Gruppendynamik in der Schule. Theorie und Praxis


Seminararbeit, 2008

36 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gruppendynamik
2.1 Definition „Gruppe“
2.2 Definition „Dynamik“
2.3 Was ist also Gruppendynamik?

3. Geschichtliche Entwicklung der Gruppendynamik
3.1 Gruppendynamik in Österreich

4. Gruppenprozesse und Gruppenentwicklung
4.1 Verschiedene Arten von Prozessen in Gruppen
4.2 Gruppenstrukturen
4.3 Der Rollenbegriff

5. Phasen der Gruppenentwicklung

6. Gruppendynamik in der Schule
6.1 Themenzentrierte Interaktion nach Ruth C. Cohn
6.2 Beispiele

7. Bibliographie

1. Einleitung

Auf den folgenden Seiten meiner Arbeit „Gruppendynamik, Gruppenprozesse und Gruppenentwicklung widme ich mich überblicksmäßig dem Thema Gruppendymanik und den damit verbundenen Konzepten und Ideen. Das Feld der Gruppendynamik an sich ist so groß, dass man sich nur gewisse Punkter herauspicken kann, um nicht den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen. Da dieses Thema für mich neu war, habe ich versucht, die für mich wichtigsten Theorien und Methoden herauszufiltern und hier niederzuschreiben, damit ich sie später im Unterricht bewusst anwenden kann.

Zu Beginn, versuche ich den Begriff „Gruppendynamik“ logisch zu defnieren, um dann anschließend einen kurzen geschichtlichen Anriss der Forschung und Entwicklung zu diesem Thema einzubringen, wobei ich hier auch auf die Situation in Österreich und ihren Pionier Raoul Schindler , sowie auf seine Arbeit, eingehe.

Im nächsten Kapitel werde ich verschiedene Prozesse, sowie Vorgänge, die innerhalb von Gruppen auftreten können, beschreiben, wie z.B.: Bions Prozesse, Dependenz, Independenz und Interdepenz oder Konflikte.

Darauf kommt die Beschreibung der Gruppenstrukturen, die vor allem vom Wiener Psychiater Raoul Schindler geprägt worden sind, durch seine Theorie des Rangdynamischen Positionsmodells. Dazu erwähne ich im Anschluss auch die Rollen, die Gruppenmitglieder innerhalb einer Gruppe einnehmen, und die uns als Menschen unser ganzes Leben lang begleiten, denn schon von Geburt an sind wir teil eines Gefüges, in dem wir eine bestimmte Rolle erfüllen.

Im fünften Kapitel meiner Arbeit gehe ich auf die Gruppenentwicklung und ihre verschiedenen Phasen ein, die von vielen Forschern beobachtet und beschrieben worden sind und eine große Rolle im Umgang mit Gruppen spielen.

Zum Schluss versuche ich noch einen Bogen zwischen gruppendynamischer Theorie und der praktischen Anwendung im Bereich der Schule herzustellen. Dazu habe ich die Themenzentrierte Interaktions-Methode nach Ruth Cohn herangezogen, da dieser Ansatz mir am realisierbarsten und einfachsten für den schulischen Gebrauch erscheint.

Generell war die Beschäftigung mit diesem Thema eine enorme Bereicherung für mich, da ich denke, dass in der Schule viele Probleme aus einfachen Missverständnissen resultieren oder weil gewisse Positionen innerhalb einer Gruppe nicht geklärt sind. Ich denke, dass man in der Schule wesentlich produktiver arbeiten könnte, wenn man versucht zuerst an den Strukturen und Beziehungen der Klassen zu arbeiten, um dann auf den Stoff, den man behandeln muss, eingehen zu können. Dazu eignet sich definitiv ein gruppendynamischer Ansatz.

Weiters möchte ich vielleicht im Bereich der Sozialarbeit arbeiten und ich denke auch hierfür ist eine gewisse Grundaustattung mit Wissen über Gruppendynamik von Vorteil. Mir war vor dieser Arbeit auch nicht bewusst, dass es Fortbildungen und Ausbildungen zu diesem und damit verbundenen Themen wie z.B. Supervision gibt. Somit glaube ich, dass ich in Zukunft noch öfters mit Gruppendynamik in Berührung kommen werde, wofür ich dank dieser Arbeit nun besser gerüstet bin.

2. Gruppendynamik

Gruppendynamik ist ein relativ häufig verwendetes Konzept, das vor allem in Bereich der Arbeit mit Jugendlichen und Kindern, in der Schule und in der Gruppentherapie angewendet wird, aber auch immer mehr im Training von Firmen und deren Angestellten, zur Verbesserung des Arbeitsklimas und der Produktivität, zum Einsatz kommt. Der Begriff ist bekannt, jedoch wissen die meisten Menschen kaum worum es sich bei „Gruppendynamik“ wirklich handelt.

2.1. Definition „Gruppe“

Unter dem Wort „Gruppe“ versteht man im Allgemeinen eine gewisse Anzahl von Menschen, die sich aus einer bestimmten gemeinsamen Motivation oder zur Erreichung eines bestimmten Zieles heraus zusammengeschlossen haben. Raoul Schindler beschreibt die Gruppe als „ ein psychologisches Phänomen, das entsteht wenn sich einzelne Menschen aus einer unverbundenen Menge gegenüber einem gemeinsamen Ziel in einer Aktion zusammenschließen.“1 Zum Beispiel, eine Gruppe von Schülerinnen, die sich über eine andere Schülerin wegen ihrer Kleidung lustig machen. Sie haben einen gemeinsamen Angriffspunkt und durch diese Gemeinsamkeit entsteht innerhalb der Gruppe eine Art von Gefüge, das instabil ist und auch ein so genanntes „Wir-Gefühl“, durch welches sich diese Einzelnen zu einer Gruppe verbunden fühlen. Schindler unterstreicht die Schwierigkeit der Definition von Gruppe, da es immer wieder zu Verwechslungen mit der Masse, der Gesellschaft oder auch der „individuellen Dynamik der Einzelnen“ gibt.2

Weiter beschreibt Schindler die Gruppe als

„das Aufnehmen einer gemeinsamen Handlungsbewegung, gekennzeichnet durch Anerkennung einer Schwerpunktsetzung nach außen (Gegner, Ziel der Machtentfaltung) und einer Bewegung nach innen“,

(Schindler, R. 1957a, S. 308)

2.2 Definition „Dynamik“

Als Dynamik bezeichnet man generell eine Ansammlung von „komplexen und interdependenten Kräften, die in einem gemeinsamen Bereich oder Milieu vorhanden sind.“3 Heutzutage wird der Begriff „Dynamik“ über das Gebiet definiert, in dem eine Art von Kräftespiel oder eine Triebkraft auftritt. Das Wort „Dynamik“ selbst ist somit recht vage erklärt und in der Literatur verwendet man deshalb auch häufig Ersatzbegriffe wie Gruppenprozesse, Gruppenentwicklung oder sogar Human Relations, aber keiner dieser Begriffe erfasst das Phänomen ausreichend.

2.3 Was ist also Gruppendynamik ?

Laut dem Handbuch Gruppenpädagogik–Gruppendynamik ist Gruppendynamik folgend aufgebaut:

„Eine Gruppe ist ein Interaktionssystem verschiedener Individuen. Die Struktur dieses Systems wird bedingt durch seine Funktionen. Aus den Funktionen der Gruppe ergeben sich die Rollen, die von den Individuen innerhalb des Systems übernommen werden. Kennzeichnend ist neben der Zielsetzung und Arbeitsteilung auch eine gewisse Dauerhaftigkeit der Gruppe.“

(Karsten in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 84)

Somit gibt es innerhalb einer Gruppe eine Art Struktur, die sich folglich dem Ziel oder der Motivation der Gruppe herauskristallisiert. Das führt weiter dazu, dass die einzelnen Personen in der Gruppe bestimmte Rollen einnehmen. Diese Strukturbildung und die damit verbundenen Rollen werden später noch genauer erklärt.

Der wichtigste Aspekt der Gruppendynamik ist, zu erkennen, dass innerhalb einer Gruppe eine „ständige innere Dynamik abläuft,“4 die die verschiedenen Rollen innerhalb der Gruppe konstituiert, sowie eine Abgrenzung zu anderen Gruppen oder Systemen ermöglicht.

3. Geschichtliche Entwicklung der Gruppendynamik

Allererste Ideen zur Gruppe gibt es schon zu Zeiten von Aristoteles, der den Menschen als ein soziales Wesen (zoon politicon) und somit als Wesen, das die Gruppe sucht, beschrieb. Es wurde auch recht früh beobachtet, dass sich das Verhalten des Menschen in einer Gruppe oder der Masse vom individuellen Verhalten unterscheidet – diese Erkenntnisse gewann man bereits vor der Französischen Revolution durch z.B. Voltaire. Man erklärte, dass es eine Art „Massenseele“ (Le Bon), ein so genanntes kollektives Bewusstsein, geben müsse, durch welche sich das individuelle Verhalten verändere.5

In der Persönlichkeitspsychologie fiel das Interesse auf die Frage, warum denn Menschen überhaupt Gruppen bilden. Freud wies hier auf die Wichtigkeit der frühkindlichen Entwicklung und das Erlernen des Umgangs mit den menschlichen Trieben hin, welches maßgeblich am späteren Sozialverhalten eines Menschen beteiligt sein soll. Bion betonte , dass man zwischen dem Individuum und der Gruppe gar nicht unterscheiden kann, da „die Psychologie des Individuums an sich schon eine Funktion des Verhältnisses zwischen einem Menschen und einem anderen sei.“6

Für Freud war der Mensch ein „Gruppengeschöpf, das sowohl mit der Gruppe als auch mit denjenigen Aspekten seiner Persönlichkeit, die seine „Vergrupptheit“ ausmachen, im Kampf liegt.“7

Durch die vielen am Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden psychologischen Theorien, erstarkt die Motivationsforschung, z.B. durch Moede und Allport. Ihre Forschungsergebnisse erklären, dass der Mensch von den Anfängen seines Lebens bestimmten Gruppenprozessen unterworfen ist, z.B. schon in der ersten Gruppe, der Familie, und dass er durch diese Gruppen in bestimmte Bahnen gelenkt wird und sich gemäß den Rollenerwartungen der Familie, der Gesellschaft und allen anderen Gruppen, an denen er teilnimmt, verhalten muss. Durch Nicht-Erfüllen dieser Erwartungen können Konflikte entstehen. Den enormen Einfluss von so genannten Normen, also Regeln innerhalb einer Gruppe, erklärt Eyferth und argumentiert, dass „eine Verhaltensänderung des Einzelnen nur durch gruppendynamische Prozesse initiiert wird.“8

Den größten Fortschritt erlebte die Gruppendynamik durch die Arbeit von Kurt Lewin, dem Begründer der Feldtheorie. Die Feldtheorie ist laut Lewin keine klassische Theorie an sich, sondern „eine Methode, um Kausalbeziehungen zu analysieren und wissenschaftliche Konstrukte aufzubauen.“9 Sie wurde ausgehend von der Gestaltpsychologie10 entwickelt. Durch systematische Studien über „Gruppen im Feld sozialer Interaktion“11 wurde der Begriff Gruppendynamik geprägt. Lewins Experimente wurden als Ausgangsbasis für neue, immer wieder erweiterte Untersuchungen gesehen und führten zu einer Flut von Veröffentlichungen und der Erkenntnis, dass Gruppendynamik einen sehr wichtigen Bereich sozialpsychologischer Forschung darstellt und in allen Sparten, in denen Menschen in Gruppen zusammenarbeiten, wie z.B. in der Schule, in Firmen, etc., stärker berücksichtigt werden sollte.

Im Zuge seiner Gesellschaftslehre entwickelt Moreno ein Soziogramm,

„eine graphische Darstellung der elementarsten Gefühle (Zuneigungen, Abneigungen und Neutralität), die sich zwischen den Mitgliedern einer Gruppe abspielen, eine soziale Sprache, eine Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen.“

(Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 90-91)

Dieses Konstrukt kommt in vielen verschiedenen Gebieten zum Einsatz, in denen es guter Arbeitsgruppen, sowie der Erkennung von Außenseitern und Einzelgängern bedarf. Für Moreno war jedoch der heilende Aspekt seiner Theorie am wichtigsten, da er „durch die Gruppe und in der Gruppe psychische Schäden und soziale Konflikte heilen wollte“12, z.B. durch Anwendung des „Soziodramas“13.

Nach 1950 wurden durch Lewins Mitarbeiter an der Universität von Michigan Gruppendynamik Seminare abgehalten, die sich dann in Trainingskurse des Research Center for Group Dynamics in Maine weiterentwickelten und die verschiedensten Domänen menschlichen Handelns ansprachen, wie z.B. Lehrer, Sozialarbeiter, Ökonomen, Politiker,etc.. Diese Kurse verbreiteten sich schnell in der ganzen Welt und werden heutzutage zu vielen verschiedenen Aspekten der Gruppendynamik angeboten.14 Auch in Österreich gibt es mehrere Einrichtungen zur Erforschung und dem Training von Gruppen. Pionierarbeit leistete hier der Wiener Psychologe Raoul Schindler.

3.1 Gruppendynamik in Österreich

In Österreich hat die Beschäftigung mit der Gruppendynamik einen doch recht hohen und auch weltweit beachteten Stellenwert, was vor allem an der Arbeit vom österreichischen Psychotherapeuten, Psychoanalytiker und Psychiater Univ.-Doz. Dr Raoul Schindler liegt, der im Jahre 1959 den ÖAGG, den Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik, ins Leben gerufen hat. Der ÖAGG beschäftigt sich mit der Forschung und Anwendung von Gruppendynamik und Gruppenpsychotherapie und fördert diese, z.B. durch Aus-und Weiterbildungseinrichtungen in Bezug auf Gruppendynamik und Gruppenpsychotherapie. Der ÖAGG hat sich von einem kleinen Kreis Interessierter hin zu einer weltweit anerkannten Organisation mit 1700 Mitgliedern entwickelt und stellt somit auch „die größte anerkannte psychotherapeutische Ausbildungsorganisation dar.“15 Fernerhin ist der ÖAGG Mitglied im ÖBVP, dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, sowie der IAGP, der International Association for Group Psychotherapy und stellt „nach der amerikanischen Vereinigung die an Mitgliedern zweitstärkste Gruppe.“16

[...]


1 Schindler, R. 1957, S. 308.

2 Schindler, R. 1957, S. 308

3 Luft, 1974. S. 11

4 Schindler, R. 1957, S. 314

5 siehe Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 86

6 Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 86

7 Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 86

8 Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 88

9 Luft, 1974, S. 12

10 Erklärung Gestaltpsychologie; Als Gestaltpsychologie wird in der Regel eine Richtung innerhalb der Psychologie bezeichnet, die das Erleben (vor allem in der Wahrnehmung) als eine Ganzheit betrachtet, die auf einer bestimmten Anordnung der ihr zugrunde liegenden Gegebenheiten beruht, wobei diese Gegebenheiten als Glieder mit dem Ganzen in der Beziehung wechselseitiger Bedingtheit stehen. aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gestaltpsychologie

11 Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 90

12 Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 1977, S. 91

13 Erklärung Soziodrama: Das »Soziodrama« ist eine Variante Szenischen Arbeitens, bei der eine Gruppe gemeinsam und unter Anleitung eines entsprechend geschulten Regisseurs relevante Themen (vorwiegend aus dem Bereich der sozialen Kooperation) mittels improvisierter Rollenspiele exploriert. Ziel einer soziodramatischen Arbeit ist, die komplexe Dynamik sozialer Zusammenhänge mit ihren unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen verstehen zu können und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. aus Moreno Institut: http://www.morenoinstitut.de/sdrama.php

14 siehe Karsten, in Handbuch Gruppenpädagogik-Gruppendynamik, 19??, S. 92

15 aus Homepage des ÖAGG: http://www.oeagg.at/

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Gruppendynamik in der Schule. Theorie und Praxis
Hochschule
Universität Wien  (Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Theorie und Praxis des Erziehens und Beratens: Lehrersein heute. Vom Pauker zum Erzieher, Motivator und Unterstützer
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
36
Katalognummer
V126618
ISBN (eBook)
9783640324866
ISBN (Buch)
9783640326471
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppendynamik, Pädagogik, Gruppenentwicklung, Gruppenprozesse
Arbeit zitieren
Sonja Maier (Autor), 2008, Gruppendynamik in der Schule. Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126618

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