Die Zeit, in der Theodor Storm lebte (vgl. Rothmann, 176-180), war gekennzeichnet durch den immensen wirtschaftlich-industriellen Aufschwung, den die expansive Industrialisierung Europas mit sich brachte.
In den Bereichen Physik, Psychologie und der entwicklungsgeschichtlichen Biologie konnten darüber hinaus neue naturwissenschaftliche Erkenntnisformen gewonnen werden. Die technische Auswertung der Naturwissenschaften begünstigte die angelaufene industrielle Revolution und damit den Aufschwung der bürgerlichen Großindustrie und des Kapitalismus. Allmählich setzte sich ein Wirklichkeitsverständnis für die Errungenschaften der Aufklärung ein und das bürgerliche Weltbild entstand.
Auch politisch-gesellschaftliche Aktivitäten prägten diese Zeit des Wandels: Mit der Reichsgründung 1871 ging der Traum von der politischen Einheit Deutschlands in Erfüllung. In die Flaute der Ereignislosigkeit der Restaurationsphase nach der gescheiterten 48er-Revolution kam damit Aufbruchsstimmung. Das dynamische Lebensgefühl der sich anschließenden Gründerphase weckte gestalterische Kräfte und entfesselte starke Handlungsimpulse in den Bereichen in Politik, Wirtschaft und Kunst.
Das, was unser heutiges Fortschrittsdenken und Technikvertrauen ausmacht, hat seine Wurzeln demnach in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Obwohl die heutige Welt scheinbar keine Rätsel mehr birgt, erfreuen sich Geschichten, die irrationale und übernatürliche Phänomene thematisieren, großer Beliebtheit. Die Tatsache, dass solche Geschichten heute weniger in traditionellen oralen Erzählsituationen denn mittels Kino oder Hörbuch weitergegeben werden, scheint dem Verlangen nach Spuk keinen Abbruch zu tun. Der Wunsch, Gruselgeschichten zu hören, war auch vielen der Zeitgenossen Theodor Storms eigen. Betrachtet man den Zeitgeist des Realismus, der diese Menschen umgetrieben haben muss, mag dies seltsam anmuten, befand man sich doch in einer rasanten Um- und Aufbruchsepoche in Richtung Zukunft.
Doch ausgerechnet Storms Alterswerk „Der Schimmelreiter“, das erst 1888 fertiggestellt wurde, weist genug phantastische Spukelemente auf, um die Frage nach einem anachronistischen Widerspruch zu stellen. Wie gezeigt werden wird, entkräftigt Storm einen solchen Vorwurf mit „Der Schimmelreiter“, indem er sich mit Hilfe diverser erzählstrategischer Mittel bezüglich der Spukelemente ins Reich der Ambiguitäten rettet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Poetischer Realismus
2.1 Gruselgeschichten im Realismus
2.2 Storms Affinität zum Gruseligen
2.3 Fiktionalisierte Realität
3. Die Entwicklung der Schauerelemente in „Der Schimmelreiter“
4. Demaskierung des Aberglaubens durch Relativierungssignale
5. Gattungspoetologische Selbstreflexion
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Funktion und Bedeutung der phantastischen Spukelemente in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ unter Berücksichtigung der poetologischen Merkmale des Realismus. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Spannungsfeld zwischen der rationalen, wirklichkeitsnahen Erzählweise des Realismus und dem Einweben irrationaler, gespenstischer Motive.
- Die Darstellung von Spukelementen im Kontext des poetischen Realismus
- Strukturelle Analyse der mehrfachen Rahmenerzählung
- Die Funktion des Schulmeisters als rationaler Erzähler
- Die Symbolik des „Schimmelreiters“ und die Bedeutung der Volksmythen
Auszug aus dem Buch
3. Die Entwicklung der Schauerelemente im Schimmelreiter
Dass wir es bei „Der Schimmelreiter“ mit einer Gespenstergeschichte zu tun haben, steht außer Frage. Laut Gero von Wilpert liegt eine Gespenstergeschichte dann vor, wenn „Gespenster oder Spuk zum Zentralmotiv eines Textes werden“ (Wilpert, 32). Auch wenn sich das eigentliche Spukgeschehen in „Der Schimmelreiter“ nur in der zweiten Rahmenhandlung manifestiert, steht es im Mittelpunkt, da die gesamte Handlung der ausführlichen Geschichte um Hauke Haien vom Auftauchen des gespenstischen Reiters im zweiten Rahmen ihren Ausgang nimmt. Damit handelt es sich bei „Der Schimmelreiter“ um eine analytische Gespenstergeschichte, in der erst nach der gespenstischen Erscheinung eine klärende Vorgeschichte offen gelegt wird.
Die Erzählstruktur der Novelle entspricht einer Rahmenerzählung: Die mehrfache Rahmung setzt sich zusammen aus dem äußeren Rahmen (1888), dem inneren Rahmen (um 1830) und der Binnenhandlung (um 1750). Im äußersten Rahmen berichtet ein Erzähler-Ich, das durchaus die Züge Theodor Storms aufweist, von einer Geschichte, die es vor langer Zeit in einer Zeitschrift gelesen habe, die ihm jedoch nicht aus dem Kopf gehe. Dieser Rahmen wird nicht wieder geschlossen. Mit Beginn der angekündigten Geschichte setzt der zweite Rahmen ein, in welchem ein Reisender, bei seiner Einkehr in ein Gasthaus die Lebensgeschichte des Deichgrafen Hauke Haien von einem Schulmeister erzählt bekommt. Die Worte des Schulmeisters machen die Binnenhandlung aus. Damit erstreckt sich der Erzählvorgang in einer komplexen Schichtung auf drei differenten Ebenen, was ihn selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den zeitgeschichtlichen Kontext des 19. Jahrhunderts, geprägt durch Industrialisierung und Positivismus, und stellt Theodor Storms literarische Herausforderung dar, diese Strömungen mit dem Bedürfnis nach dem Irrationalen zu verbinden.
2. Poetischer Realismus: Dieses Kapitel definiert den poetischen Realismus als Epoche, die zwar mimetische Exaktheit fordert, aber dennoch eine Interpretation von Wirklichkeit leisten will, wobei die Rolle von Gespenstergeschichten innerhalb dieses Programms diskutiert wird.
3. Die Entwicklung der Schauerelemente in „Der Schimmelreiter“: Hier wird analysiert, wie die Rahmenerzählung und die konkrete Schilderung von Spukerscheinungen die Wahrnehmung des Lesers beeinflussen und eine Ambivalenz zwischen Rationalität und Aberglauben erzeugen.
4. Demaskierung des Aberglaubens durch Relativierungssignale: Das Kapitel untersucht, wie der Schulmeister als Erzähler und die multiperspektivische Rahmenkonstruktion dazu beitragen, den Aberglauben der Dorfgemeinschaft als unzeitgemäß zu demaskieren.
5. Gattungspoetologische Selbstreflexion: Diese Analyse widmet sich der Meta-Ebene der Erzählung, indem sie die Rahmung als Mittel der Kontinuität und als Reflexion über den Prozess des Erzählens selbst begreift.
6. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Storm das Irrationale nicht als Selbstzweck nutzt, sondern als existenzielle Grauzone, die trotz modernem Rationalismus Bestand hat.
Schlüsselwörter
Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Poetischer Realismus, Rahmenerzählung, Spukelemente, Gespenstergeschichte, Hauke Haien, Aberglaube, Rationalismus, Volksglaube, Erzählstruktur, Irrationalität, Moderne, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Integration von phantastischen Spukelementen in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ und analysiert, wie diese mit den realistischen Ansprüchen der Entstehungszeit korrespondieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die realistische Literaturtheorie, die narrative Struktur der Novelle, das Spannungsverhältnis zwischen Aufklärung und Aberglauben sowie die Funktion des Erzählens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Storm durch erzählstrategische Mittel, wie die komplexe Rahmung und den Einsatz des Schulmeisters als Erzähler, den Spuk als irrationales Phänomen entlarvt, während er gleichzeitig dem menschlichen Bedürfnis nach dem Unerklärlichen Raum gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanente Interpretationsmethoden sowie gattungspoetologische Analysen nutzt, gestützt durch relevante Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem historischen Kontext des Realismus, der Funktion der verschiedenen Erzählebenen in „Der Schimmelreiter“ und der Rolle des Aberglaubens innerhalb der dargestellten Dorfgemeinschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Poetischer Realismus, Rahmenerzählung, Spukmotive, Erzählstruktur, Rationalismus und Volksglaube.
Welche Rolle spielt der Schulmeister in der Novelle laut der Arbeit?
Der Schulmeister fungiert als rationaler Gegenpol zum Aberglauben der Bauern und dient als didaktisches Medium, das den Leser dazu lenken soll, die Geschehnisse kritisch und aufgeklärt zu hinterfragen.
Warum wird der äußere Rahmen der Novelle als besonders bedeutend hervorgehoben?
Da der äußerste Rahmen nicht geschlossen wird, wird der Rezipient in die Rolle des Erzählers gedrängt und dazu provoziert, sich eine eigene Sicht auf die zweideutigen Ereignisse zu bilden.
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- Sarah Till (Author), 2007, Im Spannungsfeld zwischen poetischem Realismus und gespenstischen Phantasmen. Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126597