Macht und Ethnizität in der Postsowjetischen Peripherie

Zur Dynamik von Konflikten in Kirgistan


Diplomarbeit, 2004
114 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Hinweise zur Tansliteration aus dem Russischen

1. Einleitung

2. Die Ereignisse von Osch
2.1 Einführung in die Erzählungen
2.2 Presseschau
2.3 Erzählung I
2.4 Erzählung II
2.5 Erzählung III
2.6 Zusammenfassung

3. Die Ereignisse von Aksy

4. Zur Dynamik von Konflikten in Kirgistan

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

6. Anhang

Abstract

The present work deals with the dynamics of conflict in the post- soviet periphery. Independent Kyrgyzstan is used as an example of a region, which seems to have a lot of conflict producing factors such as a devastating economic situation, ethnic hatred (especially in the south of the country) and weak and corrupted governmental structures.

Surprisingly despite these factors, Kyrgyzstan goes through a relatively long period of peace. The latest violent incident, the so-called Events of Aksy, which occurred in March 2002, in large did not course a development of violence. Within six months it was solved without regime destabilizing consequences for the power holders, who nevertheless were blamed for the rest of the year for having caused these clashes.

In the work, trying to analyse this paradox, the author puts forward the thesis, that not such factors like bad economic conditions or a difficult ethnic situation are crucial for the emergence of violent conflicts, but rational calculations and profit maximizing strategies of the power holders from the state apparatus. This thesis is first tested by the analysis of the only violent conflict Kyrgyzstan had to experience in the last two decades, the so-called Events of Osh. Here, the author tries to apply different approaches from the discipline of conflict studies for the disclosure of various dimensions of the conflict. By viewing violent events from three 'perspectives' the limits of different factors and explanations are compared.

The second case study examines the above-mentioned Events of Aksy. The question, why this conflict between power holders around the president Askar Akaev and an opposition movement, led by famous politician Azimbek Beknazarov, did not escalate, will be answered in this chapter.

In the final chapter the author tries to summarize the results of the case studies, confronts them with the findings from the field and considers them with regard to the duration of 'Leninist Legacies' or, to put it more precisely, informal soviet institutions, as a crucial factor for the emergence of violent conflicts in the post- soviet periphery.

Hinweise zur Umschrift russischer Wörter

In der vorliegenden Diplomarbeit erfolgt die Wiedergabe russischer Wörter in der Regel in der wissenschaftlichen Transliteration nach DIN 1460.

Ausnahmen bilden Begriffe oder Eigennamen, die ursprünglich aus dem Russischen stammen, aber auf Grund ihrer allgemeinen Gebräuchlichkeit in den deutschen Wortschatz Einzug erhalten haben wie z.B. 'Perestroika' oder 'Gorbatschow'.

1. Einleitung

„If economic and political reform in the countries of the Caucasus and Central Asia does not suceed – if internal and cross- border conflicts simmer and flare – the region could become a breeding ground of terrorism, a hotbed of religious and political extremism, and a battle- ground for outright war.“[1]

Deputy Secretary of State Strobe Talbott

Die in diesem Zitat geäußerten Befürchtungen Talbotts über ein Abrutschen Zentralasiens, besonders des Ferganatals, in bürgerkriegsähnliche Zustände werden von vielen Kommentatoren geteilt.[2] Immer wieder wird auf die schwierige wirtschaftliche, soziale und demographische Situation aufmerksam gemacht, die einen Nährboden für Konflikte darstellen könnte. Im Ferganatal macht die komplizierte ethnische Gemengelage jenen Sicherheitsexperten Sorgen, die noch die Zusammenstöße zwischen Meschetinzen und Usbeken 1989 und Usbeken und Kirgisen 1990 im Bewusstsein haben.

Der Einfall von Extremisten nach Südkirgistan in den Sommermonaten 1999 und 2000 und die kläglichen Versuche der kirgisischen Regierung, den Extremisten Paroli zu bieten, haben darüber hinaus klar gemacht, dass es auch um das Sicherheitspotential dieser kleinen Republik nicht gut bestellt ist. Die sogenannten Ereignisse von Aksy im März 2002 brachten nach Meinung von Beobachtern das Land nahe an den Rand eines Bürgerkriegs. Und in der Tat, betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung Kirgistans, die schwierige soziale Situation (mehr als 60 % der Bevölkerung gelten als arm[3] ), die schon durch die Geographie vorgezeichnete Spaltung des Landes in Nord und Süd, den zunehmenden Autoritarismus des Regimes von Präsident Askar Akajev und die bis heute nicht gelösten Spannungen zwischen den Ethnien (besonders im Süden des Landes), dann scheint man den Schluss ziehen zu müssen, dass Kirgistan eine hohe Anfälligkeit für Gewaltkonflikte besitzt.[4] Umso mehr, als 1990 mit den sogenannten Ereignissen von Osch der Süden des Landes für mehrere Tage sich in einen Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen verwandelte, die nach Meinung vieler Beobachter nur durch das Eingreifen sowjetischer Truppen beendet wurden. Die Verhältnisse, die für den damaligen Ausbruch verantwortlich gemacht wurden, scheinen sich bis auf den heutigen Tag nicht wesentlich geändert zu haben.

Diese dunklen Zukunftsszenarien, die bereits seit Mitte der 90er Jahre entworfen werden, scheitern aber zunehmend an einem wichtigen empirischen Detail: die Konflikte bleiben aus! Und das ist in der Tat irritierend. Denn wendet man auf die Verhältnisse in Kirgistan Konfliktforschungsansätze an, welche die strukturellen Ursachen von Gewaltkonflikten untersuchen, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die Chance für den Ausbruch eines Konfliktes weitaus größer ist als die Chance, dass ein Konflikt ausbleibt.[5] Auch Ansätze, die mehr auf die autoritativen Bestrebungen der herrschenden Clique in Bischkek und den damit verbundenen prognostizierten Ausschluss konkurrierender Eliten (besonders im Süden) von den Verteilungsketten abzielen, müssen zu der Erkenntnis kommen, dass sich eigentlich ein Konflikt längst hätte abzeichnen müssen in einem Land, in dem es überraschenderweise verhältnismäßig ruhig bleibt.

Warum ist das so? Was sind die Gründe für die relative Stabilität Kirgistans?

Auf diese Frage Antworten zu finden ist das Hauptanliegen dieser Diplomarbeit. Es geht darum, verschiedene theoretische Ansätze aus der Konfliktursachenforschung und einzelne Ansätze aus der inzwischen sehr breiten Transformationsforschung auf die Entwicklungen Kirgistans seit der Perestroika anzuwenden. Dabei wird die These vertreten, dass für den Ausbruch oder das Ausbleiben von Konflikt in Kirgistan die eigennutzorientierten Machtstrategien der herrschenden Zentraleliten entscheidend sind. Nicht Landknappheit oder ethnische Gegensätze, schon gar nicht religiöser Extremismus, sondern das Handeln von Akteuren, die der staatlichen Spitze zugerechnet werden können, also an den Schalthebeln der Macht sitzen, ist verantwortlich für Krieg oder Frieden. Gewaltkonflikt ist danach Teil einer Strategie, der dann angewendet wird, wenn es dem persönlichen Profit nutzt und der verhindert wird, wenn ansonsten den eigenen Interessen Schaden droht.

Um diese These zu überprüfen werden in der vorliegenden Arbeit zwei Fallstudien durchgeführt. Die erste und auch weitaus umfassendere hat die Ereignisse von Osch vom Juni 1990 zum Thema, also den wohl bedeutendsten Konflikt auf kirgisischem Boden seit Beginn der Perestroika. In der zweiten, etwas kleineren Studie werden die Ereignisse von Aksy, also der Zusammenstoß zwischen Demonstranten und Polizeikräften im März 2002, und ihre Folgen für die politische Entwicklung Kirgistans im Jahr 2002 in den Blick genommen.

Ursprünglich war gedacht, die Untersuchung der Ereignisse von Osch als eine Art Aufhänger für eine größere Analyse der heutigen Situation Kirgistans zu nutzen. Im Zuge der Arbeit an diesem Kapitel durfte ich jedoch feststellen, dass sich das Material, so gering es im Umfang auch ist, als äußerst interessant, weil widersprüchlich und irritierend, herausstellte. Aus diesem Grund habe ich den Ereignissen von Osch weitaus mehr Aufmerksamkeit gewidmet und versucht, neuere Ansätze aus der Kriegsursachenforschung in einer Art kreativen Eklektizismus auf diesen Konflitk anzuwenden. Die Analyse des Oschkonflikts macht dann auch den zentralen Teil der Diplomarbeit aus. Manche der Erkenntnisse aus dieser Untersuchung werden am Ende des entsprechenden Kapitels gesondert diskutiert, so zum Beispiel die Möglichkeiten einer neuen Herangehensweise bei der Analyse zentralasiatischer Gewaltkonflikte der Perestroikaphase. Damit soll Überschneidungen von Ergebnisdiskussionen bei den abschließenden Betrachtungen am Ende der Arbeit vorgebeugt werden.

Die Ereignisse von Aksy treten mit dieser Vorgehensweise etwas in den Hintergrund. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nur im breiteren Sinne um eine Konfliktanalyse handelt. Denn interessant bei diesen Auseinandersetzungen im Süden der Republik ist nicht die Frage, wie es zu dem Konflikt kam (obwohl auch darauf eine Antwort geliefert werden soll), sondern warum eine Eskalation ausblieb, obwohl viele Beobachter eine solche für unvermeidbar hielten. Möchte man dieses Problem lösen, muss man die Perspektive ändern, und die Zeit nach den Ereignissen von Aksy rückt in den Fokus der Analyse.

Die Ergebnisse aus der Fallstudie zu den Ereignissen von Aksy münden anschließend unter Hinzunahme der Ergebnisse aus der ersten Fallstudie ein in umfassendere Überlegungen zur Diskussion um die Frage nach den Funktionsprinzipien der postsowjetischen Machtordnung Kirgistans. Ziel ist es nachzuweisen, dass auch die Frage von Konflikt ein Bestandteil jener Machtordnung ist und es deswegen gilt, die Funktionsprinzipien von Machtausübung in Kirgistan unter die Lupe zu nehmen, wenn man verstehen möchte, was die Dynamik von Konflikten in der postsowjetischen Peripherie bestimmt.

2. Die Ereignisse von Osch

2.1 Einführung in die Erzählungen

Thema und Zielsetzung

Dieses Kapitel befasst sich mit den Ereignissen von Osch vom Juni 1990 und bildet den zentralen Untersuchungsabschnitt der vorliegenden Diplomarbeit. Die Ereignisse von Osch waren der wohl heftigste Ausbruch ethnischer Gewalt in Kirgistan in den Umbruchsjahren der Perestroika, vielleicht sogar in ganz Zentralasien. Usbeken und Kirgisen fielen zu Tausenden übereinander her. Innerhalb weniger Tage starben mehrere hundert Menschen und erst Monate später konnte die Situation stabilisiert werden.

Die in diesem Kapitel als „Erzählungen“ deklarierten Untersuchungen dienen dem Ziel, die These von einer Initiierung dieses Konfliktes durch regionale Eliten zu überprüfen. Damit wendet sich diese Analyse des Oschkonfliktes gegen Erklärungen, nach denen dieser in erster Linie durch soziostrukturelle oder gar kulturelle Faktoren bedingt wurde. Innerhalb der Konfliktursachenforschung soll darüber hinaus die entscheidende Rolle eigennutzorientierter Handlungen von Elitenakteuren für das Entstehen von ethnischen Konflikten betont werden. Gerade auch für solche Konflikte, die als „ethnic riots“ auf den ersten Blick den Charakter eines spontanen Gewaltausbruchs, bedingt vielleicht durch lang aufgestauten ethnischen Hass, angeheftet bekommen.

Auf der anderen Seite sollen durch die Zentrierung auf die These von einer Initiierung des Oschkonfliktes nicht alle anderen möglichen Faktoren ausgeblendet werden. Vielmehr geht es um den Versuch, durch die Aufdeckung verschiedener Dimensionen der Konfliktgenese deutlich zu machen, wie komplex die Gründe für den Gewaltausbruch waren. Eine Diskussion der Ergebnisse dieser „Aufdeckungen“ soll am Ende der „Erzählungen“ dann noch einmal verdeutlichen, warum trotz der verschiedenen Dimensionen der Konfliktgenese die These von der Konfliktinitiierung ihre Berechtigung besitzt.

Fakten und ihre Interpretation

Über die Ereignisse von Osch stehen nur wenige Informationen zur Verfügung. Primärquellen, also beispielsweise Zeugenaussagen, Verwaltungsstatistiken, Gerichtsakten, Verhörprotokolle, Filmaufnahmen oder Krankenhausdaten existieren nicht oder sind nur bedingt zugänglich. Eine Analyse ist also auf Informationen angewiesen, wie sie von Journalisten oder anderen Beobachtern geliefert werden (und muss sich in jedem Fall auf Daten und Quellen stützen, die nicht direkt Zeugnisse des Konfliktes sind, wie Bevölkerungsstatistiken, Informationen zur historischen Entwicklung in der Ošskaja Oblast' – dem Verwaltungsgebiet, dessen Zentrum die Stadt Osch ist – oder Daten zur offiziellen Kaderpolitik in der Kirgisischen SSR.) Die Gefahr, dass bei einem solchen Informationsdefizit im Endergebnis nur ein Konstrukt produziert wird, welches mit der vergangenen Wirklichkeit nichts gemein hat, scheint groß. Wenn nur wenige gesicherte Fakten existieren und sich diese nicht ohne Weiteres in ein Bild einfügen, dann steigt die Gefahr, dass sie von einem Forscher an die falschen Stellen des Bildes gesetzt werden. Existierten mehr Fakten, würden sich auch die Möglichkeiten der Anordnung zu einem schlüssigen Bild, wenn vielleicht auch theoretisch erhöhen, so doch praktisch verringern.

Was muss getan werden, um dieser Gefahr zu begegnen? Um das Problem besser zu fassen hilft eventuell ein Blick auf das allgemeine Verhältnis von Fakten und Interpretationen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften, auf die Beziehung zwischen als unverrückbar anerkannten Tatsachen und der schöpferischen Imaginationskraft des deutenden Forschers, der aus diesen Tatsachen mitunter gegensätzliche Schlussfolgerungen ziehen kann. Und vielleicht kann auch anhand dieses Blickes auf die Grundzüge historischen und sozialwissenschaftlichen Forschens deutlich gemacht werden, worauf ein Forscher seine besondere Kraft zu verwenden hat, wenn er sich mit einer solch unvorteilhaften Quellenlage konfrontiert sieht, wie das bei einer Untersuchung der Ereignisse von Osch der Fall ist.

Fakten und Fiktionen bei Richard J. Evans

Ich möchte das genannte Problem mit einem Verweis auf die Überlegungen Richard J. Evans in seinem Buch „Fakten und Fiktionen“ erörtern. In diesem Werk setzt sich Evans mit den Vorwürfen postmoderner Theoretiker auseinander, die in ihrer radikalsten Denkrichtung Geschichte mit Geschichtsschreibung gleichsetzen und sie als Produkt eines schöpferischen Konstruktionsaktes der Historiker verstehen. Damit verliert Geschichte die ihr ursprünglich zugeschriebene Eigenschaft einer Widerspiegelung des tatsächlich Gewesenen, der vergangenen Wirklichkeit. Ein Geschichtswerk und letztlich damit auch eine solche Untersuchung, wie sie hier präsentiert wird – da auch diese sich auf historische Dokumente stützt und ein Ereignis aus der Vergangenheit zu interpretieren sucht – wird damit zu einem Produkt des Historikers, das nichts mehr aussagt über die Vergangenheit, sondern nur über den Verfasser.

Evans wendet sich gegen eine solche Theorie und schaut zunächst einmal auf die Rolle von Fakten in der Geschichte. Er erklärt, dass Fakten auch außerhalb der Geschichtsschreibung existieren, unabhängig davon, ob ein Forscher sie „entdeckt“ hat oder nicht. Entscheidend, so Evans, sei die Transformation von Fakten in Belege, also der Versuch des Historikers, anhand von historischen Fakten eine These über den wahren Verlauf oder Zustand eines Abschnitts der Vergangenheit zu stützen. Erst an diesem Punkt komme die Konstruktionskompetenz des Historikers zum Einsatz.[6] Aber, und das ist für eine Abwehr postmoderner Vorwürfe ausschlaggebend, seien auch hier dem Historiker gewisse Grenzen gesetzt. Er könne nicht frei jeglicher Zwänge die Fakten, bzw. die Quellen, die ihn von der Existenz gewisser Fakten unterrichten, benutzen, sondern müsse sich dabei den Regeln einer logisch- rationalen Bezugnahme beugen. Man kann nicht in eine Quelle hineininterpretieren, was durch die Aussagen einer Quelle nicht gedeckt wird: „Wir sind in unserer Interpretation durch die Wörter, die der Text enthält, begrenzt, Wörter, die keineswegs, wie die postmodernen Denker meinen, eine unendliche Anzahl von Bedeutungen annehmen können.“[7]

Auf der anderen Seite ist laut Evans der Historiker einer größtmöglichen Offenlegung seiner Beweggründe für die Wahl seines Untersuchungsgegenstandes verpflichtet. Und er muss erklären, warum er ihn auf jene Art und Weise zu untersuchen gedenkt und was die Hintergründe für die Annahme seiner Thesen sind. Er muss offenlegen, von was für einem Standpunkt aus er sich dem Forschungsgegenstand nähert. Dahinter steht die Feststellung, dass das Interesse eines Historikers aus der Gegenwart herrührt. Er formt es zu einer Theorie und nähert sich so seinem Gegenstand: „Theorie leitet sich stets aus der Gegenwart der Historiker ab, nicht aus ihren Quellen. Die Verwendung von Theorie ist für Historiker unumgänglich.“[8] - „Historiker werden stets von ihren aktuellen Anliegen geleitet; die Wahrheit geht nicht aus einer vorurteilsfreien, neutralen Lektüre der Quellen hervor, selbst wenn dies möglich wäre.“[9] Daraus lässt sich schlussfolgern, dass in die Interpretation von Fakten tatsächlich ein großes Maß an eigener schöpferischer Kraft einfließt. Dieses Maß muss sich aber immer selbst darstellen und darf niemals die von den Quellen gesetzten Grenzen verlassen.

Das Ergebnis einer solchen Herangehensweise fasst Evans folgendermaßen zusammen: „Unsere Quellen und die Methoden, mit denen wir sie behandeln, versetzen uns, wenn wir sehr vorsichtig und gründlich vorgehen, in die Lage, uns einer Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit anzunähern, die zwar unvollständig und provisorisch sein mag – und mit Sicherheit nicht absolut neutral ist -, die aber dennoch wahr ist. Natürlich sind wir uns darüber im klaren, daß wir bei der Auswahl des Materials für die Geschichten, die wir erzählen, und beim Zusammenfügen und Interpretieren dieses Materials nicht frei sind, sondern geleitet werden: von literarischen Modellen, von sozialwissenschaftlichen Theorien, von moralischen und politischen Überzeugungen, von ästhetischen Vorstellungen und sogar von unseren eigenen unbewußten Annahmen und Wünschen. Wer das nicht sieht, der macht sich etwas vor. Und doch sind die Geschichten, die wir erzählen, wahre Geschichten, selbst wenn die Wahrheit, die sie erzählen, unsere eigene ist, und selbst, wenn andere Menschen sie anders erzählen können und werden. Denn die Tatsache, daß keine Beschreibung irgendeines Gegenstandes von der Perspektive des Autors völlig unabhängig sein kann, bedeutet nicht, daß keine Beschreibung irgendeines Gegenstandes wahr sein kann.“[10]

[...]


[1] Zitiert bei Lubin (1999), S. xv.

[2] Vgl. die Analyse Nancy Lubins zu Sicherheitsfragen im Fergantal, Lubin (1999).

[3] Vgl. Worldbank (2003).

[4] So beispielsweise Moldaliev (2002), Peimani (2002) oder Schoeberlein (2002).

[5] Vgl. zum strukturellen Ansatz Gurr (1993).

[6] Vgl. dazu Evans (1998), S. 79 f.

[7] Ebenda, S. 106.

[8] Ebenda, S. 86.

[9] Ebenda, S. 89.

[10] Ebenda, S. 239.

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Macht und Ethnizität in der Postsowjetischen Peripherie
Untertitel
Zur Dynamik von Konflikten in Kirgistan
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,1
Autor
Jahr
2004
Seiten
114
Katalognummer
V127087
ISBN (eBook)
9783640336418
ISBN (Buch)
9783640336654
Dateigröße
1189 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Ethnizität, Postsowjetischen, Peripherie, Dynamik, Konflikten, Kirgistan
Arbeit zitieren
Diplom Kulturwissenschaftler Alexander Wolters (Autor), 2004, Macht und Ethnizität in der Postsowjetischen Peripherie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127087

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