Rätoromanisch und sein Überlebenskampf


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

44 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Präambel
1.1 Abgrenzung des Gegenstandes

2. Rätoromanisch – ein Begriff und seine Herkunft
2.1 Verortung innerhalb der romanischen Sprachen.
2.2 Chronologischer Rahmen des Bündnerromanischen
2.3 Positionen zum Sprachbegriff
2.4 Forschungsgeschichte: Von Ascoli bis Pellegrini

3. Zur aktuellen Situation des Rätoromanischen in der Schweiz
3.1 Soziolinguistischer Status
3.2 Genealogie und Typologie
3.3 Terminologie
3.4 Binnengliederung des Bündnerromanischen
3.5 Qualitative und Quantitative Aspekte

4. Sprachenpolitik und Sprachenplanung in der Schweiz und Europa
4.1 Die Schriftsprache Rumantsch Grischun
4.2 Erfolg der Sprachnormierung
4.3 Rätoromanisch und sein Gebrauch im Arbeitsbereich
4.4 Marktwert und Einsprachigkeit
4.5 Schule als Hoffnung
4.6 Curricula – Planung und Bildungspolitik
4.7 Vorgaben an die Kantone
4.8 Das europäische Portfolio der Sprachen
4.9 Bestandteile des ESP

5. Abschlussbetrachtung und Ausblick 39
5.1 EU – Sprachpolitik und ihre Auswirkungen auf die Rätoromania

6. Bibliographie

7. Abbildungsverzeichnis

1. Präambel

„Während sich die meisten Schweizer (… ) (nicht wohl fühlen), wenn Ausländer, v. a. Deutsche versuchen, Schwyzerdütsch zu sprechen, habe ich, wenn ich mal etwas Bündnerromanisches gesagt habe, bei den Muttersprachlern meist Freude über das Interesse an ihrer Sprache hervorgerufen. Grund genug, zumindest ein paar wichtige Redewendungen zu kennen. Zur bloßen Verständigung ist das Bündnerromanische kaum nötig, aber es öffnet einem einige Herzen. Außerdem trägt unser Interesse an dieser Sprache sicher zu ihrer Erhaltung bei (…)“[1]

Straßenschild in Domat / Ems

Mit diesen Worten beschreibt der humoristische Dichter Gereon Janzing treffend die aktuelle Situation der rätoromanisch sprechenden Personen im Schweizer Kanton Graubünden. Ricarda Liver, ehemals Professorin für romanische Philologie an der Universität Bern, formuliert:

„Während vor fünfzig Jahren das Cliché des bärtigen, strümpfestrickenden Alphirten, der nur rätoromanisch spricht und versteht, noch da und dort Realität sein mochte, gibt es heute keine erwachsenen Rätoromanen mehr, die nicht über eine bilinguale Sprachkompetenz verfügen.“[2]

Beide Aussagen, so grundverschieden sie sein mögen, zeichnen doch jede in ihrer Weise ein ambivalentes Bild von der Sprachsituation im schweizerischen Kanton Graubünden, um die es in dieser Arbeit gehen soll.

1.1 Abgrenzung des Gegenstandes

Obwohl die Sprachgrenzen zwischen den drei Landessprachen der Schweiz, Deutsch, Französisch und Italienisch, im 21. Jahrhundert als überwiegend gefestigt gelten, scheinen die einstmals bestehenden Grenzen das traditionellen rätoromanischen[3] Sprachgebietes in Auflösung begriffen. Das bündnerromanische Kontinuum [4] kommt heute eher einem zersplitterten Flickenteppich gleich als einer geschlossenen sprachlichen Zone. Knapp drei viertel der Rätoromanischsprachigen verwenden neben der Hauptsprache eine weitere Umgangs- oder Berufssprache. [5] Gleichzeitig beträgt die Anzahl der Personen, die Rätoromanisch als Hauptsprache angeben, in optimistischen Erhebungen nur ca. 60 000. Die folgende Abbildung illustriert den prozentual extrem geringen Anteil der 4. Landessprache im Vergleich zu den Sprachen der 3 großen benachbarten Kulturnationen Deutsch, Französisch und Italienisch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 1 Bevölkerung nach Hauptsprachen (Volkszählung, prov. Ergebnisse)

Nach einem kurzen geschichtlichen Exkurs, welcher die Entstehung und Entwicklung der rätoromanischen Sprache sowie ihre Sonderstellung innerhalb der Romanistik beleuchtet, sollen im zweiten Kapitel abrissartig die aus linguistischer Perspektive wichtigsten Daten und Fakten zu ihrer Erforschung abgezeichnet werden.

Im Anschluss widmet sich diese Arbeit mit dem dritten Kapitel der aktuellen Sprachsituation des Bündnerromanischen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Gleichzeitig wird die Berechtigung bzw. Nichtberechtigung bestimmter Termini Gegenstand einer Erläuterung, welche dann in eine Querschnittsdarstellung der bündnerromanischen Idiome mündet.

Gegenstand des vierten Kapitels sind Bestrebungen zum Spracherhalt der Minderheitensprache Rätoromanisch, ihr Status in der eidgenössischen Bildungslandschaft, sowie ihre Einbettung in den schweizerischen und europäischen Zusammenhang von Sprachenpolitik.

Im letzten Kapitel schließlich bündeln sich die wesentlichen Aussagen, Ergebnisse und Zwischenresümees der vorhergehenden Abschnitte, gefolgt von einem Ausblick in die Zukunft der Rätoromania.

Zuvor jedoch noch ein kurzer geographischer Überblick über den Kern des rätoromanischen Sprachgebiets, den Kanton Graubünden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Einbettung des Kantons Graubünden i. d. geographischen Kontext der schweizerischen Eidgenossenschaft

2. Rätoromanisch – ein Begriff und seine Herkunft

2.1 Verortung innerhalb der romanischen Sprachen

Rätoromanisch bzw. Bündnerromanisch[6] als vierte Landessprache der Schweiz gehört zum Stamm der so genannten romanischen Sprachen. Diese sind aus dem gesprochenen Lateinisch, der Sprache Roms und umliegender Provinzen, hervorgegangen. Als Vorläufer der romanischen Sprachen nimmt die lateinische Sprache somit den wichtigsten Platz innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie ein, denn ca. 650 Millionen Menschen weltweit sprechen eine romanische Sprache. Die bedeutendsten unter ihnen sind:

- Französisch (ca. 80 Mio. Sprecher[7] )
- Italienisch (ca. 55 Mio. Sprecher)
- Spanisch (ca. 300 Mio. Sprecher)
- Portugiesisch (ca. 170 Mio. Sprecher)

Als wichtige weitere romanische Sprachen verfügen katalanisch und rumänisch über 8 Mio. bzw. 20 Mio. aktive Sprecher. Rund ein Dutzend kleinerer Sprachen in Mitteleuropa und Norditalien zählen jeweils wenige tausend bis max. 40.000 Sprecher. Dazu gehören Bündnerromanisch, Lombardisch, Dolomitenladinisch und Friaulisch.

Durch den gemeinsamen Vorläufer, dem Lateinischen, verfügen die romanischen Sprachen über einen weitestgehend einheitlichen Grundwortschatz, der heute jedoch überwiegend nur noch am Schriftbild zu erkennen ist[8].

Beispiel:

- Cinq (französisch)
- Cinque (italienisch)
- Cinco (spanisch)
- Cinco (portugiesisch)
- Cinci (rumänisch)

Zu Blütezeiten des römischen Reiches und aufgrund des konsequenten Imperialismus der Römer wurde abgesehen von asiatischen, griechischen und nordafrikanischen Provinzen im gesamten römischen Reich Latein gesprochen. Zahlreiche örtliche dialektale Unterschiede und Sprachgewohnheiten in den verschiedenen Reichsteilen begünstigten eine Veränderung des Standardlateins als gesprochene Sprache.

Im Laufe der Zeit wich die aktive mündliche Verwendung mehr und mehr vom geschriebenen Standard Roms ab. Schon zu Zeiten Ciceros, der das klassische Schriftlatein verwendete, hatten sich in den verschiedenen Provinzen lateinische Idiome herausentwickelt. Trotzdem handelte es sich noch weitestgehend um verschiedene Varietäten der gleichen Sprache: die Kommunikabilität wurde nicht gestört, d. h. z.B. ein gallolateinischer Sprecher konnte sich mühelos mit einem rätischlateinischen Sprecher verständigen.

Für diese aktiv gesprochenen Varianten der lateinischen Sprache hat sich in der Linguistik der Terminus Vulgärlatein behauptet. Dabei ist der Begriff vulgär im Gegensatz zum umgangssprachlichen Gebrauch jedoch nicht negativ konnotiert, sondern bezeichnet wertneutral die allgemeine Alltagssprache in den römischen Provinzen.

Die mündlich tradierte Form des Vulgärlateins entfernte sich besonders rapide in der literarischen Zeit (ab ca. 100 v. Chr.) von der Hochsprache der geschriebenen Form. Diese hatte durch Werke Ciceros, Caesars, Vergils etc. einen Vorbildcharakter erlangt und

stagnierte danach in ihrer Entwicklung. Als klassisch festgeschrieben konnte die lateinische Hochsprache so bis in die Neuzeit weitergegeben werden. Der Begriff Latein bezieht sich aus heutiger Sicht demnach überwiegend auf literarische Produkte vergangener geistiger Eliten und klassische Autoren.

Einige wenige Rückschlüsse auf die lebendige lateinische Umgangssprache erlauben literarische Stücke, z.B. von Plautus (250 – 184 v. Chr.), in denen in künstlerischer Absicht Alltagssprache wiedergegeben wurde. Auch pragmatische Texte und Fachbücher, beispielsweise zur Architektur und Medizin, wurden z.T. stilistisch anspruchslos in der Umgangssprache verfasst. Auch auf Grabsteinen und Münzen finden sich oftmals sprechlateinische Fragmente der jeweiligen Zeit, welche bereits zur Hochzeit der römischen Machtausbreitung signifikante Differenzen zur Hochsprache aufwiesen.

Zahlreiche historische Grammatiker, u.a. Probus, verfassten ca. im 3.und 4. Jahrhundert umfangreiche Listen mit Gegenüberstellungen gesprochener und geschriebener Wortformen und ermahnten oftmals vergebens zum korrekten Sprachgebrauch.

Durch diese Überlieferungen und die Beobachtung der Entwicklung innerhalb der romanischen Sprachen gelang es der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft das Vulgärlatein zu rekonstruieren. Wenn ein Wort bzw. eine phonetische Erscheinung in mehreren romanischen Sprachen auftritt, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es bereits in der gesprochene Reichssprache gebräuchlich war, obwohl es in klassischen Texten nicht überliefert wird.

Nach dem Untergang des römischen Reiches und den damit verbundenen soziokulturellen Umwälzungen beschleunigte sich die Abtrennung des Vulgärlateins von der Hochsprache in zunehmendem Maße. In Folge der Einfälle verschiedener Volksstämme, beispielsweise Goten, Langobarden und Germanen, sah es sich zusehends einer lautlichen Veränderung ausgesetzt. Trotzdem vermochte die Sprache der Eroberer die eingesessene Sprache nicht zu verdrängen. Nach verschiedenen mehrsprachigen Übergangsphasen behauptete sich die Substratsprache der Besiegten. Dieser Prozess war überdies oftmals mit einem Religionswechsel korreliert. Die germanischen Franken zum Beispiel übernahmen den christlichen Glauben, dessen offizielle Sprache das Lateinische war.

Während der zweisprachigen Phasen beeinflussten die Eroberersprachen das Vulgärlatein in entscheidendem Umfang. Fremdworte, neue Strukturen und Artikulationsgewohnheiten wurden aufgenommen und ebneten den Entwicklungsweg in die jeweilige heutige romanische Sprache.

Obwohl der germanische Einfluss auf die romanischen Sprachen eher als gering einzuschätzen ist, prägte er sich jedoch besonders im Einwirken des Fränkischen auf das Gallo-Romanische, dem heutigen Französisch, aus. Auch die alpenromanischen Gebiete, und damit das heutige Rätoromanisch, sahen und sehen sich als Vertreter kleinerer Sprecherzahlen über lange Zeiträume bis heute den germanischen Einflüssen ausgesetzt.

2.2 Chronologischer Rahmen des Bündnerromanischen

In den heutigen alpenromanischen Gebieten lassen sich bereits 4500 bis 1800 v. Chr. jungsteinzeitliche dichte Besiedlungen nachweisen. Das Gebiet des Schweizer Kantons Graubünden wurde ca. 15 v. Chr. durch die Römer erobert und bildete unter Kaiser

Augustus die spätere Provinz Rätien. Dieser ungefähre Zeitpunkt wird in der Linguistik als die Geburtsstunde der rätoromanischen Sprache gewertet. [9] Die topographische Struktur und die vergleichsweise hohe Unabhängigkeit von der zentralrömischen Gewalt in diesem Landstrich begünstigte schon zu früher Zeit die eigenständige Entwicklung

eines vulgärlateinischen Zweiges, was Überlieferungen in Form spärlicher lateinischer Inschriften belegen. Zahlreiche bündnerromanische Dorfnamen lassen noch heute Rückschlüsse auf den römischen Ursprung zu.

Nach dem Untergang des weströmischen Reiches wird die ehemalige Provinz ca. 537 an den Frankenkönig Theodebert abgetreten. Die weitestgehende politische Selbstbestimmung in Form des Churrätisch-fränkischen Kirchenstaates stellt eine weitere günstige Voraussetzung für die eigenständige Entwicklung der rätoromanischen Sprache dar.

Dies ändert sich ca. 200 Jahre später, als Rätien unter Karl. d. Großen straffer in das Reich eingegliedert wird. Durch Ernennung deutscher Grafen beginnt der massive Einfluss der deutschen Sprache, insbesondere in der Oberschicht, welche als Trägerin der rätoromanischen Kultur und Schriftsprache zusehends germanisiert wird.

Ab dem 10. Jahrhundert stellt Rätien einen festen Bestandteil des Deutschen Reiches dar. Sukzessives Vordringen der Alemannen und Walser durch das Rheintal aufwärts führen besonders in Unterrätien zu einer temporären Phase der Zweisprachigkeit, die schließlich im vollständigen Sprachwechsel zum Deutschen endet.

Die Bildung der drei Bünde Gotteshausbund (1367), grauer Bund (1424) und Zehngerichtenbund (1436), sowie deren anschließender Zusammenschluss zum Freistaat im Jahre 1471, bedeutet für das Volk und die Adeligen der Region ein wichtiges Instrument gegen die Herrschaft der deutschen Lehnsherren. Diese historische Allianz ist auch namensgebend für den späteren Kanton Graubünden.

Während die mündliche rätoromanische Sprache weiterhin durch das Deutsche zurückgedrängt wird, vollzieht sich im schrift- und amtssprachlichen Gebrauch der Wechsel vom Lateinischen zum Deutschen.

Ab dem 16. Jahrhundert entspringen im Zuge der Reformation und Gegenreformation die ersten bündnerromanischen Schrifttraditionen im Engadin, gleichzeitig entstehen auch überwiegend religiös motivierte Schriftwerke in Sutsilvan und Sursilvan[10]. Es kommt zu

einem konfessionellen Gegensatz zwischen dem protestantischen Engadin und der mehrheitlich katholischen Surselva, welcher die religiöse und kulturelle Zersplitterung Graubündens begünstigt und verfestigt. Diese Prozesse verhindern eine einheitliche Entwicklung der rätoromanischen Schrifttradition nachhaltig. In den meist autarken bäuerlichen Dorfgemeinschaften fungiert Rätoromanisch mündlich als Verkehrssprache mit geringem Prestige. Die Trennung und Kammerung der Regionen durch schwer überwindbare Pässe und Täler führt zu einer ausgeprägten sprachlichen Divergenz in Form von mündlich tradierten Idiomen und Varietäten.

Im 18. Jahrhundert sehen die Lehrpläne der Reformschulen kein Fach Rätoromanisch vor, obwohl die Reformpädagogik den muttersprachlichen Unterricht postuliert. Damit wird die einheimische Sprache stillschweigend und endgültig auf eine nur mündlich verwendete Varietät herabgestuft.

Nach der Aufnahme Graubündens in die schweizerische Eidgenossenschaft weist die Volkszählung von 1860 erstmals eine deutschsprachige Mehrheit auf. Trotz nahezu vollständigen Verzichts auf rätoromanischen Schulunterricht bringen verschiedene Änderungen der Kantonsverfassungen wenigstens formelle Gewährleistung der drei Sprachen Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch als Landessprachen.

Einen Auftrieb bringt letztlich die Volksabstimmung von 1938: Mit überwältigender Mehrheit wird Rätoromanisch als vierte Landessprache der Schweiz gewählt, was eine nicht unerhebliche moralische Unterstützung und Prestigegewinn für die rätoromanischen Sprecher darstellt.

2.3 Positionen zum Sprachbegriff

Was aber bedeutet der Begriff Rätoromanisch, inwieweit lässt er sich definieren und abgrenzen? Während das Selbstverständnis der Rätoromanen außer Zweifel steht eine eigene Sprache zu sprechen, durch die sie sich von den deutsch bzw. italienisch sprechenden Graubündnern unterscheiden, spiegeln linguistische Definitionsversuche auf der Ebene der wissenschaftlichen Beschreibung von Sprachgebieten unterschiedliche, z.T. gegensätzliche Positionen wieder.

Befragt man daraufhin z.B. das neue Schweizer Lexikon, erhält man die Information, dass es eine rätoromanische Sprache gäbe, welche in die drei Untergruppen Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch und Friulanisch [11] zerfalle[12].

Differenziertere Darstellungen finden sich im Lexikon der romanistischen Linguistik. Dort werden die Sprachgruppen Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch und Friulanisch gesondert tituliert und dargestellt [13] sowie der Begriff rätoromanisch weitestgehend vermieden.

In der Brockhaus Enzyklopädie findet sich unter dem Stichwort eine detaillierte aber dennoch übergreifende Darstellung: Nachdem im 19. Jahrhundert wissenschaftliche Untersuchungen Ähnlichkeiten zwischen dem Bündnerromanischen, dem Dolomitenladinischen und dem Friaulischen festgestellt wurden, sah man diese Gebiete

als Reste einer älteren Sprachgemeinschaft an und wählte eine übergreifende Bezeichnung[14].

Im gleichen Werk aber ca. 20 Jahre früher ist unter dem Eintrag die Rede von einem Sprachgebiet, welches sich mit Unterbrechungen vom Gotthard bis an den Golf von Triest erstreckt und sich heutzutage in drei Mundarten aufgliedert, namentlich das Westrätische (Graubündnerische, Bündnerromanische), Mittelrätische (Ladinische) und das Friaulische.

Gleichzeitig erfolgt der Hinweis auf die rein philologische Namensgebung durch den Sprachwissenschaftler T. Gartner. [15]

2.4 Forschungsgeschichte: Von Ascoli bis Pellegrini

Summarisch auf den Punkt gebracht ergeben sich zwei mehr oder weniger gegensätzliche Positionen:

1. Es existiert eine sprachwissenschaftlich begründbare Einheit rätoromanischer Sprachgebiete von Bündnerromanisch über Dolomitenladinisch bis Friaulisch.
2. Diese Einheit ist ein Konstrukt der Linguistik. Es findet keine Belegung in der soziolinguistischen Realität dieser Sprachgebiete.

Im Jahre 1873 publizierte der Sprachwissenschaftler Graziadio Isaia Ascoli seine Untersuchung über romanische Dialekte von der Westgrenze der bündnerischen Surselva bis an den Golf von Triest[16]. Sie erschien im ersten Band seiner Zeitschrift Archivio glottologico italiano. Er präsentierte damit die erste überlieferte wissenschaftlich systematische Untersuchung der rätoromanischen Sprachgebiete.

Ascoli vertrat die Ansicht, dass die untersuchten Dialekte und Varietäten Teil einer einst zusammenhängenden linguistischen Zone seien, verbunden durch eine Anzahl gemeinsamer Züge und Merkmale.

Auch der bereits erwähnte österreichische Linguist Theodor Gartner vertrat diese These. 1833 erschien seine rätoromanische Grammatik, 1910 das Handbuch der rätoromanischen Sprache und Literatur. Er verhalf der Bezeichnung rätoromanisch zum Durchbruch. Sein Hinweis auf das gemeinsame vorlateinische Substrat der Sprachgruppen Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch und Friaulisch, das so genannte antike Rätische, stellte gleichzeitig die Rechtfertigung für seine Begriffsfindung dar.

Ascoli hob im Gegensatz zu Gartner jedoch hervor, dass die Gebiete der Dolomiten und des Friaul nie zur Provinz Rätien gehört hatten, so dass es dort demnach auch kein rätisches Substrat geben könne. Im Grundsatz waren allerdings beide Wissenschaftler derselben Meinung: Für sie stellte das Rätoromanische eine eigene, klar vom Italienischen abgegrenzte Sprache dar.

[...]


[1] Janzing, Gereon, frei schaffender Geowissenschaftler und humoristischer Dichter über die Sprache der, wie er selbst sagt, (graubündnerischen) „Alpleute“

[2] entnommen aus Liver, R. S.67

[3] Zur Terminologie siehe Kap. 3.3

[4] angesprochen ist damit die Gesamtheit bündnerromanischer Idiome und Varietäten. Weitere Ausführungen dazu in Kap. 3.4

[5] vgl. Pressemitteilung d. Bundesamt f. Statistik Nr. 124 / 1996

[6] Ausführung zur Terminologie siehe Kap. 3.3

[7] Die Bezeichnung Sprecher erfolgt eingedenk der Tatsache, dass jede Sprache selbstverständlich von männlichen und weiblichen Personen aktiv verwendet wird. Zur Übersichtlichkeit des Textbildes werden in diesem Aufsatz entweder nur die weibliche, nur die männliche oder beide Formen nacheinander verwendet. Die gewählte Form enthält somit keine Aussage über geschlechtsdifferenzierte Sprachverwendung; anderenfalls wird an entsprechender Stelle gesondert darauf hingewiesen.

[8] Vgl. Grzega, Joachim (Hrsg.) in Grazer Linguistische Studien 47, Frühjahr 1997

[9] vgl. Liver, R. S. 74

[10] detaillierte Ausführungen zu den bündnerromanischen Idiomen siehe Kap. 3.4

[11] synonym zu Friaulisch

[12] vgl. das neue Schweizer Lexikon, Stichwort, 1991 - 1993

[13] siehe Lexikon romanistischer Linguistik, Art. 207-233

[14] vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bd. 19.Auflage, 1992

[15] vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bd. 1.Auflage, 1972

[16] dazu Ascoli 1873; Bd.1

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Rätoromanisch und sein Überlebenskampf
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Minderheitensprachen in Europa
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
44
Katalognummer
V12717
ISBN (eBook)
9783638185301
Dateigröße
1048 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minderheitensprachen, Sprachpolitik in Europa
Arbeit zitieren
Frank Kretschmann (Autor), 2003, Rätoromanisch und sein Überlebenskampf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12717

Kommentare

  • Gast am 3.8.2007

    Dankeschön.

    Ich selbst arbeite an einer Maturaarbeit, dessen Thema in diese Richtung geht. Ich finde es sehr schön zu sehen, dass sich auch so viele andere Leute mit diesem Thema beschäftigen. Ich selbst spreche kein Rätoromanisch und wusste vor ein paar Monaten rein gar nichts über diese vierte Landessprache der Schweiz.
    Ich habe nur den Anfang dieser Arbeit gelesen und mir gefällt die Art und Weise des Schreibens.
    Ich versuche bei meiner Arbeit möglichst unverkrampft zu schreiben, was leider nicht so einfach ist. Diese Arbeit zeigt mir, dass es doch möglich ist!
    Dankeschön

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Titel: Rätoromanisch und sein Überlebenskampf



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