Das Konzept literarischer Autorschaft bei Roland Barthes und Michel Foucault


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung: Die Frage nach dem Autor

II. Der Abschied vom Autor bei Roland Barthes
II.I Die Ebene der Schrift
II.II. Die Entwirrung des Textes
II.III. Die Merkmale des Lesers

III. Der Abschied vom Autor bei Michel Foucault
III.I. Autorname und Eigenname
III.II. Die Merkmale des Autors
III.III. Diskursivität und Wissenschaftlichkeit

IV. Gemeinsamkeiten und Differenzen
IV.I. Der Autor als Erfindung der Moderne

V. Schlussbemerkung

VI. Bibliografie

I. Einleitung: Die Frage nach dem Autor

Dem Common sense folgend ist die Existenz des Autors als Urheber eines Kunstwerkes – in diesem Fall eines literarischen Textes – schon aufgrund der ontologischen Kategorie des Subjektes so gut wie unbestritten, denn ein literarisches Werk muss sich genauso wie jedes andere vom Menschen erschaffene Artefakt logisch notwendig[1] auf seinen Urheber beziehen können. Der Autor ist jedoch nicht nur durch die substanzielle Entität, sondern auch durch eine ganze Reihe von zufälligen Eigenschaften definiert. Die Akzidenzien, die dem Autor als Person im Schaffensprozess zukommen und das Gesamtergebnis beeinflussen, wie etwa die individuelle Biografie, der aktuelle Gemütszustand, die bewusste oder unbewusste Intention und die Determiniertheit durch Lebensumstände räumlicher und zeitlicher Natur lassen den Autorbegriff problematisch erscheinen. Außerdem stellt sich die Frage danach, welche Bedeutung dem Autor im Verhältnis zu der Ebene des Textes und der Ebene des Lesers bei der formalen und inhaltlichen Interpretation eines Werkes zugestanden werden soll.

In der Literaturwissenschaft sind zahlreiche Theorien entstanden, die zu diesen Problemstellungen Lösungsansätze bieten. Grundsätzlich können sie in autorzentrierte und autorkritische Theorien eingeteilt werden.[2] Autorzentrierten Theorien liegt die Annahme zugrunde, dass die Person des Autors der Ausgangspunkt für die Deutung des Textes sein soll. So wird zum Beispiel im Biografismus ein enger Zusammenhang zwischen dem Lebenslauf des Autors und dem von ihm geschriebenen Text behauptet. In der Psychoanalyse wiederum ist von unbewussten Motiven beim Schreiben eines Textes die Rede, die es in der literaturwissenschaftlichen Arbeit zu ermitteln gilt. Generell wird in autorzentrischen Konzepten danach gefragt, welche Funktionen des Autors für den interpretierten Text vorausgesetzt werden bzw. für welche interpretative Strategien das Wissen über den Autor eingesetzt wird.[3]

Eine der autorkritischen Theorien, die dem Leser eine zentrale Stellung einräumen, ist die Rezeptionsästhetik, der zufolge der Leser bestimmte „Leerstellen“ des Textes mit seinen eigenen Vorstellungen ausfüllt und auf diese Weise zu eigenständigen Auslegungsvarianten kommt. Im Strukturalismus wird der Autor nicht mehr als Ursprung aller Bedeutung gedeutet. Der Text wird als ein „Gewebe von Zitaten“ begriffen, dem keine einzige feste Bedeutung zugeschrieben werden kann. Vielmehr ist der Text ein offenes Gebilde, das sich miteinander konkurrierenden und niemals endgültigen Interpretationen öffnet. Der Akt der Lektüre, nicht die Autorintention, steht im Mittelpunkt des strukturalistischen Verfahrens. Der Leser wird so als die zentrale Instanz der Bedeutungsbildung angesehen.

Zum Strukturalismus[4] werden unter anderem die französischen Theoretiker Roland Barthes und Michel Foucault zugerechnet, dessen Autorschaftskonzepte das Thema der vorliegenden Arbeit sind. Schon die provozierenden Überschriften der hier behandelten Aufsätze – „Der Tod des Autors“ und „Was ist ein Autor?“ – weisen auf eine Marginalisierung des Autors hin, die für die gesamte strukturalistische Tradition charakteristisch ist. Diese Tradition, die ihren Anfang in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm und bis heute die literaturwissenschaftliche Debatte prägt, richtete sich ursprünglich gegen das formalistische Verfahren des explication de texte, bei dem eine Korrespondenz zwischen Autorbiographie und Werkbedeutung behauptet wurde. Die neue literarische Kritik (fr. Nouvelle Critique) wendete sich ganz dem Text und dem Vorgang der Lektüre zu und behauptete – wie von Stéphane Mallarmé programmatisch bestimmt –, dass es „die Sprache [ist], die spricht, nicht der Autor“.[5] Im Folgenden soll diese neue Sichtweise an zwei prominenten Beispielen erläutert werden. Die Ansätze von Barthes und Foucault werden dabei zunächst deskriptiv vorgestellt und dann miteinander kritisch verglichen.

II. Der Abschied vom Autor bei Roland Barthes

Laut Barthes liegt die Einheit eines Textes nicht in seinem Ursprung, dem Autor, sondern in seinem Zielpunkt, dem Leser. Deshalb sollte die Erklärung des Werkes nicht bei dessen Urheber gesucht werden. Barthes plädiert dafür, auf die literarische Kategorie des Autors zu verzichten und stattdessen den Begriff „Schrift“ (fr. écriture ), der im Sinne des „Geschriebenen“ oder des „Textes“ zu verstehen ist, in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Arbeit zu rücken. Überhaupt soll die Beseitigung des Autors dem Ziel dienen, „der Schrift eine Zukunft (...) [zu] geben“.[6]

Die Herangehensweise von Barthes ist deutlich systematisch, auch wenn er historische Bezugnahmen in seinem Essay nicht meidet. So finden sich zum Beispiel Bemerkungen zur Entstehung des Begriffs vom Individuum im 15. und 16. Jahrhundert, der den Autor als Individuum erst denkbar gemacht hat. Bei den Reflexionen über die Sprache bezieht sich Barthes auf den Surrealismus, der dazu beigetragen hat, die Stellung des Autors in Frage zu stellen. Barthes, der einen eigenen Beitrag zur Degradierung des Autors leisten will, führt diesen Gedanken weiter. In dieser Hinsicht kann man auch von einer geschichtlichen Dimension seines Textes sprechen.

II.I. Die Ebene der Schrift

Jeder Romanleser erkennt, dass nicht nur die beschriebene Geschichte, sondern auch die Sprache selbst, mit deren Hilfe die Geschichte erzählt wird, einen vom Autor unabhängigen Status hat. Barthes’ Position geht aber weiter – er meint, dass das Geschriebene nicht einfach eine Stellung neben dem Autor einnimmt, sondern dass es seinen Autor verdrängt. Die Schrift zerstört jede Stimme und jeden Ursprung und man kann eigentlich nur dann von einem Anfang der Schrift sprechen, wenn der Autor „stirbt“, d.h. wenn er nicht mehr berücksichtigt wird. Der Text hat keinen einzigen Sinn, sondern enthält verschiedene «Schreibweisen», „von denen keine einzige originell ist“.[7] Der Autor ist kein Urheber im eigentlichen Sinne, d.h. er ist kein Schöpfer, der einen Text aus eigener Invention hervorzaubert, sondern lediglich ein Schreiber, ein „Konstrukteur“. Seine Aufgabe besteht darin, „die Schriften zu vermischen“[8] und Texte mit Hilfe eines zusammengesetzten Wörterbuchs der menschlichen Sprache zu komponieren.

Um diesen Gedanken Barthes’ besser nachvollziehen zu können, sollte man die Theorie der Intertextualität im Auge behalten. In die Literaturwissenschaft wurde sie von Julia Kristeva 1967 eingeführt und spielte eine nicht geringe Rolle bei der darauffolgenden Debatte um den „Tod des Autors“. In ihrem Kern besagt die Intertextualität, dass jeder Text kein eigenständiges Gebilde, sondern vielmehr ein Mosaik aus Zitaten, eine Widerholung anderer Texte ist. Das Eigentum des Autors und die Abgeschlossenheit und Originalität des Textes werden in Frage gestellt, denn – wie es Karlheinz Stierle ausdrückte – ein jeder Text „situiert sich in einem schon vorhandenen Universum der Texte, ob er dies beabsichtigt oder nicht“.[9] Man kann sagen, dass deshalb jeder Text gleichzeitig eine Transformation der bereits bestehenden Texte ist.[10]

[...]


[1] Und zwar durch den Syllogismus: (i) alle Artefakte haben einen menschlichen Urheber, (ii) literarisches Werk ist ein Artefakt, (iii) literarisches Werk muss einen menschlichen Urheber (den Autor) haben.

[2] Bei der Präsentierung unterschiedlicher Theorien der Autorschaft beziehe ich mich hauptsächlich auf die Einleitung „Autor und Interpretation“, in: Texte zur Theorie der Autorschaft, hrsg. von Fotis Jannidis u.a., Stuttgart 2000, S. 7-25.

[3] Siehe Winko, Simone: Autor-Funktionen. Zur argumentativen Verwendung von Autorkonzepten in der gegenwärtigen literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis, in: Autorschaft. Positionen und Revisionen, hrsg. v. Heinrich Detering, Stuttgart [u.a.] 2002, S. 340.

[4] Barthes und Foucault werden vielfach als Post strukturalisten genannt, da sie sich in ihren kritischen Positionen teilweise stark vom genuinen Strukturalismus abgegrenzt haben. Siehe auch Kapitel II.III. dieser Arbeit.

[5] Barthes, Roland: Der Tod des Autors, in: Texte zur Theorie der Autorschaft, hrsg. von Fotis Jannidis u.a., Stuttgart 2000, S. 187.

[6] Ebenda, S. 193.

[7] Ebenda, S. 190.

[8] Ebenda, S. 190.

[9] Stierle, Karlheinz: Werk und Intertextualität, in: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, hrsg. v. Dorothee Kimmich [u.a.], S. 349.

[10] Vgl. auch Lachmann: „Machen aus Literatur bedeutet damit in erster Linie Machen aus Literatur, das heißt Weiter-, Wider- und Umschreiben. (...)“ – in: Renate Lachmann: Gedächtnis und Literatur. Intertextualität in der russischen Moderne, Frankfurt/Main 1990, S. 67.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Konzept literarischer Autorschaft bei Roland Barthes und Michel Foucault
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur II)
Veranstaltung
Literatur und Verstehen – Einführung in die Literaturtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V127073
ISBN (eBook)
9783640334674
ISBN (Buch)
9783640334322
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Theorie der Autorschaft
Schlagworte
Literaturtheorie, Autorschaft, Autor, Rolle des Autors, Stellung des Autors, Tod des Autors, Intertextualität, Roland Barthes, Michel Foucault
Arbeit zitieren
Adam Galamaga (Autor), 2008, Das Konzept literarischer Autorschaft bei Roland Barthes und Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127073

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