In der Arbeit soll untersucht werden, inwiefern eine literarische Darstellung der Shoah möglich sein kann und wodurch es Primo Levi (1919 – 1987) in "Ist das ein Mensch?" ("Se questo è un uomo?") gelingt, das Un(be)greifbare aufzulösen und greifbar(er) zu machen. Dazu sollen im ersten Teil einige Schwierigkeiten dargelegt werden, vor die Autor*innen und Zeitzeug*innen, aber auch Shoah-Forschende bei der Erschließung dieses weiten Feldes aus Unsagbarkeit und Unvergleichbarkeit gestellt wurden und werden. Um sich dem Zivilisationsbruch mental und analytisch annähern zu können, bedarf es begrifflicher Werkzeuge und Formen der Darstellbarkeit. Eben jene können jedoch nur ausformuliert werden, wenn ein grundlegendes Verständnis dieses singulären Ereignisses vorherrscht. Hier setzt das Dilemma an: wie kann etwas Unvorstellbares, nie Dagewesenes greifbar gemacht werden, ohne es zu banalisieren?
An Greifbarkeit gewinnt die Beschäftigung mit der Shoah über Literarisierung – Zeitzeug*innenberiche liefern eine Form des Umgangs mit Unsagbarkeit und Sinnverschiebung. Durch die Behandlung eines kontingenzauflösenden Ereignisses ist es kaum verwunderlich, dass sie sich durch eine gewisse Hybridität auszeichnen, dass Faktum und Fiktion verschwimmen. Hierzu soll Aristoteles Analyse des Verhältnisses von Dichtung und Geschichtsschreibung, besonders hinsichtlich seiner Binnendifferenzierungen konsultiert werden, um anschließend die neuere Shoah-Forschung und mit ihr James E. Young zur adäquaten Ausdeutung von histoire und discours zu befragen.
Eine Ästhetisierung ergibt sich naturgemäß aus der literarischen Verarbeitung des Erlebten – um Unbegreifliches begreifen zu können, muss auf bestehende Wissensformen zurückgegriffen werden. Über Hannah Arendts Beobachtungen zur Rezeption der Zeitzeug*innenberichte – dem Medium der Erschließung dieses Zivilisationsbruchs – soll sich den Möglichkeiten der angemessenen Verarbeitung angenähert werden. Um den sinnlosen Genozid an mindestens sechs Millionen Jüd*innen nicht mit Sinn aufzuladen, mussten adäquate Formen der Darstellbarkeit gefunden werden. Besonders Levis Zeitdokument ist vom würdevollen, angemessenen Andenken an die stimmlosen Toten gekennzeichnet. Giorgio Agamben greift in seiner Analyse zur Zeug*innenschaft von Auschwitz Levis Begriff der "Lücke" des Zeugnisses auf – das Verständnis der Lücke wird zentral für die Erschließung von Mensch sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Schwierigkeiten literarischer Darstellung
2.1 Ästhetisierung ohne Sinngebung?
2.2 Lückenhaftigkeit des Zeugnisses
3 Artikulationsformen Levis
3.1 Die danteʼsche Hölle von Auschwitz
3.2 Tagträume, Albträume, Kollektivträume
4 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie literarische Darstellungsformen der Shoah möglich sind und durch welche spezifischen Verfahren Primo Levi in seinem Werk "Ist das ein Mensch?" versucht, das als unvorstellbar und unsagbar empfundene Trauma greifbar zu machen, ohne das Geschehen zu banalisieren.
- Literarische Bewältigung des Unbeschreibbaren
- Die Rolle der Intertextualität durch Dante Alighieri
- Traumanalysen als Ausdruck von Identität und Trauma
- Das Spannungsfeld zwischen Faktum und Fiktion im Zeitzeugenbericht
- Sprache und Sprachlosigkeit als Ausdruck des Zivilisationsbruchs
Auszug aus dem Buch
3.1 Die danteʼsche Hölle von Auschwitz
Intertextualität – basal die Bezugnahme eines Textes auf andere Texte, nach dem grundlegenden Aufsatz Julia Kristevas Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman von 1967 – wie sie in der vorliegenden Arbeit verstanden werden soll, dient der doppelten hermeneutischen Erschließung: einerseits die des Zeitdokuments Levis durch die Leseinstanz, andererseits scheint er selbst sich seinem erlebten Leid nicht anders annähern zu können. Intertextualität soll hier als Artikulationsform, als bekannter Bezugspunkt bisher unbekannter und unmöglicher Phänomene, als Verfahren zur Darstellung dienen. Dieser Rückgriff auf literarische Tradition soll als „Kommunikationsinstrument und Überlebenshilfe“ verstanden werden. Damit werde ein „Kollektiv geschaffen, eine Gemeinschaft, die dem Schrecken die eigene Dignität entgegenstell(e)“. Intertexte können „als Hilfe beim Versuch (dienen), in einer konkreten Situation die Sprachlosigkeit zu bezwingen“. Das bei der Wahl des Textbezugs Evozierte, nicht Gesagte ist ebenso relevant wie das Gesagte, auch „Schweigen […] (kann) zum Kommunikationsinstrument“ werden. Mit der Darstellung werde, nach Marisa Siguan auch das Nichtdarstellbare sichtbar. Gerade der Zugriff auf die literarische Tradition, auf den schon gesagten Schmerz, erfüllt eine doppelte Funktion: Er hilft der individuellen Formulierung und fügt diese in ein Kollektiv ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsziel, die Shoah literarisch fassbar zu machen und Levis Umgang mit Unsagbarkeit und Trauma zu untersuchen.
2 Schwierigkeiten literarischer Darstellung: Dieses Kapitel erläutert das Dilemma der Shoah-Literatur, die Singularität des Ereignisses ohne Ästhetisierung zur bloßen Sinngebung darzustellen.
2.1 Ästhetisierung ohne Sinngebung?: Hier wird Adornos Diktum reflektiert und die Frage diskutiert, wie Literatur das Unvorstellbare ohne Banalisierung thematisieren kann.
2.2 Lückenhaftigkeit des Zeugnisses: Der Abschnitt befasst sich mit der Unzulänglichkeit des Zeugnisablegens und der existentiellen "Lücke", die das Unbezeugbare hinterlässt.
3 Artikulationsformen Levis: Dieses Kapitel analysiert spezifische künstlerische Strategien Levis, um das im Lager Erlebte über Tradition und Psychologie artikulierbar zu machen.
3.1 Die danteʼsche Hölle von Auschwitz: Untersucht wird der Bezug Levis zu Dantes "Commedia" als Rahmen zur Strukturierung und psychologischen Bewältigung der Lagererfahrung.
3.2 Tagträume, Albträume, Kollektivträume: Dieses Kapitel analysiert Traumsequenzen als Symptom des Traumas und als (oft scheiternden) Versuch der Rückversicherung von Identität.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Levis Verfahren – Intertextualität und Traumbeschreibung – unverzichtbare Mittel sind, um dem Andenken an die Opfer gerecht zu werden.
Schlüsselwörter
Shoah, Primo Levi, Ist das ein Mensch?, literarische Darstellung, Zivilisationsbruch, Intertextualität, Dante Alighieri, Zeugenschaft, Trauma, Lagerrealität, Sprachlosigkeit, Identität, Zeitzeugenschaft, Ästhetisierung, Erinnerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarischen Strategien Primo Levis, um das traumatische Ereignis der Shoah im Werk "Ist das ein Mensch?" darzustellen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Im Zentrum stehen die Möglichkeiten der literarischen Sprache, das Unbeschreibbare zu artikulieren, sowie die Rolle von Erinnerung, Identität und Tradierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Levi durch bewusste literarische Techniken das "Unvorstellbare" greifbar macht, ohne die Sinnlosigkeit des Genozids zu rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Literaturanalyse, vergleichende Kategorisierung und hermeneutische Erschließung unter Einbeziehung philosophischer und geschichtswissenschaftlicher Diskurse (u.a. Adorno, Arendt, Agamben).
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Darstellungsdilemmata, die intertextuelle Anbindung an Dante Alighieri und die psychologische Analyse von Traumsequenzen als Ausdruck des Traumas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Shoah, Intertextualität, Zeugenschaft, Zivilisationsbruch und die Verbindung von Faktum und Fiktion.
Warum ist der Bezug auf Dante Alighieri für Levi so wichtig?
Dantes "Commedia" dient als bekannter Bezugsrahmen, um das unbekannte und grausame Phänomen des Konzentrationslagers sprachlich und allegorisch überhaupt erst in den Bereich menschlicher Vorstellung zu rücken.
Welche Funktion haben die Traumsequenzen im Buch?
Sie dienen als Symptom des tiefsitzenden Traumas und als (oft schmerzhafter) Versuch der Erzählinstanz, sich im Lageralltag durch Rückbesinnung auf das eigene Ich als Mensch zu vergewissern.
- Quote paper
- Felix Naundorf (Author), 2022, Literarische Darstellbarkeit der Shoah am Beispiel Primo Levis "Ist das ein Mensch?", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1266411