprünglicher Wildnis zum zivilisierten Staatsgebilde mauserte. Diese Uberlegungen sind nun im Kontext der Frontier zu sehen, jener Grenzlandschaft, die den Ubergang von kultiviertem Siedlungsland zum unberechenbaren Westen markierte. Das Gebiet hinter der Frontier war schon zur Zeit der ersten Siedler ein Mythos: Lebensfeindlich und wild, aber dennoch reich an unterschiedlichen Ressourcen, die jedem die Chance auf einen Neuanfang in Aussicht stellten. Kaum mehr als 250 Jahre nach Ankunft der ersten Auswanderer auf dem Kontinent gab es jedoch schon keine Frontier mehr, denn das Land wurde von westwärts ziehenden Siedlern gänzlich erschlossen. Man kann sagen, dass es sein Reifestadium erreichte, indem es sich „aus zugellosen und ungeregelten Anfängen zu einem geordneten und gleichsam erwachsenen Staatsgebilde entwickelt hat" (Freese 1971, 21). Der Mythos des amerikanischen Westens ist indes noch immer lebendig - allerdings unter leicht veränderten Gesichtspunkten. In viele Werke amerikanischer Autoren fand er Eingang im Hinblick auf eine Flucht aus Zivilisation und Gesellschaft, um der Einsamkeit begegnen und auf die Uberbleibsel primitiver amerikanischer Kultur treffen zu können. Die spirituellen Kräfte und sozialen Kompetenzen des Protagonisten werden mit einer derartigen Reise durch das Uberschreiten von physischen wie psychischen Grenzen gebildet oder erneuert. Die Häufigkeit der Initiationserzählungen auf amerikanischem Terrain, besonders der Initiationsreise-Erzählungen, steht also deutlich im Zusammenhang mit dem Bild, das dieses Land von sich selbst hat. Auch Ihab Hassan meint, dass der amerikanische „cult of adolescence" auf „some of the most basic impulses in American experience" zuruckfalle: „Behind it lies what we used to call American dream, the vision of youth, hope and the open road. It is [...] a vision that has given the American novel its distinctive force and has left the American character an indelible impression. The changes which have overtaken this vision are clearly reflected in the mirror of adolescence" (Hassan, 313). Der Mythos des amerikanischen Westens fand auch in die zu untersuchenden Werke Eingang.

3. Die Initiationsthematik in „The Catcher in the Rye" und „Moon Palace"

3.1 Auf der Suche nach dem Selbst

3.1.1 Selbstentwurf und Abgrenzung der Protagonisten

Holden Caulfield, der sechzehnjährige Held in „The Catcher in the Rye" (bei Zitatangaben CR), ist ein unglucklicher und unzufriedener Jugendlicher. Eine der Hauptursachen ffir seine desolate Lage ist seine extreme Einsamkeit. Schon zu Beginn der Erzählung gibt Holden einen Einblick in seine Situation, wenn er fiber ein Footballspiel sagt: „[P]ractically the whole school except me was there" (CR, 2). Dieser isolierte Zustand begleitet Holden durch all seine Erlebnisse und nimmt an Intensität sogar noch zu. Unzählige Male lässt er den Leser wissen, dass er „was feeling so damn depressed and lonesome" (u.a. CR, 138). Allein schon durch sein AuBeres -er hat teilweise ergrautes Haar und trägt gern seinen „red hunting hat"- grenzt er sich von seinen Mitmenschen ab. Mehr aber noch verhindert sein durch eine ganz eigene Wahrnehmung geprägter Charakter eine Integration. Seine Wahrnehmungsweise wird von einer Radikalität bestimmt, mit der Holden zwangsläufig auf Widerstände stoBen muss, denn er „teilt die Welt rigoros in zwei Teile, von denen er den einen positv als nice, den anderen negativ als phony bezeichnet. Diese beiden wertenden Vokabeln bilden einen Kernbestandteil seines Wortschatzes [...] und sind das sprachliche Rfistzeug, mit dem er Menschen und Gegenstände, Eigenschaften und Ereignisse bewertet und seinem dualistischen Weltbild einordnet" (Freese 1971, 237). Anstatt sich fraglos anzupassen, beobachtet Holden das ihn Umgebende auf das Genauste und kritisiert die phoniness der gesellschaftlichen Konventionen, der bigotten Erwachsenen und der modernen zeitgenössischen Tendenzen. Und indem er das Gesehene nach seinen eigenen MaBstäben bewertet, stellt er es gleichzeitig in Frage. Gegenstand seiner Abscheu ist in erster Linie das heuchlerische und korrupte Wesen seiner Mitmenschen. Als programmatisch ffir derartige Kritik, die Holdens Erzählung durchzieht, kann beispielsweise die Anklage seines ehemaligen Direktors Mr. Haas gelten. Er nennt ihn „the phoniest bastard [he] ever met in [his] life" und fährt fort: „On Sundays [...] Haas went around shaking hands with everybody's parents [...]. Except if some boy had little old funny-looking parents [...] then old Haas would just shake hands with them and give them a phony smile and then he'd go talk [...] with somebody else's parents" (CR, 12). Unter anderem daran ist ersichtlich, dass Holden „is repulsed and frightened, not by what people do to him [...] but rather by what people do to each other and to themselves" (Wakefield, 180). Diese Unmenschlichkeit beobachtet Holden auch wieder im Zeitgeist, der vom Diktat der Wettbewerbsgesellschaft bestimmt ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Literarische Initiationen - Salingers "The Catcher in the Rye" und Austers "Moon Palace"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
38
Katalognummer
V126584
ISBN (eBook)
9783640323944
ISBN (Buch)
9783640321858
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moon Palace, Paul Auster, Auster, Initiationsgeschichte, Salinger, Jerome David Salinger, The catcher in the rye, der fänger im roggen, Initiation story, Initiation in der Literatur, Initiation
Arbeit zitieren
Sarah Till (Autor), 2006, Literarische Initiationen - Salingers "The Catcher in the Rye" und Austers "Moon Palace", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126584

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