Der transatlantische Sklavenhandel. Herkunft der Schiffe, Stationen der Reise und der Einfluss ausländischer Institutionen auf die afrikanische Ökonomie und Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2022

62 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1) Allgemeines zum Begriff „Sklaverei" und dem Sklavenhandel

2) DerTransatlantischeSklavenhandel, 15-18Jh
2.1 Der Dreieckshandel
2.2 Rekrutierung
2.3 Die Händler
2.4 Die grausamen Passagen
2.5 Die Sklaven in Amerika-Ankunft und Verkauf

3) Wirtschaftsgeschichtliche Analyse
3.1 Wie können Institutionen die ökonomische Effizienz einer Volkwirtschaft beeinflussen?
3.2 Auswirkungen aufdie afrikanische Wirtschaft
3.3 Auswirkungen aufdie politischen Institutionen in Afrika
3.4 Afrikas Wirtschaftswachstum

4) Fazit

Literaturverzeichnis

„Die Menschen tragen Ketten und sind Sklaven; aber sie sind nicht geboren, es zu sein, und haben die Hoffnung nicht verloren, wieder frei zu sein“ (Claudius, 1774)

Einleitung

Auch wenn die europäischen Händler in Afrika auf ein System trafen, im dem die gegenseitige Versklavung, etwa nach Kriegs- und Beutezügen, nichts Neues war, entlässt dieser Umstand Europa keinesfalls aus der Verantwortung oder lässt eine Deutung zu, wonach sich Europa nicht „bekleckert“ (Conrad, 2021) hätte bei der Übernahme dieses Ausbeutemodells. Vor allem, da die Profitgier in circa drei Jahrhunderten eine Dimension unnachahmlicher Größe erreichte und demensprechend viele (Millionen) von Menschen versklavt worden sind. Moralisch geht die Debatte um die Sklavenhaltung unabdingbar einher mit jener der kritischen Sichtweise gegenüber dem Kolonialismus im Allgemeinen, wobei beim Unrechtsgedanken gegenüber der Versklavung auch die kulturell-politische Frage zu stellen ist, woran denn dieser Sklavenmarkt anknüpfen konnte. Noch zu Beginn des 20. Jhdt. ordnete das Gros der Geschichtsforschung den Sklavenhandel als für den betroffenen Einzelnen selbst und für den afrikanischen Kontinent im Allgemeinen als positiv-segensreiches Unterfangen ein, da ein heidnisch-dunkler Kontinent dem Segen des fortgeschrittenen christlichen Westens „zugeführt“ worden sei. Diese Auffassung hielt sich bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, als im Zuge der Entkolonialisierung und durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ein neues Muster die herkömmliche Auffassung kontrastierte, als nämlich die Sklavenhändler zu menschenraubenden „Invasoren“ gerieten, deren profitables System gleichzeitig den ökonomischen Fortschritt in Europa und Amerika finanzierte. Inzwischen gilt eine etwas ausgewogenere Sicht der Dinge, zumal die Europäer, die im 15. Jhdt. die Küsten Westafrikas „entdeckten“, auf eine Welt trafen, die sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich dem damaligen Europa in nichts nachstand. (Hahn, 2006)

So gilt, dass in den Augen vieler Historiker die „Entwicklung Europas und die Unterentwicklung Afrikas“ stark miteinander vernetzt sind. Viele der heutigen Darstellungen des Sklavenhandels basieren auf dieser oder auf der komplett konträren Ansicht bezüglich dieser Annahme. Die kritischen Sichtweisen beider Seiten sollen nicht unterminiert werden, sondern aufzeigen, dass es vielleicht doch nicht ganz so einfach war/ist, ein klares Bild zu konstruieren. Laut heutigem Stand der Forschung wissen wir, dass das damalige Afrika und die afrikanischen Völker, jenen der europäischen in Sachen ökonomischem und politischem Entwicklungsniveau keinesfalls unterlegen waren. Afrikaner betrieben Ackerbau und Viehzucht, Manufakturen und Bergwerke und hatten eine Jahrhunderte alte Tradition was den Fernhandel anlangte. Afrika war während des gesamten Zeitabschnittes des Sklavenhandels niemals abhängig von europäischen Produkten, Waren und Exportgütern. Die einzigen Gegenstände, die Europa an Afrika verkaufen konnte, waren Dinge, welche man heute als Luxusgüter bezeichnen würde. (Hahn, 2006)

Als dann Handelsbeziehungen aufgebaut wurden, konnten die Europäer, denen die Sklaverei aus der eigenen Geschichte nicht fremd war und in dessen nachmittelalterlichen Lebenswelt „Hörige“ und “Leibeigene“ Alltag waren, in Afrika an eine Praktik anknüpfen, die „seit dem 9. Jhdt. zwischen West- und Nordafrika lebhaft betrieben“ wurde und deren (moslemische) „Handelswege sich bis in den Fernen Osten“ erstreckten. Die Sklaverei war in Afrika weit verbreitet, dass sie immer „in den Händen Afrikas geblieben“ ist und Europa in den folgenden Jahrhunderten keinerlei territorialen Gewinne verzeichnen konnte, spricht von der „politisch-militärischen Stärke der verschiedenen afrikanischen Staaten“ sowie auch für die von den Afrikanern in langer Geschichte aufgebauten wirtschaftlichen Verbindungsnetzwerke. So blieb der Sklave bis zum eigentlichen Geschäft an der Küste in der Hand der Afrikaner. Diese raubten ihre eigenen Landsleute und tauschten sie an den Umschlagplätzen gegen europäische Waren ein. Was nach der Überwindung der Schiffsreisen in der „Neuen Welt“ entstand, war eine Art Gesellschaft zwischen afrikanischen „Sklaven, Europäern und indigenen Amerikanern“, deren Leben einerseits das harte Dasein auf den Plantagen und andererseits die „Machtausübung“ der Europäer gegenüber den Afrikanern und Indigenen ausmachte. (Hahn, 2006)

Die Intention dieser Arbeit ist es, neben der zeitlichen Abgrenzung, dem Aspekt des Menschlichen und der wirtschaftlichen Dimension, den transatlantischen Sklavenhandel, die wichtigsten Einschiffungs- und Ausschiffungsregionen afrikanischer Sklaven sowie die sogenannten „Middle Passage“ - die mittlere Etappe der typischen Sklavenhandelsreise - zu skizzieren. In ökonomischer Hinsicht soll untersucht werden, ob und wie ausländische Institutionen, welche für den Sklavenhandel etabliert wurden, noch heute Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer Länder haben. Ein Großteil der Forschung auf diesem Gebiet konzentriert sich primär auf die Kolonialzeit und deren Folgen. Die Kolonialzeit dauerte aber nur ca. 70 Jahre, wohingegen der von den Europäern geschaffene transatlantische Handel mit Sklaven fast 500 Jahre andauerte. Für mich ist es deshalb von größtem Interesse eben jenen Zeitraum genauer zu beleuchten und einen Überblick über die im Verhältnis kleine, aber wachsende Literatur zu geben. Das methodische Vorgehen für die Untersuchung und Beschreibung der genannten Thematiken liegt in der hermeneutischen Analyse der von mir gewählten Literatur. Die Arbeit stellt also eine zusammenfassende Inhaltsanalyse dar, in welcher ich relevante Daten bezüglich des von mir gewählten Themas aus der Literatur filtere und auf eine überschaubare Menge an Text reduziere. Dies gilt auch für den Inhalt der nachfolgenden Kapitel.

Um einen Überblick bezüglich der Sklavenhandelsnationen, der Ursprungshäfen, der afrikanischen Regionen von denen aus Sklaven an Bord der Schiffe gebracht wurden und der amerikanischen Stationen, an denen Sklaven von Bord gebracht wurden, zu schaffen, orientiert sich diese Arbeit am Atlas of the Transatlantic Slave Trade von David Eltis und David Richardson sowie an einer Online­Datenbank (Slavevoyages) zum transatlantischen Sklavenhandel, welche das Ergebnis jahrzehntelanger unabhängiger und gemeinsamer Forschungsarbeiten von Wissenschaftlern sind. Der Atlas zeichnet laut den Autoren das bis dato umfassendste Bild der Geografie und der dieser zugrunde liegenden Muster der größten erzwungenen ozeanischen Migration von Menschen in der Geschichte. Die Datenbank ist über den Link: slavevoyages.org erreichbar. Die Website wird gegenwärtig von der Rice University gehostet und wurde mithilfe der University of Harward und California sowie dem Emory Center for Digital Scholarship ins Leben gerufen. Die Datenbank beinhaltet Einzelheiten zu rund 35.000 Sklavenfahrten. Schätzungsweise sollen diese ungefähr 80% aller Sklavenfahrten ausgemacht haben. Die Voyages Website weist eine Schnittstelle „Estimates“ und eine Schnittstelle „Database“ auf. „Estimates“ enthält geschätzte Aufzeichnungen wohingegen sich „Database“ nur auf tatsächliche Reiseaufzeichnungen bezieht. Um Verwirrungen zu vermieden, ist es daher essenziell, die Quellenangaben der jeweiligen in dieser Arbeit angeführten Tabellen zu betrachten, da sich die angeführten Zahlen und Daten unterscheiden können. Auch ist es wichtig, zwischen der Zahl der Ein- sowie Ausschiffungen zu differenzieren, denn es gab eine hohe Sterblichkeitsrate während der Überfahrten und die Summen dieser Zahlen sind meist divergent. Mithilfe des Atlanten, der Datenbank und zusätzlicher Literatur wird zum einen versucht, die Routen, auf welchen versklavte Afrikaner über den Atlantik in die neue Welt gebracht wurden, auszuwerten und zum anderen das Ausmaß dieses Handels zu demonstrieren.

Die mehr als zwanzig Seiten lange Liste der Quellen, welche zur Erstellung der Datenbank herangezogen wurde, kann unter dem Link: https://www.slavevoyages.org/voyage/about#sources/3/en/ eingesehen werden.

Um zu untersuchen, wie sich der Sklavenhandel und speziell die ausländischen Institutionen, welche für diesen etabliert wurden, in wirtschaftlicher Hinsicht auf die afrikanischen Entsendeländer ausgewirkt haben, werden primär die Studien von Nathan Nunn, einem Harvard Ökonomen, der sich dieser Thematik verschrieben hat, herangezogen. Er versucht der Frage auf den Grund zu gehen, ob sich ein Teil der gegenwärtigen Unterentwicklung Afrikas, durch den Sklavenhandel erklären lässt. Nunn stützt sich bei seinen Ausarbeitungen ebenfalls auf Daten von Schifffahrtsaufzeichnungen und auf historische Dokumente, welche er verwendet, um die Beziehung zwischen der Anzahl der aus einem Land exportierten Sklaven und der heutigen Wirtschaftsleistung eben dieser Länder aufzuzeigen.

Die Haupterkenntnisse, welche im Zuge der Literaturanalyse erhoben wurden, sind, dass die meisten Sklaven an den Küstenregionen Afrikas gefangen genommen wurden und ungefähr die Hälfte der Sklaven in Westafrika und St. Helena an Bord der Sklavenschiffe gebracht worden ist. Nahezu jedes Land, das an der Atlantikküste angesiedelt war, und jede Nation, die sich am Atlantikhandel beteiligte, war zur Zeit des transatlantischen Sklavenhandels (1501-1867) in den Sklaventransport von Afrika nach Amerika verstrickt. Spanien Portugal und Großbritannien waren die führenden Sklavenhandelsnationen. Bahia, Liverpool und Rio de Janeiro sind jene Häfen, von welchen aus die meisten Sklavenschiffe in Richtung Afrika in See gestochen sind. Winde und Meeresströmungen schufen zwei Systeme für den Sklavenhandel, nämlich jenes im Norden mit Reisen aus Europa und Nordamerika und jenes im Süden mit Reisen aus Brasilien und dem Rfo de la Plata. 18% der Sklaven starben während dieser Passagen. Die meisten der aus Afrika verschleppten Sklaven landeten in Brasilien und der Karibik. Die für den Sklavenhandel geschaffenen Institutionen haben die damalige afrikanische Wirtschaft und Gesellschaft in vielerlei Hinsicht beeinflusst und tun dies teilweise bis heute. So sind in Afrika jene Länder heute am ärmsten, von welchen aus damals am meisten Sklaven exportiert wurden. Der Sklavenhandel hat eine Kultur des Misstrauens geschaffen, welche die wirtschaftliche und institutionelle Entwicklung einiger Länder Afrikas bis heute beeinflusst.

Die vorliegende Arbeit besteht aus vier Kapiteln. Kapitel eins hält sich äußerst kurz und erklärt bzw. definiert den Sklavenhandel und den Begriff des Sklaven in wenigen Absätzen. Kapitel zwei widmet sich dem transatlantischen Sklavenhandel und ist in fünf Unterkapitel aufgegliedert. Diese sind „der Dreieckshandel“, „die Rekrutierung“, „die Händler“, „die grausamen Passagen“ und „die Sklaven in Amerika“. In Kapitel zwei findet sich auch ein Überblick bezüglich der Umstände, um welche herum sich der transatlantische Sklavenhandel entwickelten konnte, und es werden die Handelsnationen und Ursprungshäfen sowie Afrikas bevorzugte Sklavenrekrutierungsregionen und Umschlagplätze aufgezeigt. Dieser Abschnitt widmet sich außerdem den Passagen, welche die versklavten Afrikaner zurücklegen mussten und konzentriert sich hierbei speziell auf die so genannte Middle Passage. Zu guter Letzt behandelt Kapitel zwei in kurzer Form die Umstände der Ankunft sowie die des Verkaufs der Sklaven in Amerika. In Kapitel drei wird eine wirtschaftsgeschichtliche Analyse erstellt. Hier interessiert, wie sich der Sklavenhandel und speziell die parallel geschaffenen Institutionen auf die wirtschaftliche Performance der afrikanischen Entsendeländer ausgewirkt hat und ob dieser historische Effekt persistent ist. Das vierte Kapitel bildet das Fazit der Arbeit.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1- Regionen in Afrika, in welchen Sklaven an Bord der Sklavenschiffe gebracht wurden 1501- 1866

Tabelle 2 - Dokumentierte & Geschätze "Sklavenverladungen"

Tabelle 3 - Anzahl von Sklaven die von Afrika aus verschifft wurden gegliedert nach Nationalität 1501 -1875

Tabelle 4 - Die größten Häfen von denen aus Sklavenfahrten gestartet wurden nach Anzahl der ausgeschifften Sklaven

Tabelle 5 - Ungefähre Regionen von denen aus die Fahrten geplant und gestartet wurden

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grobe geographische Übersichtdestransatlantischen Dreieckshandels

Abbildung 2 - Regionen, von denen Sklaven die afrikanischen Küstenregionen in Richtung Amerika verlassen, 1501-1867

Abbildung 3 - Regionen, von denen Sklaven die afrikanischen Küstenregionen in Richtung Amerika verlassen, 1642-1807

Abbildung 4 - Regionen, von denen Sklaven die afrikanischen Küstenregionen in Richtung Amerika verlassen, 1807 - 1867

Abbildung 5 - Winde und Meereströmungen des Atlantiks

Abbildung 6 - Aus Afrika verschleppte Sklaven nach Nationalität des Sklavenschiffs, 1501-1641

Abbildung 7 - Aus Afrika verschleppte Sklaven nach Nationalität des Sklavenschiffs, 1642-1807

Abbildung 8 - Sklaventransporte aus Afrika nach Nationalität des Sklavenschiffs, 1808-1867

Abbildung 9 - Europäische Ursprungshäfen 1501-1641

Abbildung 10 - Europäische Ursprungshäfen 1808-1865

Abbildung 11 - Europäische Ursprungshäfen 1642-1807

Abbildung 12 - Amerikanische Ursprungshäfen 1642-1807

Abbildung 13 - Amerikanische Ursprungshäfen 1808-1867

Abbildung 14 - La Vigilante 1823

1) Allgemeines zum Begriff„Sklaverei" und dem Sklavenhandel

Die Sklaverei und der damit verbundene kommerzielle Handel mit Menschen ist nahezu genauso alt wie die Menschheit selbst und reicht bis in das zwanzigste Jahrhundert herauf. Unabhängig von Gesellschaft, Zeitpunkt und Grad der Zivilisation stellte sie in vielen Teilen der Welt lange die feste Grundlage der sozioökonomischen Strukturen von Kulturen und Gesellschaften dar. Sklaverei gab es im frühen Mesopotamien, sie war fixer Bestandteil im antiken Rom und auch im Hoch- sowie Spätmittelalter allgegenwärtig. Heute ist es unbestritten, dass der rasante Aufstieg der westeuropäischen Volkswirtschaften zu großen Teilen nur durch die von den Europäern geschaffenen Sklavensysteme in der Neuen Welt möglich war. Doch nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und gewissen Teilen des Orients sowie in den islamischen Gebieten waren die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen oftmals in hohem Maße von der Sklaverei abhängig. (Patterson, 1982, S. vii-viii)

In der Antike wurden Sklaven lediglich als „sprechende Werkzeuge“ gesehen. Dass es „klar sei, dass es von Natur aus Freie und Sklaven gebe“, konstatierte auch der Philosoph Aristoteles, so war ein Drittel der Bevölkerung Athens etwa zur Zeit Perikles Sklaven, die auf Schiffen und im Silberbergwerk Laurion arbeiteten. (Tripp, 1999, S. 406ff)

Duden erklärt den Begriff „Sklave“ folgendermaßen:

„...eine Person die (innerlich unfrei) von etwas oder jemanden sehr abhängig ist ...eine Person, die in völliger wirtschaftlicher und rechtlicher Abhängigkeit von einem anderen Menschen als dessen Eigentum lebt“

(Wörterbuch Sklave, 2021)

und unter „Sklaverei“ wird im Buch “Greek & Roman Slavery” folgendes ausgeführt:

“Slavery is an institution of the common law of peoples (ius gentium) by which a person is put into the ownership (dominium) of somebody else, contrary to the natural order”.

(Wiedmann, 1981, S. 13)

2) DerTransatlantischeSklavenhandel, 15-18Jh.

Die Geschichte der modernen Welt ist vom transatlantischen Sklavenhandel grundlegend geprägt. Die Anfänge führen ins frühe fünfzehnte Jahrhundert zurück und diverse Formen von Versklavung hielten sich bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Sklavenhandel ist in unmittelbarem Konnex zu Europas Übergang zum Kapitalismus, zur Entwicklung der Nationalstaatlichkeit und zur Herausbildung des Imperialismus zu sehen. Sklavenhaltung bedingte Europas kommerzielle und industrielle Revolution durch z.B. die Rohstoffbeschaffung, tastete sich durch staatlich verliehene Monopole, durch den Merkantilismus und ging früh zum Freihandel über. Gefördert durch Könige und Parlamente, nährte er das Wachstum der westeuropäischen Nationen und der Imperien. Er wirkte einem akuten Arbeitskräfteproblem entgegen und ermöglichte die wirtschaftliche Entwicklung des tropischen und halbtropischen Amerikas. Der Handel mit Sklaven war das wichtigste Bindeglied zwischen Europa und Amerika auf der einen und Afrika auf der anderen Seite. Er verbesserte den Lebensstandard vieler Europäer und Amerikaner, während er das Leben vieler versklavter Afrikaner erniedrigte. (Rawley & Behrendt, 2005, S. 360)

Im späten fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war der Sklavenhandel essentieller Part einer Welt voller expandierender Imperien und sich entwickelnder Handelswege. Dabei war dies nicht eine Welt, in der die westlichen Mächte die einzigen waren, die Imperien aufbauten. Vor 1492 etwa, war das osmanische Reich dasjenige, das auf globaler Ebene am meisten beeindruckte. Und selbst nachdem Kolumbus 1492 neue Gebiete in Westindien für sich beanspruchte, hatten die Eroberungen und die weitere Expansion des osmanischen Reiches zunächst größere Auswirkungen auf Eurasien als die Entdeckungen von Columbus. Dennoch veränderte die Schaffung neuer Handels­und Machtrouten über den Atlantik die Geopolitik Eurasiens. Der Sklavenhandel ging mit dieser Geopolitik einher. Diese politische Interpretation geographischer Verhältnisse war jedoch nicht der einzige Faktor für die Entwicklung des transatlantischen Sklavenhandels, vielmehr war es das Zusammenspiel von Wirtschaft und Demografie, von Nachfrage, Angebot und Arbeitskräften, welches schlussendlich entscheidend war. Dass sich Epidemien, die von den westlichen Eroberern blitzschnell und mit fatalen Folgen in Amerika eingeschleppt wurden, ebenfalls stark auf die Ausweitung des Sklavenhandels, ausgehend von Afrika, niederschlugen, ist Fakt. Dies gilt insbesondere für die Pocken, die 1520, ein Jahr nach der Ankunft der spanischen Invasionstruppen unter Hernan Cortés, in Mexiko ausbrachen. Die Pocken töteten offenbar mindestens die Hälfte der Azteken im heutigen Mexiko, einschließlich ihres damaligen Anführers Cuitlahuac und setzten der Moral der Überlebenden stark zu. Die Krankheit schwächte den potenziellen Widerstand gegen die westliche Kontrolle auf dem amerikanischen Kontinent. Sie wirkte versklavend, indem sie die sozialen Strukturen und die Wirtschaft der indigenen Haushalte und Gemeinschaften zerstörte, Hungersnöte auslöste und von den Eroberern abhängig machte. Aus westlicher Sicht war die Krankheit auch ein harter Schlag in Sachen Arbeitskraftbeschaffung. Im Jahr 1424 begann die portugiesische Besiedelung Madeiras, wobei sich die Insel zu einem der führenden Zuckerproduzenten entwickelte und Sklaven aus Westafrika zum Einsatz kamen. Damit war der atlantische Sklavenhandel grundgelegt. In den Jahren danach stützten sich die Europäer im Zuge der Kolonisierung Amerikas immer mehr auf afrikanische Sklaven. Zwischen 1500 und 1800 waren fast vier Fünftel der Einwanderer in Amerika Afrikaner, ganz im Gegensatz zu der Situation danach, als sich die großen Einwanderungswellen aus Europa abspielten. Es galt somit, sich die Welt entsprechend zu Recht zu legen: Die afrikanischen Völker wurden als von Natur aus minderwertig angesehen, weil die christliche Botschaft ihnen nicht angeboten und von ihnen nicht angenommen worden war. Tatsächlich wurde die afrikanische Sklaverei von westlichen Denkern weitgehend als naturrechtlich gerechtfertigt angesehen. Dieser Ansatz stützte sich auf das Argument von Aristoteles, dass Menschen, die minderwertig waren, weil sie aufgrund eines Mangels an rationalen Fähigkeiten nur ihren Körper benutzen konnten, von Natur aus Sklaven waren. Versklavung war in diesem Ansatz also keine Behandlung von Gleichgestellten, sondern von Menschen, die von Natur aus Sklaven sein sollten - ein sehr nützliches jedoch mehr als nur unzulängliches Argument. (Black, 2015, S. 19-26)

Die Anfänge des transatlantischen Sklavenhandels können somit ca. auf die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zurückdatiert werden. Den expandierenden, europäischen Kolonialmächten fehlte es in der neuen Welt vor allem an Arbeitskräften. Die Ureinwohner der besetzten Gebiete wurden oftmals rücksichtslos verstümmelt und ermordet bzw. als unzuverlässig empfunden, der Großteil aber wurde von aus Europa eingeschleppten epidemischen Krankheiten dahingerafft. Aufgrund dieser Faktoren war die Nachfrage nach afrikanischen Sklaven groß, denn diese waren, im Gegensatz zu Europäern an das heiße Klima gewöhnt, immuner gegen Tropenkrankheiten, und sie erkrankten wesentlich seltener. Daher galten Afrikaner als hervorragende Arbeitskräfte, die außerdem versiert darin waren, Viehzucht und Ackerbau zu betreiben und auch großes handwerkliches Geschick besaßen. Dass den afrikanischen Sklaven die Umgebung unbekannt und somit eine Flucht viel schwieriger plan- und umsetzbar war, war dem Unterfangen zudem förderlich. (Boddy-Evans, 2018)

2.1 Der Dreieckshandel

Somit war der transatlantische Dreieckshandel geboren. Er florierte im siebtzehnten Jahrhundert und erreichte im achtzehnten Jahrhundert seine absolute Blütezeit. Dieser, mit dem Terminus „Dreieckshandel“ in die Geschichte eingehend, war benannt nach der geometrischen Form, die sich auf Landkarten den Kauffahrten folgend, ergaben. Er galt für die beteiligten Kaufleute als äußerst lukrativ, da sich bei jeder Etappe ein gewisser Profit machen ließ. Die erste Station des Dreieckshandels war Europa. Von hier aus wurden Waren wie z.B. Stoffe, Spirituosen, Waffen, Tabak, Perlen usw. nach Afrika gebracht. Dort angelangt, wurden die eben genannten Waren gegen versklavte Afrikaner getauscht. Im nächsten Abschnitt dieses Transfers galt es, die erworbenen Sklaven nach Amerika zu verschiffen und an den dortigen Häfen gegen die auf den Plantagen und Minen erzeugten Waren und Güter wie etwa Baumwolle, Zucker, Rum, Edelmetalle einzutauschen. Den dritten und letzten Abschnitt des Dreieckhandels machte der Transport dieses Guts zurück nach Europa aus. (Ressel, 2021)

Ursprünglich wurden die für den transatlantischen Sklavenhandel versklavten Afrikaner zunächst in Senegambia und an der Windward Coast beschafft. An der s.g. „Goldküste“ wurden dazu eigens Festungen als Handelsstützpunkte errichtet, wie etwa die Festung Elmina, die schon 1482 von den Portugiesen an der Küste der heutigen Republik Ghana gebaut wurde. Die dortigen felsigen Küstenlandschaften erleichterten die Landung der Schiffe und somit den Warenumschlag erheblich. Elf dieser Forts hat die UNESC0 1979 in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen. (UNESCO, 2021)

Um 1650 verlagerte sich der Handel mehr und mehr nach West- und Zentralafrika (Kongo und Angola). Händler aus verschiedensten europäischen Ländern steuerten Häfen in dieser Region an und betrieben dort Handel mit den dominanteren afrikanischen Gesellschaftsgruppen, welche wiederum die Sklaven, ihre eigenen Landsleute, zum Verkauf darboten. Ursprünglich, nämlich von 1440­1640, hatte Portugal das Monopol auf die Ausfuhr versklavter Afrikaner. Es ist davon auszugehen, dass Portugal während des gesamten transatlantischen Handels mit Sklaven für den Transport von ungefähr 4,5 Millionen Afrikanern verantwortlich war, dies entspricht ca. 40% der Gesamtzahl an verschifften Sklaven. Es interessiert, dass die meisten Sklaven mit der vollen und aktiven Unterstützung von afrikanischen Königen und Kaufleuten erworben wurden. Nur gelegentlich gab es von europäischer Seite aus organisierte militärische Aktionen, um Afrikaner selbst zu rauben und zu versklaven, insbesondere von den Portugiesen im heutigen Angola. Die Zahl der Afrikaner, die durch solche Aktionen in Sklaverei gerieten, macht jedoch nur einen kleinen Prozentsatz aus. Eine besondere Tragik bestand darin, dass viele der versklavten Menschen schon auf der Überfahrt, der sogenannten „Middle Passage“ an Unterernährung und Krankheiten starben oder schlichtweg erstickten und verdursteten. Dies bedingte, dass durchschnittlich etwa 13% der Sklaven während des Transfers umkamen. Die meisten von ihnen wurden nach Brasilien, in die Karibik, einige auch in das spanische Reich verfrachtet. Eingesetzt wurden sie dort meist auf den Plantagen und in Minen. Der transatlantische Sklavenhandel hielt sich insgesamt rund 350-400 Jahre und wurde erst gegen Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts abgeschafft. (Boddy-Evans, 2018)

Abbildung 1: Grobe geographische Übersicht des transatlantischen Dreieckshandels

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Quelle: Aistair Boddy-Evans, Online: https://www.thouahtco.com/the-trans-atlantic-slave-trade-44544 Abgerufen am: 23. Oktober 2021

Im Rahmen des Dreieckshandels fuhren also kurz gesagt, Schiffe von Europa nach Westafrika und tauschten dort Handelsgüter gegen Gefangene, reisten von afrikanischen Küsten weiter in die Karibik (Middle Passage) und kehrten dann mit allerlei Produkten und Rohstoffen aus der Neuen Welt nach Europa zurück.

2.2 Rekrutierung

Dieser Abschnitt beginnt mit einem der wenigen Berichte aus Sicht eines Verschleppten, sie findet sich in dem Buch: A Narrative of the Life and Adventures of Venture, a Native of Africa: But Resident above Sixty Years in the United States of America und erzählt davon, dass Broteer Furro, ein afrikanischer Junge und Prinz, die Nachricht erreicht, welche sein Leben für immer verändern wird, während er nichtsahnend im Haus seiner Eltern spielt. Sein Vater, Saungm Furro, erhält die Nachricht, dass eine Armee, welche den Nachbarstaat verwüstet habe, nun auf dem Weg zu ihrem Land sei. Broteer und die Dorfbewohner ziehen sich eilig zurück, versuchen sich zu verstecken doch die anrückende Armee zwingt sie zum Kampf. Frauen und Kinder verbergen sich im Schilf, werden jedoch sofort gefunden, Broteer bekommt einen Schlag auf den Kopf und einen Strick um den Hals und wird mit anderen Frauen, Männern und Kindern des Dorfes aneinander gekettet. Während des Marschs zu einem nahegelegenen Lager muss Broteer mit ansehen, wie sein Vater zu Tode gefoltert wird. Die Soldaten nehmen Broteer und die weiblichen Gefangenen mit und treiben sie in Richtung Meer, eine beschwerliche Reise, auf der Broteer gezwungen wird, die Waffen und das Gepäck eines Soldaten zu transportieren sowie einen 25 Pfund schweren Schleifstein auf dem Kopf zu tragen. Als die Armee Anamaboo erreicht, ein Gebiet, das an das Meer grenzt, wird sie angegriffen und selbst besiegt. Broteer wird daraufhin erneut gefangen genommen und zur Goldküste gebracht, an der er an den Steward der Charming Susanna, einem Sklavenschiff aus Rhode Island, verkauft wird. Unter dem Namen Venture Smith beginnt für Broteer ein neues Leben, traumatisiert, allein und als Sklave. (Venture, 1798, S. 5-13)

Diese Zusammenfassung der Aufzeichnung einer Gefangennahme eines afrikanischen Jungen ist wohl exemplarisch für die Rekrutierung hunderttausender Sklaven in Afrika. In den folgenden Abschnitten interessiert, welche Gebiete und Häfen des schwarzen Kontinents dafür besonders prädestiniert waren, Menschenraub, Knechtschaft und Sklavenhandel aufkommen zu lassen.

Folgende tabellarische Aufzeichnung macht die prominenten Sklaven Herkunftsdestinationen anschaulich:

Tabelle 1- Regionen in Afrika, in welchen Sklaven an Bord derSklavenschiffe gebracht wurden 1501-1866

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Slave Voyages - Trans-Atlantic Slave Trade - Estimates - Erstelle Table: Row 25 years; Columns Embarkation regions; Cells only embarked http://www.slavevoyages.org/estimates/lwh9bvpC Abgerufen am: 29. Oktober 2021

Daneben gibt es nur begrenzt Informationen über die Herkunft der afrikanischen Sklaven im transatlantischen Sklavenhandel. Ebenso sind die Aufzeichnungen über die Unterjochung, die Umstände, unter welchen Menschen an die Küstenregionen Afrikas und später auf die Plantagen oder in die Minen von Amerika gelangt sind, lückenhaft. Viele der afrikanischen Sklaven stammten aus dem Landesinneren und brauchten Monate um die afrikanischen Küsten zu erreichen, die Mehrzahl jedoch wurde in küstennahen Regionen rekrutiert. (Eltis & Richardson, 2010, S. 87)

Genauer sind hingegen die Informationen bezüglich der Orte bzw. Regionen, an welchen die Sklaven verkauft und an Bord der Sklavenschiffe gebracht wurden. Was Tabelle 1 und die Abbildungen 2 - 4 demonstrieren, sind die wichtigsten acht Herkunfts-Regionen und den Stellenwert, welche die jeweiligen geographischen Abschnitte im Laufe der Zeit für den transatlantischen Sklavenhandel hatten. Dass fast die Hälfte der Sklaven, rund 5,2 Millionen in Westzentralafrika und St. Helena auf Sklavenschiffe gebracht wurde, wird ebenso deutlich, wie die Einschiffung von knapp zwei Millionen Sklaven in der Bucht von Benim und rund 1,6 sowie 1,2 Millionen in der Bucht von Biafra und an der Goldküste.

Tabelle Nr. 2 soll die Anzahl von einerseits geschätzten und andererseits dokumentierten „Sklavenverladungen“ aufzeigen. Es ist zu beobachten, dass vor allem in den Jahren 1501-1641 die Dokumentation von der tatsächlichen Anzahl an Sklaven welche verladen wurden eher gering ist und man von einer großen Dunkelziffer ausgeht (Estimated embarkations). In den darauffolgenden Jahrhunderten verbesserte sich die Dokumentation der offiziellen Verladungen und somit verringern sich die Dunkelziffern bzw. die rein geschätzten Werte.

Tabelle 2 - Dokumentierte & Geschütze "Sklavenverladungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: David Eltis, David Richardson - Atlas ofthe Transatlantic Slave Trade; S 92

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Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Der transatlantische Sklavenhandel. Herkunft der Schiffe, Stationen der Reise und der Einfluss ausländischer Institutionen auf die afrikanische Ökonomie und Gesellschaft
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien
Note
2,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
62
Katalognummer
V1271382
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sklavenarbeit, Versklavung, Middle Passage, Transatlantische Sklavenhandel, Sklavenschiff, Sklavenhäfen, Einfluss ausländischer Institutionen auf die afrikanische Wirtschaft, Afrika, Sklavenreise, Nathan Nunn, David Eltis, David Richardson
Arbeit zitieren
Armin Wittwer (Autor:in), 2022, Der transatlantische Sklavenhandel. Herkunft der Schiffe, Stationen der Reise und der Einfluss ausländischer Institutionen auf die afrikanische Ökonomie und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1271382

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