Die Kritik an der viktorianischen Gesellschaft in Oscar Wilde’s Gesellschaftskomödie "A Woman of No Importance"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gesellschaftskritik mit Hilfe dramatischer Figurentypen
1.1 Stock Figures
1.1.1 Die Gossipy Aristocrat Lady Caroline
1.1.2 Die narzisstischen Dandies Lord Illingworth und Mrs. Allonby

2. Gesellschaftskritik mit Hilfe rekurrenter Motive:
2.1 Gossipy Aristocrats
2.2 Marriage

3. Das Individuum im Konflikt mit der Gesellschaft
3.1 Die komplexen Figuren
3.1.1 Die Woman with a past Mrs. Arbuthnot
3.1.2 Die Puritanerin Hester

Zusammenfassung

Bibliographie
I Primärliteratur:
II Sekundärliteratur:

Einleitung

Die Sittenkomödie[1] A Woman of No Importance (1894) handelt von Mrs. Rachel Arbuthnot, die als junges Mädchen von Lord Illingworth verführt worden ist und ihren gemeinsamen Sohn Gerald alleine groß zieht. Sie verschweigt Lord Illingworth die Identität ihres Sohnes, sodass weder Vater noch Sohn das jahrelange Leid der Mutter nachempfinden können. Gerald ist schockiert, als seine Mutter ihn anfleht, sich gegen seine Karriere als Sekretär bei Lord Illingworth zu entscheiden. Erst als Lord Illingworth sich Hester Worsley, der Angebeteten seines Sohnes, sexuell annähert, entschließt Gerald sich, den Kontakt zu seinem Vater fortan zu meiden.

A Woman of No Importance (1894) übt ähnlich wie Wildes drei weitere Komödien Lady Windermere's Fan (1892), An Ideal Husband (1895) und The Importance of Being Earnest (1895) scharfe Kritik an der viktorianischen Gesellschaft. In allen vier Social Comedies zeigt Wilde den Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft auf, worauf in Kapitel 3 näher eingegangen wird.

In der vorliegenden Hausarbeit wird dargelegt und analysiert, wie die viktorianische Gesellschaft von Wilde in A Woman of No Importance präsentiert, karikiert und kritisiert wird. Dabei ist von Relevanz, welche gesellschaftlichen Gegebenheiten und Bedingungen von Wilde kritisiert werden und welche dramenspezifischen Methoden er zur Untermauerung der Kritik wählt. Zunächst werden die Stock Figures vorgestellt und analysiert und des Weiteren wird aufgezeigt, inwieweit Wilde mit Hilfe der rekurrenten Motive im Drama einen weiteren Grundstein zur Kritik an der viktorianischen Gesellschaft gelegt hat. Im letzten Kapitel wird darauf eingegangen, welche Rolle die W oman with a Past Mrs. Arbuthnot und die Puritanerin Hester unter dem Gesichtspunkt des Konfliktes zwischen dem Individuum und der Gesellschaft spielen.

1. Gesellschaftskritik mit Hilfe dramatischer Figurentypen

1.1 Stock Figures

1.1.1 Die Gossipy Aristocrat Lady Caroline

Lady Caroline Pontefract hat im Drama die Funktion des Gossipy Aristocrat, sorgt mit ihren Äußerungen für Komik und fungiert häufig als Kommentatorin. Darüber hinaus hat Lady Caroline eine Eigenschaft, die in der damaligen Gesellschaft allgegenwärtig war und in der Gegenwart nach wie vor typisch menschlich ist. Lady Caroline betrachtet ihren Mann Sir John Pontefract als ihr Eigentum, welches sie stets bevormundet und kontrolliert. Sie bezeichnet die Ehepartner explizit als: “Property“ [S. 478]. Im Regelfall betrachteten in der viktorianischen Gesellschaft die Ehemänner ihre Frauen als Eigentum. Dieses Charakteristikum findet man in allen gesellschaftlichen Klassen.

Die viktorianische Ehefrau war allerdings nicht nur finanziell abhängig von ihrem Ehemann, sondern unterlag ebenfalls seiner Autorität. Dass in diesem Drama die Frau über ihren Mann herrscht, ist daher ebenfalls als Sozialkritik zu betrachten und wirft die Frage auf, inwiefern die traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen überhaupt gerechtfertigt ist.

Eine Bevormundung seitens Lady Carolines trifft man zweimal an, nämlich als sie ihrem Mann aufdrängt, wegen der Kälte und Nässe seine “mufflers“ [S. 465] und “overshoes [S. 468] zu tragen. Als Sir John ihr widerspricht und sagt, dass er sich wohl fühle, kontert Lady Caroline: “You must allow me to be the best judge of that, John. Pray do as I tell you.” [S. 468]. Lady Caroline knüpft an die overshoes sogar erneut an: “John, have you got your overshoes on?” [S. 469]. Sir John wird von ihr geradezu wie ihr Mündel behandelt: “I think you had better come over here, John. It is more sheltered […] You had better sit beside me.” [S.469] Sie gesteht ihm somit keinerlei Eigenständigkeit zu.

Größtenteils wirkt Lady Caroline im weiteren Verlauf des Dramas sehr eifersüchtig, besitzergreifend und paranoid, zum Beispiel indem sie ihren Mann während der house party immerfort sucht. Lady Caroline wirkt durch ihre kritischen Bemerkungen und ihren Hang zur Besserwisserei den anderen Figuren überlegen. Sie überschätzt sich außerdem maßlos: “I believe I am usually right.“ [S. 471]. Demnach ist es paradox, dass sie derartige Schwäche offenbart, indem sie ihrem Mann permanent misstraut. Sogar Mrs. Allonby äußert über Lady Caroline: “I should have thought Lady Caroline would have grown tired of conjugal anxiety by this time. Sir John is her fourth.” [S. 474].

Außerdem spottet Lady Caroline diverse Male über die im Drama auftretenden Figuren, sodass sie zu den Gossipy Aristocrats[2] gezählt werden kann. Zum einen wird mit Hilfe der Gossipy Aristocrats somit kritisiert, dass die Mitmenschen von der Upper Class häufig von oben herab behandelt worden sind, wie im Falle von Hester Worsley, die von Lady Caroline mehrmals degradiert wird; zum anderen wird Kritik daran geübt, dass der Ehepartner, sei es Mann oder Frau, als Eigentum angesehen wird, und des Weiteren übt Wilde mit Hilfe der gossipy Lady Caroline ebenfalls Kritik an der arroganten und oberflächlichen Upper Class, die jeden verachtet, der ihrem Verhaltens- und Wertekodex nicht entspricht.

1.1.2 Die narzisstischen Dandies Lord Illingworth und Mrs. Allonby

Oscar Wilde, der in seiner Zeit selbst als Dandy[3] galt, lässt in allen seinen vier Social Comedies einen oder mehrere Dandies auftreten. Seien es beispielsweise die Dandies Lord Goring und und Mabel Chiltern in An Ideal Husband, Lord Darlington und Mrs. Erlynne in Lady Windermere's Fan, Jack und Algernon in The Importance of Being Earnest oder in A Woman of No Importance die narzisstischen Dandies Lord Illingworth und die von Raby als dessen „Counterpart [4] bezeichnete Mrs. Allonby. Raby beschreibt die Funktion des Dandy wie folgt: “The wit, and so the play's dynamic focus seems to belong by natural right to Lord Illingworth, or to his counterpart Mrs. Allonby.”[5] Raby nennt weitere Funktionen: “A key figure in the Wildean dramatic universe is the dandy – the droll, epicene, epigrammatic commentator on the foibles of the age.”[6] Die von Raby genannten Charakteristiken treffen sowohl auf Lord Illingworth als auch auf Mrs. Allonby zu. Des Weiteren treten beide Figuren sehr selbstsicher und weltmännisch auf: [...] „dandies who dominate by wit. And assurance.”[7] Lord Illingworth äußert über sich selbst: “Don't you know that I always succeed in whatever I try? [S. 476]. Diese Replik Lord Illingworth‘s wird als explizite Selbstdarstellung bezeichnet und ist eine Methode von Wilde, um Lord Illingworth’s narzisstische Tendenzen zu ironisieren. Außerdem verfügen diese Figuren über Esprit und äußern bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Epigramm, teilweise sind ihre Repliken sogar ausschließlich epigrammatisch.

Im Drama benutzen die Dandies ihre Mitmenschen als Spielbälle. Dies wird insbesondere in der Szene deutlich, als Lord Illingworth von Mrs. Allonby herausgefordert wird, Hester Worsley zu küssen. [Seite 477]. Sein Gefallen an dem Spiel mit Frauen bekennt er ferner im vierten Akt, als er in dem Dialog mit Mrs. Arbuthnot sagt: „You were the prettiest of playthings.“ [S. 514]. Lord Illingworth offenbart seine narzisstischen Tendenzen jedoch nicht nur gegenüber Mrs. Arbuthnot, sondern ebenso bei zwei anderen Frauen – Lady Stutfield und Mrs. Allonby. Lady Stutfield fragt Lord Illingworth: “And what have you been doing lately that astonishes you?” Lord Illingworth antwortet: “I have been discovering all kinds of beautiful qualities in my own nature.” [S. 497]. Gillespie verdeutlicht die narzisstischen Anwandlungen des Dandy folgendermaßen:

To gain attention – a central aim for the dandy – he must disrupt the normal pattern of events. At the same time, to sustain public approval – an equally goal – he must keep his trangressions within the bounds of communal tolerance.[8]

Laut Gillespie bedarf der Dandy einerseits der allgemeinen Aufmerksamkeit, andererseits muss er darauf achten, dass sein lasterhaftes Leben nicht an die Öffentlichkeit dringe. Mrs. Allonby und Lord Illingworth sind im religiösen beziehungsweise puritanischen Sinne beide als Sünder zu bewerten, allerdings gelingt es Lord Illingworth zunächst, diese Sünden zu verbergen, und Mrs. Allonby schafft es ebenfalls, trotz ihrer teilweise von der Gesellschaft abweichenden Meinungen, nicht in allgemeine Ungnade zu verfallen. Gillespie schreibt hierzu:

Thus, while acknowledging the coercive power and the definitive linearity of the dominant social institutions of their period, the dandy forgoes complete conformity and actively cultivates the digressive relativity of pluralism.[9]

[...]


[1] Wilde’s drei Komödien A Woman of No Importance, An Ideal Husband und Lady Windermere’s Fan

werden u.a. von Fricker als Sittenkomödien bezeichnet. Cf: Fricker, Robert, Das moderne Englische

Drama, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1964, Seite 7-11.

[2] Die Gossipy Aristocrats werden unter 2.1 noch einmal aufgegriffen.

[3] Definition des Dandyismus aus Metzler, J.B., Metzler Literatur Lexikon, Begriffe und Definitionen, hrsg. Von Günter und Irmgard Schweikle, 2. Auflage, Stuttgart: Metzler, 1990: „ Dandyismus, [...] gesellschaftl. Erscheinung, ausgebildet Mitte des 18. Jh.s. in England in einer Gruppe junger reicher Aristokraten (dandies), die sich im exklusiven >Macaroniclub< [...] zusammenfand. Charakterist. war eine ausgeklügelte Extravaganz des Lebensstils, b.a. eine äußerst raffinierte (zu Beginn des D. unauffällige, später exzentrische) Eleganz der Kleidung, ein geistreich-zyn. Konversationston, blasierte Gleichgültigkeit gegenüber der sozialen Wirklichkeit und ihren Problemen (à Eskapismus), die sich in provokant zur Schau getragenen Müßiggang und arroganter Unmotiviertheit und Ziellosigkeit der eigenen Existenz dokumentierte. Interessant war nur das eigene, als >absolutes< Kunstwerk zelebrierte Leben. Berühmtester Vertreter des D. war George Brummell.

[4] Raby (1997), Seite 154.

[5] Raby (1997), Seite 154.

[6] Brown, Terence, “The Plays”, in: Complete Works of Oscar Wilde, 3. Auflage, Harper Collins Publishers, London 2003, Seite 355.

[7] Raby (1997), Seite 151.

[8] Gillespie (2006), Seite 167.

[9] Gillespie (2006), Seite 167.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Kritik an der viktorianischen Gesellschaft in Oscar Wilde’s Gesellschaftskomödie "A Woman of No Importance"
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Oscar Wilde - Plays, Prose and Poems
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V126867
ISBN (eBook)
9783640335374
ISBN (Buch)
9783640335817
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Gesellschaft, Oscar, Wilde’s, Gesellschaftskomödie, Woman, Importance
Arbeit zitieren
Nadine Richters (Autor), 2009, Die Kritik an der viktorianischen Gesellschaft in Oscar Wilde’s Gesellschaftskomödie "A Woman of No Importance", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126867

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