Sportberichterstattung im nationalsozialistischen Hamburg: der Fußball in der Presse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: "1"

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Worüber berichtet wurde – ein kurzer Einblick in das Hamburger Fußballgeschehen der 1930er und 1940er Jahre
1.1 Vor dem 30. Januar 1933 – „bürgerlicher“ und Arbeiterfußball
1.2 Die Umstrukturierung des Fußballsports im Sinne des Nationalsozialismus
1.3 Sportliche Entwicklungen bis Kriegsbeginn
1.4 „Kriegsmeisterschaften“

2. Der Fußball in der Hamburger Presse
2.1 Das Ende des Hamburger Echos und des Arbeiterfußballs
2.2 Kritik im Nationalsozialismus? – Die Hanseatische Sportzeitung
2.3 Der Hamburger Anzeiger
2.4 „Lest das Mittagsblatt, lest das Tageblatt – alles Lüge, alles Dreck!“
2.5 Konzentration der letzten Kräfte – Die Hamburger Zeitung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
A) Quellen
B) Monographien
C) Sonstiges

Einleitung

Gerade noch rechtzeitig bevor der Deutsche Fußball Bund (DFB) doch endlich in der Lage scheint, sich der eigenen NS-Vergangenheit zu stellen – eine diesbezüglich in Auftrag gegebene Studie der Historiker Prof. Klaus Hildebrand (Universität Bonn) und Nils Havemann (Mainz) soll Ende 2004 fertig sein – sind während der letzten Jahre einige Werke entstanden, die sich mit der Geschichte des Deutschen Fußballs und des DFB während der Zeit des Nationalsozialismus befassen. Vielfach wird in diesen Büchern – insbesondere von Bitzer/Wilting, Schwarz-Pich und Fischer/Lindner – die bereitwillige Mitarbeit der Fubballfunktionäre im NS-Staat und die Instrumentalisierung des Fußballs sowie des Sports im allgemeinen durch die Nationalsozialisten dargestellt und zumindest teilweise kontrovers diskutiert[1]. Die Frage jedoch, inwieweit die Sportpresse Anteil an einer solchen Instrumentalisierung hatte, ist bis heute nur in sehr geringem Maße behandelt worden. Lediglich als Quellen für besagte Werke tauchen Zeitungsberichte das öfteren auf.

Mit dieser Arbeit verfolge ich im wesentlichen zwei Ziele. Erstens möchte ich einen allgemeinen Überblick über die Hamburger Sportpresse während des Nationalsozialismus schaffen, zweitens speziell die Frage beantworten, ob und wenn ja in welcher Weise Sportberichterstattung als NS-Propagandamittel eingesetzt wurde.

Methodisch stand ich vor der Wahl, entweder eine der Hamburger Zeitungen bezüglich ihrer gesamten Sportberichterstattung zu analysieren, oder eine Sportart wählend möglichst viele verschiedene Zeitungen parallel zu untersuchen. Ich habe mich für letztere Variante entschieden, da nur dadurch eine Allgemeindarstellung der Hamburger Sportpresse sowie Vergleiche zwischen den Zeitungen möglich erschienen. Den Fußball als zu betrachtende Sportart habe ich aus drei Gründen gewählt. Erstens machte ihn die während des zu untersuchenden Zeitraumes ständig steigende Beliebtheit interessant, zweitens erschien er mir als Mannschaftssportart besonders anfällig zu sein, von den Nazis benutzt zu werden. Drittens spielte persönliches Interesse an dieser Sportart eine nicht unerhebliche Rolle.

Die Quellenlage für dieses Thema ist als relativ gut zu bewerten. Die meisten Hamburger Zeitungen der 1930er und 1940er Jahre sind, wenn auch teilweise mit lückenhaftem Bestand, noch erhalten und in diversen Bibliotheken der Stadt einsehbar. Lediglich überregionale Sportzeitschriften wie Kicker oder Fußball-Woche weisen größere Bestandslücken auf oder sind schwer zugänglich. Sie klammere ich in dieser Arbeit allerdings sowieso von vornherein bewußt aus, da ich mich nur auf die Hamburger Lokalpresse konzentrieren möchte. Ärgere Schwierigkeiten bereitete es schließlich, Informationen über beteiligte Personen wie Redakteure und Verleger zu erlangen.

Um einen leichten Einstieg in das Thema zu ermöglichen, werde ich im folgenden zunächst eine grobe Darstellung der fußballsportlichen Entwicklungen in Hamburg für den Zeitraum 1930 bis 1945 liefern, denn es muß zumindest in gewissem Rahmen bekannt sein, worüber eigentlich berichtet wurde. Danach werden kapitelweise einige relevante Tages- und Sportzeitungen analysiert, wobei der Umfang der einzelnen Kapitel im wesentlichen Durch das verfügbare Quellenmaterial sowie Wichtigkeit und Umfang der Fußballberichterstattung im jeweiligen Blatt bestimmt ist. Die Arbeit endet mit einer wertenden Zusammenfassung.

1. Worüber berichtet wurde – ein kurzer Einblick in das Hamburger Fußballgeschehen der 1930er und 1940er Jahre

1.1 Vor dem 30. Januar 1933 – „bürgerlicher“ und Arbeiterfußball

Seit 1896 wurde in Hamburg eine offizielle Fußballmeisterschaft ausgetragen, die Zahl der teilnehmenden Mannschaften stieg fast jedes Jahr. Ab der Saison 1929/30 wurde auf Drängen der größten Vereine in einer eingleisigen ersten Hamburger Liga mit zehn Vereinen gespielt, der Norddeutschen Oberliga – Groß-Hamburg[2]. Lediglich die Wilhelmsburger und Harburger Vereine spielten in der Oberliga Nordhannovers. Die verschiedenen Oberligameister konnten sich über regionale Zwischenrunden – z.B. die Norddeutsche Meisterschaft – für die Endrunde der Deutschen Meisterschaft qualifizieren, welche im K.O.-System ausgetragen wurde. Die Hamburger Meisterschaft machten in diesen Jahren der Hamburger Sportverein (HSV) und Altona 93 unter sich aus, konnten aber beide nicht erfolgreich in den Kampf um die Deutsche Meisterschaft eingreifen[3]. Zusätzlich zur Oberliga spielten die Hamburger Vereine in zwei Bezirksligen (2. Liga) sowie vier A-Klassen (3. Liga) um Punkte. Diese Aufteilung wurde bis 1933 beibehalten.

Neben diesem „bürgerlichen“ Fußball spielten auch die Vereine im Arbeiter Turn- und Sportbund (ATSB, auch ATUS genannt) eine Meisterschaft aus. Allerdings galten bei den Spielern des Arbeiterfußballs Fairneß und Sportlerfreundschaft mehr als Wettkampf und Sieg, und man verstand sich durchaus auch im politischen Sinne als Teil der Arbeiterbewegung. Trotzdem mußte es Gewinner geben wie den SC Lorbeer 06 aus Rothenburgsort, der viermal Hamburger und zweimal Bundesmeister des Arbeiterfußballs wurde[4]. In seinen Reihen stand auch Erwin Seeler, der Vater von Uwe und Dieter, der später für Victoria und den HSV auf Torejagd ging. In den Jahren 1931 und 1932 gab es sogar je zwei Deutsche Meister des Arbeiterfußballs, denn nun hatten sich auch die sportlichen Wege der Sozialisten (ATSB / SPD) und Kommunisten (Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit; KG / KPD) getrennt[5]. Die mehr als 50 Hamburger Arbeitersportvereine wurden am 10. April 1933 von den Nationalsozialisten verboten. Ihren ehemaligen Mitgliedern gestattete man erst im September 1933, sich anderen Vereinen anzuschließen – sofern sie nicht vorher wegen ihrer politischen Tätigkeiten in Konzentrationslagern endeten[6].

1.2 Die Umstrukturierung des Fußballsports im Sinne des Nationalsozialismus

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden zunächst durch den neuen Reichssportkommissar (später Reichssportführer), Hans von Tschammer und Osten, die Landessportverbände aufgelöst, unter ihnen der Norddeutsche Sportverband (NSV), dem die Hamburger Vereine angehörten[7]. Es entstanden Sportbereiche, später Sportgaue genannt, die wiederum in Bezirke und Kreise unterteilt waren. Groß-Hamburg gehörte fortan als Bezirk II zum Gau VII (Nordmark), welchem außerdem Schleswig-Holstein (Bezirk I) und Mecklenburg (III) zugeteilt wurden. Als höchste Spielklasse führte man die Gauliga mit zehn Mannschaften ein, darunter folgten wiederum zwei Bezirks- und vier Kreisklassen, welche 1938/39 in drei parallele 1. Klassen zusammengefaßt wurden[8]. Zusätzlich galt ab Mai 1933 das Führerprinzip auf Verbands- und Vereinsebene, wobei die meisten amtierneden Funktionäre jedoch im Amt blieben.[9]

1.3 Sportliche Entwicklungen bis Kriegsbeginn

Die Meisterschaft der Gauliga Nordmark gewannen 1933/34 bis 1938/39 je dreimal in Folge zunächst der Eimsbütteler TV (ETV) und dann der HSV, wobei jedoch nur letzterer in den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft glänzen konnte. Während der ETV stets in der Zwischenrunde die Segel streichen mußte, erreichte der HSV immerhin dreimal das Halbfinale. Außer diesen beiden Vereinen stellten Altona 93, der SC Victoria und der FC St.Pauli die erfolgreichsten Hamburger Mannschaften dieser Jahre. Neben den Meisterschaftsspielen erwiesen sich auch die Spiele der Hamburger gegen auswärtige Auswahlmannschaften als Zuschauermagnete, insbesondere die Partien gegen Berlin sorgten stets für volle Ränge[10].

[...]


[1] Die Vollständigen Titelangaben finden sich im Literaturverzeichnis.

[2] Im Jahre 1928 hatten neun Hamburger Vereine gegen den Verband rebelliert und zusammen mit Holstein Kiel eine private ‚Runde der 10’ ausgespielt. Durch Partien gegen attraktivere Gegner strömte mehr Geld in die Vereinskassen. Die Runde gewann übrigens der HSV.

[3] Die erfolgreichste norddeutsche Mannschaft der beginnenden Dreißigerjahre stellte Holstein Kiel, welches 1930 erst im Endspiel Hertha BSC Berlin mit 4:5 unterlag. Die Endspieldaten der Deutschen Meisterschaften von 1920 bis 1933 finden sich bei Grüne (1995), S.86.

[4] Der SC Lorbeer 06 war 1922, 1925, 1928 und 1930 Hamburger Meister, dazu 1929 (5:4 gegen FT Döbern/Niederlausitz) und 1931 (4:2 gegen SV Leipzig-Pegau) Bundesmeister. Vgl. Grüne (1995), S.79, und Tötter (1985), S.53-54.

[5] Meister der KG wurde zweimal der Dresdener SV 1910, ATSB-Meister 1932 war der TSV Nürnberg; vgl. Grüne (1995), S.79.

[6] Um in einem bürgerlichen Verein aufgenommen zu werden, mußte ein ehemaliger Arbeitersportler jedoch zwei Bürgen stellen, die dem von ihm favotisierten Verein angehören mußten und selbst niemals Mitglied im ATSB oder der KG gewesen sein durften.

[7] Hans von Tschammer und Osten kam aus Sachsen und war seit 1930 NSDAP-Mitglied, außerdem SA-Gruppenführer; vgl. Grüne (1995), S.95-96.

[8] Zunächst entstanden 16 Sportgaue, deren Zahl später kriegsbedingt kurzzeitig erhöht wurde. Es spielten u.a. Mannschaften aus Frankreich (Straßburg, Metz), Luxemburg und Polen (z.B. Warschau) um die Reichsmeisterschaft mit.

[9] Ein bekanntes Beispiel für einen solchen Funktionär ist der ehemalige Präsident des FC St.Pauli, Wilhelm Koch. Über seine NS-Vergangenheit fertigte der Hamburger Historiker Frank Bajohr 1997/98 ein Gutachten an, in welchem er Koch abschließend als „Mitläufer“ bezeichnete, der sich „unauffällig verhalten“ habe. Trotzdem wurde das 1970 nach Koch benannte Stadion des FC St.Pauli 1998 in ‚Stadion am Millerntor’ umbenannt. Das Gutachten und ein Kapitel über Wilhelm Koch finden sich bei Martens (2002), S.232-242.

[10] Allein 1930 bis 1943 fanden 22 Duelle Hamburg - Berlin statt bei 10 Siegen für Hamburg sowie je 6 Unentschieden und Berliner Siegen..

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Details

Titel
Sportberichterstattung im nationalsozialistischen Hamburg: der Fußball in der Presse
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar „Von der Weltwirtschaftskrise bis zum Wiederaufbau – Hamburg 1930 bis 1950“
Note
"1"
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V126731
ISBN (eBook)
9783640413911
ISBN (Buch)
9783640411641
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Presse, Hamburg, Fußball, Sport, Sportberichterstattung, Nationalsozialismus, Arbeiterfußball, Kriegsmeisterschaft, HSV, St.Pauli, Hamburger Echo, Mittagsblatt, Hamburger Anzeiger, Echo, Anzeiger, Zeitung, Hamburger, NS, Vergangenheit, Nazi, Nazis, Kicker, Woche, Fußball Woche, bürgerlicher, Holstein, Hertha, Lorbeer, Viktoria, Dresdener SV, Arbeitersport, Arbeitersportler, ATSB, KG, NSV, ETV, Wilhelm Koch, Gauliga, Nordmark, Krieg, Rotsport, Erwin Seeler, Hanseatische Sportzeitung, Sportzeitung, Hamburger Abendblatt, Paul Duysen, Tageszeitung, HSZ, Nationalsozialisten, NFV, Norddeutscher Fußballverband, Altona, General-Anzeiger, NSDAP, Tageblatt, Verlag, Fremdenblatt, Ligafußball, Hitler, Deutschland, Drittes Reich, Dritten Reich, HFV, Hamburger Fußball-Verband
Arbeit zitieren
Thorsten Schülke (Autor), 2003, Sportberichterstattung im nationalsozialistischen Hamburg: der Fußball in der Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126731

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