Seit ihrer Niederlage im ersten Punischen Krieg gegen Rom 241, sahen sich die Karthager den Ansprüchen der neuen Großmacht im zentralen Mittelmeer ausgesetzt. Rom legte den Punieren gewaltige Kriegskontributionen auf, bemächtigte sich fast aller Karthagischen Besitzungen im Mittelmeer und zwang so die Nordafri-kanische Großmacht, sich nach neuen Einnahmequellen umzusehen. Das folgende Karthagische Engagement in Spanien kumulierte schließlich im Angriff auf Sagunt im Jahre 219, und dem Zug Hannibals nach Italien im Frühjahr 218.
Die Diskussion um die Kriegsschuldfrage setzte bereits mit Fabius Pictor ein. Dieser Römische Senator sah „als erste die Belagerung von Sagunt durch die Karthager, als zweite ihre vertragswidrige Überschreitung des [...] Iberos [Ebro] genannten Flusses“ als Kriegsursachen an.
Hier kommt zum ersten Mal der sogenannte Ebrovertrag von 226 zwischen Rom und Karthago ins Spiel. Als gesichert gilt, daß der Ebro als Nordgrenze des Karthagischen Einflußgebietes in Spanien fixiert wurde. Doch schon an der Frage nach der Lage des Ebro scheiden sich auch heute noch die Geister. Und wie stand
es mit der Gültigkeit des Vertrages? Den Römern galt er als verbindliches Dokument, der Karthagische Rat jedoch verweigerte dem Werk die Anerkennung, „als entweder gar nicht abgeschlossen [...], oder als unverbindlich für sie selbst“. Und was hatte es mit der berühmt, berüchtigten Saguntklausel auf sich? Eine Erfindung der Römischen Annalisten, um das Vorgehen Hannibals gegen diese Stadt, welcher die „Freiheit belassen werden“ sollte, als cassus belli darzustellen? Aus welchen Gründen wurde der Vertag geschlossen? Als Rückversicherung der Römer für die Dauer ihres Kampfes gegen die Kelten Oberitaliens, als offizielle Anerkennung der Karthagischen Position in Spanien?
Diese Fragen gilt es im Verlauf dieser Arbeit zu klären. Das Thema erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit unter den modernen Historikern, und alle Meinungen darzustellen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Dennoch sollen unterschiedliche Kontoversen zu Wort kommen, und beurteilt werden.
Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung der Quellenlage zum Thema, es folgt eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse bis 226, insbesondere das Wirken der Barkiden in Spanien, und schließlich die Diskussion über den Ebrovertrag selbst, sowie seine Rolle bei den Verhandlungen unmittelbar vor Kriegsausbruch.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Quellenlage
2.1 Die Karthagischen und Griechischen Geschichtsschreiber
2.2 Die Römische Geschichtsschreibung
3 Karthagos Niederlage im ersten Punischen Krieg
3.1 Der Friedensvertrag von 241
3.2 Der Libysche Krieg und die Wegnahme Sardiniens
4. Die Barkiden in Spanien
4.1 Die ersten Jahre in Spanien unter Hamilkar
4.2 Hasdrubal als Nachfolger Hamilkars in Spanien
5 Die Römischen Aktionen in Übersee zwischen 1. und 2. punischen Krieg
5.1. Der Keltenkrieg in Oberitalien (232-222)
5.2 Das Römische Eingreifen in Illyrien ab 219
6 Der Ebrovertrag
6.1 Die Datierung des Vertrages
6.2 Die Überlieferungen und Inhalte des Ebrovertrages
6.3 Die Saguntklausel und die Beziehungen zwischen Rom und Sagunt
6.3.1 Die Darstellung des Polybios
6.3.2 Die Darstellung des Livius
6.4 Die Lokalisierung des Flusses Ebro
6.5 Die Gründe des Vertragsabschlusses
7. Die Diplomatie Roms und Karthagos in den Jahren 221-219
7.1 Die Belagerung von Sagunt 219
7.2 Die Kriegserklärung
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und die Rolle des Ebrovertrags von 226 v. Chr. bei der Entstehung des Zweiten Punischen Krieges, mit einem besonderen Fokus auf die Kriegsschuldfrage und die Glaubwürdigkeit antiker Quellen wie Polybios und Livius.
- Analyse der antiken Quellenlage und deren tendenziöser Darstellung.
- Untersuchung der wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen der Barkiden in Spanien.
- Bewertung der strategischen Interessen Roms durch die Auseinandersetzungen in Oberitalien und Illyrien.
- Kritische Hinterfragung der sogenannten Saguntklausel und ihrer Historizität als casus belli.
- Diskussion der Rolle des Ebrovertrags im diplomatischen Tauziehen zwischen Rom und Karthago.
Auszug aus dem Buch
6.3.1 Die Darstellung des Polybios
Wie bereits beschrieben, verneint Polybios das Vorhanden sein einer wie auch immer gearteten Saguntklausel indirekt, indem er in seiner Schilderung des Ebrovertrages angibt, daß das übrige Iberien keine Erwähnung fände57. Warum dieser besondere Zusatz? Davon ausgehend, daß Polybios als Vorlage seines Werkes auf Fabius Pictor zurückgegriffen hat, läßt sich mutmaßen, daß Fabius eine Saguntklausel zwar kannte war, er sie aber so zu sagen „ausdrücklich“ verschweigt. Denn falls es eine Saguntklausel gegeben hätte, erscheint es nur logisch, daß Fabius sein Geschlecht vom Verdacht der Untätigkeit bei der Belagerung der Stadt reinwaschen wollte;
schließlich hatten die Fabier bis zum Ausbruch des Krieges größtenteils die Magistrate inne und bestimmten das römische Handeln der letzten Vorkriegsjahre.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung des Zweiten Punischen Krieges ein und stellt die zentrale Fragestellung bezüglich der Kriegsschuld und der Rolle des Ebrovertrags vor.
2 Die Quellenlage: Hier wird der historische Stellenwert und die Tendenz der antiken Geschichtsschreiber Polybios und Livius sowie ergänzender archäologischer Quellen kritisch analysiert.
3 Karthagos Niederlage im ersten Punischen Krieg: Das Kapitel skizziert die Ereignisse nach dem Ersten Punischen Krieg, einschließlich der Friedensbedingungen und des Söldneraufstands, die Karthago zur Expansion nach Spanien zwangen.
4. Die Barkiden in Spanien: Hier wird die Expansion unter Hamilkar Barkas und seinem Nachfolger Hasdrubal beleuchtet, die als Reaktion auf die wirtschaftliche Notlage Karthagos eingeleitet wurde.
5 Die Römischen Aktionen in Übersee zwischen 1. und 2. punischen Krieg: Dieses Kapitel behandelt das römische Vorgehen gegen die Kelten in Oberitalien und die Intervention in Illyrien als strategische Absicherung vor dem Konflikt mit Karthago.
6 Der Ebrovertrag: Im Zentrum steht die Datierung und Interpretation des Ebrovertrages, insbesondere der umstrittenen Saguntklausel und der Lokalisierung des Flusses Ebro.
7. Die Diplomatie Roms und Karthagos in den Jahren 221-219: Dieses Kapitel analysiert das Scheitern diplomatischer Bemühungen und den Ausbruch des Krieges nach der Belagerung von Sagunt.
8. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Erkenntnisse zur Kriegsschuldfrage und bewertet die Historizität der Saguntklausel als mögliches Konstrukt der Annalistik.
Schlüsselwörter
Hannibal, Zweiter Punischer Krieg, Ebrovertrag, Sagunt, Rom, Karthago, Hamilkar Barkas, Hasdrubal, Polybios, Livius, Fabius Pictor, Kriegsschuld, Diplomatie, Barkiden, Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Vorgeschichte des Zweiten Punischen Krieges mit einem Fokus auf die Rolle des Ebrovertrages von 226 v. Chr. und die Frage, wer die Verantwortung für den Ausbruch des Konflikts trug.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die antike Quellenkritik, die karthagische Expansion in Spanien, die römische Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit sowie die diplomatischen Verhandlungen zwischen beiden Mächten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Gültigkeit des Ebrovertrages und die Rolle der Saguntklausel zu hinterfragen, um zu bewerten, inwieweit diese als echte Friedenssicherung oder als propagandistischer Vorwand für den Krieg dienten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt die historische Quellenanalyse, wobei Aussagen antiker Historiker wie Polybios und Livius mit modernen geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen abgeglichen und auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Ereignisse nach dem Ersten Punischen Krieg, das Wirken der Barkiden in Spanien, die römischen Militäraktionen gegen Kelten und Illyrer sowie die detaillierte Untersuchung der Vertragsverhandlungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Hannibal, Ebrovertrag, Sagunt, Rom, Karthago, Kriegsschuldfrage und Antike sind die zentralen Begriffe der Untersuchung.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Polybios im Vergleich zu Livius?
Polybios wird aufgrund seines Strebens nach Ursachenanalyse und der Nutzung von Zeitzeugen positiv hervorgehoben, während Livius stärker als klassischer Vertreter der propagandistisch geprägten römischen Annalistik eingeordnet wird.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zur Saguntklausel?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Saguntklausel wahrscheinlich ein späteres Konstrukt der römischen Geschichtsschreibung ist, um Hannibal den Vorwurf des Vertragsbruchs machen zu können und den Kriegsausbruch zu rechtfertigen.
Welche Bedeutung wird dem Ebrovertrag für die spätere Eskalation beigemessen?
Der Vertrag wird nicht nur als bloße Rückversicherung Roms betrachtet, sondern als ein entscheidendes diplomatisches Instrument, das Karthagos Machtansprüche in Spanien zeitweise rechtlich einhegte, bevor die Lage in Sagunt eskalierte.
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- Oliver Löser (Author), 2005, Der Ebrovertrag, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126810