Unerhörte Zeichen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O."


Seminararbeit, 2004

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Satzzeichen
2.2. Anzeichen
2.3. Tiefenpsychologie
2.4. Doppeldeutigkeiten

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“ beginnt mit einer Zeitungsannonce[1], die einen unerhörten Sachverhalt publik macht, nämlich dass eine adlige Witwe unwissentlich schwanger geworden ist und nun auf diesem Wege den Vater ihres noch ungeborenen Kindes sucht.

Verknüpft mit diesem unerhörten Bekenntnis muss eine „unerhörte Begebenheit“[2] sein, die zu ermitteln der Erzähler dem Leser nicht gerade leicht macht, denn auch bei intensivster Suche gibt es keine eigentliche Schilderung dessen, zumindest nicht explizit[3]. Was es jedoch gibt, ist „der gewaltigste Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“ (Gottfried Benn), sowie einige Zeichen bzw. Anzeichen mehr. So ist es wohl zu erklären, dass die vorliegende Erzählung bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren hat.

Zahlreiche Interpreten haben sich bis dato mit diesem Kleist-Text beschäftigt und versucht, hinter sein „Geheimnis“ zu kommen.[4] Doch in der Tat ist ,Die Marquise von O…’, obwohl die Geschichte an sich heutzutage fast banal anmutet[5], sozusagen Hollywoodreif (Krieg, Ausnahmezustand, Verstoß gegen gesellschaftliche Konventionen, schließlich Klärung und Happy End), aufgrund Kleists Spiel mit Doppeldeutigkeiten[6], Bildern, tiefenpsychologischen Vorgängen (fast ein Jahrhundert bevor diese von Sigmund Freud formuliert wurden!) sowie den bereits erwähnten Zeichen ein Faszinosum geblieben.

Meiner Meinung nach ist es so, dass die Erzählung sich jedem Leser/Rezipienten auf andere Art und Weise erschließt, je nachdem von welchen Aspekten man sich angesprochen fühlt. Daher werde ich auch nicht versuchen die immer wieder heißdiskutierte Frage zu klären, ob die Marquise vergewaltigt oder selbst sexuell aktiv wurde und diese Tatsache zu vertuschen bzw. zu verdrängen sucht, denn das haben schon andere vor mir mehr oder weniger zufrieden stellend getan. Ich werde vielmehr die Zeichen, insbesondere jenen besagten Gedankenstrich, genauer betrachten, mit dem quasi alles beginnt und zu dem auch wieder alles zurückkehrt.

2. Hauptteil

2.1. Satzzeichen

Zum ersten Mal taucht der Gedankenstrich an dramatischer Stelle mitten im Kriegsgeschehen auf (S. 5, Z. 14 „Hier – traf er,…“)[7]. Und nicht nur mitten im Kriegsgeschehen, sondern auch mittig zwischen zwei Wörtern, wo er sofort auffällt, weil er dort nicht hingehört. Oder vielleicht doch? Was genau bedeutet denn „Gedankenstrich“? Trennt er Gedanken voneinander oder steht er stellvertretend für sie? Und wenn er im Text als Stellvertreter dasteht, dann für wessen Gedanken? Die des Erzählers, des Lesers oder der Protagonisten?

Eine Person, die in dieser Situation wohl als „gedankenlos“ bezeichnet werden kann, ist die Marquise selbst, denn wir erfahren kurz zuvor im Text, dass „sie auch völlig bewusstlos niedersank“ (S. 5, Z. 13-14). Und wo kein Bewusstsein, da keine gedankliche Tätigkeit, oder?

Und was ist mit Graf F…? Sollte er an der vermeintlichen Stelle tatsächlich die ihm zugeschriebene Vergewaltigung begangen haben, so war das wohl auch recht „gedankenlos“ von ihm angesichts seiner militärischen Position (S. 6, Z. 17-19: „Obristlieutenant vom t…n Jägerkorps, und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderen Orden“) und seines Adelsstandes. Denn damit stellt er sich schließlich auf die gleiche Stufe mit den gemeinen Soldaten, die zuvor versucht hatten, der Marquise Gewalt anzutun, was durch die Art der Schilderung außer Frage steht (S. 4, Z. 27 – S. 5, Z. 4).[8]

Wie man sieht, ist dieser Gedankenstrich eine verzwickte Sache. Er lässt sich nicht ignorieren und schon gar nicht vereinnahmen. Auf jeden Fall regt er den Leser zum Nachdenken an und das ist doch schon sehr viel für so ein unscheinbares Satzzeichen. Und der Gedankenstrich bleibt keineswegs auf diese Textstelle beschränkt, sondern wandert durch die Erzählung und taucht ab und an wieder auf, sich seiner Signifikanz allzeit bewusst.

Das nächste Mal beispielsweise treffen wir ihn am Ende eines Satzgefüges, das vor „dass-Sätzen“ nur so strotzt (S. 10, Z. 36 – S.11, Z.25). An dieser Stelle empfindet man den Gedankenstrich fast wie eine Atempause nach all den Eindrücken, mit denen der Graf den Leser konfrontiert. In diesem Abschnitt scheint nämlich alles gleichzeitig zu geschehen. Wie im Zeitraffer werden die Ereignisse der vergangenen Monate präsentiert und man wird regelrecht überflutet von Gedankengängen und dem Faktum, dass der Graf scheinbar sein Innerstes nach außen kehrt. Doch so detailliert und so lebhaft der Graf seine Äußerungen auch vorbringt, der Gedankenstrich entlarvt ihn, verhöhnt ihn fast, denn über das Eigentliche, d.h. den Vorfall im Fort, schweigt er. Mit einem winzigen Strich schafft es der Erzähler, eine Reihe von Ereignissen als nichtig zu degradieren, da sie zwangsläufig im Schatten jenes anderen Ereignisses (der „Tat“) stehen müssen.

Hinter unserem Gedankenstrich verbirgt sich also eine permanente Andeutung, wenn nicht einer Tat, so doch eines Sachverhaltes, der der Klärung bedarf. Und diese Tatsache führte zur damaligen Zeit wohl dazu, dass die Geschichte als anstößig empfunden wurde (ein Skandalon[9] ) und sie bis heute noch den Leser in ihren Bann zu ziehen vermag.

Denn soviel ist sicher: Nicht das, was gesagt wird, sondern das, was unausgesprochen bleibt, regt die Phantasie an und ermöglicht ein breites Spektrum an Zugangsmöglichkeiten zum Text.

Eine Szene mag daher noch genannt werden, in der unser Gedankenstrich seinen triumphalsten Auftritt hat, bevor ich mich dann anderen Kommunikationsmitteln widme, die Kleist verwendete. Es ist die Szene, in der Mutter und Tochter des Mannes harren, der sich auf erwähnte Zeitungsannonce meldet, und Graf F… erscheint (S. 46, Z.2 – S. 47, Z. 9).

Gedankenstriche soweit das Auge blickt, platziert am Satzende vor einem anderen Satzzeichen, wahlweise Ausrufezeichen oder Fragezeichen (ihrerseits auch „sprechende“ Zeichen). Sehr effektvoll und aussagekräftiger als jedes Wort, denn hier schließt sich quasi der Kreis, die „Tat“ vom Anfang wird entdeckt.

„Julietta - !“ (S. 46, Z. 15)

„wen erwarten wir denn - ?“ (S. 46, Z. 18-19)

„doch ihn nicht - !“ (S.46, Z. 20)

„wen sonst, wir Sinnberaubten, als ihn - ?“ (S. 46, Z. 27)

Und als Krönung des Szenarios: drei Gedankenstriche vor dem Wort „---Teufel!“[10] (S. 47, Z. 9), so als würde es der Marquise wie Schuppen von den Augen fallen und ihr diese Schlussfolgerung ermöglichen. Konträr übrigens zu ihrer Auffassung von vor dem Geschehen, als der Graf ihr „ein Engel des Himmels zu sein“ schien (S. 5, Z.5). Wie heißt es so schön bei Friedrich Nietzsche: „Der denkende Mensch ändert seine Meinung.“

[...]


[1] Vgl. Neumann, Gerhard: Skandalon, Seite 162 (…, dass Kleist seine Geschichte aus einer Zeitungsnotiz entwickelt,…“)

[2] Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 287 (…, die wahrhaft unerhörte Begebenheit,…“), sowie Vinken, Barbara/Haverkamp, Anselm: Die zurechtgelegte Frau, Seite 136 („…die unerhörte Begebenheit, die durch die Zeitung verbreitet wird,…“)

[3] Vgl. Harlos, Dieter: Die Gestaltung psychischer Konflikte einiger Frauengestalten im Werk Heinrich von Kleists, Seite 45 („Was bei dieser kurzen Begegnung geschieht, wird nicht mitgeteilt.“)

[4] Vgl. Neumann, Gerhard: Skandalon, Seite 150 („Dies mag wohl der Grund sein, warum man sich dem Text über die Marquise von O… - als einem gleichsam immer noch unerledigten Phänomen und unerachtet einer immensen Forschung – von neuem zuwendet.“), sowie Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 292 („Ganz unterschiedliche Spekulationen sind möglich,…“)

[5] Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 290 („…, der Reiz des Stofflichen erschöpft sich jedoch schnell.“)

[6] Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 288 („…, in dieser an Zweideutigkeiten so reichen Geschichte,…“)

[7] Vgl. Vinken, Barbara/Haverkamp, Anselm: Die zurechtgelegte Frau, Seite 131, Zeile 1-9

à Sämtliche Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Reclam-Ausgabe „Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…/ Das Erdbeben in Chili“, Stuttgart 1984, Universalbibliothek 8002

[8] Vgl. Harlos, Dieter: Die Gestaltung psychischer Konflikte einiger Frauengestalten im Werk Heinrich von Kleists, Seite 46, Zeile 16-24

[9] Vgl. Neumann, Gerhard: Skandalon, Seite 149 („Kleists Texte waren ein Skandalon für die Zeitgenossen, und sie sind es über die Jahrhunderte geblieben.“)

[10] Vgl. Krumbholz, Martin: Gedanken-Striche, Seite 131 („Drei Gedankenstriche stauen diesmal den Text,…“)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Unerhörte Zeichen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O."
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich von Kleists Erzählungen und Dramen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V126875
ISBN (eBook)
9783640329656
ISBN (Buch)
9783640331499
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Marquise, Erzählung
Arbeit zitieren
Magister Artium Susanne Krebs (Autor), 2004, Unerhörte Zeichen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O.", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126875

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