Nicolas Poussins Arkadienbilder und die Moralphilosophie Senecas


Hausarbeit, 2007
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Der Geist der Antike in Kunst Poussins

2. Arkadienthema und das Bild Poussins
2.1. Entwicklung des arkadischen Motivs in der Kunst
2.2. Vergils Arkadien als Vorbild für Poussin
2.3. Poussins Arkadien als Ursprungsland der Künste

3. Das Problem der Inschrift Et in Arcadia ego
3.1. Vermischung der Zeiten im Bild
3.2. Bedeutung der Inschrift und des Schattenbildes

4. Moralphilosophie Senecas und ihre Wiederspiegelung in Arkadienbilder Poussins
4.1. Die Hirten und das philosophische Nachdenken über Tod und Zeit
4.2. Vergänglichkeit, Zeit und Tod als zentrale Themen der stoischen Philosophie in den Arkadienbildern Poussins
4.3. Die Verwandlung des Memento mori zu Et in Arcadia ego

5. Das Werk Nicolas Poussins und seine Bedeutung für uns heute

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

1. Der Geist der Antike in Kunst Poussins

Die Kunst des 17. Jh. in Frankreich und in Italien hatte sich in einer Weise entwickelt, die jeden Künstler zwang, bewusst Stellung zu setzen. Es war der Kreis um Annibale Carracci, um Reni und ihre Nachfolger, die die Forderung erhoben, dass der Künstler die Natur idealisieren, das heißt verschönern und alles weglassen müsse, was nicht den Formgesetzen der antiken Plastik entsprach. Man nennt die Richtung, die sich dieser Lehre verschrieb, die neo-klassizistische oder akademische zum Unterschied von der klassischen Kunst, die kein solches philosophisches Programm kannte[1].

Der größte von den akademischen Meistern war der Franzose Nicolas Poussin (1594-1665), dem Rom zur zweiten Heimat wurde. Poussin studierte die Meisterwerke der antiken Plastik, die er in den römischen Sammlungen sah, mit leidenschaftlicher Bewunderung. Ihre schönen Formen sollten ihm dazu verhelfen, “seinen Traum von einem verflossenen Zeitalter des Adels und der Unschuld Gestalt zu geben“[2]. Seine Gemälde behandeln häufig das antike mythologische Sujet, zum Beispiel Et in Arcadia ego[3]. Dieses Gemälde lässt sich als Resultat dieser intensiven Studien betrachten.

Das Bild wurde 1638-1640 angefertigt und befindet sich heute in Paris im Louvre Museum. Das ist Querformat, Öl auf Leinwand, 85 x 121 cm groß. In der Forschungsliteratur ist allerdings die Datierung des Bildes umstritten.

Die Komposition des Bildes lässt sich folgendermaßen beschreiben: In einer sonnigen, südlichen Landschaft haben sich schöne junge Menschen um einen großen Grabstein versammelt. Das Grabmal steht in der Mitte des Bildes, umgeben von Bäumen und Bergen. Einer der Hirten – denn dass es Hirten sind, erkennt man an den Stäben und Kränzen – ist niedergekniet, um die Inschrift auf dem Grab zu entziffern, ein zweiter zeigt sie der schönen Frauengestalt, die wie der dritte Gefährte im Hintergrund nachdenklich dasteht.

Die Schäfer, die an den Buchstaben der Inschrift rätseln, sind zu einer kunstvollen Gruppe geordnet. Der Hirte links lehnt sich an den Stein und neben ihm kniend ist sein Gefährte, der gegen die Inschrift gewendet mit der rechten Hand die Buchstaben nachzeichnet. Er liest die Worte. Die Inschrift ist lateinisch: Et in Arcadia ego. Dem knienden Hirten steht der dritter Schäfer gegenüber, der den Fuß auf einen Stein aufstützt. Er deutet mit der Hand ebenfalls auf die Inschrift, wendet aber den Kopf der hinter ihm stehenden Schäferin zu, die ihm die Hand auf die Schulter legt. Von den vier Figuren sind je zwei zur Linken und zur Rechten zu einer geschlossenen Gruppe verbunden, und indem die Linien und Winkel der gekrümmten Knie und Ellbogen der mittlern Figuren ineinander greifen, werden die beiden Gruppen zu einem Ganzen vereinigt. Die Gebärden und Stellungen der Figuren lassen eine harmonische Entsprechung aller Teile der Komposition entstehen, und so führt die besondere Durchbildung und sinnvolle Verbindung der einzelnen Gestalten zu einer erhöhten Deutlichkeit und Ausdruckskraft des Bildes.

Nicolas Poussin schuf zwei Versionen, die durch die Inschrift Et in Arcadia ego auf das Arkadienthema verweisen. Die erste, die Chatsworth-Version[4], entstand 1628-30 und stellt eine Schäfer-Gruppe dar, die zu ihrem Schrecken feststellt, dass sich in ihrer idyllischen Landschaft ein Grab mit der beunruhigenden Nachricht befindet, wobei ihre Körperhaltung auf beredte Weise die Anspannung angesichts der furchteinflößenden Entdeckung verrät. Sie wirken aufgewühlt und bestürzt, anders als im geometrisch aufgebauten zweiten Bild. Die Töne sind ziemlich stumpf und dunkel, Blau und Orange herrschen vor. Die erste Fassung, bei der noch ein expressives Moment mitwirkt, wird durch die zweite, modifizierte Fassung ergänzt. Noch reiner, schärfer kommt die reliefmäßige Absonderung und Gruppierung von vier Figuren in der berühmteren und reiferen der beiden Fassungen der Arkadischen Hirten, der des Louvre, zum Ausdruck. In der zweiten Fassung, die Poussin ursprünglich Freude, getrübt durch den Tod nannte[5], ist die Gruppe von Schäfern und Schäferin um das Grab gelöster. Anstatt theatralisch zu reagieren, scheinen sie nun über die Bedeutung der Inschrift nachzusinnen. Jeder von ihnen zeigt eine individuelle gefühlsmäßige Reaktion. Der Farbaufbau ist auch ganz anders. Rot bildet das Zentrum des farbigen Aufbaus, die Mitte der drei Hauptfiguren. Der die Schrift entziffernde und sie Vorlesende trägt Blau, der sich Umwendende, Deutende intensiv rot, die sinnende Frau Goldgelb und Blau.

Die Komposition des Bildes ist relativ einfach. Aber die auf dem Grabmal eingeschriebene Inschrift Et in Arcadia ego in der Mitte des Bildes deutet darauf hin, dass hinter dieser Inschrift ein Bedeutungsgehalt steht, den es herauszufinden gilt. Nicolas Poussin selbst bringt in seiner Korrespondenz unmissverständlich zum Ausdruck, dass seine Bilder gelesen werden sollen. Dass der Stoff des Gemäldes zu lesen sei, teilte Poussin seinem Freund Chantelou mit[6].

Folgende Fragen ergeben sich bei der näheren Betrachtung des Bildes:

- Wie kann man die eigentliche Bedeutung dieses Bildes interpretieren? Was verhüllte Nicolas Poussin hinter seinem Werk, welche Ideen und welche Philosophie?
- Warum interessierten Poussin solche Bildthemen? Wie könnte man Interesse Poussins für Arkadienthema erklären?
- Wie könnte man anhand dieses Bildes die Kunstauffassung Poussins analysieren und interpretieren ?

Um diese Fragen zu erforschen, sollte man das Bild Poussins als Wiederspiegelung seiner Ideen und seiner Kunstauffassung ansehen, und die Entwicklung seines Stils nachvollziehen. Die zweite Fassung des Bildes (Louvre-Version) steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Jedoch werden die beiden Bilder parallel besprochen, da in beiden Bildern die hier abgehandelten Themen versinnbildlicht werden.

2. Arkadienthema und das Bild Poussins

Nicolas Poussin malte mehrere Bilder mit der arkadischen Landschaft. Oft waren es Bilder mit mythologischen Themen aus Ovids Metamorphosen. Die Auftraggeber dieser Bilder war zunächst ein kleiner Kreis gebildeter römischer Kunstliebhaber, die sich mit dem Studium der Antike beschäftigten. Die Bilder mit solcher Thematik waren eher für private Andachtbestimmt, als für die Repräsentation. Warum befasste sich Poussin mit Arkadienthema? Was bedeutete für ihn Arkadien als Land?

2.1. Entwicklung des arkadischen Motivs in der Kunst

Der Name Arkadien leitet sich von der griechischen Landschaft gleichen Namens ab. Topographisch-historisch war es das Zentralplateau der Gebirgslandschaft im Süden Griechenlands in der Mitte des Peloponnes und wurde von Schäfern und Jägern bewohnt. Das reale Arkadien mit ihrer kargen Landschaft konnte allerdings nicht als besonders idyllisch gelten. Der Ruf des poetischen Traumlandes verdankt Arkadien dem römischen Dichter Vergil, der um das Jahr 42 v. Chr. seine Hirtengedichte schrieb. Er pries Arkadien als das Land der Unschuld und des stillen Friedens, wo die alte unverdorbene Sitte, Wohlsein und Frohsinn herrschten[7].

Hirtengedichte waren in der Antike sehr berühmt. Der griechische Dichter Theokrit, der etwa von 300 bis 260 v. Chr. lebte, ließ in seinen Gedichten Hirten auftreten. Es handelte sich dabei um Hirten seiner sizilianischen Heimat, die realistisch-ironisch in ihrem alltäglichen Milieu geschildert wurden.

Die Hirten Vergils waren jedoch von anderer Natur. Sie führten ein abgehobenes, entrücktes, verklärtes Dasein. Sie waren keine reale Hirten mehr, sondern mythische Gestalten, Symbole der Sehnsucht nach einer friedvollen, heiteren Welt. Sie waren nicht von dieser Welt. Sie erfreuten sich zeitloser Jugend in einer zeitlos-schönen Landschaft. Als poetische, profane Variante des verlorenen und wiederzugewinnenden Paradieses zehrten sie von derselben Sehnsucht nach einer goldenen Zeit, auf der auch die christliche Religion Wurzeln schlagen und ihren Siegeszug antreten konnte. Mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hatten sie nur insofern zu tun, als sie deren desolate Verfassung im Wunschbild einer besseren Welt spiegelten. Aus den Schriften des Historikers Polybias kannte Vergil Arkadien als ein Land der Hirten. Vor allem wusste Polybias zu berichten, dass sich die Bevölkerung Arkadiens von Jugend an im Gesang übe und mit großem Eifer musikalische Wettbewerbe veranstalte. Diese musischen Hirten passten hervorragend ins bereits vertraute Repertoire der Hirtendichtung. Schon bei Theokrit üben sich die Hirten in musikalischen Wechsel- und Wettgesängen. Polybias lässt zwar der Frömmigkeit und der Musikliebe seiner Heimat Gerechtigkeit widerfahren, beschreibt es aber sonst als ein armes, kahles, felsiges, kaltes Land. Vergil idealisierte es. Er fügte auch Reize hinzu, die das wirkliche Arkadien nie hatte: üppige Vegetation, ewigen Frühling und unerschöpfliche Muße zur Liebe[8]. Es geschah also in der Phantasie Vergils, dass die Vorstellung Arkadiens, wie wir sie kennen, geboren wurde – dass eine unwirtliche und kalte Region Griechenlands sich in ein imaginäres Reich vollkommener Seligkeit verwandelte. So kam es, dass Vergil das Land in der Mitte des Peloponnes zum Schauplatz seiner Eklogen auswählte.

Dieses Arkadien gehörte erklärtermaßen zur Welt des schönen Scheins. Es war nicht einmal eine Utopie, sondern eine bukolische Phantasie. Es war die Heimat der romantischen Liebe und wurde von Pan regiert, dem Gott der Herden, Wälder und Felder. Die eingeborenen Schäfer und Schäferinnen teilten sich dieses einfache Paradies mit Nymphen, Satyrn, Zentauren und den Bacchanten. Da es keinen Anspruch auf Realität erhob, war es auch über jeden Verdacht erhaben, mit der christlichen Heilslehre konkurrieren zu wollen. So konnte es über eineinhalb Jahrtausende ungefährdet neben dieser bestehen.

In der Literatur der Renaissance waren es zunächst Humanisten wie Petrarca und Boccaccio, die das Arkadien Vergils wieder aufgriffen. Ihre neulateinischen Eklogen setzen allerdings entsprechende Bildung voraus. Die Verbreitung beschränkte sich deshalb auf gelehrte Kreise und literarische Zirkel. Größere Wirksamkeit erlangten erst die volkssprachlichen Schäferdichtungen wie Sannazaros Arcadia, die in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts in italienischer Sprache entstand und 1504 gedruckt wurde. Sannazaros Arcadia besteht aus zwölf Eklogen herkömmlichen Inhalts: Liebesklagen in monologischer und dialogischer Form, Lobgesängen auf eine Schäferin, Preis eines Verstorbenen, einer schöneren Vergangenheit oder einer verlorenen Heimat[9]. Melancholie und entsprechende Affekte werden in der Renaissance durch Sannazaro in das Arkadienthema hineingetragen.

Die Renaissance verlieh dem Arkadien Vergils nicht nur ein neues Leben, sondern einen neuen Stellenwert. Es war jener neue Stellenwert, den die Kunst grundsätzlich erhielt. Die Kunst trat nun aus dem Schatten der Religion heraus. Sie hatte jetzt nicht mehr bloß dienende Aufgabe, indem sie Kirchenbauten schmückte oder religiöse Legenden illustrierte, sondern übernahm die Erzeugung illusionärer Scheinwelten ganz unmittelbar. Im Laufe der Zeit verließ auch das arkadische Motiv Rahmen der Lyrik, das es seit Vergil innehatte. Es entwickelte sich aus der neulateinischen Ekloge der Humanisten zum volkssprachlichen Schäferroman. Es beflügelte die Naturbegeisterung ganz allgemein und eroberte sich als Schäferspiel und Schäferoper die Bühne, als arkadische Landschaft die Malerei und Architektur in Gestalt des Englischen Gartens.

Ihren Höhepunkt erreichte das arkadische Motiv im Barock und Rokoko. Man zelebrierte und genoss den „unschuldig-naiven Naturzustand im bewussten Kontrast zur Morbidität des ancien régime“[10].

In die Malerei drang das arkadische Motiv, ausgehend von Venedig, erstmals zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein. Bis dahin war die Landschaft allenfalls Kulisse und Beiwerk. Bei Malern wie Giorgione, Tizian und Campagnola wurde sie zur Hauptsache des Bildes. Es handelte sich freilich um keine naturgetreue Abbildung, sondern um eine geistig überhöhte, eben arkadische Landschaft. Diese Landschaften waren so idealisiert wie ihre Staffage, die wahlweise aus Hirten, Schafen, Philosophen, Satyren und Nymphen bestand. Anfangs wurden oft noch biblische Motive in das Bild mit hinein genommen, die jedoch nur noch beigeordnete Bedeutung hatten. Im Laufe der Zeit wurden die biblische Motive durch profane ersetzt. Die arkadische Landschaft wurde zum perfekten Stimmungsgemälde, in dem sanftes Licht die friedvolle Szenerie beleuchtet. Oft waren auf den Bildern auch antike Ruinen zu sehen, die ikonographisch für Arkadien standen, psychologisch aber auch eine längst verflossene, heroischere Vergangenheit signalisierten und durch diesen Kontrast die friedvolle Pastorale noch akzentuierten[11].

Poussins Gemälde bezeugen wie die Gemälde anderer Maler, dass beginnend mit der Renaissance, eine kontinuierliche Rezeption der Antike stattfand. Seine Bilder mit arkadischer Thematik verdeutlichen, dass Poussin mit ihnen eine Hommage an die Antike, insbesondere an Arkadien, schuf.

2.2. Vergils Arkadien als Vorbild für Poussin

In der Forschungsliteratur wird es oft über melancholische oder elegische Stimmung bezüglich Poussins Arkadienthema in beiden Bildfassungen gesprochen. Annegret Kayling, eine der bedeutenden Poussin-Forscher, vertritt dagegen die Meinung, dass beide Bilder Poussins, die das Arkadienthema berühren, in keiner Weise einen Ausdruck tragen, der im entferntesten Sinn Melancholie verrät. Sie bezieht sich eher auf solche Begriffe wie Strenge, Schlichtheit, Ernsthaftigkeit und mit ihnen verbundene Nachdenklichkeit als Melancholie[12]. Sie schriebt:

„Poussin hat eher eine inventio geschaffen, indem er die arkadischen Hirten mit dem Thema der Vergänglichkeit in der ersten Fassung konfrontier, dem Vergil sicherlich beipflichten würde. Dies ist in einem strengen Modus geschehen, doch keineswegs hat er dem Ganzen eine melancholische Stimmung beigelegt.“[13]

Das Grab rechts im Bild der ersten Arkadienfassung erscheint wie eine Anspielung auf Vergil: Das Grab in Arkadien war als Motiv in Vergils fünfter und achter Ekloge vorgezeichnet, danach nahm Sannazaro es in der Zeit der Renaissance in seiner fünften, elften und zwölften Ekloge wieder auf. Elegische Elemente sind allerdings in Sannazaros Arcadia reichlich vorhanden. Sannazaro gestaltete ein Arkadien, dass nur schwach und nur bezogen auf das Motiv der 10. Ekloge an das vergilische anklingt. Auffällig tritt in Sannazaros Arcadia in Zusammenhang mit dem vielfach in Erscheinung tretenden Phänomen des Todes der Affekt der Trauer auf. Die zehnte Ekloge Vergils ist in besonderer Weise durch die Begegnung zweier Welten charakterisiert, und zwar der bukolischen mit der elegischen[14].

Vergils Arkadien ist durchwoben von realistischen Elementen des Landlebens. Schicksalsschläge werden bei Vergil aufgezeigt, und parallel dazu tritt Melancholie auf, doch ähnlich einer stoischen Sichtweise werden Schicksalsschläge in die Notwendigkeit des Naturkreislaufes eingegliedert: Die Vergilischen Hirten befreien sich mittels ihrer Dichtung, ihrer Musik sowie alltäglicher Arbeit von Sorgen und Enttäuschungen, wie zum Beispiel Liebesleid. Sannazaros Hirten dagegen zeigen verstärkte Trauer und singen elegische Lieder, wobei sie von dumpfer Schwermut gezeichnet sind. Die Hirten Theokrits und die Hirten der Eklogen Vergils zerbrechen nicht an unerwarteten Schicksalsschlägen. Sannazaros Arcadia enthält hingegen elegische Züge, denn es teilen sich in ihnen Ausweglosigkeit und Resignation mit. Poussin vermittelt dagegen keineswegs die elegische Stimmung Sannazaros, sondern greift in Parallele zu den Diskussionen dieser Zeit auf antike Vorbilde und auf Vergils Eklogen zurück[15]. Das Arkadien der Renaissance konstituiert sich also aus einer Vergangenheitsutopie, einer als unwiederbringlich verloren gedachten goldenen Zeit, welche mit der verlorenen Antike gleichgesetzt wird.

2.3. Poussins Arkadien als Ursprungsland der Künste

Es wird in Bildern Poussin mit bukolischem Charakter die Anwesenheit von Musik und damit zugleich von Dichtung thematisiert. Letzteres stimmt mit der literarischen Wiedergabe in der zehnten Ekloge Vergils überein. Die zehnte Ekloge gibt an, dass die Arkadier musikalisch begabt sind. Das siebte Ekloge Vergils ergänzt dann noch, dass die arkadischen Hirten traditionell Wettgesänge ausführten, womit der Gesang mit der Hirtenwelt in Verbindung gebracht ist. Die Eklogen Vergils bezeugen, dass Pan und Arkadien als untrennbar verbunden gedacht werden: „Pan deus Arcadiae“[16].

Der Flussgott Alpheios vorne rechts in der ersten Bildfassung, als Personifikation des Flusses, der durch Arkadien fließt, ist untrennbar mit dem Arkadienthema verbunden. Alpheios trägt Dichterlorbeer, also ein Symbol, das auf die Anwesenheit und den Ursprung der Dichterkunst in Arkadien verweist. Poussin bringt diesen Aspekt eines Ursprungs der Dichterkunst beziehungsweise Wissenschaft (Literatur) mit Arkadien in Verbindung. Dergleichen Anspielungen finden sich in Poussins Polyphembild, in den Bacchanalien und in allen anderen Darstellungen mit einem bukolischen Charakter. Häufig erscheinen Musikinstrumente in diesen Darstellungen.

Offensichtlich sieht Poussin in Arkadien das Ursprungsland für grundlegende Kulturgüter. Arkadien ist nach Homer auch der Geburtsort des Hermes (Merkur). Homer charakterisiert Hermes als Erfinder der Musik; als Schöpfer der Lyra, eines edlen Saiteninstrumentes. Nicolas Poussin sah in Hermes den Kulturstifter[17].

Eine Parallele zur Erfindung der Musik in Arkadien stellt die Erfindung der Flöte durch Pan dar, den ebenfalls arkadischen Sohn des Hermes. Zugleich trägt Hermes Wesenszüge einer Naturgottheit. Er hütet und beschützt die arkadischen Schafherden. In anderen Bilder mit Szenen der arkadischen Landschaft, zum Beispiel Venus und Merkur zeigt Poussin weitere Gottheiten, die zum Arkadienthema gehören. Aus der Gemeinschaft dieser Gottheiten, so will es offenbar Poussin ausdrücken, erwachsen Künste wie Musik, Literatur (Dichtung) und Malerei. Poussin versetzt den Ursprung der Kultur in die Landschaft Arkadiens, in der die kultivierten Hirten in den Gemälden Poussins mit den sie näher bezeichnenden Handlungen und Tätigkeiten abgebildet werden. Auch seine Bilder mit Bacchanalienthemen bezeugen die Naturverbundenheit und die Nähe zur Musik sowie ihre intensive unverfälschte Lebensauffassung. Die zur Goldenen Zeit verklärte Antike wird als endgültig verloren angesehen. Das in dieser Welt der Ursprung der Musik, der Malerei und der Dichtung gesucht wurde, ist leicht zu verstehen.

[...]


[1] Vgl. Gombrich, E.H. : Die Geschichte der Kunst. 16. Aufl. Berlin 1996, S. 394.

[2] Gombrich 1996 (Anm.1), S.394.

[3] Siehe Nicolas Poussin, Et in Arcadia ego, 1638, Öl auf Leinwand, 85 x 121 cm. Musée du Louvre, Paris, aus: Gombrich, E.H. : Die Geschichte der Kunst. 16. Aufl. Berlin 1996, Abb. S. 395.

[4] Siehe Nicolas Poussin, Et in Arcadia ego, 1628-30, Öl auf Leinwand, 101 x 82 cm. Chatsworth (Derbyshire), Trustees of the Chatsworth Settlement, aus: Wright, Christopher: Poussin. Gemälde. Ein kritisches Werksverzeichnis. Landshut 1989, Abb. S. 40.

[5] Vgl. Mérot, Alain: Nicolas Poussin. Paris 1990, S. 92.

[6] Vgl. Kayling, Annegret: Poussins Kunstauffassung im Kontext der Philosophie. Marburg 2003, S. 174.

[7] Vgl. Leuschner, Udo: Arkadien. Entstehung einer Traumlandschaft. o. O. 1991, S.4.

[8] Vgl. Panofsky, E.: Et in Arcadia ego. Poussin und die Tradition des Elegischen. Berlin 2002, S.11.

[9] Vgl. Leuschner 1991 (Anm. 5), S. 10.

[10] Leuschner 1991 (Anm. 5), S. 8.

[11] Vgl. Leuschner 1991 (Anm. 5), S. 9.

[12] Vgl. Kayling 2003 (Anm.4), S.242.

[13] Kayling 2003 (Anm.4), S. 242.

[14] Vgl. Kayling 2003 (Anm.4), S. 242-243.

[15] Vgl. Kayling 2003 (Anm.4), S. 243.

[16] In: Kayling 2003 (Anm.4), S. 243.

[17] Vgl. Kayling 2003 (Anm.4), S. 235-237.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Nicolas Poussins Arkadienbilder und die Moralphilosophie Senecas
Hochschule
Universität zu Köln  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Nicolas Poussin.
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V127077
ISBN (eBook)
9783668815780
ISBN (Buch)
9783668815797
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nicolas, poussins, arkadienbilder, moralphilosophie, senecas
Arbeit zitieren
Natalia Spektor (Autor), 2007, Nicolas Poussins Arkadienbilder und die Moralphilosophie Senecas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127077

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