Die Bachelorarbeit widmet sich den Fragen, welche Akteur_innen sekundär viktimisierend wirken und welche Auswirkungen die sekundäre Viktimisierung auf die Betroffenen hat. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, welche Präventionsmaßnahmen eine sekundäre Viktimisierung erfolgreich verhindern können.
Laut einer Studie der Europäischen Grundrechtsagentur ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von sexualisierter und/oder physischer Gewalt betroffen und mehr als jede zweite Frau wird sexuell belästigt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht sogar davon aus, dass etwa jede siebte Frau eine Form von schwerer sexualisierte Gewalt erlebt.
Die Studienergebnisse zeigen, dass sexualisierte Gewalt nicht, wie üblich angenommen, ein Randphänomen darstellt, sondern ein Alltagsproblem, wovon Mädchen und Frauen besonders häufig betroffen sind. Das Wissen möglicherweise jederzeit und überall Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden, hat nicht nur eine Einschränkung des Verhaltens zur Folge, sondern stellt auch einen tiefgreifenden Einschnitt in die Lebensgestaltung vieler Frauen dar.
Nach wie vor stellt die Warnung vor sexualisierter Gewalt einen Teil der weiblichen Erziehung dar. Noch vor jeglicher Form von sexueller Aufklärung erfahren Mädchen, dass sie aufpassen müssen, indem sie gewisse Orte, Zeiten oder Situationen meiden und ihr Verhalten entsprechend anpassen.
Dabei ist das eigene Zuhause am gefährlichsten. Denn die meisten Übergriffe finden im sozialen Nahraum des Opfers und durch eine_n bekannte_n Täter_in statt. Neben den Folgen der primären Viktimisierung im Zuge der Straftat, fühlen sich Betroffene häufig zusätzlich mit unangemessenen und negativen Reaktionen des sozialen Umfeldes und der Instanzen sozialer Kontrolle konfrontiert.
Inhaltsverzeichnis
Triggerwarnung
1 Thematische Einführung
2 Kriminologische Einordnung sexualisierter Gewalt
3 Anzeigeverhalten
4 Viktimisierungsprozess
5 Folgen der Opferschädigung
6 Prävention
7 Umgang mit Betroffenen im Kontext Sozialer Arbeit
8 Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelor-Thesis untersucht das Phänomen der sekundären Viktimisierung bei weiblichen Opfern sexualisierter Gewalt, mit dem Ziel, die Akteure zu identifizieren, die sekundär viktimisierend wirken, und Präventionsansätze zu erarbeiten, um Betroffene vor einer solchen zweiten Opferwerdung zu bewahren.
- Kriminologische und strafrechtliche Einordnung sexualisierter Gewalt
- Analyse des Anzeigeverhaltens und Einflussfaktoren
- Prozess der sekundären Viktimisierung durch Polizei, Justiz, Medien und soziales Umfeld
- Folgen der Opferschädigung auf verschiedenen Ebenen
- Rolle der Sozialen Arbeit bei der Prävention sekundärer Viktimisierung
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffsdefinition ‚sexualisierte Gewalt‘
Das Thema sexualisierte Gewalt ist vor allem seit der #MeToo-Dabatte vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. In der Literatur sind viele verschiedene Begriffe für das Phänomen der sexualisierten Gewalt vertreten. Dazu zählen neben sexualisierter Gewalt beispielsweise auch Termini wie sexuelle Gewalt, sexueller Missbrauch und sexuelle Übergriffe. In der vorliegenden Ausarbeitung wird vorwiegend der Terminus der sexualisierten Gewalt verwendet.
Zunächst gilt es den Begriff der sexualisierten Gewalt und anschließend auch die unterschiedlichen Formen zu erläutern. Eine Klärung der Termini im Vorfeld ist für die Erschließung der Zusammenhänge dieser Ausarbeitung erforderlich. Der Begriff der sexualisierten Gewalt wurde bewusst gewählt, um aufzuzeigen, dass es sich bei sexuellen Übergriffen um eine Form der Macht- und Gewaltausübung handelt. Mischkowski erklärt, dass bei sexualisierter Gewalt die Betonung nicht auf der Sexualität, sondern auf der Gewalttat liegt. „Sexualisierte Gewalt ist eine Form von Gewalt, die sich in voller Absicht gegen den intimsten Bereich eines Menschen richtet, [sic!] und deren Ziel die Demonstration von Macht und Überlegenheit durch die Erniedrigung und Entwürdigung des anderen ist“ (Mischkowski 2006a: 16). Es handelt sich demnach um ein Zusammenspiel von Macht, Demütigung, Gewalt und Sexualität. Sexualisierte Gewalt bedeutet einen massiven Eingriff in die Intimsphäre der betroffenen Person. Dies geschieht gegen deren Willen und stellt somit eine Handlung gegen die sexuelle Selbstbestimmung dar. Bei sexueller Gewalt geht es den Tätern nicht um die Befriedigung eines Triebes oder der sexuellen Lust, sondern um die Befriedigung von Herrschaftsgefühlen (vgl. Gottschalk 2014: 111). Sexuelle Übergriffe finden häufig, entgegen der öffentlichen Meinung, im sozialen Nahraum des Opfers und in Zweidrittel der Fälle nicht durch einen Fremdtäter, sondern durch (Ex-)Partner, Freunde oder Bekannte statt (vgl. Seith/Kelly/Lovett 2009: 6f.).
Zusammenfassung der Kapitel
Triggerwarnung: Hinweis auf die Thematisierung sexualisierter Gewalt und die potenzielle retraumatisierende Wirkung für Betroffene.
1 Thematische Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Verbreitung sexualisierter Gewalt als Alltagsproblem und definiert das Ziel, das Phänomen der sekundären Viktimisierung zu untersuchen.
2 Kriminologische Einordnung sexualisierter Gewalt: Dieses Kapitel definiert sexualisierte Gewalt als geschlechtsspezifische Gewaltausübung und erläutert relevante Begriffe sowie Formen wie Belästigung und Vergewaltigung.
3 Anzeigeverhalten: Untersuchung darüber, warum ein Großteil der Straftaten nicht angezeigt wird und welche Rolle die Täter-Opfer-Beziehung dabei spielt.
4 Viktimisierungsprozess: Differenzierung zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Viktimisierung sowie kritische Betrachtung des Opferbegriffs.
5 Folgen der Opferschädigung: Darstellung der kurz- und langfristigen physischen, psychischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen für die Betroffenen.
6 Prävention: Erläuterung von Ansätzen der opferorientierten Prävention, um sekundäre Viktimisierung zu verhindern und für das Thema zu sensibilisieren.
7 Umgang mit Betroffenen im Kontext Sozialer Arbeit: Reflexion über die Verantwortung professioneller Fachkräfte, eine professionelle und nicht-viktimisierende Beratung zu gewährleisten.
8 Schlussfolgerungen: Fazit und Forderung nach strukturellen Änderungen im Umgang mit Betroffenen und einer stärkeren gesetzlichen Verankerung des Schutzes vor sekundärer Viktimisierung.
Schlüsselwörter
Sekundäre Viktimisierung, sexualisierte Gewalt, Opferwerdung, Täter-Opfer-Beziehung, Anzeigeverhalten, Victim Blaming, Vergewaltigungsmythen, Soziale Arbeit, Prävention, Opferschutz, Trauma, #MeToo, Strafrecht, Empowerment, Stigmatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Prozess der sekundären Viktimisierung bei Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, und wie diese Betroffenen durch Institutionen, das soziale Umfeld oder die Medien eine weitere Opferwerdung erleben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kriminologische Einordnung sexualisierter Gewalt, das komplexe Anzeigeverhalten, die verschiedenen Ebenen der Viktimisierung sowie Präventionsansätze aus der Perspektive der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu erklären, wer sekundär viktimisierend wirkt, welche Auswirkungen dies auf Betroffene hat und welche Möglichkeiten existieren, um solch eine sekundäre Viktimisierung erfolgreich zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literaturrecherche und die Analyse kriminologischer sowie sozialwissenschaftlicher Theorien zum Thema Opferschutz und Viktimisierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert, wie Akteure der Polizei, der Justiz, des sozialen Umfelds und der Medien durch Fehlreaktionen sekundär viktimisierend wirken und leitet daraus opferorientierte Präventionsansätze ab.
Wie lässt sich die Arbeit durch Schlüsselwörter charakterisieren?
Die Arbeit charakterisiert sich durch Begriffe wie sekundäre Viktimisierung, Opfer-Täter-Dynamik, Opferschutz, Victim Blaming und professionelle soziale Beratung.
Inwiefern spielt der Opferbegriff eine Rolle?
Der Autor hinterfragt den negativ konnotierten Opferbegriff und zeigt auf, wie sowohl die kriminologische Definition als auch die Sichtweise der Betroffenen zu einer Stigmatisierung führen kann, während die Selbstbezeichnung als Überlebende Kraft verleihen kann.
Welche Rolle spielen Vergewaltigungsmythen bei der sekundären Viktimisierung?
Vergewaltigungsmythen dienen als Auslöser für Täter-Opfer-Umkehr und Bagatellisierung, wodurch Betroffene häufig eine Mitschuld zugeschrieben wird, was sowohl den Ausgang von Gerichtsverfahren als auch das soziale Verhalten maßgeblich beeinflusst.
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- Lisa Menger (Author), 2022, Sekundäre Viktimisierung von Opfern sexualisierter Gewalt. Folgen, Prävention und Umgang mit Betroffenen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1267607