Die Clarus-Gutachten und ihre Wirkung auf Georg Büchners „Woyzeck“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Clarus-Gutachten:
2.1.1 Der historische Hintergrund
2.1.2 Fragwürdigkeiten bei Argumentation und Schlussfolgerung
2.1.3 Georg Büchner als Rezipient der Gutachten
2.2 Büchners „Woyzeck“ im Hinblick auf die Gutachten:
2.2.1 Analogien und Unterschiede
2.2.2 Bedeutung vor dem Hintergrunde von Büchners Kredo

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kenner des Œuvres Georg Büchners wissen, dass seine Werke nicht selten auf reale Quellen Bezug nehmen. Während beispielsweise das Fundament zu „Danton`s Tod“ in den geschichtlichen Quellen über die Ereignisse der französischen Revolution wurzelt, so liegt dem Erzählfragment „Lenz“ der authentische Bericht eines Pfarrers über den jungen Schriftsteller Lenz und den Verlauf von dessen Persönlichkeitsentwicklung zu Grunde. Bei Büchners Fragment gebliebenen Drama „Woyzeck“ verhält es sich ähnlich: Das Schicksal der historischen Figur Woyzeck, der zum Mörder an seiner Geliebten wurde und unter Ärzten aufgrund von berechtigten Zweifeln an seiner geistigen Gesundheit eine Debatte über das Thema Zurechnungsfähigkeit auslöste, ist als Hauptquelle für den „Woyzeck“ zu bewerten. Die Darlegung der historischen Hintergründe, wozu im Besonderen eine Untersuchung der Clarus-Gutachten samt ihrer argumentativen Schwachstellen sinnvoll erscheint, soll es möglich machen, Kongruenzen und Verschiedenheiten zu dem literarischen Woyzeck aufzuzeigen. Davon ausgehend können die Gründe offen gelegt werden, die Georg Büchner bewogen haben mögen, den „Woyzeck“ so zu gestalten wie er uns heute vorliegt.

2. Hauptteil

2.1 Die Clarus-Gutachten:

2.1.1 Der historische Hintergrund

Anfang Juni des Jahres 1821 verübte der gelernte Perückenmacher Johann Christian Woyzeck einen Mord: Das Opfer war seine Geliebte, die Witwe eines gewissen Chirurgen Woost. Die Woost schenkte neben Woyzeck noch anderen Männern, vornehmlich Soldaten, ihre Zuneigung, was in Woyzeck Eifersucht erweckt hatte. Der Täter ging bei der Tötung mit äußerster Brutalität vor, denn er brachte Frau Woost insgesamt sieben Messerstiche bei, deren einer dazu führte, dass sie noch an Ort und Stelle ihren Verletzungen erlag. Woyzeck wurde kurz darauf aufgegriffen und war sogleich geständig.

Eine Affekthandlung konnte ausgeschlossen werden, da Woyzeck beim Verhör angab, dass sich schon zu früheren Zeitpunkten zum Teil heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Paar ereignet hatten und dass er darüber hinaus das Mordinstrument schon mehrere Stunden vor dem Mord beschafft hatte. Dennoch konnte man aufgrund dieser Feststellung zunächst nicht davon ausgehen, dass es sich hierbei im Umkehrschluss um eine vorsätzliche, vom Bewusstsein kontrollierte, Tötungsentscheidung gehandelt haben musste, denn schon „bei der Voruntersuchung tauchte die Vermutung auf, daß Woyzeck geistig nicht für normal genommen werden könne.“ (Johann, S. 119) Aufgrund jener Vermutung, die zuerst ein öffentliches Nachrichtenblatt geäußert hatte, wurde der Hofrat Dr. Johann Christian August Clarus mit dem Auftrag betraut, „den Gemüthszustand des Inquisiten Johann Christian Woyzeck ärztlich zu untersuchen“ (Clarus-Gutachten, S. 540) und daraufhin ein Gutachten bezüglich dessen Zurechnungsfähigkeit zu erstellen. Nachdem der Hofrat Woyzeck mentale Gesundheit attestiert hatte und infolgedessen das Todesurteil über ihn verhängt wurde, meldete sich ein Privatmann mittels einer schriftlichen Anzeige mit der Aussage, dass „der Delinquent [...] wirklich von Zeit zu Zeit Handlungen vorgenommen [habe], welche Verstandesverwirrung zu verrathen geschienen.“ (Clarus-Gutachten, S. 493) Die daraufhin angeordnete Abfassung eines zweiten Gutachtens durch Clarus brachte jedoch keine neuen Untersuchungsergebnisse, was zur Folge hatte, dass ein neuer Termin für die Hinrichtung im August des Jahres 1824 festgesetzt wurde. Heute nimmt man an, dass der Vollzug der Todesstrafe öffentlich erfolgen sollte, um im Publikum eine Abschreckungswirkung zu erzielen: Tatsächlich wurde dieses Ereignis zu einem regelrechten Spektakel für die Massen umfunktioniert.

Doch kann man wirklich sichergehen, dass Woyzeck ausreichend und vor allem unparteiisch untersucht worden ist? Nur wenige haben das Urteil des Herrn Hofrat Clarus über Woyzecks Gesundheitszustand damals angezweifelt und ihren Protest offen kundgetan, wohingegen es heute zahlreiche Belege dafür gibt, dass die Clarus-Guta]chten unbedingt der Revision bedurft hätten.

2.1.2 Fragwürdigkeiten bei Argumentation und Schlussfolgerung

Das erste Gutachten entlarvt folgenden Gegenstand als Hauptinhalt der fünf Unterredungen, die Dr. Clarus mit Woyzeck hatte: Es ging um sämtliche Stationen des bisherigen Lebensverlaufs des Delinquenten. Nachdem Woyzeck dem Arzt ein Leben voller Entbehrungen geschildert hatte, gab er bezüglich seines geistigen Zustandes an: Er „sey [...] manchmal sehr ärgerlich und »desperat« gewesen, ohne daß ihm Jemand etwas zu Leide gethan. Auch sey er öfters [...] in einen Zustand gerathen, in dem er gar nichts mehr gedacht habe.“ (Clarus-Gutachten, S. 545) Clarus scheint hier kaum hinterfragt und dieser Bemerkung relativ wenig Bedeutung beigemessen zu haben, denn das Thema psychologische Merkwürdigkeiten macht nur einen geringen Teil der Aussage Woyzecks aus, obgleich dies der Gegenstand der Untersuchung war! Zudem wurden ordentliche Zeugenbefragungen offenbar zunächst nicht für notwendig erachtet. Clarus beruft sich lediglich auf den Stockmeister, der an Woyzeck nichts Auffälliges bemerkt haben will, was kaum verwunderlich ist, denn er kann als Gefängniswärter schwerlich in der Lage gewesen sein, Woyzecks Geisteszustand zu beurteilen.

Den Beobachtungen, die Clarus während der Unterhaltungen mit Woyzeck „unabhängig von dessen eigenen Aeusserungen“ (Clarus-Gutachten, S. 546) anstellte, ist zu entnehmen, dass Clarus klar darauf abzielte, dem Inquisiten lediglich „moralische Verwilderung“ (Clarus-Gutachten, S. 547) zu attestieren, denn seine Argumente, nämlich dass Woyzeck beim Antworten Besonnenheit und richtiges Auffassen gezeigt habe und dass sein Benehmen und seine Gedankenfolgen frei von beherrschenden Gefühlen und Phantasien gewesen seien, legen nicht zwangsläufig die Schlussfolgerung nahe, dass Woyzeck geistig gesund ist. Immerhin sagte der Befragte aus, dass ihn die Anwandlungen nicht immer, aber doch „sehr häufig, und zuweilen, so wie auch jetzt noch, alle Tage“ (Clarus-Gutachten, S. 545) überkämen. Bedenklich ist der Umstand, dass die Offenlegung der Lebensumstände Woyzecks, obgleich gesetzlich verlangt, bei der Urteilsbildung schlichtweg nicht berücksichtigt wurde, „da sie auf keinem anderem Zeugnisse, als auf den Aussagen des Inquisiten“ (Clarus-Gutachten, S. 548) beruhte!

Bei der für ein zweites Gutachten erforderlichen neuerlichen Untersuchungsreihe veranschlagte man ebenfalls fünf Gesprächssitzungen. Auf den ersten Blick handelt es sich inhaltlich um ein ausführlicheres Gutachten, dessen Thesen um der Vollständigkeit willen mit Zeugenaussagen unterlegt worden sind. Der untersuchende Arzt scheint zudem der Untersuchung von Woyzecks Seelenzustand mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben, denn nunmehr stellte sich heraus, dass Woyzeck an weit gravierenderen mentalen Anomalien litt, als „Gedankenlosigkeit“ und „desperatem Zustand“. Er klagte über halluzinative Erscheinungen, teilweise apokalyptische Visionen und quälende Träume, sowie für Mitmenschen nicht wahrnehmbare Geräusche und Stimmen. Jene Stimmen sollen Woyzeck mit dem Zuruf „Stich die Frau Woostin todt!“ (Clarus-Gutachten, S. 515) eines Tages auch den Befehl zum Mord gegeben haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Clarus-Gutachten und ihre Wirkung auf Georg Büchners „Woyzeck“
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V126591
ISBN (eBook)
9783640324682
ISBN (Buch)
9783640326341
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Büchner, Büchner, Woyzeck, Clarus Gutachten
Arbeit zitieren
Sarah Till (Autor), 2005, Die Clarus-Gutachten und ihre Wirkung auf Georg Büchners „Woyzeck“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126591

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