Wilhelm Meisters Wanderjahre von Goethe erschienen erstmals 1821, in seiner endgültigen Fassung erschien der Roman 1829. En handelt sich um einen zeitgenössischen Gesellschaftsroman, der besonders soziale und ökonomische Probleme behandelt, es werden Fragen zur Bildung diskutiert, individuelle und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten dargstellt und behandelt. Es wird auf diese Weise ein Bild der Gesellschaft und ihrer Strukturen geschaffen, auch Politik und Ökonomie werden auf diese Weise verbildlicht.
Besonders interessant scheint hier immer die Beziehung zwischen Mittel und Zweck zu sein, auf welche Alioune Sow in „Wilhelm Meisters Wanderjahre. Bilder einer vormodernen und Vorschein einer modernen Gesellschaft“ besonders eingeht. Diese Mittel-Zweck-Beziehungen stellen nach Habermas den Übergang zwischen einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung „Wilhelm Meisters Wanderjahre. Bilder einer vormodernen und Vorschein einer modernen Gesellschaft“ von Alioune Sow
3. Die modernisierte Gesellschaft im 19. Jahrhundert
4. Notwendigkeit der Ordnung der neuen Gesellschaft
4.1 Odoardos europäischer Kolonisationsplan
4.2 Lenardos „Polizeistaat“
4.3 Die Einstellung des Autors zu den beiden Gesellschaftsentwürfen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" die Herausforderungen einer durch Industrialisierung und Kapitalismus geprägten Gesellschaft durch rigide Ordnungsmodelle bewältigt werden sollen. Dabei steht insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und notwendiger gesellschaftlicher Eingliederung im Fokus.
- Analyse der Mittel-Zweck-Beziehungen im Übergang zur Moderne
- Gegenüberstellung der Gesellschaftsentwürfe von Lenardo und Odoardo
- Untersuchung der Auswirkungen von Industrialisierung und Arbeitsteilung auf das Individuum
- Kritische Reflexion über die Rolle von Zwang und Obrigkeit bei der Vergesellschaftung
Auszug aus dem Buch
4.2 Lenardos „Polizeistaat“
Zur Regelung der modernisierten Gesellschaft wirft Lenardo das Modell eines Polizeistaates auf. In diesem Modell wird „…nicht an Justiz, aber wohl an Polizei…“ gedacht. Gemeint ist hier jedoch nicht ein Staat, der durch polizeiliche Gewalt geordnet wird, sondern durch einen hohen Aufwand an Verwaltung. Es soll sich um einen Verwaltungsstaat handeln. Beschrieben wird die Aufgabe der Polizei, die eine dritte Gewalt darstellt, in folgendem Zitat: „Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit. Das recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das Recht ist abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und gebietend. Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf die Gesamtheit.
Die Ordnung der Gesellschaft soll mit rigiden Mitteln und einer großen Anzahl an Vorschriften durchgesetzt werden, die Rechte, Bedürfnisse, Neigungen der Individuen innerhalb dieser Gesellschaft spielen keine Rolle und müssen beseitigt werden um eine Vergesellschaftung des Individuums zu ermöglichen. Nach Lenardo ist „…erst das völlig abgelöste Individuum [ ist ] ein brauchbares Werkzeug in der neuen Sozietät.“ Man erkennt dieses Vorhaben besonders in dem Grundsatz, den Lenardo für das Amerikaprojekt aufstellt: „[N]iemand soll dem andern unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird beseitigt, bis er begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist etwas Lebloses, Unvernünftiges in dem Falle, so wird dies gleichmäßig beiseitegebracht. In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden wechseln […]. Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu beseitigen[…]. So wird das Individuum nicht nur auf Nützlichkeit untersucht sondern auch nach Nützlichkeit sortiert, es findet eine Objektivierung statt. Für nutzlose und störende Objekte ist eine Eliminierung vorgesehen, sie würden die Gesellschaft und den Vergesellschaftungsprozess für „bequeme“ stören und hindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Romans ein, der soziale und ökonomische Umbrüche sowie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der Moderne thematisiert.
2. Zusammenfassung „Wilhelm Meisters Wanderjahre. Bilder einer vormodernen und Vorschein einer modernen Gesellschaft“ von Alioune Sow: Dieses Kapitel fasst die Analyse von Alioune Sow zusammen, die das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne sowie die Rolle von Bildung und Zweck-Mittel-Beziehungen im Roman beleuchtet.
3. Die modernisierte Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Es wird der sozioökonomische Wandel durch Industrialisierung und Kapitalismus beschrieben, der den Menschen zunehmend zur steuerbaren Ware degradiert.
4. Notwendigkeit der Ordnung der neuen Gesellschaft: Dieses Kapitel untersucht die von Lenardo und Odoardo entwickelten Modelle zur Strukturierung des Zusammenlebens unter Bedingungen von Zwang und Ordnung.
4.1 Odoardos europäischer Kolonisationsplan: Hier wird Odoardos Modell analysiert, das auf einem totalitären Ansatz basiert, bei dem Gewalt als Mittel zur Sicherung des Arbeitseifers dient.
4.2 Lenardos „Polizeistaat“: Es wird Lenardos Konzept eines Verwaltungsstaates erläutert, der durch polizeiliche Kontrolle und die Beseitigung individueller Interessen die Gesellschaft organisiert.
4.3 Die Einstellung des Autors zu den beiden Gesellschaftsentwürfen: Das Kapitel reflektiert Goethes kritische Distanz zu den vorgestellten Modellen und hinterfragt deren Durchführbarkeit.
5. Fazit: Das Fazit resümiert die Kritik an den ökonomisch orientierten Ordnungsmodellen und vermisst eine gewaltfreie, menschliche Alternative in der Argumentation.
Schlüsselwörter
Wilhelm Meisters Wanderjahre, Johann Wolfgang von Goethe, Industrialisierung, Kapitalismus, Vergesellschaftung, Mittel-Zweck-Beziehung, Polizeistaat, Moderne, Individuum, Gesellschaftsroman, Odoardo, Lenardo, Arbeitsteilung, Aufklärung, Soziale Ordnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" die gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts durch spezifische Ordnungsmodelle reflektiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Industrialisierung, die Rolle des Individuums im kapitalistischen System sowie die Debatte um notwendige soziale Eingliederung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die rigiden Gesellschaftsentwürfe von Lenardo und Odoardo auf ihre Mittel-Zweck-Beziehungen hin zu untersuchen und Goethes kritische Einstellung dazu darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Aspekten der Politikwissenschaft und der Gesellschaftstheorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den historischen Kontext der Modernisierung sowie die beiden konkreten Gesellschaftsmodelle des "Kolonisationsplans" und des "Polizeistaates".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Vergesellschaftung, Industrialisierung, Polizeistaat, Individualisierung und das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis.
Was unterscheidet Lenardos Polizeistaat von einem herkömmlichen Verständnis von Polizei?
Lenardos Modell zielt nicht auf polizeiliche Gewalt im Sinne von Strafe ab, sondern auf einen hohen Verwaltungsaufwand, bei dem die Polizei das "Geziemende" und die Ordnung der Gesamtheit überwacht.
Warum wird das Individuum in den untersuchten Modellen als "Werkzeug" betrachtet?
Aufgrund der kapitalistischen Anforderungen der damaligen Zeit werden Individuen in diesen Modellen primär auf ihre Nützlichkeit und Funktion für das wirtschaftliche System reduziert.
- Citar trabajo
- Katharina Rahmer (Autor), 2007, Die industrialisierte, technisierte Gesellschaft in Wilhelm Meisters Wanderjahren von Johann Wolfgang von Goethe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126986