"Die glückliche Liebe hat in der abendländischen Kultur keine Geschichte", stellte der Schweizer Kulturhistoriker Denis de Rougemont in seinem 1939 erschienenen Buch "Die Liebe und das Abendland" fest und stimmt so mit Niklas Luhmann überein, der für moderne Liebesliteratur dargestellt hat, dass das Sicheinlassen auf sexuelle Beziehungen Prägungen und Bindungen erzeugt, die ins Unglück führen. So liegt die Tragik, laut Luhmann, nicht mehr darin, dass die Liebenden nicht zueinander finden können, sondern dass sexuelle Beziehungen Liebe zur Folge haben und dass man sich dieser anschließend nicht mehr entziehen kann. Es ist wohl richtig, dass gerade in der Liebesliteratur immer wieder von gescheiterten Beziehungen, von Trennungen, der Suche nach dem richtigen Partner oder Eheproblemen die Rede ist; alles andere wäre ja auch nicht spannend und würde keineswegs zum Weiterlesen animieren. Viele Bestandteile von Liebescodes, wie sie Luhmann insbesondere aus Romanen rekonstruiert, verdanken ihre weite Verbreitung vor allem ihrem spannungsfördernden Potenzial. Ein Aspekt, den Luhmann allerdings übersieht.
In meiner Hausarbeit möchte ich anhand ausgewählter literarischer Liebesgeschichten des 21. Jahrhunderts eine Verbindung zwischen den von Luhmann rekonstruierten Liebescodes und den spannungsfördernden Tendenzen dieser schaffen. Des Weiteren werde ich herausarbeiten, welche emotionalen Effekte beim Leser durch Spannungstechniken erzeugt werden und welche Kunstgriffe es gibt, die bestimmte Affekte im Rezipienten stimulieren. Hier liegt es nahe, Spannungsanalysen als Textanalysen zu koppeln mit Reflexionen über dynamische Abläufe in der Psyche der Rezipienten.
An drei literarischen Liebesgeschichten im Besonderen möchte ich Spannungsanalysen vornehmen.
Im Verlauf der Arbeit soll nach einer Definition der Spannung, auf die Spannungsformen und die Manifestation der Spannung im Text eingegangen werden.
Spannungsanalysen versuchen eine Erklärung dafür zu liefern, warum Leser einen begonnenen Lektüreprozess fortsetzen wollen. In meiner Hausarbeit möchte ich Spannungsanalysen an den genannten Werken vornehmen. Dazu werde ich in erster Linie die von Thomas Anz vorgestellten Modelle zur Spannungsanalyse anwenden und Katja Mellmanns Untersuchung zur emotionspsychologischen Bestimmung von Spannung, um so herauszufinden, welche emotionalen Effekte beim Leser durch Spannung hervorgerufen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Phänomen Spannung in literarischen Texten
2.1. Begriffsdefinition: Spannung
2.2. Formen der Spannung
2.3. Mittel der Spannungserzeugung
3. Die Modelle der Spannungsanalyse nach Thomas Anz
4. Emotionspsychologische Bestimmung von Spannung nach Katja Mellmann
5. Spannungsanalysen zu ausgewählten Werken
5.1. Siegfried Lenz: Schweigeminute
5.2. Karen Duve: Dies ist kein Liebeslied
5.3. Feridun Zaimoglu: Liebesbrand
6. Einige von Luhmann rekonstruierte Liebescodes und ihr Bezug zur Spannung
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Spannung in literarischen Liebesgeschichten des 21. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie durch spezifische Erzähltechniken und Spannungsschemata emotionale Effekte beim Leser stimuliert werden und inwiefern diese mit den von Niklas Luhmann rekonstruierten Liebescodes korrespondieren.
- Anwendung der Spannungsanalyse-Modelle von Thomas Anz auf zeitgenössische Liebesromane.
- Untersuchung emotionspsychologischer Bestimmungen von Spannung nach Katja Mellmann.
- Analyse sprachlicher Mittel zur Spannungserzeugung in Werken von Karen Duve, Siegfried Lenz und Feridun Zaimoglu.
- Reflektion über die Rolle von Trennung und Exklusivität als spannungsfördernde Elemente in der modernen Liebesliteratur.
- Kopplung von Textanalysen mit dynamischen Abläufen in der Psyche der Rezipienten.
Auszug aus dem Buch
5.1. Siegfried Lenz: Schweigeminute
Die Novelle Schweigeminute handelt von der Beziehung der Englischlehrerin Stella Petersen zu ihrem 18-jährigen Schüler Christian. Die Spannung entsteht hauptsächlich aus der Erzähltechnik heraus, denn der erzählerische Ausgangspunkt ist die Trauerfeier für die Lehrerin: „‚Wir setzen uns mit Tränen nieder‘, sang unser Schülerchor zu Beginn der Gedenkstunde […].“ Bevor die Todesumstände, die beim Leser zu reichlich Spekulationen führen, zur Sprache kommen, lässt der Schüler seine Affäre mit der Lehrerin Revue passieren. Spannung entsteht also einerseits dadurch, dass die Handlung da einsetzt, wo das Geschehene bereits der Vergangenheit angehört und nach und nach erst wieder aufgerollt werden muss, und andererseits aus der Situation, in der sich die beiden Liebenden befinden. Der Leser fragt sich unweigerlich, um seinen Informationsmangel auszugleichen: Was ist mit Stella Petersen geschehen? Wie ist sie gestorben? Hat ihr Tod etwas mit der Beziehung zum Schüler zu tun? Wie hat das Umfeld auf diese Liebe reagiert?
Die letzte Frage zielt auf das Thema des Textes, und zwar auf die „ungewöhnliche“ Beziehung, welche u.a. aufgrund des Altersunterschieds Konfliktpotenzial birgt und Thema diverser anderer Liebesromane ist. So auch in Martin Walsers Ein liebender Mann, in welchem sich Goethe, 73 Jahre alt, in die 55 Jahre jüngere Ulrike verliebt. Diese auf das Thema gerichtete Spannung ist nach Langer keine wirkliche Spannungsform (siehe 2.2.), da sie nur spannungsgeladen ist, aber einen Text nicht automatisch spannend macht. Dennoch soll an dieser Stelle auf diese Art der Spannung hingewiesen werden, da sie nicht unerheblich für den Handlungsverlauf und den beim Rezipienten aufkommenden Fragestellungen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Liebesliteratur ein und verknüpft die soziologische Sicht Niklas Luhmanns auf Liebe und Unglück mit dem literaturwissenschaftlichen Interesse am spannungsfördernden Potenzial solcher Texte.
2. Das Phänomen Spannung in literarischen Texten: Dieses Kapitel definiert den Begriff Spannung, erläutert verschiedene Spannungsformen wie Suspense und Mystery sowie die sprachlichen und textpragmatischen Mittel ihrer Erzeugung.
3. Die Modelle der Spannungsanalyse nach Thomas Anz: Hier werden zwei Modelle vorgestellt, die Spannung als Ergebnis eines Informationsmangels bzw. als Interaktion von Mangelerfahrung und Wunsch beschreiben.
4. Emotionspsychologische Bestimmung von Spannung nach Katja Mellmann: Der Fokus liegt auf der evolutionspsychologischen Betrachtung von Spannung als Ensemble physiologisch-behavioraler Reaktionen des Lesers.
5. Spannungsanalysen zu ausgewählten Werken: In diesem Hauptteil werden die theoretischen Modelle exemplarisch auf die Romane von Siegfried Lenz, Karen Duve und Feridun Zaimoglu angewendet.
6. Einige von Luhmann rekonstruierte Liebescodes und ihr Bezug zur Spannung: Das Kapitel untersucht, wie soziologische Liebessemantiken, insbesondere Exklusivität und Paradoxien, die Spannung in der modernen Liebesliteratur steigern.
7. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass in der Liebesliteratur des 21. Jahrhunderts primär die Wie- und Was-Spannung dominieren und die Leser emotional vor allem durch Hoffen und Bangen involviert werden.
Schlüsselwörter
Spannung, Liebesliteratur, Erzähltechnik, Suspense, Spannungserzeugung, Thomas Anz, Katja Mellmann, Niklas Luhmann, Emotionspsychologie, Literaturwissenschaft, Handlungsverlauf, Romananalyse, Information, Leserwirkung, Textgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie in zeitgenössischen literarischen Liebesgeschichten Spannung erzeugt wird und welche emotionalen Wirkungen diese Techniken beim Leser hervorrufen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte der literarischen Spannung, emotionspsychologische Leserreaktionen sowie die soziologische Perspektive auf moderne Liebessemantiken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, eine Verbindung zwischen den soziologischen Liebescodes nach Niklas Luhmann und den spannungsfördernden Tendenzen in Liebesromanen des 21. Jahrhunderts herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt primär die Spannungsanalyse-Modelle von Thomas Anz sowie Katja Mellmanns emotionspsychologischen Ansatz, um literarische Texte systematisch zu untersuchen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Werken wie Siegfried Lenz’ „Schweigeminute“, Karen Duves „Dies ist kein Liebeslied“ und Feridun Zaimoglus „Liebesbrand“ hinsichtlich ihrer Erzählstruktur.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Zu den prägenden Fachbegriffen gehören Suspense, Mystery, Informationsmangel, Hoffen und Bangen, Figurenemotionen sowie die intertextuellen Bezüge in der modernen Erzählkunst.
Warum spielt das Thema der Trennung eine so große Rolle für die Spannung?
Nach der Arbeit fungiert Trennung als prototypische emotionale Handlung, die beim Rezipienten den Wunsch nach Wiedervereinigung oder Klärung auslöst und somit das Weiterlesen massiv motiviert.
Wie unterscheidet sich die Spannung in „Schweigeminute“ von der in „Dies ist kein Liebeslied“?
Während bei Lenz die Spannung auf den Gang der Handlung (Wie-Spannung) gerichtet ist, weil das Ende bereits bekannt ist, fokussiert sich Duves Werk stärker auf den Ausgang der Handlung (Was-Spannung).
- Arbeit zitieren
- Doreen Fräßdorf (Autor:in), 2009, Spannungstechniken in literarischen Liebesgeschichten des 21. Jahrhunderts und ihre emotionalen Effekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126938