Am 20. März 2003 verwandelte sich durch den militärischen Angriff der sog. coalition of the willing auf den Irak der latente Irakkonflikt in einen manifesten. Im offiziell bis zum 2. Mai 2003 dauernden dritten Golfkrieg wurde das irakische Regime Saddam Husseins abgesetzt, der Staat besetzt und demokratische Wahlen durchgeführt.
Der Irakkrieg kann als ein wichtiger Untersuchungsgegenstand der politikwissenschaftlichen Teildisziplin IB angesehen werden, die sich allgemein mit dem Verhältnis von Staaten zueinander und schwerpunktmäßig mit Konflikten und der Frage, wie Kriege entstehen und wie solche zu verhindern sind, beschäftigt.
Eine dieser Theorieschulen der Internationalen Beziehungen ist der Konstruktivismus bzw. dessen Subtheorie Sozialkonstruktivismus, welcher erst in den 90er Jahren entstand, da zu dieser Zeit viele politikwissenschaftliche Theoretiker von der Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Erklärungsansatzes in der IB überzeugt waren, da die bisherigen Theorien bezüglich der Vorhersage des unblutigen Ausgangs des Ost-West-Konflikts versagt hatten.
Doch wie interpretiert der Sozialkonstruktivismus den Irakkonflikt? Kann er die Manifestierung des amerikanisch-irakischen Gegensatzes, also die Austragung mittels militärischer Gewalt erklären? Vermag die Theorie den Konflikt so zu analysieren, dass die Gründe für den Krieg ersichtlich werden? Kann der Sozialkonstruktivismus den Konflikt plausibel offenbaren oder sind hierzu die Ansätze anderer Theorieschulen besser geeignet? Mit diesen Fragen möchte sich die vorliegende Hausarbeit auseinandersetzen.
Diesbezüglich soll im ersten Kapitel zunächst der Konflikt betrachtet und anhand des von Frank Schimmelpfennig entwickelten Konfliktfünfecks beschrieben werden.
Im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit wird dann kurz die Theorieschule des Sozialkonstruktivismus vorgestellt, wobei explizit auf die Grundannahmen des Konstruktivismus bzw. Sozialkonstruktivismus, sowie dessen Variablen, Kernhypothesen und Kausalmodell eingegangen wird.
Im darauf folgenden dritten Abschnitt soll eine fallspezifische Hypothese abgeleitet und die Theorie auf den Konflikt angewendet werden. In der Operationalisierung wird dann überprüft, wie gut die Theorie allgemein auf den Konflikt angewendet werden kann.
Das vierte Kapitel will dann überprüfen, warum die beteiligten Akteure keine gemeinsamen Identitäten aufbauen konnten.
Im Schlussteil werden schließlich die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und resümiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Irakkonflikt aus Sicht des Konfliktfünfeckes von Schimmelpfennig
1.1 Die Konfliktparteien
1.2 Der Konfliktgegenstand
1.3 Positionsdifferenzen
1.4 Die Konfliktumwelt
1.5 Der Konfliktaustrag
2. Die Denkschule des Sozialkonstruktivismus
2.1 Die Grundannahmen des Konstruktivismus/ Sozialen Konstruktivismus
2.2 Die Variablen des Sozialkonstruktivismus
2.3 Die drei Kernhypothesen des Sozialkonstruktivismus
2.4 Das Kausalmodell des Sozialkonstruktivismus
3. Ableitung der Hypothese und Anwendung auf den Konflikt
3.1 Ableitung der fallspezifischen Hypothese und Anwendung auf den Konflikt
3.2 Die Bestimmung der Variablen
3.3 Operationalisierung
4. Gründe für den Nichtaufbau gemeinsamer Identitäten der Akteure
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Irakkrieg von 2003 aus der Perspektive des Sozialkonstruktivismus, um zu ergründen, inwieweit diese Theorie den Konflikt und die fehlende Identitätsbildung zwischen den beteiligten Akteuren erklären kann.
- Analyse des Irakkonflikts mittels des Konfliktfünfecks von Schimmelpfennig
- Einführung in die theoretischen Grundlagen des Sozialkonstruktivismus
- Anwendung sozialkonstruktivistischer Kernhypothesen auf den Irakkrieg
- Untersuchung der Gründe für das Scheitern gemeinsamer Identitätsbildung
- Kritische Reflexion der theoretischen Erklärungsleistung im Kontext empirischer Fakten
Auszug aus dem Buch
1.1 Die Konfliktparteien
Unter Konfliktparteien versteht Schimmelpfennig ganz allgemein mindestens zwei interagierende Einheiten, „die hinsichtlich eines Gutes oder Objektes, des Konfliktgegenstandes unvereinbare Interessen[…] besitzen.“ 2
Im Gegensatz zum Irakkrieg vom Januar 1991 war der aktuelle Konflikt nicht von den Vereinten Nationen legitimiert. Als Konfliktpartei trat also nicht die UNO, sondern die unter der Führung der USA stehende coalition of the willing auf, die aus 49 Staaten bestand3, die jedoch nicht alle militärisch involviert waren, sondern teilweise den Krieg nur logistisch oder finanziell unterstützt haben. Auch Mitgliedsländer der Europäischen Union gehörten zur Koalition der Willigen, v.a. Großbritannien, aber auch Polen, Spanien und Italien.
Als zweite, zur Ersten in Rivalität stehende Konfliktpartei, ist der Irak zu nennen, der nach längeren, an Intensität zunehmenden diplomatischen Auseinandersetzungen am 20. März 2003 von der ersten Konfliktpartei angegriffen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des Irakkriegs ein und legt die Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen auf Basis des Sozialkonstruktivismus dar.
1. Der Irakkonflikt aus Sicht des Konfliktfünfeckes von Schimmelpfennig: Dieses Kapitel liefert eine empirische Fallbeschreibung des Konflikts, indem es die Parteien, Gegenstände, Positionen, Rahmenbedingungen und den Austrag des Krieges analysiert.
2. Die Denkschule des Sozialkonstruktivismus: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Sozialkonstruktivismus, seine Variablen, Hypothesen und das zugrunde liegende Kausalmodell erläutert.
3. Ableitung der Hypothese und Anwendung auf den Konflikt: Dieses Kapitel überträgt die abstrakten sozialkonstruktivistischen Hypothesen auf den konkreten Fall des Irakkriegs und operationalisiert die Variablen.
4. Gründe für den Nichtaufbau gemeinsamer Identitäten der Akteure: Es wird untersucht, warum trotz bestehender Interaktionsmöglichkeiten keine gemeinsamen Identitäten zwischen den USA und dem Irak entstehen konnten.
Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert die Erklärungsleistung der Theorie und hinterfragt kritisch die Passung zwischen Theorie und den empirischen Begebenheiten des Irakkriegs.
Schlüsselwörter
Sozialkonstruktivismus, Irakkrieg, Internationale Beziehungen, Konfliktfünfeck, Identitätsbildung, Demokratischer Frieden, coalition of the willing, Normen, Kommunikation, institutionelle Dichte, Konfliktaustrag, Weltpolitik, Machtverhältnisse, Außenpolitik, Theoriebildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Irakkrieg von 2003 unter Anwendung der Theorie des Sozialkonstruktivismus, um zu verstehen, wie diese Denkschule zur Analyse solcher Konflikte beitragen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die außenpolitischen Identitäten der Akteure, der Einfluss von Normen und Kommunikation sowie das Verhältnis von Staaten in Konfliktsituationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit der Sozialkonstruktivismus die Manifestierung des amerikanisch-irakischen Gegensatzes und die Eskalation zum Krieg schlüssig erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt das „Konfliktfünfeck“ nach Frank Schimmelpfennig zur Fallbeschreibung und wendet sozialkonstruktivistische Kernhypothesen sowie Konzepte wie das Kausalmodell auf den Irakkonflikt an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in den Sozialkonstruktivismus, die Anwendung dieser Theorie auf den Fall Irak und die Analyse, warum keine gemeinsamen Identitäten zwischen den beteiligten Akteuren entstanden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Sozialkonstruktivismus, Konfliktfünfeck, Identitätsbildung, demokratische Werte und Internationale Beziehungen.
Inwiefern spielt das Konzept des „demokratischen Friedens“ eine Rolle?
Das Konzept wird genutzt, um die unterschiedlichen politischen Kulturen der USA und des Iraks zu kontrastieren und die daraus resultierende Schwierigkeit bei der Ausbildung gemeinsamer Normen zu erklären.
Welche Rolle spielt die UNO im Kontext der Theorie?
Die UNO wird als gescheiterte Kommunikationsstruktur analysiert, die nicht in der Lage war, die Akteure zu einer friedlichen Konfliktlösung zu bewegen oder die USA zu disziplinieren.
Warum konnte die Theorie das Vorgehen der USA nicht vollständig erklären?
Der Autor stellt fest, dass die Theorie die ökonomischen Machtinteressen und den bereits beschlossenen Machtwechsel in Bagdad vernachlässigt, die jenseits von reinem Normen-Dialog agierten.
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- Joachim Graf (Author), 2007, Der Irakkrieg aus Sicht des Sozialkonstruktivismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126596