Die darstellenden, appellierenden und expressiven Funktionen dreier Sequenzen der Dokumentationen "Unser Planet" und "David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten"

Ein analytischer Vergleich


Seminararbeit, 2021

27 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunikationstheorien

3. David Attenborough als Klimaaktivist

4. Analyse der Dokumentationen
4.1 Allgemeine Informationen
4.2 Szenenanalyse
4.2.1 Orang-Utans
4.2.2 Wale
4.2.3 Wälder

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Besonders in der heutigen Zeit ist der Klimawandel ein wichtiges Thema, da seine Auswirkungen immer deutlicher werden und uns somit auch immer stärker betreffen, wie beispielsweise die extreme Wettersituation in Kanada zeigt. In der kleinen Ortschaft Lytton wurde Anfang Juli 2021 der bisherige Hitzerekord mit etwa 50°C gebrochen, was hunderten Menschen das Leben kostete (Deutschlandfunk 2021). Deswegen werden die aktuellen klimatischen Umstände immer häufiger in den Medien thematisiert, um die Gesellschaft auf diese klimatischen Umstände aufmerksam zu machen und sie zu einem Umdenken zu bewegen. Aus dieser Dinglichkeit heraus entstanden auch die Dokumentarreihe „Unser Planet“ sowie der Dokumentarfilm „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten”, welche in den Jahren 2019 beziehungsweise 2020 bei dem Streamingdienst „Netflix“ erschienen sind. Die Dokumentationen werden von dem Naturforscher David Attenborough kommentiert, welcher sich in den vergangenen Jahren ebenfalls stärker mit der Klimakrise auseinandergesetzt hat. Dies spiegelt sich auch in seinen Dokumentationen wider, da er den Klimawandel an verschiedenen Stellen direkt problematisiert.

Diese Arbeit wird den Aufbau dieser Dokumentationen genauer untersuchen, um die Unterschiede der sachlichen, appellierenden sowie der expressiven Darstellung der zu vergleichenden Sequenzen herauszustellen. Dazu werden zunächst die Kommunikationstheorien von Bühler, Watzlawick sowie Schulz von Thun vorgestellt, um eine sprachwissenschaftliche Grundlage für diese Arbeit zu schaffen. Daraufhin wird David Attenboroughs Rolle als Klimaaktivist genauer beleuchtet und auf das Ausmaß der Klimakrise hingewiesen. Nachdem die Dokumentationen „Unser Planet“ sowie „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten“ unter Berücksichtigung ihrer Online-Präsenz vorgestellt wurden, folgt die Analyse der verschiedenen Sequenzen. Dazu wird Bezug auf Karl Bühlers „Organon-Modell“ genommen, welches zuvor behandelt wurde. Für alle Filmsequenzen, auf die sich in der Analyse bezogen wird, wurden Transkriptionen nach dem System von Udo Kuckartz (2010) angefertigt und dem Anhang dieser Ausarbeitung beigefügt. In dem Fazit werden die Ergebnisse der Analyse diskutiert und ein Ausblick für mögliche weiterführende Arbeiten zur Verfügung gestellt.

2. Kommunikationstheorien

Da sich die folgende Analyse auf Attenboroughs Kommentare innerhalb des Dokumentarfilms bezieht, muss zuerst auf die verschiedenen sprachlichen Ebenen eingegangen werden. Besondere Beachtung gilt dabei dem Aspekt der mündlichen Kommunikation, da sich diese strikt von der Schriftlichkeit abgrenzt. Karl Bühler hat versucht, dieses Phänomen der Mündlichkeit mithilfe seines Organon-Modells zu veranschaulichen. Das Modell beruht auf Platons Sicht auf die Sprache als ein „organum, um einer dem anderen etwas mitzuteilen über die Dinge“ (1965: 84). Die Sprache wird also als eine Art Werkzeug gesehen, mit dem sprachliche Zeichen zwischen „Sender“ und „Empfänger“ vermittelt werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Organon-Modell (nach Bühler 1934, entnommen aus Schwarz-Friesel 2007: 136)

Bühler zufolge gibt es drei Funktionen von sprachlichen Zeichen, nämlich die Darstellungsfunktion, die Ausdrucksfunktion sowie die Appellfunktion (vgl. 1934: 24-33). Bühler nimmt somit an, dass jedes sprachliche Zeichen, welches dem „Z“ im Zentrum des Modells entspricht, etwas darstellen, ausdrücken und an etwas appellieren möchte. Die Funktion des sprachlichen Zeichens steht in Abhängigkeit zu dem, worauf es sich bezieht. Steht es in Relation zu Gegenständen und Sachverhalten, steht die Darstellungsfunktion und dadurch die Vermittlung von Informationen im Vordergrund. Bezieht sich das sprachliche Zeichen auf den/die Sender*in, kommt ihm die Ausdrucksfunktion zu, welche sich auf die Mitteilung von Emotionen und Gedanken fokussiert. Betrifft das sprachliche Zeichen den/die Empfänger*in, kommt ihm die Appellfunktion zu, welche eine Aufforderung darstellt. Je nach Funktion agieren sprachliche Zeichen folglich als Symbol, Symptom oder Signal. Dabei ist zu beachten, dass in jeder sprachlichen Handlung alle dieser Funktionen vorhanden sind, allerdings meist eine dieser Funktionen überwiegt (ebd.). Diese Annahme wird auch in dem Analyseteil dieser Arbeit von großer Bedeutung sein, da nur durch sie eine Aufteilung der sprachlichen Zeichen in sachlich, expressiv und appellierend möglich ist. Zudem muss beachtet werden, dass die Intention der Person, die ein sprachliches Zeichen sendet, nicht zwangsläufig dem sprachlichen Zeichen entspricht, welches die empfangende Person erhält. Alle sprachlichen Zeichen besitzen somit ein gewisses Interpretationspotenzial, wodurch Missverständnissen entstehen können.

Bühlers Theorie hatte einen solch durchdringenden Erfolg, dass weitere Kommunikationsmodelle auf dem Organon-Modell aufbauen. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat dieses Modell in dem ersten Band seiner Bücherreihe „Miteinander reden“ im Jahr 1981 um eine zusätzliche Seite erweitert und somit das in der Sprachwissenschaft etablierte Kommunikationsquadrat begründet. Neben der Sachebene, der Appellseite und der Beziehungsseite einer Nachricht, welche Bühlers Darstellungs-, Appell- und Ausdrucksebene entsprechen, enthält das Kommunikationsquadrat ebenfalls eine Selbstkundgabe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun (Schulz von Thun Institut für Kommunikation 2021)

Dieses Modell ist inspiriert von Watzlawicks 5 Axiomen der Kommunikation, die da lauten:

1. „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick et al. 1996: 60)
2. „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ (Ebd.: 64)
3. „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“ (Ebd.: 69f.)
4. „Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potenzial, ermangeln aber der für eindeutige Kommunikationen erforderlichen logischen Syntax.“ (Ebd.: 78)
5. „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.“ (Ebd.: 81)

Das erste Axiom bezieht sich auf die Tatsache, dass eine Person unfähig ist, nicht zu kommunizieren, da selbst ohne Worte nonverbale Signale gesendet werden können. Wenn jemand beispielsweise wortlos mit einem bösen Blick auf eine Aussage reagiert, ist davon auszugehen, dass der Inhalt dieser Aussage der Person missfällt. Diese Ansicht wird also deutlich, ohne dass Worte für die Kommunikation verwendet werden mussten. Das zweite Axiom beschreibt die enge Verbindung der Inhalts- und Beziehungsseite, da die Beziehung zweier Personen anhand ihrer Unterhaltung analysiert werden kann. Obwohl Beziehungen meist nicht explizit definiert werden, bestimmen sie die Art wie gewisse Aussagen interpretiert werden. Wenn eine Person sich beispielsweise ein neues Auto kauft und eine bekannte Person sich nach dem Preis des Autos erkundigt, kann die Person mit dem Auto anhand der Stimmlage, der Mimik und des Kontexts erkennen, ob die andere Person tatsächlich nur an dem Preis interessiert ist oder ob es sich bei der Nachfrage um implizite Kritik am Autokauf handeln könnte. Das dritte Axiom weist darauf hin, dass alle Teilnehmer*innen einer Konversation die Beziehungsstruktur mit ihrem Verhalten bedingen. Watzlawick nennt in seinem Werk das Beispiel eines Ehepaars, wobei die Frau die zurückgezogene Art ihres Mannes bemängelt. Der Mann gibt jedoch an, dass sein Verhalten durch das ständige Nörgeln der Frau bedingt sei, weswegen das Verhalten dieses Ehepaares eine Verhaltenskette auslöst (vgl. ebd.: 67f.). Das vierte Axiom beschreibt die Annahme, dass Gegenstände analog oder digital kommuniziert werden können. Der Inhaltsaspekt wird dabei digital und der Beziehungsaspekt analog vermittelt, weswegen analoge Mitteilungen häufig doppeldeutig sind. Die Schwierigkeit der Entschlüsselung einer analogen Nachricht besteht somit darin, intuitiv zu entscheiden, ob eine Person beispielsweise vor Freude oder Trauer weint. Kommt es hierbei zu einer Fehlentscheidung, kann sich dies negativ auf die Beziehung der kommunizierenden Personen auswirken. Das fünfte und letzte Axiom geht genauer auf den Beziehungsaspekt von Kommunikationspartner*innen ein. Zeichnet sich die Beziehung durch Gleichheit aus, verhalten sich die Personen symmetrisch. Wenn die Beziehung zweier Personen auf Ungleichheit beruht, ergänzen sie sich in ihrem Benehmen und verhalten sich somit komplementär. Schulz von Thun hat sich besonders auf das zweite Axiom fokussiert und den Beziehungsaspekt in sein Modell integriert. Ihm zufolge enthalten alle verbalen Äußerungen demnach

- eine Sachinformation (worüber ich informiere),
- eine Selbstkundgabe (was ich von mir zu erkennen gebe),
- einen Beziehungshinweis (was ich von dir halte und wie ich zu dir stehe), [sowie]
- einen Appell (was ich bei dir erreichen möchte). (2003: 33)

Schulz von Thuns Modell kann folglich als Kombination der Kommunikationsmodelle von Watzlawick und Bühler betrachtet werden, da es deren Grundgedanken zusammenführt. Deswegen werden diese drei Theorien der Kommunikation stets in Zusammenhang miteinander verwendet, da sie sich gegenseitig bedingen und aufeinander aufbauen. Da in der folgenden Dokumentationsanalyse allerdings eine einseitige Kommunikation seitens David Attenborough stattfindet, wird die Beziehungsebene des Kommunikationsmodells vernachlässigt. Demnach wird Bühlers Organon-Modell als Grundlage für die Analyse der verschiedenen Szenen aus den Dokumentationen „Unser Planet“ und „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten” dienen. Da es aus Sicht der Sprachwissenschaft allerdings relevant ist, dass dieses ursprüngliche Modell von Bühler weiterentwickelt wurde, ist diese Progression in diesem Kapitel trotzdem thematisiert worden.

3. David Attenborough als Klimaaktivist

Der Klimawandel ist ein Problem, mit welchem die heutige Gesellschaft nahezu täglich konfrontiert wird. Obwohl Klimawandel und Treibhausgase als natürliche Vorkommnisse betrachtet werden können, wirken sie sich problematisch auf die Erde aus, wenn diese Phänomene durch beispielsweise die Verbrennung fossiler Energieträger zu schnell vonstattengehen (vgl. Pötter 2020: 9). Dies äußert sich unter anderem in extremen Wetterbedingungen wie Hitze oder Trockenheit, welche sich wiederum negativ auf die Natur auswirken. Deswegen ist es notwendig, zwischen dem natürlichen und dem anthropologischen Klimawandel unterscheiden. Pötter fasst die Gefahr dieses anthropologischen Einwirkens auf die Erde wie folgt zusammen:

Der menschengemachte Klimawandel ist für die Ökosysteme der Erde ein Problem, weil er die seit Jahrtausenden eingespielten Zusammenhänge zwischen Atmosphäre, Meeren und Landmassen so schnell und nachhaltig verändert, dass er die Lebensbedingungen von Pflanzen, Tieren und Menschen aus dem Gleichgewicht bringt. (Ebd.: 12)

Prof. Dr. Christian-Dietrich Schönwiese, welcher an der Frankfurter Goethe-Universität im Institut für Atmosphäre und Umwelt tätig war und sich intensiv mit dem Klimawandel auseinandersetzt, geht davon aus, dass sich die Erderwärmung negativ in den Bereichen des Ozeans, des Meer- und Landeises, der Ökosysteme, der Wirtschaft, der Ernährung und Gesundheit sowie in internationalen Konflikten und weiteren sozialen Belangen auswirken könnte (vgl. 2019: 97). Ein Beispiel für den Ernst der Lage sind die Überschwemmungen im Süden und Westen Deutschlands, welche Mitte Juli 2021 begonnen haben und bereits über 100 Menschen das Leben gekostet haben. Hochwasser dieser Art sind in solch einem Ausmaß in Deutschland zuvor noch nicht vorgekommen, weswegen der Meteorologe und ARD-Wetterexperte Sven Plöger dieses Geschehen mit der Aussage „Der Klimawandel ist greifbar geworden“ beschreibt (Ogiermann 2021).

Durch verschiedene Aktionen wird deswegen versucht, ein Bewusstsein für den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Zukunft der Erde zu schaffen. Ein Beispiel dafür ist die „Fridays for Future“-Bewegung, welche von der Klimaaktivistin Greta Thunberg im Sommer 2018 initiiert wurde. Bei „Fridays for Future“ handelt es sich um einen Klimastreik, bei dem Schüler*innen und Studierende die Schule sowie die Universität freitags meiden, um auf die Mängel der Klimapolitik besonders im Hinblick auf die Zukunft hinzuweisen. Auch David Attenborough, der als Natur- und Tierfilmproduzent an Bekanntheit gewonnen hat, nutzt seine Popularität nun, um auf den voranschreitenden Klimawandel aufmerksam zu machen. Auf der UN-Klimakonferenz in Polen im Jahr 2018 appellierte Attenborough an die Führungskräfte der Nationen, indem er sagte:

The world’s people have spoken. Time is running out. They want you, the decision-makers, to act now. Leaders of the world, you must lead. The continuation of civilisations and the natural world upon which we depend is in your hands. (Carrington 2018)

Dadurch verdeutlichte Attenborough noch einmal die Dringlichkeit, aktiv gegen den Klimawandel vorzugehen. Diese Thematik wird ebenfalls in Attenboroughs Dokumentationen, welche sich früher noch auf die Entdeckung und die Schönheit der Natur fokussierten, aufgegriffen. Immer wieder betont er, dass der Klimawandel uns alle betreffe und wir dagegen ankämpfen müssten, um unser Überleben zu sichern. Nachdem David Attenborough also sein Leben der Natur und ihrer Einzigartigkeit widmete, setzt er sich nun aktiv für den Schutz unserer Umwelt ein.

4. Analyse der Dokumentationen

Der Duden definiert den Dokumentarfilm als „Film mit Dokumentaraufnahmen, der Begebenheiten und Verhältnisse möglichst genau, den Tatsachen entsprechend zu schildern versucht“. Dementsprechend ist es das Ziel einer filmischen Dokumentation, authentisches Material bereitzustellen und wahrheitsgemäß zu präsentieren. Bezüglich der weiteren Differenzierung des Begriffs des Dokumentarischen stellt Thomas Weber darüber hinaus fest:

[W]er sich heute mit dokumentarischen Filmen beschäftigt, ist mit einer Vielzahl unterschiedlicher, miteinander konkurrierender Formen und Formate in ganz verschiedenen Medien konfrontiert, die kaum mehr einen gemeinsamen Nenner zu haben scheinen: Neben Kinodokumentarfilmen und Fernsehdokumentationen treten Reportagen und Fernsehmagazine, Dokudramen und Reality-TV-Formate, Essayfilme, Lehr- und Gebrauchsfilme, Imagefilme, Amateurfilme, How-To-Videos, Internetexperimente mit offenem Werkcharakter oder die Arbeit von Organisationen wie Witness oder der Shoah Foundation/Visual History Archive auf, um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen, deren dokumentarische Affiliation kaum zu leugnen ist. (2017: 6)

Weber zufolge hat sich die Auffassung des Dokumentarischen also mit der Zeit insofern verändert, dass das Feld der Dokumentationen sich mit der Einführung neuer Medien um ein Vielfaches erweitert hat. Zusätzlich bezieht sich der Begriff nun nicht mehr alleinig auf die klassischen Dokumentarfilme, die unter anderem über Vorgänge in der Natur berichten, sondern auch solche Werke miteinschließt, die im weitesten Sinne Dokumentationen über jegliche Vorgänge darstellen. Er führt dort:

Tatsächlich ist diese Entwicklung nun keineswegs nur der Digitalisierung geschuldet, wie einige neuere Publikationen nahelegen, sondern prägt den dokumentarischen Film schon seit einigen Jahrzehnten. Neu sind freilich das quantitative und qualitative Ausmaß der Ausdifferenzierung und die damit verbundene forcierte Fragmentierung des Publikums. Zudem spielen in den letzten Jahren auch Pseudodokus, Fakedokus oder Mockumentaries gezielt mit den bisherigen Grenzen und alltäglichen Vorstellungen des Dokumentarischen, was nicht zuletzt zu einem Wandel des Verständnisses vom dokumentarischen Film führt. War dieses Verständnis einst vom Paradigma des Kinodokumentarfilms geprägt, fordert die heutige Vielfalt bisherige alltagsnahe Überzeugungen zum Dokumentarfilm ebenso heraus, wie einen wissenschaftlichen Diskurs über Definitionen und Klassifikationen des Dokumentarischen. (ebd.: 6-7)

Hat Hohenberger (1998) beispielsweise noch die „Nichtfiktionalität des Materials“ (21) als Merkmal von Dokumentationen hervorgehoben, scheint der Begriff des Dokumentarischen mittlerweile dehnbarer geworden zu sein und befindet sich, entsprechend der Entwicklung der Medien, in einem ständigen Wandel. Dieses Kapitel wird zuerst die offiziellen Beschreibungen der Dokumentationen „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten” sowie „Unser Planet“ beleuchten, um grundlegende Unterschiede festzustellen. In der weiterführenden Analyse werden ausgewählte Sequenzen auf ihre sprachlichen Differenzen untersucht, sodass die jeweiligen Beschreibungen mit der tatsächlichen Umsetzung verglichen werden kann.

4.1 Allgemeine Informationen

Die von David Attenborough kommentierte Dokumentationsserie „Unser Planet“ wurde von Alastair Fothergill und Keith Scholey produziert und im Jahr 2019 veröffentlicht. Sie rückt das Themenfeld „Klimawandel“ in den Fokus und wird von Netflix selbst wie folgt beschrieben: „Diese spektakuläre Dokumentarserie porträtiert die natürliche Schönheit unseres Planeten und zeigt die Auswirkungen des Klimawandels auf alle Lebewesen dieser Erde.“ (Netflix, Unser Planet) Darüber hinaus wird sie als „inspirierend“ charakterisiert und den Wissenschafts- und Naturdokus, Natur- und Ökologie-Dokumentationen, zusätzlich aber auch den Familienserien zum gemeinsamen Ansehen zugeordnet (vgl. ebd.). Basierend auf dieser Beschreibung scheint die Miniserie die Schönheit des Planeten in den Vordergrund zu stellen, während beiläufig die Auswirkungen des Klimawandels hervorgehoben werden. Dies wird sowohl durch die Attribuierung „spektakulär“ unterstrichen als auch dadurch, dass die Miniserie laut Ausschreibung für die gesamte Familie geeignet ist. Dies wäre vermutlich nicht der Fall, wenn der Klimawandel und dessen Auswirkungen selbst im Zentrum der Dokumentation ständen, da dadurch das Interesse der jüngeren Altersgruppen beim Zusehen durch die Ernsthaftigkeit womöglich verloren gehen würde. Auch die Beschreibung „inspirierend“ scheint eher auf eine oberflächliche Betrachtung des Themas „Klimawandel“ hinzudeuten. Unterstützt wird diese Annahme ebenfalls durch den Fakt, dass sich die Zusammenfassung auf die Lebewesen und die Schönheit der Erde konzentriert. Alles in allem ist also davon auszugehen, dass sich die Miniserie „Unser Planet“ vorrangig mit der Darstellung der Natur beschäftigt und die Implementierung der Thematik des Klimawandels untergeordnet ist beziehungsweise auf „spielerische“ und kindgerechte Art vermittelt wird.

Die Dokumentation „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten” von den Regisseuren Alastair Fothergill, Jonnie Hughes und Keith Scholey ist ein Jahr nach der Veröffentlichung der Miniserie „Unser Planet“ erschienen und stellt den Naturforscher David Attenborough in den Vordergrund, welcher die Dokumentation als sein Zeugnis über den Wandel der Natur bezeichnet (vgl. 4:20-4:25 Min.). Die Bedeutung des Charakters „David Attenborough“ wird bereits dadurch deutlich, dass der Titel des Dokumentarfilms seinen Namen impliziert. Da Attenborough zum Zeitpunkt der Aufnahme 93 Jahre alt war, wie er selbst berichtet (vgl. 5:00 Min.), ist davon auszugehen, dass er einen großen Teil des Wandels unserer Welt miterlebt hat. Attenborough hat in seinem Leben an zahlreichen Natur- und Tierdokumentationen mitgewirkt, was seinen Aussagen, die er in „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten” tätigt, eine gewisse Authentizität verleiht. Dass Attenborough selbst im Fokus der Dokumentation steht, ist als Besonderheit hervorzuheben, da in Dokumentarfilmen wie „Spiele des Lebens“ (1990) oder „Verborgene Welten – Das geheime Leben der Insekten“ (2005) der Fokus üblicherweise auf der Natur und den Tieren selbst liegt. Die vom Streamingdienst Netflix zur Verfügung gestellte Inhaltsangabe lautet: „Ein Tierfilmer reflektiert über sein Leben, die Evolution des Lebens auf Erden, das Verschwinden unberührter Orte in der Natur und seine Vision für die Zukunft“ (Netflix, David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten). Zudem wird die Dokumentation mit dem Attribut „intim“ versehen und den Genres Dokumentarfilm, Wissenschafts- und Naturdokus sowie Natur- und Ökologie-Dokumentation zugeschrieben (vgl. ebd.). Somit ergeben sich bereits fundamentale Unterschiede bei der skizzenhaften Betrachtung beider Dokumentationen, welche im folgenden Kapitel genauer betrachtet werden.

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die darstellenden, appellierenden und expressiven Funktionen dreier Sequenzen der Dokumentationen "Unser Planet" und "David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten"
Untertitel
Ein analytischer Vergleich
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,3
Jahr
2021
Seiten
27
Katalognummer
V1266576
ISBN (Buch)
9783346707017
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktionen, sequenzen, dokumentationen, unser, planet, david, attenborough, mein, leben, planeten, vergleich
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die darstellenden, appellierenden und expressiven Funktionen dreier Sequenzen der Dokumentationen "Unser Planet" und "David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1266576

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