Nachhaltige Investition und ihre Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: ein kritischer empirischer Ansatz


Masterarbeit, 2022

114 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung

2 Nachhaltige Investitionen
2.1 Theoretische Grundlagen
2.2 Hintergrund und Anwendungsbereich
2.2.1 Definition von nachhaltigen Investitionen
2.2.2 Entwicklung der rechtlichen und regulatorischen Anforderung zum Konzept der nachhaltigen Investition
2.3 Nachhaltige Anlageinstrumente
2.3.1 Motivation für die Einsetzung eines nachhaltigen Proxys
2.3.2 Portfoliomodellierung mit Nachhaltigkeitseinschränkungen
2.3.3 Nachhaltige Investmentfonds: Überblick über Fondstypen und Eigenschaften

3 Das Wirtschaftswachstum
3.1 Definition
3.2 Bruttoinlandsprodukt-Messung
3.2.1 Produktionsansatz
3.2.2 Ausgabenansatz
3.2.3 Einkommensansatz
3.3 Wirtschaftswachstumsmodell
3.3.1 Exogene Wachstumstheorie
3.3.2 Endogene Wachstumstheorie
3.3.3 Institutionen und Wirtschaftswachstum

4 Analyse der potentiellen Vorteilhaftigkeit nachhaltiger Investitionen für das Wirtschaftswachstum
4.1 Nachhaltige Investitionen und Wirtschaftswachstum
4.2 Beziehung zwischen Nachhaltigkeit und Entwicklung bei Generierung von Mehrwert
4.3 Bedeutung der Regulierung für nachhaltige Investitionen zur Wachstumsgenerierung

5 Empirical analysis of sustainable investment on economic growth
5.1 Verknüpfung von Wirtschaftswachstum und Indikatoren für nachhaltige Entwicklung: Analyse zwischen den ESG-Indizes und dem BIP
5.1.1 Deskriptive Analyse
5.1.2 Robustheits-Check
5.1.3 Einschätzung des Regressionsmodells
5.2 Komplementäre Analyse: Die Auswirkungen nachhaltiger Praktiken (ESG) auf die wirtschaftliche Performance – Evidenz aus ESG-Score
5.2.1 Deskriptive Analyse
5.2.2 Kausalanalyse (Variance-covariance Matrix)
5.3 Diskussion und Zusammenfassung empirische Analyse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Struktur der Masterarbeit

Abbildung 2: United Nation 17 Sustainable Development Goals

Abbildung 3: Erklärende Darstellung zu ESG-Werten

Abbildung 4: Drei Verantwortungsbereiche von Corporate Social Responsibility

Abbildung 5: Der Aktionsplan zur nachhaltigen Entwicklung der Europäischen Union

Abbildung 6: Evolution of global mean surface temperature (GMST) over the period of instrumental observations

Abbildung 7: Sustainable Responsible Investing conceptual model favoring ethics of investment and extra-financial stakes

Abbildung 8: The GDP approaches

Abbildung 9: Innovationen erzeugen mehr Produktion und mehr Kapitalakkumulation

Abbildung 10: Understanding the Wealth of Nation

Abbildung 11: The Circular Economy National Income Accounting Framework

Abbildung 12: Key Concepts and mechanisms of Sustainable Investment

Abbildung 13: Return on investment according to ESG classification

Abbildung 14: Entwicklung des durchschnittlichen ESG-Index der OECD-Länder zwischen 2015 und 2020

Abbildung 15: Entwicklung der durchschnittlichen Logarithmus-Neperian-Werte zwischen 2015 und 2020 der OCED-Länder

Abbildung 16: Regressionsstruktur HSIAO

Abbildung 17: Beitrag von ESG-Praktiken zur Wertschöpfung eines Landes mittels dortiger Unternehmen

Abbildung 18: Durchschnittlicher ESG-Score des Unternehmens (analysiert) nach Land

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Unterschiede zwischen sozial verantwortlichen, ökoeffizienten und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Investitionen

Tabelle 2: Das Spektrum der sozialen und finanziellen Investitionen

Tabelle 3: Snapshot of global assets under management 2016-2018-2020 (USD billions)

Tabelle 4: Die Akteure der Nachhaltigkeit

Tabelle 5: Häufigkeit von Ausschluss-/Negativkriterien bei Nachhaltigkeitsfonds

Tabelle 6: Hypothetische Daten für eine Schätzung des BIP durch den Einkommensansatz

Tabelle 7: Milestones and Discussion on Sustainability indicators

Tabelle 8: Economic indicators to Sustainability

Tabelle 9: Variance-covariance du panel SDG-indexe et Log GDP de l’ensemble des pays de L’OCED

Tabelle 10: Cross-sectional dependence test

Tabelle 11: Panel Unit Root Test Results

Tabelle 12: Hausman specification test

Tabelle 13: Regression analysis for all OECD countries

Tabelle 14: PMG Short-term regression for each OECD country

Tabelle 15: ESG-Eigenschaften von Bloomberg

Tabelle 16: Korrelationsanalyse zwischen den ESG-Praktiken von zehn Large-Cap- Unternehmen in den ausgewählten Ländern und ihrer wirtschaftlichen Leistung

Abkürzungsverzeichnis

AIFMD

AMMC marokkanische Kapitalmarktbehörde

AUM verwaltetes Vermögen

BIP Bruttoinlandsprodukt

C Konsum, persönliche Ausgaben

CMA Capital Market Authority

COP Conference of Parties

COP Pariser Klimakonferenz 2015

CSA Canadian Securities Authority

CSR Corporate Social Responsibility

CSRC China Securities Regulatory Commission

D Kapitalabschreibungen/Kapitalentwertung

EKC Environmental Kuznets Curve

ESG Environmental, Social, Governance

ETF Exchange Traded Funds

Eurosif European Sustainable Investment Forum

FMO Niederländischen Entwicklungsbank

FuE Forschung und Entwicklung

G Staatskäufe/Regierungsausgaben

GSIA Global Sustainable Investment Alliance

I Investitionsausgaben

IACM Investor Advisory Committee

IFC International Finance Corporation

IFC International Finance Corporation

IORPD

KBA Kenya Bankers' Association

KWK Kapitalzinsen

LWL Arbeitslöhne

MiFD Markets in Financial Instruments Directive

MiFD MiFD Sutainability Amendments

NDCs Nationaly Determined Contributions

NX Nettoexport

NYSE New York Stock Exchange

PRI Principles of Responsible Investment

Ps People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership

ROCE Rendite auf das eingesetzte Kapital

ROE Return on Equity

S gesamte Ersparnis

SARS-CoV-2 Severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2

SASB Sustainability Accounting Standards Board

SD Kreisproduktion

SD Nachhaltige Entwicklung

SDGs Sustainable Development Goals

SEC Securities and Exchange Commission

SEEA System of Integrated Economic and Environmental Accounting

SF Unternehmensersparnisse

SFDR Sustainability Finance Disclosures Regulation

Solvency II

SRI Socially Responsible Investment

T Steuern und Subventionen

TCFD Task Force on Climate-related Financial Disclosures

UCITS

UK Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland

UN Vereinte Nationen

UNCED United Nations Conference on Environment and Development

UNEP Umweltprogramm der Vereinten Nationen

UNFCCC United Nations Framework Convention on Climate Change

VGR Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

VR China Volksrepublik China

1 Einführung

Nachhaltige Entwicklung und die gegenseitige Abhängigkeit von Wirtschaft und Umwelt sind Konzepte, die für das Überleben der menschlichen Spezies zunehmend an Bedeutung gewinnen. Diese Konzepte entstanden aus der Debatte über die „ Grenzen des Wachstums“ in den frühen 1970er Jahren, in der es um die Frage ging, ob ein weiteres Wirtschaftswachstum unweigerlich zu einer schweren Umweltzerstörung und einem weltweiten Zusammenbruch der Gesellschaft führen würde.1 In den späten Jahren und 1970 nach vielen weiteren Debatten (z. B. Pirages 1977, Cleveland 1979, Coomer 1979) wurde eine scheinbare Lösung für das Problem gefunden: Die wirtschaftliche Entwicklung könne unbegrenzt fortgesetzt werden. Dies gilt allerdings unter der Prämisse, dass die Entwicklung so verändert werde, dass ihre letztendliche Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt berücksichtigt wird.2

Nachhaltige Entwicklung ist daher zu einem globalen Megatrend geworden, der die Gesamtheit aller Individuen betrifft. Immer mehr internationale Non-Profit-Organisationen, Politiker und Verbraucher sehen sich als Verfechter von Verantwortung und nachhaltiger Entwicklung. Auch Unternehmen engagieren sich zunehmend für nachhaltige Geschäftsabläufe und einige Investoren verpflichten sich, die Grundsätze des verantwortungsbewussten Investierens einzuhalten. Daher stehen folgende Fragen im Fokus dieser Masterarbeit: Wie ist dieser Megatrend definiert? Was genau bedeuten die verschiedenen Nachhaltigkeitskonzepte wie nachhaltige Entwicklung, nachhaltiges Wirtschaftswachstum oder nachhaltige Ressourcennutzung? “Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse künftiger Generationen befriedigt, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“3. Die Weltbank hat sich nun verpflichtet, die nachhaltige Entwicklung und die Aussage zu fördern, dass „Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung und eine umweltfreundlichkeit in vielen Fällen miteinander vereinbar sind“ (Weltbank, 1988).

Die daraus resultierenden nachhaltigen Investitionen haben sich daher zu einer schnell wachsenden Anlagekategorie entwickelt. Dem Morningstar 2020 Sustainable Landscape Report zufolge existieren in den Vereinigten Staaten inzwischen mehr als 300 nachhaltigkeitsorientierte Investmentfonds und Exchange Traded Funds (ETFs) mit einem Gesamtvermögen von knapp 150 Mrd. US-Dollar – Stand 2020 –, was einem Anstieg i. H. v. fast 35 % in den letzten drei Jahren entspricht.4

Als die Aktienmärkte infolge der SARS-CoV-2-Pandemie respektive der volkswirtschaftlichen Implikationen aufgrund der Maßnahmen einbrachen, erwiesen sich Nachhaltigkeitsfonds als weitaus widerstandsfähiger als andere Anlagevehikel. Als sich die Märkte erholten, übertraf der Kapitalfluss in nachhaltige Aktienfonds den der konkurrierenden konventionellen Aktienfonds.5 Während sich die Aufmerksamkeit von der Krise im Gesundheitswesen auf die wirtschaftliche Erholung verlagerte, betonten viele Kreise in zunehmendem Maße die Notwendigkeit eines „Wiederaufbaus zum Besseren“6, d. h. eines nachhaltigeren Aufbaus. Darüber hinaus rückten die Black-Lives-Matter-Demonstrationen, die 2020 weltweit ausbrachen, eine Reihe sozialer Belange wie Rassengerechtigkeit und wirtschaftliche Ungleichheit ins Rampenlicht und warfen Fragen zu Unternehmenskulturen und Vielfalt am Arbeitsplatz auf. All diese letzten Ereignisse zeigen, wie wichtig nachhaltiges Investieren und Finanzieren geworden sind, und erklären, warum das Interesse an Umwelt-, Sozial- und Governance-Maßnahmen (ESG) zugenommen hat. Dieses Interesse erstreckt sich auf die ganze Welt. Die Global Alliance for Sustainable Investment schätzt das verwaltete Vermögen (AUM) von Fonds, die in ihrer Anlagestrategie eine gewisse Form der Nachhaltigkeitsanalyse einsetzen, auf über 30 Billionen US-Dollar.7 Auch wenn diese Zahl eine Überschätzung sein mag – weil die Tiefe des Nachhaltigkeitsfokus, der von diesen Fonds berücksichtigt wird, stark variiert –, so legen diese Zahlen doch nahe, dass nachhaltiges Investieren nicht als Modeerscheinung, sondern vielmehr als die neue unverzichtbare Perspektive für Investoren im einundzwanzigsten Jahrhundert zu werten ist.

Die Nachhaltige Finanzwirtschaft wird daher allgemein als der Prozess der Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren bei Investitionsentscheidungen bezeichnet, was zu einem Anstieg der langfristigen Investitionen in nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten und Projekte führen kann. Ihre Verbreitung wurde durch den Wunsch der Investoren angetrieben, neben der wirtschaftlichen Leistung der Investition auch ökologische und soziale Auswirkungen zu erzielen. Sie ist eine Reaktion auf einen breiteren Trend, bei dem sich viele Länder auf der ganzen Welt zusammengeschlossen haben, um zu einer globalen Verbesserung des Umgangs mit Ressourcen und der Förderung menschlicher Werte beizutragen. Heute nimmt die Finanzbranche eine aktive Position ein, indem selbige versucht, diese Konzepte in die Investitionspraxis umzusetzen.

Das Instrument, das aus diesem Bestreben entstand, ist das Rating für ESG, auf dessen Grundlage ESG-Investitionen entwickelt werden. Diese Investitionen haben sich folglich in den letzten Jahren im Investment-Bereich etabliert, um den Bedürfnissen institutioneller und privater Anleger sowie einiger öffentlicher Behörden gerecht zu werden, die langfristige finanzielle Risiken und Chancen besser in ihre Investitionsentscheidungen einbeziehen wollen, um langfristig Wert zu schaffen und so ein stabiles Wirtschaftswachstum zu fördern. Unter den langfristigen Faktoren können die Kategorien Umwelt, Soziales und Governance Kontroversen und Abwärtsrisiken beinhalten, die im Laufe der Zeit den Wert der Aktien erodieren lassen und das Kreditrisiko erhöhen können.

Als solches zielt jenes Instrument darauf ab, ein besseres Risikomanagement mit der Verbesserung der Portfoliorendite zu koppeln und die Werte von Anlegern und Nutznießern in einer Anlagestrategie widerzuspiegeln. In dieser Hinsicht hat sich die Anlegergemeinschaft dahingehend fortentwickelt, ESG als einen Anlageansatz zu betrachten, der darauf abzielt, einheitlichere Informationen über Risiken und Chancen in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und gute Regierungsführung in die Entscheidungen über die Vermögensallokation einfließen zu lassen. Darüber hinaus kann dieser Ansatz auch dazu dienen, Investoren und anderen Stakeholdern bei ihren Bemühungen, Wertschöpfung zu generieren, dahingehend zu forcieren, ihre Anlageansätze so zu optimieren, indem sie alternative Anlagen bevorzugen, die sich klarer auf ethische Fragen und die Reduzierung der CO2-Emissionsbelastung des Portfolios konzentrieren, bei denen finanzielle Renditen nicht das Hauptziel der Investoren sind. Seit der im September 2015 erfolgten Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung durch alle UN-Mitgliedsstaaten auf der Pariser Konferenz zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) ist daher eine wachsende Nachfrage dieser Anlegertypen nach einer besseren Ausrichtung ihrer Portfolios auf Werte der nachhaltigen Entwicklung zu beobachten, wie z. B. die Verlangsamung des Klimawandels, die Verbesserung sozial gerechter Praktiken, die Gewährleistung hoher Standards für die Unternehmensführung und vor allem die Verringerung der Armut in der Welt. Da es hierbei jedoch um Investitionen mit Wertschöpfungscharakter geht, ist es nicht legitim, die Auswirkungen dieser Investitionen auf die Schaffung von Wohlstand zu hinterfragen? Bedeutet Nachhaltigkeit für Industrieländer dasselbe wie für Entwicklungsländer, und ist jene Relevanz auf globaler oder lokaler Ebene dieselbe wie auf nationaler Ebene? Die Offenlegung von ESG-Faktoren wird zunehmend akzeptiert, weil sie ein nützliches Instrument einerseits für Emittenten sein kann, um ihre sozial verantwortlichen Praktiken zu bewerten und zu kommunizieren, und andererseits ebenso für Anleger, die das Renditepotenzial dieser alternativen Anlagen in einer über die Volkswirtschaften im Zeitverlauf konsistenten Weise bewerten wollen. Theoretisch gilt mittel- bis langfristig, dass Emittenten, die diese Fragen der Gesellschaft, der guten Unternehmensführung und der Umweltsanierung berücksichtigen, eher in der Lage sind, Kontroversen zu vermeiden und ihren Ruf zu verbessern, ihre Kunden und Mitarbeiter besser an sich zu binden und das Vertrauen der Aktionäre in Zeiten der Unsicherheit und des Übergangs zu erhalten. Derzeit ist jedoch noch offen, inwieweit ESG-Praktiken ausreichend materielle Informationen hervorbringen, die für Investoren zugänglich sind und von ihnen effektiv genutzt werden können. Ungeachtet der vitalen Bedeutung der gesellschaftlichen Ausrichtung von Investitionen ist das Versprechen einer nachhaltigen Finanzwirtschaft für die langfristige Wertschöpfung der zentrale Punkt dieser Masterarbeit. In diesem Sinne soll selbige zu einem besseren Verständnis beitragen, inwieweit ESG-Investitionsprozesse und -praktiken zu mehr Markttransparenz und -integrität beitragen und inwieweit diese die Entwicklung einer grünen Wirtschaft und das Wirtschaftswachstum fördern können.

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit besteht darin, Material aus früheren Studien zu sammeln und neues hinzuzufügen, um neue und wertvolle Informationen zu diesem Thema zu erhalten. Doch trotz der Tatsache, dass die Rolle der ESG-Faktoren allgemein anerkannt ist, stützen die empirischen Arbeiten nicht immer einerseits klare und unzweideutige Argumente für ihre Auswirkungen auf das Wachstum. Während einige Artikel empirische Belege dafür liefern, dass eine gute ESG-Performance das Wirtschaftswachstum fördert, stellen andere Publikationen die positive Wirkung der ESG-Performance in Frage. Generell argumentieren sie, dass ESG-Leistungen das Wachstum behindern könnten.

Die zugrunde liegenden Argumente für einen negativen Zusammenhang zwischen ESG und Wirtschaftswachstum lassen sich daher in zwei Kategorien einteilen. Die erste basiert auf der Degrowth -Theory (Schneider et al. 2012) und besagt, dass die Umsetzung von ESG-Zielen und -Politiken zu einer Verringerung des Verbrauchs und der Produktion führen kann, was wiederum einen Rückgang des Wirtschaftswachstums impliziert. Beispielsweise wird laut dieser Literatur für die Produktion von Waren und Dienstleistungen Energie benötigt. Mittels der Reduktion des Energieverbrauchs oder der Ausweichung auf teurere Energieformen, birgt folglich unweigerlich die Gefahr, das Wirtschaftswachstum einzuschränken. Weitere Argumente beziehen sich auf die Theorie des sozialen Vergleichs und des Neides. Sie legen nahe, dass der soziale Vergleich, der auf der Existenz und Förderung des Lebensstils von Menschen beruht, die Ursache für soziale und ökologische Krisen ist. Die Kämpfe für mehr Wohlstand oder mehr soziale Gerechtigkeit können leicht zu einer Quelle für Verlangsamung des Wachstumes werden, ähnlich wie viele andere Bewegungen für Umweltgerechtigkeit.8 Einige Theoretiker vertiefen diesen Gedanken, indem sie darauf hinweisen, dass die ESG-Leistung zu Verteilungskonflikten anregt. Mit anderen Worten: Nachdem eine Regierung administrative Erweiterungen von Lohntarifverträgen oder Arbeitslosenunterstützung umgesetzt hat, wird sie die Arbeitskosten für einige Arbeitgeber zu hoch ansetzen, was den Wettbewerb und die Produktivität beeinträchtigen und somit das Wachstum verringern kann.

In der Tat gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Forschungsarbeiten zu ESG-Investitionen9, die sich mit allen drei Dimensionen – Umwelt, Soziales und Governance – in einem einzigen Rahmen beschäftigen10 und nur wenige, die diese Themen umfassend untersuchen, indem sie die ESG-Betriebsbewertungen verwenden, die z. B. von Bloomberg L.P. – einer der weltweit führenden Anbieter von Finanz- und Unternehmensdatenbanken – generiert werden, während sich die ESG-Forschung stark auf die Erforschung der Beziehungen zur finanziellen und nicht zur wirtschaftlichen Leistung konzentriert.11 Die Indikatoren für die wirtschaftliche Leistung basieren auf Kunden-, Leistungs- und Aktionärstreue, welche die Fähigkeit des Unternehmens widerspiegeln, durch den effizienten Einsatz aller Ressourcen nachhaltiges Wachstum und eine hohe Kapitalrendite zu erzielen.12 Folglich gewährleistet dies die allgemeine finanzielle Gesundheit eines Unternehmens und dessen Fähigkeit, durch den Einsatz bewährter Managementpraktiken langfristig einen Shareholder Value zu generieren.

Da die Umsetzung von Modellen der nachhaltigen Entwicklung neue Gesellschaftsmodelle und eine solide Innovationspolitik erfordert, ist noch nicht klar, inwieweit ESG-Praktiken die Wirtschaftsleistung der Länder beeinflussen – hierbei wird das BIP als Quantifizierungswert herangezogen – und wie sich die Reform- oder Transformationspolitik auf die Unternehmen auswirken könnte. Diese Studie zielt aus diesen Gründen darauf ab, einerseits zu untersuchen, ob es eine eindeutige kausale Beziehung zwischen ESG-Investitionspraktiken und der Schaffung von Wohlstand auf nationaler Ebene gibt, und andererseits auf der mikroökonomischen Ebene von Staaten – als Beispiele werden die USA, Deutschland, China und Südafrika fokussiert – die Affinität zwischen nachhaltigen Investitionen und der Wirtschaftsleistung von Unternehmen zu untersuchen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Diese Masterarbeit wird daher die folgende Forschungsfrage untersuchen:

Wie wirken sich nachhaltige Investitionen und die damit verbundenen Faktoren auf das Wirtschaftswachstum aus?

Die Abhandlung wird einem strengen Aufbau folgen, welcher der wissenschaftlichen Methode entspricht. Die Konzeption der Forschungsmethodik wird eine theoretische und empirische Grundlage für die quantitative Bearbeitung, Analyse und Diskussion der Forschungsfrage liefern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Struktur der Masterarbeit (Quelle: Eigene Darstellung).

In dem nachstehenden Kapitel 2 werden die Themen der nachhaltigen Geldanlagen beschrieben, gefolgt von einer Erläuterung, wie sich diese von sozialen und reinen Finanzanlagen unterscheiden, und der Darlegung der Triebkräfte für deren ständiges Wachstum. Darüber hinaus werden einerseits der rechtliche Rahmen für nachhaltige Investitionen und andererseits die verschiedenen Instrumente für nachhaltige Investitionen und ESG-Ratingverfahren in Bezug auf die Methodik und die Verwendung bestimmter Messkategorien untersucht. In Kapitel 3 werden die bestehenden Modelle des Wirtschaftswachstums definiert und vorgestellt, wobei Vorbehalte hinsichtlich der Notwendigkeit einer Neudefinition der Quantifizierung von Indikatoren für Wohlstand oder Wertschöpfung geäußert werden. In Kapitel 4 wird eine ausführliche Literaturübersicht vorgestellt, die auf einflussreichen Studien zum Thema der Interdependenz zwischen ESG-Investitionen und Wirtschaftswachstum basiert. In diesem Abschnitt werden die theoretischen Argumente beschrieben, die eine positive, neutrale oder negative Beziehung zwischen ESG und Wirtschaftswachstum implizieren. Auf der Grundlage dieser theoretischen Argumente wird diese Masterarbeit einen Literaturüberblick über empirische Studien liefern, die das Thema auf der Basis der theoretischen Ansätze untersucht haben. Nachdem die Interaktion zwischen ESG und Wirtschaftswachstum präsentiert wird, konzentriert sich das Kapitel 5 auf die verschiedenen Modelle, Daten und Variablen, die in der quantitativen Analyse angewandt werden und liefert mehrere deskriptive Statistiken. Diese wurden auf der Grundlage der in der Literaturübersicht vorgeschlagenen Methoden ausgewählt, um mögliche Beziehungen und Korrelationen zwischen ESG-Faktoren und der Wirtschaftsleistung zu ermitteln. Die Erhebung und Verarbeitung dieser Daten werden ausführlich erläutert, um deren Glaubwürdigkeit zu gewährleisten. Zum Abschluss des zweiten Abschnitts werden zusätzliche Analyse und Robustheitstests vorgestellt, um die Gültigkeit der ursprünglichen Analyse zu testen, gefolgt von einem Teil, in dem die Analyse zusammengefasst und diskutiert wird. In Kapitel 6 werden die empirischen Ergebnisse und Implikationen sowie die Bedeutung von ESG aus Sicht der Investoren diskutiert. Hierbei wird versucht, die Forschungsfrage mit einer eingehenden Diskussion der Testergebnisse zu beantworten. Diese Ergebnisse werden dann im Vergleich zu ähnlichen empirischen Studien zu diesem Thema einbezogen und diskutiert. Schließlich erfolgt im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit die Darlegung verschiedener Ansätze, die sich für weitere Erkenntnisse hinsichtlich der untersuchten Problematik eignen und für weitere Forschungen relevant sind.

2 Nachhaltige Investitionen

2.1 Theoretische Grundlagen

In den letzten dreißig Jahren hat das Thema der nachhaltigen Entwicklung an Gewicht gewonnen. Von den Vereinten Nationen ausgehend hat sich dieses in der Wirtschaft, in der Politik und in der Zivilgesellschaft verbreitet. Diese Entwicklung wurde durch eine Reihe von Meilensteinen gekennzeichnet. Sie sind gleichermaßen politischer, regulatorischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Herkunft. Jedes Mal wurden bedeutende Fortschritte erzielt, manchmal unter Zwang oder mit negativen Auswirkungen, manchmal mit Dynamik und Optimismus.

Manche Themen erforderten eine lange Zeit, um Fortschritte generieren zu lassen. Das gilt bspw. hinsichtlich des Klimawandels, der in Umwelt- und Wissenschaftskreisen bereits in den 1970er Jahren thematisiert wurde, 1997 in Kyoto eine breite Öffentlichkeit fand und 2005 schließlich zu Regelungen seitens der Europäischen Union (EU) führte. Im Folgenden sind wichtige Daten aufgeführt, die den Aufstieg der nachhaltigen Entwicklung markieren:

1987: Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung wurde erstmals bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN) von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development), unter dem Vorsitz von Gro Harlem Brundtland, der Bericht Our Common Future veröffentlicht. Er ist der erste Meilenstein in der Thematik der nachhaltigen Entwicklung.13

1992: Die Weltgemeinschaft hat sich auf der internationalen Konferenz United Nations Conference on Environment and Development (UNCED) in Rio auf das Modell der nachhaltigen Entwicklung geeinigt. Auf dieser Konferenz verpflichtete sich die internationale Gemeinschaft mit 178 Staaten, das Modell im 21. Jahrhundert umzusetzen. Im Anschluss an diese Konferenz erhielt das Leitbild international eine große Popularität und eine wachsende politische Gestaltungsorientierung. Die Agenda 21 wurde auf der Konferenz als ein Programm vorgestellt, das als Handlungsanleitung dienen soll. Dieses Aktionsprogramm soll die ökologische, ökonomische und soziale Dimension gleichberechtigt zusammenführen und umsetzen. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass wirtschaftliche und soziale Aktivitäten langfristig nur innerhalb der Grenzen der ökologischen Systeme möglich sind, da das Überleben der Menschheit vom Funktionieren der ökologischen Systeme abhängt. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Messung und Rechtfertigung des Wirtschaftswachstums. Folglich ist dieses nicht mehr der unbegrenzte Fokus aller wirtschaftlichen Handlungen, sondern muss in die Dreidimensionalität integriert werden. Die Grundlagen des Kyoto-Protokolls wurden in Rio gezeichnet.14

1996: Nike wurde wegen seiner Arbeitspraktiken wie Kinderarbeit, Sweatshops und Massenentlassungen an den Pranger gestellt. Diese Skandale zwangen Nike dazu, seine Praktiken zu ändern und das Konzept der sozialen Verantwortung des Unternehmens über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg einzuführen.

1997: Das internationale Kyoto-Protokoll zielt auf die Verringerung der Treibhausgas-emissionen ab und ist eine Ergänzung zum UN-Klimarahmenabkommen. Es trat 2005 in Kraft und war seitdem Gegenstand verschiedener COPs (Conference of Parties).

Die 1990er Jahre: Die BSE-Krise (Bovine Spongiforme Enzephalopathie Krise) zeigt deutlich, wie wichtig Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Wertschöpfungskette sind, und stärkt die entstehenden Initiativen für einen gesunden Verbrauch.

2002: Der Global Compact der Vereinten Nationen wurde auf Initiative von Kofi Annan, des ehemaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, ins Leben gerufen, der auf dem Weltwirtschaftsforum 1999 die Führungskräfte der Wirtschaft dazu aufrief, gemeinsam mit der Organisation einen globalen Pakt auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Prinzipien zu schaffen, um dem Weltmarkt ein menschliches Gesicht zu verleihen. Dieser umfasst sowohl eine Reihe von Politikrichtlinien als auch einen praktischen Rahmen für Unternehmen, die sich zu nachhaltiger Entwicklung und verantwortungsvollen Unternehmenspraktiken verpflichtet haben. Als eine Initiative, die sich an die Führungsebene richtet und von den obersten Führungskräften der betreffenden Unternehmen gebilligt wurde, zielt der Global Compact darauf ab, die Aktivitäten und Strategien von Unternehmen weltweit an folgenden zehn allgemein anerkannten Grundsätzen auszurichten:

Menschenrechte :

Prinzip 1: Unternehmen sollen den Schutz der internationalen Menschenrechte unterstützen und achten.

Prinzip 2: Unternehmen sollen sicherstellen, dass sie sich nicht an Menschenrechtsverletz-ungen mitschuldig machen.

Arbeitsstandards :

Prinzip 3: Unternehmen sollen die Vereinigungsfreiheit und die wirksame Anerkennung des Rechts auf Kollektivverhandlungen wahren.

Prinzip 4: Unternehmen sollen sich für die Beseitigung aller Formen der Zwangsarbeit einsetzen.

Prinzip 5: Unternehmen sollen sich für die Abschaffung von Kinderarbeit einsetzen.

Prinzip 6: Unternehmen sollen sich für die Beseitigung von Diskriminierung bei Anstellung und Erwerbstätigkeit einsetzen.

Umweltschutz :

Prinzip 7: Unternehmen sollen im Umgang mit Umweltproblemen dem Vorsorgeprinzip folgen.

Prinzip 8: Unternehmen sollen Initiativen ergreifen, um größeres Umweltbewusstsein zu fördern.

Prinzip 9: Unternehmen sollen die Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Technologien beschleunigen.

Korruption :

Prinzip 10: Unternehmen sollen gegen alle Arten der Korruption eintreten, einschließlich Erpressung und Bestechung.15

2006: Die Vereinten Nationen haben der Finanzbranche die Grundsätze für verantwortungs-bewusstes Investieren (Principles for Responsible Investment, PRI) vorgeschlagen, die sich direkt auf ESG-Investitionen beziehen. Die Grundsätze wurden von Generalsekretär Kofi Annan an der New York Stock Exchange (NYSE) eingeführt und basieren auf der Idee, dass die Performance von Anlageportfolios durch ESG-Themen beeinflusst werden kann. Seitdem sind ESG-Investitionen im Hinblick auf die finanzielle Rendite in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, und institutionelle Anleger haben ihre Beteiligung an ESG-Investitionen ausgeweitet. Die PRI sind freiwillige Grundsätze, d. h. sie sind nicht rechtlich bindend, aber selbige stellen auch Richtlinien für ESG-Investitionen dar, damit institutionelle Anleger nicht gegen ihre Treuhandverpflichtung verstoßen. Die PRI bestehen aus sechs Schritten:

1. Wir werden ESG-Themen in die Analyse- und Entscheidungsprozesse im Investmentbereich einbeziehen.
2. Wir werden aktive Anteilseigner sein und ESG-Themen in unserer Investitionspolitik und -praxis berücksichtigen.
3. Wir werden Unternehmen und Körperschaften, in die wir investieren, zu einer angemessenen Offenlegung in Bezug auf ESG-Themen anhalten.
4. Wir werden die Akzeptanz und die Umsetzung der Prinzipien in der Investmentbranche vorantreiben.
5. Wir werden zusammenarbeiten, um unsere Wirksamkeit bei der Umsetzung der Prinzipien zu steigern.
6. Wir werden über unsere Aktivitäten und Fortschritte bei der Umsetzung der Prinzipien Bericht erstatten.16

2015: Die Pariser Klimakonferenz September 2015 (COP21) findet im Rahmen des UN-Klimarahmenübereinkommens (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) statt. Das Pariser Klimaabkommen ersetzte das Kyoto-Protokoll zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen von 1997 (das sogenannte Kyoto-Protokoll), in dem sich die teilnehmenden Industrienationen verpflichtet hatten, ihre jährlichen Treibhausgasemissionen um bestimmte Zielwerte zu senken. Mit dem Pariser Klimaabkommen hat sich die internationale Gemeinschaft nun verpflichtet, den Anstieg der durchschnittlichen Erderwärmung durch menschliche Aktivitäten auf deutlich unter 2°C und möglichst auf 1,5°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu verlangsamen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Unterzeichnerstaaten ihre eigenen national festgelegten Beiträge (Nationaly Determined Contributions, NDCs) erstellen und diese alle fünf Jahre dem UN-Klimasekretariat vorlegen. Außerdem müssen diese Staaten ihre Anstrengungen zur Erreichung des vereinbarten Temperaturziels gemäß des Progressionsprinzips im Laufe der Zeit erhöhen.

Ferner war das Jahr 2015 nicht nur das Jahr des Pariser Klimaabkommens, sondern auch das Jahr, in dem nur weniger Monate vorher die Agenda 2030 von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen (UN) in New York verabschiedet wurde. Die zentralen Anliegen der Agenda sind die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Die werden mit den Stichworten People, Planet, Prosperity, Peace und Partnership, den sogenannten 5 Ps, umrissen. Im Wesentlichen geht es bei diesen Anliegen darum, Hunger und Armut zu beenden sowie allen Menschen ein Leben in Würde und Gleichheit zu ermöglichen (Menschen), den Planeten u. a. durch nachhaltige Weisen des Konsums und der Produktion, nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen und Maßnahmen zum Klimaschutz vor Schädigungen zu schützen (Planet), Wohlstand für alle Menschen zu erreichen (Wohlstand), Frieden, Gerechtigkeit und Inklusion zu fördern (Frieden) sowie eine globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung zu begründen (Partnerschaft).17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: United Nation 17 Sustainable Development Goals (Quelle: United Nation (2021), S. 8-24).

Das Interesse an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung und die Überlegungen zur Ausweitung des sozialen Zwecks sind daher aussagekräftige Indizien dafür, was nachhaltige Entwicklungsinvestitionen in den kommenden Jahren sein werden: Ein entscheidendes Element der Nachhaltigkeitsstrategie für die Welt. Bei dem Konzept der Nachhaltigkeitsinvestitionen geht es darum, die drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales beim Aufbau eines Investitionsportfolios in ausgewogener Weise zu betrachten.

Laut Schramade (2017) gibt es also mindestens zwei wichtige Gründe, in die SDGs zu investieren. Der erste ist die Rendite für die Gesellschaft. Der Finanzsektor hat daher eine wichtige Gesellschaftsfunktion, nämlich Finanzmittel in die produktivsten Investitionen zu lenken, nachdem er die sozialen Kosten und Vorteile vollständig berücksichtigt hat. Der zweite ist der finanzielle Wert für die Aktionäre. Unternehmen, die Lösungen und Beiträge zu den SDGs anbieten, sind in der Regel besser positioniert, um künftige Änderungen und Vorschriften zu bewältigen, die von Ländern eingeführt werden, um die Wirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten.18

2.2 Hintergrund und Anwendungsbereich

Um den Begriff des nachhaltigen Investierens ranken sich verschiedene Konzepte. Eine der größten Herausforderungen besteht jedoch darin, dass in geringem Ausmaß verstanden wird, wie ein nachhaltiger Finanzsektor aussieht. In einem der wenigen akademischen Artikel, die einen Überblick über die Definitionen nachhaltiger Finanzen offerieren, stellt Haigh (2012) fest, dass es heikel ist, „nachhaltige und verantwortungsvolle Finanzen und Investitionen zu definieren“, und dass dies teilweise damit zusammenhängt, dass es auch schwierig ist, ihr Gegenteil zu definieren, d. h. „was eine nicht nachhaltige oder unverantwortliche Investition bedeuten könnte“.19 Der Begriff des nachhaltigen Investierens scheint seit dessen Aufkommen Mitte der 2000er Jahre allgegenwärtig zu sein und ist nach wie vor spezifisch für die Finanzsphäre, hauptsächlich im Bereich des Private Equity.

2.2.1 Definition von nachhaltigen Investitionen

Es ist nicht einfach, zufriedenstellend und endgültig zu definieren, was unter nachhaltigen Investitionen zu verstehen ist. Eine genaue Definition von Nachhaltigkeit erweist sich als schwierig. Es handelt sich hierbei um ein Konzept, das im Laufe der Zeit immer wieder neu interpretiert und erweitert wurde. Wenn heute von Nachhaltigkeit gesprochen wird, dann mit all den gegenwärtigen und zukünftigen Erwartungen und Herausforderungen, die mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbunden sind. Dennoch verbleibt ein Verständnis des Begriffs der Nachhaltigkeit, das sich ausschließlich an den aktuellen und vorherrschenden Konstellationen der nachhaltigen Entwicklung orientiert, letztlich der beste einseitige Ansatz zur Definition des Konzepts nachhaltiger Investitionen.20 Aus diesem Grund soll hier keine klare und prägnante Definition des Begriffs der nachhaltigen Investition präsentiert werden, sondern es sollen vielmehr die verschiedenen, diesem Begriff nahestehenden Konzepte vorgestellt werden, die seit der Thematisierung des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung zum ersten Mal im von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 erstellten Brundtland-Bericht erschienen sind, der später auf dem Gipfel von Johannesburg 2002 ergänzt wurde und sich als „eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“ versteht. Das bedeutet, dass die Beseitigung der Armut, die Änderung nicht nachhaltiger Produktions- und Konsummuster sowie der Schutz und die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen die wichtigsten Ziele und Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung sind. Die Weltbank definiert nachhaltiges Finanzwesen als den Prozess der Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Erwägungen (ESG) bei Investitionsentscheidungen im Finanzsektor, der zu einer Erhöhung der langfristigen Investitionen in nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten und Projekte führt.21 Es geht sehr wohl darum, Investitionen in nachhaltige Entwicklung in Betracht zu ziehen, die das Wirtschaftswachstum unterstützen und konsolidieren, aber vor allem den demografischen Wandel und seine sozialen, gesellschaftlichen und ökologischen Folgen, insbesondere das Ressourcenmanagement, berücksichtigen. Das bedeutet in diesem Kontext, sich nach dem sogenannten ESG-Prinzip auszu richten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Erklärende Darstellung zu ESG-Werten (Quelle: United Nation Industrial Development Organisation (2022)).

Umweltfragen betreffen jeden Aspekt der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens, der sich positiv oder negativ auf die Umwelt auswirkt. Beispiele sind Treibhausgasemissionen, erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Ressourcenerschöpfung, chemische Verschmutzung, Abfallmanagement, Wassermanagement, Auswirkungen auf die Biodiversität usw. Soziale Themen reichen von gemeinschaftsbezogenen Aspekten wie der Verbesserung von Gesundheit und Bildung bis hin zu arbeitsplatzbezogenen Themen wie der Einhaltung von Menschenrechten, Nichtdiskriminierung und der Einbeziehung von Interessengruppen. Dazu gehören z. B. Arbeitsstandards – in der gesamten Lieferkette, Kinderarbeit, Zwangsarbeit –, Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften, Talentmanagement, kontroverse Geschäftspraktiken wie bspw. Beteiligung an Waffenverwendung in Konfliktgebieten, Gesundheitsstandards, Vereinigungsfreiheit etc.

Fragen der Unternehmensführung betreffen die Qualität des Managements eines Unternehmens, seine Kultur, sein Risikoprofil und andere Merkmale. Sie umfassen die Verantwortung des Vorstands und sein Engagement für soziale und ökologische Leistungen sowie deren strategisches Management. Darüber hinaus betonen sie Grundsätze wie die transparente Berichterstattung und die Erfüllung von Managementaufgaben in einer Weise, die im Wesentlichen frei von Missbrauch und Korruption ist. Beispiele sind Fragen der Unternehmensführung wie Vergütung von Führungskräften, Rechte der Aktionäre, Struktur des Vorstands sowie weitere Aspekte wie Bestechung, Korruption, Dialog mit Interessengruppen, Lobbyarbeit usw.

Diese Entwicklung zielt darauf ab, Wirtschaftswachstum, soziale Eingliederung und Umweltschutz miteinander in Einklang zu bringen. Sie fordert die Nachhaltigkeit traditioneller Wirtschaftsmodelle heraus, die ausschließlich auf dem Schema Ressourcenentnahme-Produktion-Verbrauch-Abfall basieren. Dass die Kreislaufwirtschaft wieder in den Vordergrund gerückt ist, stellt einen Ausdruck dafür dar, dass die Überlegungen zu einem nachhaltigeren Wachstum voranschreiten. Die konkreten Auswirkungen der nachhaltigen Entwicklung auf den unternehmerischen Sektor in Form des Unternehmens werden daher durch die soziale Verantwortung der Unternehmen, die Corporate Social Responsibility (CSR) ausgeübt. Diese ermöglichen es, in einen Fonds oder direkt in Wertpapiere zu investieren, die neben finanziellen Kriterien auch außerfinanzielle Kriterien wie ESG berücksichtigen.22

Die CSR ist ein Konzept, bei dem die Unternehmen soziale und ökologische Belange in ihre Strategie und wirtschaftliche Entwicklung einbeziehen, und zwar sowohl in ihren Aktivitäten als auch in ihren Interaktionen mit den jeweiligen Stakeholdern. Es handelt sich also um den operativen Beitrag der Unternehmen zu den Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung und wird im Bericht The Global Compact aus dem Jahr 2004 als environmental, social, and governance investing bezeichnet. In diesem wird die Überzeugung von mehr als 20 der weltweit größten Finanzinstitute dargelegt, wonach die positive Berücksichtigung von ESG-Themen für die Gesamtqualität der Unternehmensführung wichtig ist.23 Außerdem erklärten diese Folgendes: „Unternehmen, die bei diesen Themen besser abschneiden, können den Shareholder Value steigern, indem sie beispielsweise Risiken richtig managen, regulatorische Maßnahmen vorwegnehmen oder neue Märkte erschließen, und gleichzeitig zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaften, in denen sie tätig sind, beitragen. Darüber hinaus können diese Fragen einen starken Einfluss auf den Ruf und die Marken haben, die einen immer wichtigeren Teil des Unternehmenswerts ausmachen“.24

Hiß (2005) nennt jedoch drei sehr wichtige Bereiche der Interaktion zwischen den Stakeholdern der CSR-Politik von Unternehmen (siehe Abbildung 4):

- Interne Verantwortung: Markt und Gesetz
- mittlere Verantwortung: freiwillige CSR in der Wertschöpfungskette
- externe Verantwortung: freiwillige CSR außerhalb der Wertschöpfungskette.

Bei der internen Verantwortung geht man davon aus, dass Unternehmen bei der Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Funktion und bei der Einhaltung von Gesetzen und Konventionen im Sinne einer unfreiwilligen CSR nicht verantwortungsvoll handeln. Für diese sind primär deren Gewinnorientierung und die Interessen ihrer Anteilseigner handlungsleitend, während andere Interessen der Stakeholder nicht explizit oder zumindest nicht vorrangig berücksichtigt werden. Die Internalisierung der negativen externen Effekte des unternehmerischen Handelns für die Gesellschaft erfolgt aufgrund staatlichen oder supranationalen Drucks. Der Druck wird vom Staat ausgeübt. Trotzdem kann man von CSR sprechen, da der Beitrag des Unternehmens zur Gesellschaft über die Teilnahme am Markt und die Einhaltung von Recht und Gesetz erfolgt. Indem Unternehmen auf dem Markt agieren, schaffen und sichern sie Arbeitsplätze, produzieren Güter oder transferieren Technologien. Auch die Einhaltung von Gesetzen, z. B. von Arbeitsschutz- und Steuergesetzen sowie die Einhaltung internationaler Konventionen, z. B. der ILO oder internationaler Abkommen, stellen die Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft dar und können daher als Beitrag im Sinne der CSR interpretiert werden.25

In dieser Systematisierung werden freiwillige CSR-Aktivitäten, die sich auf die Wertschöpfungskette beziehen, dem intermediären Verantwortungsbereich zugeordnet. Wenn in Unternehmen freiwillige Arbeitsschutzmaßnahmen oder Sozialstandards in der jeweiligen Wertschöpfungskette über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgehen, wird diese Tätigkeit als CSR mittlerer Verantwortung angesehen.26

Der externe Verantwortungsbereich umfasst systematisch jene CSR-Aktivitäten des Unternehmens, die nicht direkt mit der Wertschöpfungskette des Unternehmens in Verbindung stehen. Man kann hier an Philanthropie, Mäzenatentum oder auch Wohltätigkeit denken. Beispielsweise haben der Bau einer Schule oder Spenden für die Gründung eines SOS-Kinderdorfs in der Regel keinen direkten Bezug zu den Arbeitsbedingungen in der Wertschöp fungskette oder deren externen Effekten.27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Drei Verantwortungsbereiche von Corporate Social Responsibility (Quelle: Hiß (2005), S. 38).

Der Begriff Socially Responsible Investment (SRI) – ergo das sozial verantwortliche Investieren – bezeichnet die Art und Weise, wie CSR, nachhaltige Entwicklung oder ESG-Kriterien in die Anlage- oder Verwaltungspolitik von Vermögensverwaltern integriert werden, und ist daher auf die Welt der Vermögens-verwaltung ausgerichtet. Dieser Begriff kennzeichnet auch die Analysen, die von sogenannten nicht-finanziellen Ratingagenturen wie z. B. MSCI – ein in New York City ansässiger US-amerikanischer Finanzdienstleister, der Finanzdienstleistungen vor allem für das Investment Banking anbietet –, oder auch von spezialisierten internen Teams von Vermögensverwaltern wie der ODDO BHF Asset Management GmbH oder Amundi – eine französische Vermögensverwaltung mit Sitz in Paris – durchgeführt werden.28

SRI konzentriert sich daher auf die Auswirkungen von Unternehmen in bestimmten Interessensbereichen. Meistens wird mit einem Negativfilter investiert, der Unternehmen ausschließt, die an Aktivitäten beteiligt sind, die der Investor für unerwünscht hält. Beispielsweise könnte eine SRI-Anlagestrategie Unternehmen ausschließen, die sich mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel und/oder Schusswaffen beschäftigen. Diese Anlagen schließen immer Aktien von Unternehmen aus ihren Portfolios aus, die bestimmte Produkte und Dienstleistungen anbieten oder deren Aktivitäten unerwünschte Nebenwirkungen haben. Beispielsweise wurden auch Länder, die regelmäßig gegen die Menschenrechte verstoßen, aus den Portfolios ausgeschlossen. Historisch gesehen hat die SRI auch Unternehmen ausgeschlossen, die wie bspw. in Südafrika zur Zeit der Apartheid und in jüngster Zeit im Handel mit Konfliktmineralien engagiert sind. Dieser Anlagestil muss nicht immer darauf ausgerichtet sein, die falschen Akteure auszuschließen. Er kann stattdessen auch proaktiv in Unternehmen investieren, die sich durch soziale Gerechtigkeit oder ökologische Lösungen auszeichnen. Es kann auch Investitionen in Organisationen umfassen, die Dienstleistungen für eine lokale Gemeinschaft erbringen. Nachhaltige Entwicklung unterscheidet sich grundlegend von sozial verantwortlichen Investitionen, die nach bestimmten Nachhaltigkeitskriterien unterteilt werden können, wie in der folgenden Tabelle (Tabelle 1) dargestellt.29

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Tabelle 1: Unterschiede zwischen sozial verantwortlichen, ökoeffizienten und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Investitionen (Quelle: Bouma (2001), S. 225).

Die häufigste Unterscheidung besteht jedoch darin, dass SRI-Faktoren zum Ausschluss bestimmter Unternehmen führen, während ESG-Investitionen Hinweise darauf geben, welche Unternehmen in einen umfassenden Portfolioansatz einbezogen werden sollten. Eine der größten Bedenken ist, dass eine Strategie, bei der Unternehmen schlichtweg ausgeschlossen werden, zu Portfoliorenditen führen kann, die unter den marktüblichen Benchmarks liegen. Dies kann die Folge davon sein, dass ESG-Ratings als ein umfassenderes Instrument verwendet werden, das verschiedenen Zielen für verschiedene Investoren dient. Während einige Investoren ESG als Instrument für das Risikomanagement einsetzen, nutzen andere dieses, um die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen zu verbessern, um sich an gesellschaftlichen Themen und Auswirkungen auszurichten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Das Spektrum der sozialen und finanziellen Investitionen (Quelle: Boffo (2020), S. 15).

2.2.2 Entwicklung der rechtlichen und regulatorischen Anforderung zum Konzept der nachhaltigen Investition

Was das auf den Bereich der nachhaltigen Investitionen anwendbare Recht angeht, haben sich viele Länder der Welt uneinheitlich entwickelt. Laut der Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) in ihrem zweijährlichen Bericht Global Sustainable Investment Review 2020 beläuft sich das für nachhaltige Investitionen deklarierte verwaltete Vermögen im Zeitraum von 2016 bis 2020 auf 98,4 Billionen US-Dollar (siehe Tabelle 3). Das sind 35,9 % des gesamten verwalteten Vermögens als nachhaltige Investitionen.

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Tabelle 3: Snapshot of global assets under management 2016-2018-2020 (USD billions) (Quelle: Global Sustainable Investment Review (2020), S. 9).

Das Interesse der Anleger an nachhaltigen Anlageprodukten hat daher für politische Entscheidungsträger und eine Vielzahl von Interessengruppen zu Recht eine entscheidende Bedeutung erlangt. Das Ziel der Nachhaltigkeit des Finanzsystems sowie die in Vorbereitung befindlichen oder bereits bestehenden Gesetze sind Teil des Bestrebens, die Anreize des Finanzmarktes so zu verändern, dass sie die Verbesserung der Auswirkungen des Klimawandels und anderer wichtiger ESG-Faktoren durch den Aufbau widerstandsfähigerer Portfolios fördern, insbesondere durch das Streben nach stabileren und höheren langfristigen Erträgen bei gleichzeitig gutem Management der damit verbundenen Risiken.30

Zwei politische Erwägungen treten hierbei schnell in den Vordergrund. Erstens wird ein gut reguliertes nachhaltiges Finanzökosystem benötigt, um umfassendere politische Initiativen im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit auf globaler Ebene zu unterstützen, insbesondere um die enorme Menge an Kapital zu mobilisieren, die zur Bewältigung des Klimawandels benötigt wird. Zweitens besteht das Bestreben darin, über solide Standards zu verfügen, um das Risiko des Greenwashing(bezeichnet den Versuch von Organisationen, durch Kommunikation , Marketing und Einzelmaßnahmen ein „grünes Image“ zu erlangen, ohne entsprechende Maßnahmen im operativen Geschäft systematisch verankert zu haben) zu mindern, das durch verwirrende oder regelrecht irreführende Investitionsansätze dazu führt, dass Vermögenseigentümer keine fundierten Entscheidungen über die tatsächlichen Nachhaltigkeitsmerkmale ihrer Investitionen treffen können.

Angesichts dieses Bestrebens, die Cashflows anzugleichen, haben die nationalen Finanzaufsichtsbehörden damit begonnen, eine Reihe von Maßnahmen zu bewerten, die mit Formen der nachhaltigen Finanzwirtschaft verbunden sind, wobei sie sich vorzugsweise auf Taxonomien konzentrieren, um die Praktiken der nachhaltigen Finanzwirtschaft auf verschiedene Weise zu stärken.

Ein Schlüsselelement dieser Bemühungen ist es, ein gemeinsames Verständnis zwischen den verschiedenen Akteuren im Bereich der nachhaltigen Entwicklung (siehe Tabelle 4) – den Vermögenseigentümern, Vermögensverwaltern, anderen Marktteilnehmern und Regulierungsbehörden – darüber zu erreichen, was von Finanzprodukten erwartet wird, die ein Engagement in nachhaltigen Investmentthemen bieten.

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Tabelle 4: Die Akteure der Nachhaltigkeit (Quelle: Schoenmaker (2019), S. 77).

Dies erfordert ein solides Klassifizierungssystem, das den Eigentümern von Vermögenswerten ermöglicht, zwischen Produkten zu unterscheiden, und das klare und transparente Daten über die Produktattribute liefert. Gleichzeitig muss jedes Regulierungssystem das Risiko vermeiden, dass eine übertriebene Granularität und Präskriptivität die Innovation und die Auswahl von Vermögenswerten einschränkt.

Um dieses Ziel zu erreichen, sollten Gesetzgeber und Kapitalmarktregulierer die Tatsache überwinden, dass nachhaltiges Investieren für die verschiedenen Nachhaltigkeitsinteressengruppen und auch für die verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedliche Bedeutungen hat. Es gibt keinen Konsens zwischen Vermögenseigentümern, Vermögensverwaltern, Branchenexperten, politischen Entscheidungsträgern, Medien, Akademikern und NGOs über die Definitionen von Nachhaltigkeitskonzepten.

Neben einigen rechtsverbindlichen internationalen Regulierungsinitiativen wie den SDGs und den nicht rechtsverbindlichen PRI haben mehrere regionale Verbände und Länder vom Kyoto-Protokoll im Jahr 1996 bis zum Pariser Klimaschutzübereinkommen im Jahr 2015 Modelle für die Klimapolitik von Regierungen auf nationaler und lokaler Ebene unterstützt und verkündet. Während dieses gesamten Zeitraums und insbesondere seit dem Pariser Abkommen hat die Anlegergemeinschaft weiterhin versucht, den Klimawandel und andere ESG-Themen in Angriff zu nehmen. Dies führte dazu, dass sich einige gesetzliche und regulatorische Rahmenbedingungen, die für das Konzept des nachhaltigen Investierens gelten, weiterentwickelt haben, um die ESG-Praktiken transparenter, konsistenter und widerstandsfähiger zu machen. An dieser Stelle werden einige dieser Rahmenbedingungen genauer erläutert, um die Vielfalt der Regelungen in den verschiedenen Regionen festzustellen.31

Europa

Mit ihrem Aktionsplan für nachhaltige Finanzdienstleistungen hat die EU ein ehrgeiziges und umfassendes Programm zur Integration von Nachhaltigkeitskonzepten in den derzeitigen Regulierungsansatz für die Finanzmärkte vorgelegt, das auf einer Reihe von Regulierungsmaßnahmen aufbaut. Die kombinierten Elemente des vorgeschlagenen Maßnahmenpakets behandeln die Nachhaltigkeit aus der Perspektive des Verhaltens, der Transparenz, des Anlegerschutzes und darüber hinaus aus aufsichtsrechtlicher Sicht. Vier der wichtigsten legislativen und regulatorischen Schlüsselvorschläge (Abbildung 5) werden einem regulatorischen Ansatz für nachhaltige Anlageprodukte grundlegend zugrunde liegen. Sie decken alles ab, von der obligatorischen Integration von ESG in das Investitions- und Risikomanagement, der Produktsegmentierung und der obligatorischen Nachhaltigkeitsberichterstattung, über eine Taxonomie auf Ebene der wirtschaftlichen Aktivitäten bis hin zur Einrichtung eines Nachhaltigkeitsinformati onssystems.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Der Aktionsplan zur nachhaltigen Entwicklung der Europäischen Union (Quelle: Eigene Darstellung.)

- Sustainability Finance Disclosures Regulation (SFDR): Die am 10. März 2021 in Kraft getretene Verordnung seitens der EU über Informationspflichten in Bezug auf Nachhaltigkeit im Finanzdienstleistungssektor, die sogenannte SFDR, verpflichtet Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater in der EU, Informationen über die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken und die Berücksichtigung negativer Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit in ihren Investitionsprozessen offenzulegen. Der SFDR unterscheidet zwei Kategorien von Produkten mit Nachhaltigkeitsmerkmalen: Die sogenannten Artikel-8- und Artikel-9-Finanzprodukte. Produkte nach Artikel 8 fördern aktiv ökologische oder soziale Merkmale; Produkte nach Artikel 9 zielen auf nachhaltige Investitionen ab. Der Artikel wurde eingeführt, um die Transparenz auf dem Markt für nachhaltige Investitionsprodukte zu erhöhen, der Umweltwäsche vorzubeugen und die Transparenz der von den Finanzmarktakteuren abgegebenen Nachhaltigkeitserklärungen zu erhöhen.32
- MiFD Sutainability Amendments (MiFD II): Sicherstellen, dass die ESG-Präferenzen der Anleger bei der Anlageberatung und dem Portfoliomanagement berücksichtigt werden.33
- Sustainability Integration Rules: Rahmen für den Aspekt des Nachhaltigkeitsrisikos in UCITS, AIFMD, MiFD, Solvency II und IORPD.34
- Taxonomy Regulation: Die Verordnung 2020/852 seitens der EU, die sogenannte Taxonomie-Verordnung, schafft einen Rahmen, um nachhaltige Investitionen zu erleichtern. Sie zielt darauf ab, eine Liste ökologisch nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten zu erstellen. Einer der wichtigsten Meilensteine der europäischen Taxonomie ist die Konkretisierung des Konzepts der doppelten Materialität. Doppelte Materialität bedeutet, dass Unternehmen und Investoren nicht nur über Risiken und Chancen berichten, die eine unmittelbare finanzielle Bedeutung für die Unternehmensbewertung haben, sondern dass auch Themen berücksichtigt werden müssen, die sich auf ökologische und soziale Ziele im Zeitverlauf und in geografischer Hinsicht auswirken. Die Auswirkungen auf die Umwelt und die sozialen Aspekte werden mit einem Schwellenwert für einen signifikanten Beitrag oder einen signifikanten Schaden zu sechs Umweltzielen (Klimaanpassung, Wasser, Umwelt usw. Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, Umweltverschmutzung,und Biodiversität) in der Taxonomie definiert.35

Asien-Pazifik-Raum

Im asiatisch-pazifischen Raum konzentrieren sich die Regulierungsbehörden und Börsen zunehmend darauf, wie man zu einem gemeinsamen Risikomanagementsystem und zu einem gemeinsamen Ansatz für den Ausdruck nachhaltiger Finanzen gelangt. Ein gemeinsames Thema ist der regulatorische Fokus auf die Emittentenberichterstattung, wobei die wichtigsten Rechtsordnungen die freiwillige Einhaltung der ESG-Berichterstattungsrahmen vorschreiben oder fördern.

Die VR China war Vorreiter und führt die Region an dieser Front an: Im August 2016 wurden die Guidelines for Establishing the Green Financial System veröffentlicht, einen umfassenden politischen Rahmen zur forcierenden Förderung des grünen Finanzwesens, der auch die Notwendigkeit einer erhöhten ESG-Transparenz beinhaltet. Im Jahr 2020 hat die chinesische Wertpapieraufsichtsbehörde (China Securities Regulatory Commission, CSRC) neue Anforderungen eingeführt. Diese sehen vor, dass Unternehmen über relevante ESG-Themen berichten müssen. Diese Anforderungen sind für die größten Umweltverschmutzer verpflichtend und gelten für alle anderen börsennotierten Unternehmen auf der Grundlage der Einhaltung oder Erklärung. Diese Anforderungen wurden im selben Jahr für alle börsennotierten Unternehmen verbindlich. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass die chinesischen Leitlinien für ein grünes Finanzsystem die Wertpapieraufsichtsbehörden dazu anhalten, die Sanktionen gegen börsennotierte Unternehmen und Anleiheemittenten, welche Umweltinformationen fälschen, zu verschärfen. Gleichzeitig legt China einen klaren Schwerpunkt auf die Harmonisierung von Umweltstandards auf nationaler und internationaler Ebene.36

Japans Ansatz bestand vor allem darin, über die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) die freiwillige Übernahme von Best Practices für die Offenlegung zu fördern, anstatt zu regulieren. Das TCFD-Konsortium wurde am 27. Mai 2019 auf Initiative von fünf führenden Branchenvertretern und Wissenschaftlern unter dem Vorsitz von Professor Kunio Ito von der Hitotsubashi Universität gegründet. Unter der Schirmherrschaft des Financial Stability Board soll dieses Konsortium eine Reihe von Schlüsselempfehlungen hinsichtlich der Offenlegung von klimarelevanten Finanzinformationen erarbeiten, die für Investoren und Kreditgeber als wichtig erachtet werden.

Im Mai 2019 organisierten das METI, die Financial Services Agency und das Umweltministerium ein von der Industrie geführtes Konsortium, um die Qualität der TCFD-Berichte weiter zu fördern.37

In Australien hat die Australian Securities and Investments Commission (ASIC) ihre regulatorischen Leitlinien im Jahr 2019 aktualisiert, um das Klimarisiko offiziell in die Elemente aufzunehmen, deren Offenlegung Emittenten erwägen sollten. Die ASIC und die Australia Exchange ermutigen klimabedingt exponierte Unternehmen, im Rahmen des Voluntary Reporting Framework freiwillige Meldungen abzugeben.38

[...]


1 Vgl. Meadows et al. (1972).

2 Vgl. Pezzey (1989), S. 15.

3 World Commmission on Environment and Development (1987), S. 43.

4 Vgl. Morningstar (2020).

5 Vgl. Shivaram, (2020).

6 Furness (2020).

7 Vgl. Global Sustainable Investment Alliance. (2019).

8 Vgl. Schneider et al. (2012), S. 1-6.

9 Vgl. Barnett et al. (2012), S. 1304-1320.

10 Vgl. Serafeim, (2010).

11 Vgl. Breuer et al. (2014).

12 Thomson Reuters. (2015).

13 Vgl. Stark et al. (2011), S. 13.

14 Vgl. von Hauff (2014), S. 10-11.

15 Vgl. United Nations Global Compact (2022).

16 Vgl. Nakajima et al. (2021), S. 4.

17 Vgl. Batz (2021), S. 18-19.

18 Vgl. Schramade (2017), S. 87-92.

19 Vgl. Wendt et al. (2018), S. 43.

20 Vgl. Batz, (2021), S. 6.

21 World Bank (2021).

22 Autorité des Marchés Financiers (2021).

23 Vgl. Idowu/Schmidtpeter (2021), S. 628-629.

24 Vgl. Hill (2020), S. 13.

25 Vgl. Hiß (2005), S. 39.

26 Vgl. ebd., S. 40.

27 Vgl. Hiß (2005), S. 40.

28 Vgl. Hill (2020), S. 14-15.

29 Vgl. Bouma et al. (2001), S. 224-226.

30 Vgl. Silvola/Landau (2021), S. 13.

31 Vgl.Esty (2020), S. 215-216.

32 Vgl. Europäische Kommission (o. J.).

33 Vgl. Europäische Kommission (2021).

34 Vgl. Bafin (2019).

35 Vgl. Europäische Kommission (2020); Vgl. Silvola/Landau (2021), S. 199.

36 People Bank of China (2016), Guidelines for Establishing the Green Financial System, Clause 17.

37 Vgl. Boffo et al. (2020).

38 Vgl. Australian Securities & Investments Commission.

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Nachhaltige Investition und ihre Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: ein kritischer empirischer Ansatz
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Lehrstuhl für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik
Note
1,4
Autor
Jahr
2022
Seiten
114
Katalognummer
V1269002
ISBN (Buch)
9783346712240
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sustainable finance, Nachhaltiges Investieren, ESG, GDP, ETF, Sustainability Finance Disclosures Regulation (SFDR), Sustainable Development Goals (SDGs), Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD), Wirtschaftswachstum, Nachhaltigkeit, Taxonomie
Arbeit zitieren
Fabrice Joel Ngassam (Autor:in), 2022, Nachhaltige Investition und ihre Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: ein kritischer empirischer Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1269002

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