Die protestantische Reaktion auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Einführung des Gregorianischen Kalenders in den deutschen Territorien
2.1 Die Reaktion auf die päpstliche Einführungsbulle „Inter Gravissimas“
2.2 Die Anzweiflung der Funktionsweise des neuen Kalenders
2.3 Gab es einen Bedarf nach einem neuen Kalender?

3. Angriffe auf den Papst
3.1 Die Beweggründe des Papstes
3.2 Die Polemik

4. Der wahre Grund für die Ablehnung des Kalenders

5. Eine objektive Evaluation der Vorgänge zum Kalenderstreit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Quellennachweis

1 Einleitung

Auf den Augsburger Religionsfrieden folgte eine Zeit der Ruhe, die jedoch nicht lange anhielt. Die katholische Gegenreformation begann nach dem Trienter Konzil (1545 – 1563), was die Ereignisse, speziell in den Niederlanden und in Frankreich, belegen. Auch die einsetzende Kontroverstheologie trug zu einem Wandel bei. In diese Zeit der Wirren fielen auch zahlreiche Streitigkeiten zwischen Protestanten und Katholiken im deutschen Reich (z.B.: Truchsessischer Krieg, Aachener Händel, etc.).

Genau in dieser Zeit wurde der bis dato vorherrschende Julianische Kalender von Papst Gregor XIII. reformiert. Wie diese Reformabsicht bei den deutschen Protestanten aufgenommen wurde soll im Folgenden anhand repräsentativer Quellennachweise erörtert werden. Es ist im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich die reichspolitische Vorgehensweise sowie die Reaktion des gemeinen Mannes im Detail zu rekapitulieren. Diese Bereiche sollen nur angesprochen werden, insofern sie für das Ergebnis dieser Arbeit hilfreich sein können. Diese Ausarbeitung intendiert eine Darstellung ausgewählter Flugschriften, Gutachten und Berichte, die sich unmittelbar auf den Versuch der Einführung des Gregorianischen Kalenders in Deutschland (1583) beziehen, um die Argumente der protestantischen Gelehrten greifbar zu machen. Ein Überblick über den gesamten Disput bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts wird nicht das Ziel dieser Arbeit sein. Die katholische Antwort auf die Vorwürfe muss daher ebenfalls ausbleiben. Die Darstellung der einzelnen Aspekte auf der Grundlage einiger Quellenbeispiele muss repräsentativ bleiben, da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist die gesamte Quellenlage zu diskutieren.

Ich werde zunächst die protestantische Reaktion auf die päpstliche Bulle zur Kalendereinführung eruieren. Hierauf folgt eine Darstellung der Anzweiflung der Funktionsweise durch die Antipoden sowie eine Erörterung des Bedürfnisses nach einem neuen Kalender. Daraufhin wird deutlich werden, dass die Vorwürfe sich nicht ausschließlich gegen den Kalender, sondern hauptsächlich gegen die Person des Papstes richten. Eine Unterscheidung zwischen „berechtigten“ Anschuldigungen und polemischen Attacken ist an dieser Stelle notwendig. Ich werde daraufhin versuchen den wahren Grund für die Ablehnung der Reform auszuarbeiten. Eine objektive Evaluation der Ereignisse und Vorwürfe zur Kalenderreform soll dann ebenfalls auf Quellenbasis geschehen.

2 Die Einführung des Gregorianischen Kalenders in den deutschen Territorien

Die Vorgehensweise Papst Gregors XIII. bei der Einführung des von ihm entwickelten Kalenders in Deutschland und die divergierenden Reaktionen innerhalb der Obrigkeiten auf die päpstliche Bulle sind als Anfangspunkt des heftigen Streits in den deutschen Ländern zu verstehen. Die einzelnen Ereignisse dieser politisch-religiösen Auseinandersetzung auf oberster Reichsebene sollen in den folgenden Punkten nur so weit erörtert werden, wie sie für das Ergebnis dieser Arbeit notwendig sind.

2.1 Die Reaktionen auf die päpstliche Einführungsbulle „Inter gravissimas“

Die am 24. Februar 1582 dekretierte Bulle „Inter gravissimas“ nutzte Papst Gregors XIII. zur Einführung des Kalenders, jedoch wurde sie in Deutschland kaum verbreitet. Warum der Papst sich nicht die Mühe machte mehr als nur drei Originale in Rom aushängen zu lassen, kann nicht geklärt werden[1] – doch hätte es ihm zweifellos einige Probleme erspart.

Die Diskussion um den Kalender begann mit der Ungewissheit über dessen Inhalt, es gab lediglich ein Kalenderbruchstück in München.[2] Die in Rom gedruckten Exemplare seien in Deutschland laut dem Kurfürsten von Brandenburg nirgendwo zu bekommen.[3]

Dadurch, dass auch der Kaiser den Kalender nicht konsequent durchsetzte, sondern seinen Fürsten die Möglichkeit einräumte den Kalender vor der Einführung einer Prüfung zu unterziehen, konnte sich in den deutschen Gebieten eine Opposition bilden, die sich mit dem Bekanntwerden des Inhalts der päpstlichen Bulle in einen heftigen Widerstand formierte. Die Begründung des Kalenders, die Art der Einführung sowie die Bedingungen und Androhungen, waren aus protestantischer Sicht absolut inakzeptabel.

Dass der Kalender auf die Konzilien von Nicäa und Trient zurückgeführt wurde, gab Anlass zum Widerspruch[4]. Lambertus Floridus Plieninger fasste seinen Unmut und die Absichten des Papstes in seiner Schrift trefflich zusammen:

„Also auch der Bapst auff vielfältige Warnung/ seine Irrthumb nicht allein nicht erkändt und abgestellt/ sondern dieselbige noch hartnäckig zu bestreiten fürgenommen/ und darüber noch durch das Partheyische Concilium zu Trient/ alle Abgötterey/ die beim Bapsthum gewesen unnd getrieben worden/ von newen widerumb bestättigen lassen.“[5]

Eine weitere Bedrohung für die Protestanten würde damit einhergehen: „Und damit solchem stattlich nachgesetzt werde/ ist noch darüber die verderblich Seet unnd Orden der Jesuiter auffkommen und bestättiget worden/ welche widerumb erneweren/ auffrichten und bekräfftigen…“[6] Es ist bereits deutlich geworden, dass es für die Protestanten außer Frage stand, die Beschlüsse des Tridentinums anzunehmen, welches die protestantischen Lehren verurteilt hatte und „…zu dessen blutiger Vollstreckung man die Päpste und Spanien sammt ihrem Anhange verschworen glaubte.“[7]

Zur Bestimmung des genauen Ostertages berief sich der Papst auf die Beschlüsse des Nicänischen Konzils aus dem Jahre 325.[8] Diese Begründung wurde von den Protestanten auf das Schärfste verurteilt. Der Tübinger Professor Michael Mästlin, der als Hauptagitator in der Diskussion um den neuen Kalender zu verstehen ist, erkennt in dem Beschluss des Konzils von Nicäa, das aequinoctium auf den 21. März festzulegen, keine zwingende Ursache, er vermisst eine Begründung. Daher sei dieses Dekret nicht anzunehmen[9]. Er geht in seinem ausführlichen Bericht immer wieder auf die Bestimmungen des Nicänums ein, weist den Papst jedoch darauf hin, dass „Ostern zu halten/ […] zur Gedächtnuß deß bittern Leidens/ Sterbens/ und herzlichen Auferstehung Christi/ unnd nicht zur Gedächtnuß deß Nicenischen Concilij gestiftet worden [ist].“[10] Nach Mästlin sei diese Anordnung willkürlich vorgenommen worden, da keine Festlegung aus der Heiligen Schrift zu erkennen sei. Es sei daher ein Missbrauch der christlichen Freiheit und daher ein Anliegen Satans.[11]

Der Tübinger Theologe und Hofprediger des Herzogs von Württemberg Lukas Osiander d. J. sieht des Papstes Berufung auf die Beschlüsse des Nicänums lediglich als Vorwand: „Darumb bedeckt Papst Gregorius sich unnd seinen newen unrühigen Kalender mit den Feigenblettern des Nicenischen Concilij so wol/ als sich ein Dieb hinder ein Leiter verbirgt.“[12] Plieninger beschäftigt sich in einem gesonderten Kapitel seines Werkes mit der Frage: „Warumb der Bapst die Emendation deß Jars nicht fürgenommen biß auff die Zeit Christi […]?“[13] Es folgt jedoch eine kaum sachliche, oder gar wissenschaftliche Ausführung, er beabsichtigt lediglich, den Papst aufgrund dieser Verfügung zu diffamieren. An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass es keine Fürsprache seitens der Protestanten bezüglich der Bestimmung des Osterfestes mithilfe des Dekrets des Konzils von Nicäa gibt.

Der Papst lieferte den Protestanten weitere entscheidende Gründe für die Ablehnung des Kalenders. Die Bannandrohung in der Poenformel der päpstlichen Bulle[14] wurde bei den Protestanten als eine Oktroyierung des Kalenders verstanden. Dies war der Anstoß zu weitreichenden Infragestellungen des päpstlichen Primats – man beabsichtigte nun den Papst in seine rechtlichen Schranken zu weisen.

Im zweiten Teil seines Gutachtens zur Kalenderreform beschäftigt sich Osiander mit den Rechten des Papstes. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass der Papst die Entscheidungsfreiheit zur Annahme hätte gewähren sollen, anstatt sie unter der Bannandrohung aufzuerlegen.[15] Auch Maestlin sieht diese Form der Einführung als Zuwiderhandlung der christlichen Freiheit.[16] Sein Hinweis auf die Ereignisse anlässlich des Augsburger Reichstags[17] und die Nichtberücksichtigung der Protestanten im Vorfeld der Reform führen ebenfalls zu stichhaltigen Vorwürfen gegen die Vorgehensweise des Papstes.[18] Eine Reform seitens der weltlichen Macht würde man hingegen akzeptieren:

„…und doch solches ohn allen Vorgriff unserer Religion und deß Religions Frieden/ Nemlich/ so durch ein gemein Verwilligen Römischer Key. May. sampt aller Chur und Fürsten/ auch aller Ständen deß heiligen Römischen Reichs/ ein allgemein Decret publiciert würde/ daß jedermenniglich forthan solchen Kalender solle annemen/ doch mit nichten dem Bapst zu gefallen/ auch nicht darumb/ daß der Bapst dessen erster Anfänger were/ sondern daß man ihn gebraucht/ als ein Gemein deß gantzen Römischen Reichs Gutbeduncken.“[19]

[...]


[1] Die Veröffentlichungen werden in der päpstlichen Bulle angeordnet: Gregor XIII.: Inter Gravissimas, http://www.nabkal.de/intergravissimas.html (10.03.2009), im Folgenden als: Gregor XIII.: Inter gravissimas: „Verum quia difficile foret praesentes literas ad universa Christiani orbis loca deferri, illas ad Basilicae principis Apostolorum, et Cancellariae Apostilicae valvas, et in acie Campi Florae publicari et affigi…“

[2] Stieve, Felix: Der Kalenderstreit des sechzehnten Jahrhunderts in Deutschland, München 1880, im Folgenden als: Stieve: Kalenderstreit, S. 20.

[3] Vgl.: F. Kaltenbrunner: Die Polemik über die gregorianische Kalenderreform, Wien 1877, im Folgenden als: Kaltenbruner: Polemik, S. 25.

[4] Bereits in der Einleitung der Bulle Inter gravissimas wird deutlich, dass der Papst sich, aufgrund der Beschlüsse des Trienter Konzils, dazu berufen sieht den Kalender zu reformieren. Gregor XIII.: Inter gravissimas: „Inter gravissimas Pastoralis officii nostri curas, ea postrema non est, ut quae sacro Tridentino Concilio Sedi Apostolicae reserveta sunt, illa ad finem optatum, Deo adiutore, perducantur. Sane eiusdam Concilii Patres, cum ad reliquam cogitationem Breviarii quoque curam adiugerent, tempore tamen eclusi rem totam ex ipsius Concilii decreto ad auctoritatem et iudicium Romani Pontificis retulerunt.“

[5] Plieninger, Lambertus Floridus: Kurtz Bedencken Von Der Emendation deß Jahrs / durch Bapst Gregorium den XIII. fürgenommen / und von seinem Kalender/ nach ihm Kalendarium Gregorium perpetuum intituliert. […], Heidelberg 1584, im Folgenden als: Plieninger: Kurtz Bedencken, Kap. 1.

[6] Plieninger: Kurtz Bedencken, Kap. 1.

[7] Stieve: Kalenderstreit, S. 20.

[8] Die drei Ziele des Konzils von Nicäa (Frühlingsäquinoktium, Lage von Luna XIV und der darauf folgende Sonntag) gaben Papst Gregor den Anlass die 10 Tage wegfallen zu lassen. Gregor XIII.: Inter gravissimas: „Quo igitur Vernum Aequinoctum, quod a Patribus Concilii Nicaeni ad XII Calendas Aprilis fuit constitutum, ad eamdem sedem restituatur, Preacipimus, et mandamus ut de mense Octobri anni 1582 decem dies inclusive a tertia Nonarum usque ad peridie Idus eximantur…“

[9] Mästlin, Michael: Außführlicher Bericht/ Von dem allgemeynen Kalender oder Jahrrechnung / wie sie erstlich angestelt worde / und was Irrthumb allgemächlich dreyn seyen eyngeschlichen. […], Göppingen 1583, im Folgenden als: Mästlin: Außführlicher Bericht, S. 30.

[10] Mästlin: Außführlicher Bericht, S. 65.

[11] Vgl.: Mästlin: Außführlicher Bericht, S. 24.

[12] Osiander, Lukas d. J.: Bedencken/ Ob der newe Päpstische Kalender ein Notturfft bey der Christenheit seye / unnd wie trewlich dieser Papst Gregorius XIII. die Sachen darmit meine […], Tübingen 1583, im Folgenden als: Osiander: Bedencken/ Ob der newe Päpstische Kalender ein Notturfft bey der Christenheit seye, S. 15.

[13] Plieninger: Kurtz Bedencken, Kap. 2.

[14] Gregor XIII.: Inter gravissimas: „Nulli ergo omnino hominum liceat hanc paginam nostrorum praeceptorum, mandatorum, statutorum, voluntaris, probationis, prohibitionis, sublationis, abolitionis, hortationis et rogationis infringere, vel ei ausu temerario contraire: si quis qutem hoc attentare praesumpserit, indignationem omnipotentis Dei ac Beatorum Petri, et Pauli Apostolorum eius se noverit incursurum.“

[15] Vgl.: Osiander: Bedencken/ Ob der newe Päpstische Kalender ein Notturfft bey der Christenheit seye, S. 31ff.

[16] Vgl.: Maestlin: Außführlicher Bericht, S. 49.

[17] Vgl.: Ebd., S. 51. Auf dem Reichstag zu Augsburg (1582) hätten die anwesenden päpstlichen Gesandten die Möglichkeit gehabt die deutsche Obrigkeit auf die Einführung eines neuen Kalenders vorzubereiten und ihnen so eine Prüfung der Reform gewähren können. Aus zahlreichen Quellen wurde jedoch bestätigt, dass diese Reform nie erwähnt wurde. Siehe hierzu auch: Kaltenbrunner: Polemik, S. 21.

[18] Vgl.: Maestlin: Außführlicher Bericht, S. 51f.

[19] Maestlin: Außführlicher Bericht, S. 50.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die protestantische Reaktion auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophisches Institut/ Historisches Seminar )
Veranstaltung
Hauptseminar: Zeitkonzepte der Frühen Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V126713
ISBN (eBook)
9783640329472
ISBN (Buch)
9783640331321
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Protestanten, Gregorianischer Kalender, Gregor XIII., Kalenderstreit, Inter Gravissimas, Polemik, 1583, Kalender, bürgerliche Unruhen, Bauernklage, Baurenklag, Mästlin, Moller, Heerbrand, Osiander, Plieninger, deutsche Prediger, Clavius, Breviere, Missale, Apokalypse, Regiomontan, kalendarium gregorium perpetuum, wahrer Antichrist, grimmiger Wolf, babylonische Hure, Bauernregel, Fabricius, Graminaeus, Johann Busäus
Arbeit zitieren
Michael Gorissen (Autor), 2009, Die protestantische Reaktion auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126713

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