Die Geschichte des Schinderhannes wurde in meiner Kindheit an mich herangetragen, aufgrund der geographischen Nähe der Ereignisse. Hierbei wurde allerdings nicht allein der Mythos behandelt, denn die Geschehnisse wurden mit historischen Fakten belegt. Interessant war der Wissensvergleich mit älteren Generationen, die eine positivere Auffassung von dem berühmten Schinderhannes hatten. Im Hinblick auf diese unterschiedliche Betrachtungsweise und Weitergabe von erinnerter Kultur ergibt sich meine Forschungsfrage: Auf welche Weise konnte sich der positive Mythos über Schinderhannes als Räuber und Held etablieren, obwohl die wissenschaftlichen Belege diesem Eindruck widersprechen? Diese Frage versuche ich in meinem Essay mithilfe der Forschungsliteratur von Stillmark, Mathy, Hirte und Kasper-Holtkotte zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. SCHINDERHANNES – ETABLIERUNG EINES MYTHOS
3. FAZIT – SCHINDERHANNES ALS VERBRECHER UND MÖRDER
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich trotz belastbarer historischer Belege für die kriminellen Taten des Schinderhannes ein positiver Mythos um seine Person etablieren konnte, der ihn teilweise als Helden oder „Rebellen gegen die Fremdherrschaft“ stilisierte.
- Historische Einordnung des Schinderhannes-Mythos
- Einfluss von Geschichtenerzählern und Bänkelsängern auf die Mythenbildung
- Die Rolle der sozialen und politischen Instabilität zur Zeit der Französischen Revolution
- Die gezielte Ausbeutung von Vorurteilen und Antisemitismus durch die Schinderhannes-Bande
- Wissenschaftliche Dekonstruktion der romantisierten Heldenfigur
Auszug aus dem Buch
2. Schinderhannes – Etablierung eines Mythos
Die Geschichte des Schinderhannes wird vielen Menschen in Deutschland, vor allem im Raum Hunsrück und Taunus, von klein auf erzählt. Durch die hauptsächliche Weitererzählung über Mundpropaganda, kann die Erzählung des Schinderhannes´ als Mythos gesehen werden. Denn ein Mythos wird meist mündlich, aber auch schriftlich über eine lange Zeit von einem Volk aus früherer Zeit überliefert. Meist ist es eine Geschichte über das damalige Volk und ihre Welt. Hauptcharaktere darin sind die Menschen, oft Götter, Dämonen oder andere sagenhafte Lebewesen. Die Attraktivität solcher Mythen ist auch noch im 21. Jahrhundert spürbar, da sie ein Mittel zur Erinnerung und Erklärung darstellen und „zugleich heuristische Modelle gegenwärtiger Grenzüberschreitung und Lebenserkundung“ sind.
Eine Hauptursache warum sich der Mythos Schinderhannes so frei etablieren konnte, ist die dürftige historische Quellenlage, die einige Annahmen widerlegen oder bestätigen könnten. Die Geburt von Johannes Bückler, genannt Schinderhannes wird auf den Herbst 1779 im Ort Miehlen geschätzt. Sein Vater Johann Bückler war ein Abdecker oder Wasenmeister, der 1777 Anna Maria Schmidt aus Miehlen heiratete, beide führten ein eher ärmliches Leben. Durch das unruhige Wesen des Vaters führte die Familie ein Wanderleben, ohne sesshafte Heimat. Denn Johann Bückler verließ zunächst wegen eines Diebstahls Miehlen, trat daraufhin dem „kaiserlich-österreichischen Regiment Hildburgshausen“ bei, um kurz darauf zu desertieren und wieder die Flucht anzutreten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Dieses Kapitel verortet die Entstehung der Forschungsfrage im persönlichen Kontext der Autorin und benennt die verwendete Forschungsliteratur zur Analyse des Schinderhannes-Mythos.
2. SCHINDERHANNES – ETABLIERUNG EINES MYTHOS: Hier wird der Prozess der Mythenbildung durch mündliche Überlieferung sowie die Auswirkungen, die politische Instabilität und antisemitische Ressentiments auf die Wahrnehmung des Räubers hatten, detailliert untersucht.
3. FAZIT – SCHINDERHANNES ALS VERBRECHER UND MÖRDER: Im Fazit wird resümiert, dass die positive Heldenfigur ein Konstrukt war, das durch mediale Einflussnahme und die bewusste Auslassung der Opferperspektive unterstützt wurde, während historische Fakten ihn eindeutig als Kriminellen ausweisen.
Schlüsselwörter
Schinderhannes, Mythos, Mythenbildung, Räuber, Theaterwissenschaft, Französische Revolution, Heldenepos, Antisemitismus, Geschichtenerzählung, Kriminalität, historisches Gedächtnis, Mediennutzung, Verbrecherbanden, kulturelles Gedächtnis, Heldenverehrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit prinzipiell?
Die Arbeit analysiert, wie Johannes Bückler, bekannt als Schinderhannes, entgegen historischer Fakten zu einer positiven, teils heldenhaften Mythenfigur stilisiert werden konnte.
Welche zentralen Themenbereiche werden verhandelt?
Im Fokus stehen die Mechanismen der Mythenbildung, die gesellschaftlichen Zustände zur Zeit der Französischen Revolution sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Täter- und Opferperspektive.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der wissenschaftlich nachweisbaren Kriminalität des Schinderhannes und seiner romantisierten Wahrnehmung in der Bevölkerung zu ergründen.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Autorin nutzt eine literaturgestützte Analyse, kombiniert mit theoretischen Ansätzen zur Mythenforschung und dem kulturellen Gedächtnis, um das Thema wissenschaftlich einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Etablierung des Mythos, der Rolle der Bänkelsänger bei der Verbreitung der Legende und untersucht die Rolle der jüdischen Bevölkerung als Hauptleidtragende der Raubzüge.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schinderhannes, Mythos, historisches Gedächtnis, Räuberlegende und die kritische Dekonstruktion seiner "Heldenreise".
Welche Bedeutung kommt dem Film von 1958 in dieser Arbeit zu?
Der Film wird als ein maßgeblicher Multiplikator für die romantisierte Heldenfigur bewertet, der das Bild des Schinderhannes über Generationen hinweg in der breiten Bevölkerung geprägt hat.
Wie spielt das "Generationen-Gedächtnis" bei Schinderhannes eine Rolle?
Die Autorin verdeutlicht, dass Mythen nur so lange Bestand haben, wie die mündliche Weitergabe funktioniert; moderne Generationen mit Zugang zu faktischem Wissen tendieren dazu, diesen Mythos kritischer zu hinterfragen.
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- Angelina Marx (Author), 2022, Die Geschichte des Mythos. Erzählungen zwischen Mythos und Wissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1266519