Werte, Soziale Normen und Sozialstaat. Eine Anwendung auf den ostasiatischen Kulturkreis


Diplomarbeit, 2009

63 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - Werte und soziale Normen in der ökonomischen Theorie

2 Werte und soziale Normen in der ostasiatischen Kultur
2.1 Abgrenzung des ostasiatischen Kulturkreises
2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur

3 Sozialpolitik in den ostasiatischen Ländern
3.1 Umverteilung und Sicherung von Einkommen
3.2 System zur Alterssicherung
3.3 Gesundheitssystem
3.4 Ergebnis der deskriptiven Analyse

4 Sozialpolitische Implikationen für die ostasiatischen Länder
4.1 Thesen und Erklärungsansätze
4.1.1 Familienwerte und Respekt vor dem Alter .
4.1.2 Soziale Normen und Arbeit
4.1.3 Soziale Identität
4.1.4 Sonstige konfuzianische Werte
4.2 Ergebnis zu den sozialpolitischen Implikationen . .

5 Fazit und Ausblick für zukünftige Forschungstätigkeiten

Literaturverzeichnis

A World Values Survey: Fragen

B Empirisches Modell: Methode und Variablen

Einleitung - Werte und soziale Normen in der ökonomischen Theorie

[...] stoßen Maitreyee und ihr Ehemann Yajnavalkya sehr schnell auf ein größeres Problem als nur auf die Frage, durch welche Mittel und Wege man zu mehr Geld gelangt: „Wieweit würde Reichtum ihnen zur Erfüllung ihrer Wünsche verhelfen?“. Maitreyee grübelt nach, ob sie, sollten „alle Reichtümer der Erde“ ihr gehören, dadurch Unsterblichkeit erlangen würde. „Nein“, antwortet Yajnavalkya, „dein Leben wäre wie das Leben der Reichen. Doch darfst du nicht hoffen, durch Reichtum unsterblich zu werden.“. Maitreyee entgegnet: „Was soll ich denn anfangen mit etwas, was mich nicht unsterblich macht?“ [...]

Brihadaranyaka Upanishad1

Jener eheliche Dialog verdeutlicht die Relevanz immaterieller Anreize vor dem Hintergrund des individuellen Verhaltens. Die abschließende rhetorische Frage weist dabei auf die Unzulänglichkeit des ökonomischen Konzeptes vom homo oeconomicus hin, welches ein rationales, nutzenmaximierendes Verhalten ökonomischer Akteure zu Grunde legt. Traditionelle theoretische Ansätze verwenden ein Nutzenkonzept, welches ausschließlich Einkommen respektive pekuniäre Anreize im Allgemeinen als Argumente umfasst. Akerlof (2007) greift diesen Aspekt in seiner Presidential Address auf. Jene konstituiert die fehlende Berücksichtigung sozialer Normen und Werte im Rahmen der makroökonomischen Theorie. Diese Beobachtung lässt sich allgemein auf die ökonomische Theorie übertragen. Das Konzept der Nutzenmaximie- rung wird im Folgenden allerdings nicht angetastet1. Erforderlich erscheint dagegen eine Erweiterung des zu Grunde gelegten Nutzenkonzeptes. Als Argumente werden in dem Fall neben ökonomischen Anreizen auch soziale Anreize implementiert. In dem vorliegenden Papier wird in Anlehnung an Lindenberg (1990) und Kangas (1997) das Konzept des homo socio-oeconomicus zu Grunde gelegt. Vor diesem Hintergrund betrachten rationale Invididuen neben monetären Werten auch soziale Werte und Normen als Referenz hinsichtlich ihres ökonomischen Entscheidungsverhaltens (vgl. Kangas, 1997, S.478). Da nun individualistische Demokratien auf den Präferenzen ihrer Mitglieder basieren, übt das individuelle ökonomische Verhalten einen signifi- kanten Einfluss auf die politische Gestaltung innerhalb der Gesellschaft aus. Genauer steht in dieser Arbeit die Ausprägung sowie der Umfang sozialstaatlicher Aktivitäten im Mittelpunkt. Ausgegangen wird von einem umfassenden Begriff des Sozialstaa- tes. Jener umfasst neben einer direkten Einkommensumverteilung in Form eines progressiven Steuersystems sämtliche soziale Sicherungssysteme. Letztere werden beispielsweise durch das Gesundheits- und Rentensystem sowie die Versicherung gegen Arbeitsplatzverlust gebildet2. Dieses Papier basiert auf der Prämisse, dass Werte und soziale Normen einen Einfluss auf die Gestaltung der Sozialpolitik haben3.

Inglehart (1990) konstituiert die zunehmende Relevanz immaterieller Werte in seiner Theorie des Postmaterialismus. Betrachtet man die Maslow’sche Bedürfnis- pyramide, so gewinnen mit fortschreitender Entwicklung einer Gesellschaft höhere Bedürfnisstufen an Bedeutung. Individuelles Verhalten orientiert sich mehr an Wer- ten wie beispielsweise Selbstverwirklichung, aber auch an politischen, moralischen, sozialen oder religiösen Werten, denn an der reinen wirtschaftlichen Selbsterhaltung (vgl. Heywood, 2007, S.211). Empirisch lässt sich diese Entwicklung im Rahmen der World Values Survey (WVS) beobachten. Dabei handelt es sich um weltweite Umfragen zur Relevanz gesellschaftlicher Werte. Die Befragungen werden seit 1981 auf Basis der Arbeit des Politologen Inglehart in wiederkehrenden Wellen1 durch- geführt. Die benannte Theorie des Postmaterialismus lässt sich im Rahmen dieser Umfragen bestätigen. Schließlich betonen Van Oorschot u.a. (2008) ebenfalls den Zusammenhang von kulturellen Werten und Sozialpolitik.

Es erscheint fraglich, inwieweit sich diese Theorie und insbesondere die oben angeführte These bezüglich der Gestaltung von Sozialpolitik auf die Länder des ostasiatischen Kulturkreises anwenden lässt. Ein großer Teil dieser Länder durchlief seit der 1980er Dekade einen ökonomischen Entwicklungsprozess. Vor diesem Hinter- grund erfolgte eine weitgehende Industrialisierung der Region. Dennoch werden die Länder dieses besagten Kulturkreises in weiten Teilen der relevanten Literatur nicht betrachtet. Als Ausgangspunkt der bestehenden Erklärungsansätze zur Sozialpolitik dienen zumeist die sozialstaatlichen Differenzen zwischen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten (US). Als Beispiel lässt sich die Arbeit von Alesina u.a. (2001) anführen. Das Anliegen dieser Arbeit besteht in einer Untersuchung, inwieweit sich die These bezüglich der Interdependenzen zwischen sozialen Normen respekti- ve Werten und dem sozialstaatlichen Wesen in eurozentrischer Tradition auf den ostasiatischen Kulturkreis übertragen lässt. Das vorliegende Papier beginnt in Kapitel 2 mit einer eingehenden Betrachtung der in Ostasien verankerten Werte. Auf Basis dieser werden elementare kulturelle Unterschiede zum individualistisch, westlich geprägten Kulturkreis herausgearbeitet. Anschließend erfolgt im 3. Kapitel eine deskriptive Analyse hinsichtlich des Umfanges sowie der Struktur sozialstaatlicher Instrumente und Maßnahmen in den ostasiati- schen Ländern. Die Erkenntnisse aus diesen beiden Kapiteln werden im 4. Kapitel verknüpft, um Implikationen bezüglich der Sozialpolitik in den Ländern des ostasia- tischen Kulturkreises herauszuarbeiten und diese im Anschluss durch entsprechende Erklärungsansätze zu stützen. Abschließend erfolgt in Kapitel 5 ein zusammenfassen- des Fazit sowie ein Ausblick hinsichtlich der auf diesem wirtschaftswissenschaftlichen Teilgebiet künftig zu leistenden Forschungsanstrengungen.

Werte und soziale Normen in der ostasiatischen Kultur Nachdem im vorigen Kapitel die Relevanz sozialer Normen und Werte für das ökonomische Verhalten sowie den Sozialstaat herauskristallisiert wurde, erfolgt in diesem Abschnitt eine eingehende Betrachtung der im ostasiatischen Kulturkreis verankerten Werte. Zunächst wird allerdings eine Abgrenzung des Begriffes „Ostasien“ vorgenommen.

2.1 Abgrenzung des ostasiatischen Kulturkreises

In diesem Abschnitt wird die Frage behandelt, welche Länder dem ostasiatischen Kulturkreis zuzuordnen sind. In der Literatur existieren diverse Auffassungen be- züglich des Begriffes Ostasien. In dem vorliegenden Papier umfasst die ostasiatische Kultur die Volksrepublik China (China), die Republik China (Taiwan), Japan sowie die Republik Korea (Korea) auf dem südlichen Teil der koreanischen Halbinsel. Aus politischen Gründen wird von einer Betrachtung der nördlich gelegenen Demokrati- schen Volksrepublik Korea (Nordkorea) abgesehen. Jene Länder weisen schließlich ein gemeinsames kulturelles Fundament auf.

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur

Nach der Bestimmung des ostasiatischen Kulturkreises erfolgt in diesem Abschnitt eine eingehende Betrachtung der benannten kulturellen Basis. Die Region unterlag einem starken Einfluss durch die kulturelle und geschichtliche Entwicklung Chinas.

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 5

Dabei prägte der sogenannte Konfuzianismus das kulturelle Fundament in Ostasien1. Unter diesen Begriff werden philosophische und ethische Vorstellungen subsumiert, welche seit dem 4. Jhdt. v. Chr. von Konfuzius2 und seinen Nachfolgern entwickelt wurden.

Nach der Identifikation des in der Region vorherrschenden Kulturkonzeptes erfolgt im Weiteren eine Betrachtung der im Konfuzianismus verankerten Werte. Das zentrale Bestreben der dort konstituierten ethischen Prinzipien3 liegt in der Herstellung und Wahrung sozialer Harmonie (vgl. Oldstone-Moore, 2002, S.53). Jene bedarf einer na- türlichen Hierarchie, welche Konfuzius durch fünf menschliche Elementarbeziehungen charakterisiert (vgl. Oldstone-Moore, 2002, S.55 f.).

1. Vater-Sohn-Beziehung
2. Ehemann-Ehefrau-Beziehung
3. Älterer Bruder-Jüngerer Bruder-Beziehung
4. Freund-Freund-Beziehung
5. Herrscher-Untertan-Beziehung

Die primäre Beziehung stellt die zwischen einem Vater und seinem Sohn dar (vgl.

Hoobler und Hoobler, 1993, S.10). Jene konstituiert das Prinzip der Filialen Pietät,

welches Ehre, Respekt und Liebe seitens eines Sohnes für den eigenen Vater umfasst

(vgl. Oldstone-Moore, 2002, S.14). Dieses Konzept spiegelt sich zuweilen in einem

ausgeprägten „Ahnenkult“ wider. Dabei wird nicht nur dem eigenen Vater, sondern auch früheren Generationen von Vorfahren Ehre und Respekt erwiesen4. Es lässt

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 6

sich von diesem Prinzip allgemein auf einen besonders respektvollen Umgang mit älteren Menschen im konfuzianisch geprägten Alltag abstellen1. Betrachtet man die menschlichen Elementarbeziehungen, so lässt sich feststellen, dass es sich bei drei der fünf Beziehungen um verwandtschaftliche Verhältnisse handelt. Dies deutet auf einen familiären Fokus konfuzianischer Werte hin. Zudem betont Konfuzius die hierarchische Struktur dieser Beziehungen. Lediglich eine elementare Beziehung, die Freund-Freund- Beziehung, beschreibt ein gleichrangiges Verhältnis (vgl. Hoobler und Hoobler, 1993, S.10). Insbesondere das Herrscher-Untertan-Verhältnis verleiht den menschlichen Beziehungen eine autoritäre Tendenz. Das paternalistische Agieren einer „starken“ Regierung erscheint vor diesem Gesichtspunkt als legitim (vgl. Hoobler und Hoobler, 1993, S.37). Oldstone-Moore (2002) konstituiert der konfuzianischen Gesellschaft ebenfalls eine hierarchische und autoritäre soziale Struktur mit einer Vormachtstellung männlicher Gesellschaftsmitglieder2. Berthrong und Berthrong (2000) weisen zudem auf den hohen Stellenwert von Bildung und Lernen im Konfuzianismus hin. Obgleich der Tatsache, dass eine kontroverse Literatur bezüglich der Ausprägung von Werten in der konfuzianischen Kultur existiert, werden in der vorliegenden Arbeit folgende elementare konfuzianische Prinzipien und Werte herauskristallisiert und zu Grunde gelegt:

1. Familienwerte und Respekt vor dem Alter

2. Soziales Ansehen und kollektives Denken
3. Neigung zu harter Arbeit
4. Hierarchie, Loyalität und Autorität
5. Patriarchismus
6. Bildung und Lernen

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 7

Im Laufe der Historie lässt sich eine differenzierte Ausprägung dieser kulturellen Werte in den konfuzianisch geprägten Ländern beobachten. Zu erwähnen ist dabei eine variierende Verankerung solcher Werte in den ostasiatischen Gesellschaften. Während Korea und Taiwan beispielsweise gezwungen waren diese kulturelle Basis zu importieren, entschied sich Japan freiwillig für die Übernahme entsprechender Werte (vgl. Oldstone-Moore, 2002, S.20). Des Weiteren lässt sich anmerken, dass konfuzianische Werte insbesondere in Korea intensiv ausgeprägt sind. Die Philoso- phie des Konfuzius galt in der vom Jahr 1392 bis in das Jahr 1910 andauerndern Epoche der Choseon-Dynastie als oberste Staatsdoktrin Koreas (vgl. Oldstone-Moore, 2002, S.102). Obgleich eine solche Staatsdoktrin in der heutigen Zeit nicht mehr existiert, bleibt ein Einfluss der konfuzianischen Werte auf die Einstellungen und das Verhalten der Individuen bestehen (vgl. Berthrong und Berthrong, 2000, S.22). Bei der Herausbildung dieser kulturellen Basis wird allerdings von Differenzen in den Ländern des konfuzianischen Kulturkreises abstrahiert. Es wird im Weiteren eine knappe empirische Evaluation dieser für den konfuziani- schen Kulturkreis statuierten Werte vorgenommen. In diesem Rahmen erfolgt eine Analyse von signifikanten Unterschieden in den ethischen Prinzipien konfuzianisch sowie individualistisch1 geprägter Länder. Als Datenbasis dienen die Umfragergeb- nisse der WVS. Da diese aus individuellen Antworten bestehen, erfolgt jeweils eine Aggregation zu Landesmittelwerten. Das vorliegende Papier widmet sich zunächst den Familienwerten innerhalb der konfuzianischen Kultur. Die Abbildung 2.1 verdeut- licht die im Vergleich zu individualistischen Gesellschaften intensiver ausgeprägten Familienwerte. Das Maß für Familienwerte wird auf Basis zweier spezifischer Fragen aus den WVS gebildet. Die Fragen betreffen zum einen die allgemeine Bedeutung der Familie im individuellen Leben und zum anderen die Liebe und den Respekt der Kinder für ihre Eltern2. Ein niedriger Wert steht für entsprechend intensiv ausgeprägte Familienwerte. Weiter wird die Relevanz des sozialen Ansehens für die

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 8

Abbildung 2.1: Familienwerte und Konfuzianismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Individuen untersucht und in der Abbildung 2.2 dargestellt. Im Rahmen der WVS

Abbildung 2.2: Soziales Ansehen und Konfuzianismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wird hinterfragt, inwieweit ein Individuum der Aussage zustimmt, dass große An- strengungen zur Erfüllung der Erwartungen von Freunden unternommen werden sollten. Die Antwortskala reicht dabei von 1 (Starke Zustimmung) bis 4 (Starke

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 9

Ablehnung)1. Je niedriger also der Wert ist, desto wichtiger erscheint den Individuen die Erfüllung freundschaftlicher Erwartungen. Die Umfrageergebnisse bestätigen die relativ höhere Relevanz des sozialen Ansehens in den ostasiatischen Ländern. Daraus lässt sich ein kollektives Denken sowie ein gesteigertes Gruppenempfinden ableiten. Vor diesem Hintergrund messen sich die Mitglieder einer Gesellschaft an

ihren sozialen Beziehungen und der Rolle innerhalb des sozialen Netzwerkes. Dieser Aspekt ist relevant für die Ausbildung sozialer Normen2. Schließlich wird ein höherer Stellenwert der Arbeit in der konfuzianischen Kultur konstituiert. Der Abbildung 2.3

Abbildung 2.3: Arbeitsneigung und Konfuzianismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

liegt die Frage zu Grunde, welchen Stellenwert die Arbeit im Leben eines Individuums einnimmt. Die Antwortskala reicht von 1 (Sehr wichtig) bis 4 (Gar nicht wichtig)3. Ein niedriger Wert steht somit für eine hohe Relevanz von Arbeit. Die Umfrage- ergebnisse bestätigen die in der konfuzianischen Kultur angenommene Neigung zu (harter) Arbeit. Lediglich die Beobachtungen in Taiwan weichen geringfügig von den Erwartungen ab. Eine solche Einstellung ist entscheidend für die Bildung sogenannter

2.2 Konfuzianismus und ostasiatische Kultur 10

Arbeitsnormen1.

Hinsichtlich der weiteren elementaren konfuzianischen Werte lässt sich eine un- zureichende Datenlage in den WVS anführen. Dabei existieren zum einen keine hinreichend geeigneten Fragen und zum anderen treten widersprüchliche Ergebnisse auf. In anderen Fällen lassen sich Datenlücken beobachten. Trotz dessen wird die Gültigkeit der in der vorliegenden Arbeit identifizierten konfuzianischen Werte nicht angetastet. Eine Betrachtung ostasiatischer Sprachen spiegelt die Relevanz von Hier- archie und Autorität in der gesellschaftlichen Einstellung wider (so auch Servaes, 2000, S.6). Insbesondere die koreanische sowie die japanische Sprache beinhalten komplexe Höflichkeitsformen. Die persönliche Anrede variiert beispielsweise je nach Alter, Rang oder sozialem respektive gesellschaftlichem Status. Dies deutet auf eine Relevanz hierarchischer sowie autoritärer sozialer Strukturen im konfuzianischen Gesellschaftssystem hin. Obgleich insbesondere die Relevanz dieser hierarchischen Werte vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Demokratisierung sowie Globali- sierung hinterfragt werden kann, ist eine Untersuchung dieses dynamischen Aspektes im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich und wird zudem nicht angestrebt.

Das vorliegende Papier legt im Folgenden einen Schwerpunkt auf die Betrachtung des Konzeptes der Familienwerte (Filiale Pietät), des sozialen Ansehens mit einem daraus resultierenden Kollektivdenken sowie Werten bezüglich der Arbeitstägigkeit. Im Fokus steht die Relevanz dieser Werte für die sozialpolitische Gestaltung in den konfuzianisch geprägten Ländern des östlichen Asiens. Im nächsten Schritt erscheint dazu eine knappe Untersuchung der in diesen Ländern implementierten Sozialpolitik als erforderlich.

Sozialpolitik in den ostasiatischen Ländern

Nach der Identifikation relevanter konfuzianischer Werte erfolgt in diesem Kapitel eine rudimentäre deskriptive Analyse der sozialpolitischen Gestaltung in den ostasia- tischen Ländern. Es werden signifikante Differenzen zu der Gestalt des „westlichen“ Sozialstaates1 aufgezeigt, welcher überwiegend in den Mitgliedsstaaten der Organisa- tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorzufinden ist.

In der vorliegenden Arbeit wird die Betrachtung der koreanischen und japanischen Sozialpolitik in den Mittelpunkt gerückt. Der Grund für diese Eingrenzung liegt in der Verfügbarkeit des Datenmaterials begründet. Für die Analyse dienen die Statistiken der OECD als homogene Datenbasis2, in der Daten für Korea und Japan enthalten sind. Folglich sind Korea und Japan auf Grund der starken Verankerung konfuziani- scher Werte - insbesondere in Korea - als repräsentative Objekte für den betrachteten Kulturkreis anzusehen. Nach einer Untersuchung des allgemeinen sozialstaatlichen Umfanges auf der aggregierten Ebene erfolgt eine differenzierte Betrachtung der Strukturen sozialer Sicherung in Korea und Japan.

Zunächst wird die Frage nach dem aggregierten Umfang sozialpolitischer Eingriffe in den beiden Ländern im internationalen Vergleich aufgeworfen. Als Maß dafür wer- den die öffentlichen Sozialausgaben in Relation zum BIP verwendet, die sogenannte Sozialleistungsquote. Die öffentlichen Sozialausgaben umfassen gemäß OECD sowohl direkte Geldleistungen und Sachleistungen in Form von Gütern und Dienstleistungen als auch Steuervergünstigungen seitens staatlicher Institutionen. Dabei stehen soziale Zwecke im Mittelpunkt. Es werden lediglich öffentliche Ausgaben staatlicher Institu- tionen erfasst1. Die Daten der OECD in Abbildung 3.1 liefern ein deutliches Bild

Abbildung 3.1: Sozialleistungsquote

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

bezüglich der Situation in Korea und Japan. Unter den OECD-Ländern weist Korea mit einer Sozialleistungsquote von 3,2 v.H. in 1993 sowie 5,7 v.H. in 2003 den jeweils geringsten Wert auf. Ebenfalls unter dem jeweiligen OECD-Durchschnitt von 20,4 v.H. in 1993 sowie 20,7 v.H. in 2003 liegt Japan mit einer Sozialleistungsquote von 12,5 v.H. in 1993 und 17,7 v.H. in 2003. Diese Werte verdeutlichen schließlich eine im Vergleich zu den westlich geprägten Staaten weniger umfangreiche Sozialpolitik der beiden ostasiatischen Länder.

Die aufgezeigten Ergebnisse lassen sich durch eine Betrachtung der Steuerpolitik in Abbildung 3.2 stützen. Es wird die Besteuerung des durchschnittlichen Arbeit- nehmers betrachtet. Dabei werden die Steuern, welche Einkommensteuern sowie

Sozialversicherungsbeiträge seitens des Arbeitgebers und Arbeitsnehmers umfassen, in Relation zu den Arbeitskosten gesetzt. Diese setzen sich wiederum aus dem Brutto- lohn sowie den Sozialversicherungsbeiträgen seitens des Arbeitgebers zusammen. Der durchschnittliche Arbeitnehmer bezieht das durchschnittliche Einkommen der Voll- zeitbeschäftigten im jeweiligen Land. Obgleich dieses Maß keinen direkten Indikator

Abbildung 3.2: Besteuerung des durchschnittlichen Arbeitnehmers

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

für die Intensität sozialpolitischer Eingriffe darstellt1, so lässt es sich in Verbindung mit den oben aufgegriffenen Daten hinsichtlich der öffentlichen Sozialausgaben zur Fundierung der Erkenntnisse verwenden. Für Korea und Japan zeigt sich hier eben- falls eine unterdurchschnittliche Besteuerung im Vergleich zum OECD-Durchschnitt.

In 2000 und 2006 lassen sich für Korea Werte von 16,4 v.H. respektive 18,1 v.H. beobachten, während in Japan eine etwas stärkere Besteuerung zu 24,8 v.H. bezie- hungsweise 28,8 v.H. aufgezeigt wird. Diese Werte liegen unterhalb des jeweiligen OECD-Durchschnittes von 37,8 v.H. in 2000 sowie 37,5 v.H. in 2006. Letztendlich deutet diese Betrachtung tendenziell auf weniger intensive staatliche und somit auch sozialpolitische Eingriffe hin.

Es bleibt festzuhalten, dass die relative Betrachtung der Besteuerung in Zusam- menhang mit der komparativen Analyse der öffentlichen Sozialausgaben einen im Vergleich zum „westlichen“ Sozialstaat weniger umfangreichen „ostasiatischen“ Sozi- alstaat statuiert. Dies gilt insbesondere für den sozialpolitischen Bereich, dem sich die vorliegende Arbeit gerade widmet.

[...]


1 Dieses aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. überlieferte Gespräch entstammt den philosophischen Lehren des Hinduismus, genauer dem Sanskrittext Brihadaranyaka Upanishad. Entlehnt wird es aus dem populärwissenschaftlichen Werk von Sen (2005). Dieser führt das Gespräch des Ehepaares in seinem ersten Kapitel zur Perspektive der Freiheit an (vgl. Sen, 2005, S.24).

1 Die Methodik einer prinzipiellen Anzweifelung des Rationalitätsprinzips obliegt dem behavioristi- schen Zweig der ökonomischen Theorie.

2 Die Betrachtung beschränkt sich allerdings auf quantifizierbare materielle sozialstaatliche Maß- nahmen. Instrumente wie beispielsweise Kündigungsschutzgesetze werden nicht berücksichtigt.

3 Die Begriffe Sozialpolitik sowie Wohlfahrtsstaat oder auch soziale Sicherung werden im Folgenden synonym zum Terminus des Sozialstaates verwendet.

1 Bisher existieren Daten zu fünf Umfragewellen (1981, 1990, 1995, 2000 sowie 2005). Die dezentralen Befragungen finden dabei jeweils über einen Zeitraum von einigen Jahren statt.

1 Die Länder Ostasiens werden auch in der Inglehart-Welzel Cultural Map of the World auf http://www.worldvaluessurvey.org unter den Konfuzianismus subsumiert. Allerdings wider- spricht die Darstellung den im Folgenden herausgestellten traditionellen Werten. Mögliche Gründe dafür sind eine Aggregation verschiedener Dimensionen sowie die Berücksichtigung vieler afrika- nischer und lateinamerikanischer Länder. Im Mittelpunkt der Arbeit steht jedoch ein Vergleich zur sozialpolitischen Gestaltung in den westlich geprägten Ländern.

2 Der chinesische Philosoph lebte und wirkte im sechsten und fünften vorchristlichen Jahrhundert.

3 Obgleich der Konfuzianismus beispielsweise in Korea als offizielle Religion anerkannt ist, stehen in dieser Arbeit dessen ethische und moralische Aspekte im Vordergrund. Der Konfuzianismus wird in der vorliegenden Arbeit mehr als Philosophie denn als Religion betrachtet.

4 In Korea lässt sich dieser Aspekt zum Beispiel im Rahmen der zeremoniellen Feierlichkeiten der Chuseok-Feiertage beobachten. Dabei handelt es sich um ein Erntedankfest. Den Vorfahren wird für die jährliche Ernte gedankt. Diese Beobachtung basiert auf den Erfahrungen des Autors.

1 Sung (2001) widmet sich diesem Aspekt in seinem Papier, in dessen Rahmen vierzehn Formen von Respekt vor dem Alter entwickelt werden. Im weiteren Verlauf werden diese allerdings nicht näher betrachtet.

2 Die maskuline Formulierung der menschlichen Beziehungen impliziert eine solche herausgestellte Vormachtstellung (vgl. Hoobler und Hoobler, 1993, S.10).

1 Im Gegensatz zu konfuzianisch-kollektivistisch geprägten Ländern legen individualistisch-liberale Gesellschaften den Fokus auf das Individuum. Angestrebt wird eine größtmögliche individuelle Freiheit.

2 Das hier verwendete Maß lehnt sich an Alesina und Giuliano (2007) an. Die Variable wird im vierten Kapitel eingehend betrachtet.

1 Die Daten entspringen der Frage D055 der WVS. Im Anhang A erfolgt eine Übersicht hinsichtlich der in dem Papier verwendeten Fragen.

2 Eine Norm stellt vereinfacht ein von der Gesellschaft erwartetes Verhaltensmuster dar. Auf den Begriff wird im vierten Kapitel detailliert eingegangen.

3 Die Werte basieren auf der Frage A005 aus den WVS.

1 Auf diese Normengruppe wird zu einem späteren Zeitpunkt näher eingegangen.

1 Eine Verankerung erfährt dieser in den zuvor besagten individualistisch geprägten Ländern. Zu diesen zählen insbesondere Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich (UK), US sowie die skandinavischen Länder.

2 Eine homogene Datenbasis ist für eine komparative Analyse, wie sie an dieser Stelle erfolgt, unabdingbar.

1 Private Ausgaben, die einem sozialen Zweck entspringen, bleiben jedoch unberücksichtigt.

1 Das Maß dient vielmehr zur Charakterisierung der Intensität allgemeiner staatlicher Eingriffe.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Werte, Soziale Normen und Sozialstaat. Eine Anwendung auf den ostasiatischen Kulturkreis
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
63
Katalognummer
V126762
ISBN (eBook)
9783668125568
ISBN (Buch)
9783668125575
Dateigröße
4829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
werte, soziale, normen, sozialstaat, eine, anwendung, kulturkreis
Arbeit zitieren
Daniel Weinreich (Autor), 2009, Werte, Soziale Normen und Sozialstaat. Eine Anwendung auf den ostasiatischen Kulturkreis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126762

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