Sexualpädagogik im Kindergarten ist noch immer ein sensibles Thema. Während in den letzten Jahren die Sexualerziehung und -aufklärung in den Schulen eine breite Basis gefunden hat und auch im Elternhaus eine steigende Tendenz zu beobachten ist, wird diesen Themen bei Kindern im Kindergartenalter nur eine untergeordnete Rolle zugestanden.
Doch die Entwicklung der Sexualität beginnt nicht erst mit dem Eintritt in die Schule. Der Mensch ist von Geburt an ein sexuelles Wesen und demzufolge haben auch Kinder eine Sexualität. Diese darf jedoch nicht mit der von Erwachsenen gleichgesetzt werden.
Der erste Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Definition von Sexualität und versucht eine Abgrenzung zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität herzustellen. Des Weiteren wird kurz auf die Entwicklung der Sexualpädagogik in der neueren Geschichte und die ihr heute zugeordneten Themenbereiche eingegangen.
Um sich die Notwendigkeit einer kindlichen Sexualpädagogik und sexualfreundlichen Erziehung in Kindertagesstätten bewusst zu werden wird sich der zweite Teil der Arbeit mit der sexuellen Sozialisation im Kindesalter beschäftigen. Am bekanntesten ist sicherlich die von Freud vorgenommene Einteilung zur psychosexuellen Entwicklung des Kindes in Form von drei Phasen: die orale Phase im 1.Lebensjahr, die anale Phase im 2. Lebensjahr und die phallisch-genitale Phase vom 3. bis 6. Lebensjahr. Ausgehend von dieser Einteilung werde ich die sexuelle Sozialisation der Kinder beschreiben.
Diese Ergebnisse als Grundlage beschäftigt sich der abschließende Teil der Arbeit mit Sexualpädagogik in Kindertagesstätten. Betrachtet werden hier die kindliche Sexualität im Alltag, die Notwendigkeit Sexualität als Bildungsthema in Kindertagesstätten umzusetzen und die Rolle der Erzieherinnen. Weiterhin wird ein Einblick in ein sexualpädagogische Projekt in einer Jenaer Kindertagestätte gegeben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Sexualität und Sexualpädagogik
1.1. Definition von Sexualität
1.2. Kindliche Sexualität im Vergleich zu erwachsener Sexualität
1.3. Sexualpädagogik: ein Überblick
1.4. Themen der Sexualpädagogik
2. Sexuelle Sozialisation im Kindesalter
2.1. Sexuelle Sozialisation im ersten Lebensjahr
2.2. Sexuelle Sozialisation im zweiten und dritten Lebensjahr
2.3. Sexuelle Sozialisation im vierten bis zum sechsten Lebensjahr
2.4. Die Bedeutung des Körpers für die Identitätsentwicklung
3. Sexualpädagogik in Kindertagesstätten
3.1. Kindliche Sexualität im Kindergartenalltag
3.2. Sexualität als Bildungsthema in Kindertagestätten
3.3. Sexualfreundliche Erziehung im Kindergarten – der Weg geht über die Erzieherinnen
3.4. Auswertung des Sexualpädagogisches Projekt „Der kleine Unterschied“ in der Kindertagesstätte Frechdachs
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Notwendigkeit und Umsetzung einer sexualpädagogischen Erziehung in Kindertagesstätten unter Berücksichtigung der kindlichen sexuellen Sozialisation. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Erzieherinnen einen geschützten Raum für die körperliche und identitätsbildende Entwicklung von Kindern schaffen können.
- Grundlagen der kindlichen Sexualität und Abgrenzung zu erwachsener Sexualität
- Psychosexuelle Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren
- Bedeutung von Sexualpädagogik für die Identitätsbildung
- Methodische Ansätze zur sexualfreundlichen Erziehung im Kindergarten
- Reflexion eines konkreten sexualpädagogischen Projekts in einer Kindertagesstätte
Auszug aus dem Buch
1.1. Definition von Sexualität
Sexualität zu definieren ist mühsam, da sie zuviel Widersprüchliches, zuviel an Bewusstem und Unbewusstem beinhaltet, zuviel an Irrationalem darin behaftet ist. Eine äußerst treffende jedoch für wissenschaftliche Zwecke ungeeignete Definition stammt von der amerikanischen Sexualtherapeutin Offit: „Sexualität ist was wir daraus machen. Eine teure oder eine billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression (der Herrschaft, der Macht der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse oder das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form von Zärtlichkeit, eine Art der Regression, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung.“ (Sielert 2005a, S.37 zit.n. Offit 1979, S.16)
Viele Definitionen von Sexualität lassen sich nicht auf Kinder übertragen. Ein entscheidender Faktor fehlt: Kinder können sich nicht fortpflanzen, d.h. ihre Sexualität dient nicht der Fortpflanzung, was ebenso für Homosexuelle oder alte Menschen gilt. Das würde bedeuten, dass Kinder, da sie sich nicht fortpflanzen können auch keine Sexualität haben.
Deshalb muss Sexualität eine andere Dimension aufweisen.
Sielert versteht Sexualität wird als Lebensenergie verstanden, die sich des Körpers bedient und aus unterschiedlichen Quellen gespeist wird. Sie drückt sich auf unterschiedlichste Weise aus und ist verschiedener Hinsicht sinnvoll. Sie dient der Fortpflanzung, beinhaltet den Lusteffekt und stiftet Beziehung. Sexualität wird eingesetzt um Anerkennung und Selbstbestätigung zu bekommen, um Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen, um Gefühle wie Liebe, Hass oder Wut auszudrücken. Sexualität hat in diesem Sinne auch eine Identitätsfunktion, ermöglicht es dem Menschen seine Persönlichkeit zu ergänzen, zusammenzuhalten und zu erhalten (vgl. Sielert 2005a, S.51). Versteht man Sexualität als positive Lebensenergie kann sie jedem Menschen zugesprochen werden, auch Kindern.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Relevanz der Sexualpädagogik im Kindergartenalter begründet und der Aufbau der Arbeit skizziert.
1. Sexualität und Sexualpädagogik: Dieses Kapitel definiert Sexualität als Lebensenergie und gibt einen historischen sowie fachlichen Überblick über die Sexualpädagogik.
2. Sexuelle Sozialisation im Kindesalter: Es werden die verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes nach Freud und deren Bedeutung für die Identitätsentwicklung dargestellt.
3. Sexualpädagogik in Kindertagesstätten: Das Kapitel beleuchtet den Kindergartenalltag, Bildungskonzepte sowie die Rolle der Erzieherinnen und wertet ein Praxisprojekt aus.
4. Schlussbetrachtung: Die Erkenntnisse werden zusammengefasst und die Notwendigkeit der Verankerung sexualpädagogischer Arbeit in Kitas bekräftigt.
Schlüsselwörter
Sexualpädagogik, Kindliche Sexualität, Sexuelle Sozialisation, Identitätsentwicklung, Körpererfahrung, Kindertagesstätte, Erziehung, Psychosexuelle Entwicklung, Selbstbild, Sexualerziehung, Geschlechterrollen, Pädagogische Arbeit, Lebensenergie, Entwicklungspsychologie, Kindesalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Notwendigkeit und der praktischen Umsetzung von Sexualpädagogik in Kindertagesstätten, um die sexuelle Sozialisation von Kindern professionell zu begleiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kindliche Identitätsentwicklung, der Umgang mit dem eigenen Körper, die Rolle der Erzieherinnen sowie die Vermittlung von Sexualwissen im Kita-Alltag.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass kindliche Sexualität ein wichtiger Teil der Identitätsbildung ist und Kindertagesstätten einen geschützten Rahmen für diese Entwicklung bieten sollten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse zu den Themen Entwicklungspsychologie und Sexualpädagogik sowie auf die Auswertung eines praktischen Projekts in einer Kindertagesstätte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der sexuellen Entwicklung von Kindern und die praktische Anwendung pädagogischer Konzepte in Kindertagesstätten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sexualpädagogik, kindliche Sexualität, Identitätsentwicklung, sexuelle Sozialisation und körperliche Selbstbestimmung.
Wie unterscheidet sich die kindliche Sexualität von der bei Erwachsenen?
Die kindliche Sexualität ist nicht genital fokussiert oder auf Fortpflanzung ausgerichtet, sondern vielmehr eine ganzheitliche Lebensenergie und ein Mittel zur Körpererfahrung und Beziehungsgestaltung.
Welche Rolle spielt die Erzieherin bei der sexualpädagogischen Arbeit?
Die Erzieherin ist eine zentrale Bezugsperson, die durch eine professionelle Haltung und Reflexion der eigenen Biografie den Kindern Sicherheit bietet und ihre Entdeckungsprozesse unterstützt.
Was ergab die Auswertung des Projekts „Der kleine Unterschied“?
Das Projekt zeigte, dass Kinder sehr offen auf Angebote zur Körperwahrnehmung reagieren, wobei jedoch eine gute methodische Vorbereitung und Flexibilität bezüglich des Alters und Interesses der Kinder essenziell sind.
- Arbeit zitieren
- Juliane Riemann (Autor:in), 2008, Sexuelle Sozialisation – die Notwendigkeit von Sexualpädagogik in Kindertagesstätten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127024