Wachstumschancen einer mexikanischen Grenzstadt im Kontext der Globalisierung

Nachhaltige Entwicklung des Maquiladora-Clusters in "Ciudad Juárez"?


Diplomarbeit, 2006

76 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorieteil
2.1 Klassische Theorien der Wirtschaftsgeografie
2.2 Ansatz einer Relationalen Wirtschaftsgeografie
2.2.1 Gegenüberstellung der Raumwirtschaftslehre und der Relationalen Wirtschaftsgeografie
2.2.2 Vier „Ionen“ der Relationalen Wirtschaftsgeografie

3. Empirieteil
3.1 „Evolution“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez
3.1 1 Lokalisationsphase
3.1.2 Clusterungsphase
3.1.3 Dispersionsphase
3.1.4 Fazit
3.2 “Organisation” der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez
3.2.1 Fallbeispiele
3.2.2 Veränderungen der Beschäftigungsstrukturen in der Maquiladora-Industrie
3.2.3 Fazit
3.3 „Interaktion“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez
3.3.1 Netzwerkstrukturen der Maquiladora-Industrie
3.3.2 Zulieferunternehmen der Maquiladora-Industrie in Chihuahua
3.3.3 Fazit
3.4 „Innovation“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez
3.4.1 Theorieansätze zum Entwicklungsprozess der Maquiladora-Industrie in Mexiko
3.4.2 Innovative Veränderungen der Maquiladoras in Ciudad Juárez
3.4.3 Fazit

4. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Vernetzte Problemforschung in der Raumwirtschaft

Abb. 2 Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftsgeografie

Abb. 3 Raumwirksame Effekte industrieller Entwicklungspfade

Abb. 4 Anzahl der Maquiladora-Beschäftigten auf nationalem Niveau, in Ciudad Juárez und Tijuana im Vergleich

Abb. 5 Anteile der wichtigsten Importgüter der USA aus Mexiko und China im Jahr

Abb. 6 Anzahl der Beschäftigten in der Maquiladora-Industrie in Mexiko nach Tätigkeitsbereich

Abb. 7 Duales Modell der Segmentierung von Unternehmenstypen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Forschungsdesign von Raumwirtschaftslehre und Relationaler Wirtschaftsgeografie

Tab. 2 Bevölkerungswachstum der größten Städte in der nördlichen Grenzregion Mexikos

Tab. 3 Prozentsatz der Beschäftigten in der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez, Tijuana und Mexicali nach Tätigkeitsbereich

Tab. 4 Prozentsatz der Maquiladoras in Juárez, Mexicali und Tijuana nach Herkunft ihrer Zulieferer

Tab. 5 Entwicklung der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

Este trabajo trata del desarrollo económico de “Ciudad Juárez”, una región del norte de México que limita con los Estados Unidos. Esta tesis de grado analysa el efecto de la industria maquiladora sobre el desarrollo regional. Las maquiladoras en Ciudad Juárez ya tienen una larga historia: Fueron establecidas durante la década de las sesentas, cuando el gobierno mexicano aprobó el “Programa de Industrialización Fronteriza” para combatir el desempleo. La función principal de las maquiladoras es ensamblar, manufacturar o reparar materiales temporalmente importados por el país receptor (en este caso México) para su reexportación a su país de origen.

El punto esencial de esta investigación es la evaluación de los efectos permanentes de la industria maquiladora en Ciudad Juárez. La cuestión es si las fábricas tienen un efecto positivo sobre el desarrollo económico de la región a largo plazo. Los resultados de este trabajo muestran que no es así. Las maquiladoras en Ciudad Juárez no se han modernizado de una manera significante durante las décadas pasadas y su función principal es todavía la explotación de la mano de obra barata mexicana. La amenaza que tienen las maquiladoras de un país en vías de desarrollo como México al competir contra los bajos costos de la mano de obra de países como China va a generar un traslado de las empresas estadounidenses en regiones mexicanas de orientación exportadora como la Ciudad Juárez a países con costos de producción más bajos.

El problema grave es que una dispersión de la industria maquiladora significaría la decadencia de Ciudad Juárez porque no se han establecidos estructuras innovativas en la región desde que existen las maquiladoras. Aplicando el modelo de “geografía relacional” se demuestra en este trabajo que la interrelación de las maquiladoras con la región es muy baja y que no hay una transferencia de tecnología u otros mecanismos que podrían fortalecer las estructuras económicas regionales y ofrecer un modelo de desarrollo regional a largo plazo.

1 Einleitung

„Outsourcing“ ist das Schlagwort, das zur Grundvokabel jedes besorgten Politikers und Arbeitgebers geworden ist, der um die Arbeitsplätze im eigenen Land fürchtet und nicht müde wird, die viel zu hohen Arbeitskosten im selbigen immer wieder aufs Neue anzuprangern. Das Schreckgespenst der Globalisierung, das Großunternehmen dazu zwingt, Teile ihrer Produktion in „Niedriglohnländer“ auszulagern, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Ob die zugespitzte Debatte nun gerechtfertigt ist oder nicht, von Interesse sollte auch sein, inwiefern die sogenannten „Billiglohnstandorte“ von solchen Entwicklungen eigentlich wirklich profitieren. Dass sich ein 14-jähriger chinesischer Industriearbeiter, der für drei Dollar am Tag ohne jegliche Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen in einem „Sweat Shop“ eines multinationalen Unternehmens schuftet, nicht wirklich glücklich schätzen kann, steht wohl außer Frage. Aber es könnte ja sein, dass die Unternehmen nicht nur Landenteignungen, Umweltverschmutzung und Hungerlöhne mit sich bringen, sondern in gewisser Weise auch „Entwicklungsarbeit“ leisten. „Technologietransfer“, „Wissens-spillover“ und „nachhaltige Entwicklung“ sind Stichworte, die in diese Richtung weisen könnten. Inwiefern diese Entwicklungen wirklich nachhaltig für die jeweiligen Regionen sind und zu einem Wohlstandswachstum führen, von dem unter Umständen alle Bevölkerungsschichten profitieren, lässt sich wohl nur im Einzelfall feststellen. Solch ein Einzelfall soll an dieser Stelle erörtert werden.

Da sie als ein klassischer Niedriglohnstandort gilt, wurde in dieser Diplomarbeit die mexikanische Stadtregion „Ciudad Juárez“ an der Grenze zu den USA als Untersuchungsfeld gewählt. Seit Mitte der 1960-er Jahre investieren vor allem US-amerikanische Unternehmen in diese Region, indem sie überwiegend einfache, standardisierte Produktionsabläufe in die sogenannten „Maquiladora-Fabriken“ auslagern. Grund dafür ist neben Steuervorteilen, niedrigen Umwelt- und Sicherheitsauflagen sowie einer Zollbefreiung innerhalb der mexikanischen Sonderwirtschaftszone (SWZ) für Exportgüter[1] in erster Linie der „Lohnveredelungsaspekt“[2], also das Ausnutzen billiger Arbeitskraft.

Die SWZ in Nordmexiko gehört zu einer der Ersten ihrer Art und ist somit gerade deshalb interessant für die Betrachtung einer langfristigen Entwicklung eines Clusters der Lohnveredelungsindustrie und dessen Auswirkungen auf die regionale Ökonomie. Zwar umfasst die SWZ in Mexiko die gesamte nördliche Grenzregion, im begrenzten Rahmen dieser Diplomarbeit wird aber nur ein „Maquiladora-Standort“ eingehend analysiert, nämlich die Stadtregion Ciudad Juárez, und gegebenenfalls mit den anderen in Vergleich gesetzt.

Die Fragestellung dieser Arbeit lautet, ob sich in der Evolution der Lohnveredelungs-/ Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez Modernisierungstendenzen herausgebildet haben, die zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung[3] der Region beitragen könnten.

Meine These verneint diese Annahme und besagt, dass der Großteil der Lohnveredelungsfabriken in Ciudad Juárez der regionalen Ökonomie keine nachhaltigen Wachstumsimpulse geben kann und die geringe Anzahl an fortschrittlichen Maquiladoras keine wachsende Tendenz aufweist. Konkret lautet sie: In der Evolution der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez haben keine weitreichenden Modernisierungsprozesse stattgefunden, die zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Region führen könnten.

Obwohl die mexikanische Stadtregion nicht als repräsentativ für osteuropäische oder asiatische Sonderwirtschaftszonen gelten kann, so soll sie doch einen kleinen Beitrag zur Debatte um die Folgen einer globalisierten Wirtschaft leisten.

Als theoretischer Rahmen dieser Arbeit wurde das Modell der „Relationalen Wirschaftgeografie“ von Bathelt und Glückler gewählt, da dieses im Gegensatz zu klassischen Ansätzen der Wirtschaftsgeografie die Unternehmen als Akteure in den Mittelpunkt der Untersuchungen rückt und nicht den Raum an sich als Forschungsgegenstand behandelt. Die relationale Herangehensweise ist gerade im Zusammenhang mit einem Standort der Lohnveredelungsindustrie sinnvoll, da Regionen wie Ciudad Juárez ihre Bedeutung i.d.R. ausschließlich den investierenden Unternehmen „zu verdanken“ haben.

Nachfolgend wird in Punkt 2 das Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftgeografie vorgestellt, erläutert und mit klassischen Ansätzen verglichen. Im darauffolgenden Teil 3 wird die Entwicklung der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez mit Hilfe des Modells untersucht und schließlich in Punkt 4 ausgewertet.

2 Theorieteil

Die Entwicklung der mexikanischen Stadtregion „Ciudad Juárez“ zu einem relativ bedeutsamen Wirtschaftsstandort ist ausschließlich durch die Ansiedlung und Clusterung der Lohnveredelungsindustrie der „Maquiladoras“ zu erklären. Es sind die Unternehmen und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Akteure, die dem ehemals unbedeutenden Grenzstädtchen den Ruf als „Hauptstadt der Maquiladoras“ eingebracht haben – sei es im positiven oder negativen Sinne. Und es sind eben diese Unternehmen, von denen die Zukunft der Region abhängt.

Von daher ist es nicht sinnvoll, die Entwicklung der Region mit Hilfe klassischer Theorien der Wirtschaftsgeografie erklären zu wollen. In diesen wird der Raum als Objekt angesehen, der auf das Verhalten der Akteure wirkt und als Forschungsgegenstand im Mittelpunkt steht. Es ist deutlich angemessener, eine relationale Betrachtungsweise zu wählen, in der nicht die räumliche Wirtschaft, sondern die in räumlicher Perspektive beobachtbare Struktur und Dynamik ökonomischer Beziehungen analysiert wird (Bathelt/Glückler 2003: 33).

Um den Unterschied verständlich zu machen, wird im Folgenden zunächst ein kurzer Überblick über die klassischen Theorien der Wirtschaftsgeografie gegeben und dann im Vergleich das Konzept der „Relationalen Wirtschaftsgeografie“ erläutert. Anhand dieser Gegenüberstellung soll gezeigt werden, warum eine relationale Herangehensweise als konzeptioneller Rahmen dieser Arbeit gewählt wurde.

2.1 Klassische Theorien der Wirtschaftsgeografie

Die Wirtschaftsgeografie stellt einen Zweig der geografischen Forschung dar, der eng mit anderen Perspektiven der Geografie verbunden ist. Sie hat sich erst langsam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer eigenen modelltheoretischen Konzeption entwickelt. Bis dahin hatte sie in der Länder- und Landschaftskunde eine fast ausschließlich deskriptive Funktion, die in der Beschreibung von Wirtschaftsaktivitäten in „natürlichen Totalregionen“ lag (Ebenda 20).

Länder- und Landschaftskunde:

Als eigene Disziplin hielt die Geografie erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und somit relativ spät Einzug in die Wissenschaft. Den Ursprung bildet dabei die Länder- und Landschaftskunde, in der die Geografen im wahrsten Sinne des Wortes als „Erdbeschreiber“ fungierten, die ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Entdeckung und Kenntnis ferner Erdregionen und Kulturen zu decken hatten (Bathelt/Glückler 2003: 18). Im Zuge der Diskurse um den Nationalstaat im 19. Jh. wurde es Aufgabe der wissenschaftlichen Länderkunde, die Welt in „natürlich“ begrenzte Länder einzuteilen und diese detailliert zu beschreiben. Die Wirtschaft ist dabei nur eine von vielen Beschreibungskategorien, stellt also neben Klima, Vegetation, Kultur u.a. nur einen Geofaktor der allgemeinen Geografie dar. Das höchste Ziel der Länderkunde ist, durch Einbezug aller Geofaktoren ein möglichst ganzheitliches Verständnis eines Landes zu bekommen, das als ein weitgehend unabhängiges Raumindividuum mit einem einzigartigen Evolutionspfad gesehen wird (Ebenda 19).

Die Landschaftskunde verfolgt demgegenüber eine vergleichende Perspektive mit dem Ziel, einander ähnliche Landschaften in Gattungen einzuteilen. Aber auch ihr liegt eine überwiegend deskriptive Betrachtungsweise zu Grunde.

Geografie als Raumwissenschaft:

Seit den 1940-er Jahren setzte eine zunehmende Kritik am länderkundlichen Denken an, das als „wissenschaftstheoretisch unfundiert, beschreibend statt erklärend und naturalisierend“ charakterisiert wurde (Ebenda 20). In den folgenden Jahrzehnten wurden Grundlagen zu einer neuen wissenschaftlichen Geografie formuliert, in der die analytische Erklärung von Zusammenhängen die unkritische, ganzheitliche Beschreibung von Ländern und Landschaften ersetzen sollte. An die Stelle des naturalisierenden Konzepts des Raums als Landschaft wurde das Konzept des Raums als geometrisches Gebilde gesetzt, das auf der Grundlage von Raumgesetzen zu erklären versucht wurde (Ebenda).

Im raumwissenschaftlichen Paradigma bekommt geografisches Forschen eine sozialwissenschaftliche Perspektive, in der Forschungsfelder in einer relativen Weise in Beziehung zueinander stehen. Das hierarchische Gefüge geografischer Teildisziplinen wird also aufgegeben zu Gunsten eines Konzepts vernetzter Problembereiche, die methodisch und theoretisch miteinander verflochten und von naturwissenschaftlichen Aspekten getrennt sind (siehe Abb. 1). Ziel ist es, Raumgesetze für ökonomische Strukturen und Prozesse aufzustellen, die z.B. Erklärungen für Standortstrukturen, Handelsbewegungen und räumliche Agglomerationen von Unternehmen leisten sollen. Wirtschaftsgeografische Fragestellungen werden in diesem Zusammenhang unter dem Begriff „Raumwirtschaftslehre“ zusammengefasst (Bathelt/Glückler 2003: 21).

Abb. 1: Vernetzte Problemforschung in der Raumwissenschaft (Quelle: Bathelt/Glückler 2003: 21)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Geografie als Akteurswissenschaft:

Grundlegende Veränderungen der raumwissenschaftlichen Sichtweise fanden in den 1980-er Jahren statt, als sich ein sozialtheoretisches Bewusstsein etablierte, das vorher nur in Ansätzen vorhanden war. Zwar war in der Raumwissenschaft die natürliche Landschaft nicht mehr Forschungsgegenstand, Raum diente jedoch als Erklärungsfaktor für soziale und wirtschaftliche Phänomene (Ebenda 21). Universelle Raumgesetze wurden also als Ursache für menschliches Handeln angesehen, die Distanz wurde beispielsweise als Erklärungsgröße für Verteilungen und Austauschbeziehungen herangezogen (Ebenda 22).

Hier setzt die Kritik der Akteurswissenschaft an: Räumliche Strukturen, wie physisch-geometrische Distanzen, können nicht als Ausgangspunkt für sozioökonomische Prozesse gelten, sondern sind Randbedingungen und Ergebnisse menschlichen Handelns. Akteure – Individuen und Organisationen – rückten also in den Mittelpunkt der Forschungen und wurden als Ursache für räumliche Strukturen und Veränderungen erkannt (Ebenda).

In der Wirtschaftsgeografie bedeutete die neue Konzeption, dass der Fokus nicht mehr auf Regionen und Raumeinheiten, sondern auf Unternehmen und deren Entscheidungsträgern lag. Statt Regionen zu Akteuren hoch zu stilisieren, bekamen Unternehmensziele und Beziehungen zwischen Unternehmen für die wirtschaftsgeografische Forschung Relevanz. Sozioökonomische Strukturen wurden nun aus räumlicher Perspektive untersucht, womit die ersten Schritte hin zu einer relationalen Sichtweise getan waren (Bathelt/Glückler 2003: 22).

Die kurze Übersicht des Evolutionspfads (wirtschafts-)geografischer Ansätze soll und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern dient dem pointierten Vergleich zwischen der klassischen und der relationalen Wirtschaftsgeografie, die im nächsten Teil dieser Arbeit zusammengefasst wird. Dabei wird vor allem auf das „Ionen-Modell“ von Bathelt und Glückler eingegangen und der Raumwirtschaftslehre gegenübergestellt.

Abb. 2: Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftsgeografie (Quelle: Bathelt/Glückler 2003: 37)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Ansatz einer Relationalen Wirtschaftsgeografie

Wir begreifen Wirtschaftsgeografie als ein Forschungsfeld, das nicht durch den Forschungsgegenstand, sondern durch eine Forschungsperspektive spezifisch ist. Nicht die räumliche Wirtschaft (oder gar Raumwirtschaft), sondern die in räumlicher Perspektive beobachtbare Struktur und Dynamik ökonomischer Beziehungen bilden den Gegenstand dieser wirtschaftsgeografischen Konzeption (Bathelt/Glückler 2003: 33).

Dieses Zitat spiegelt den Grundsatz der Relationalen Wirtschaftsgeografie wider: der Fokus liegt auf ökonomischen Beziehungen, die ausschließlich in räumlicher Perspektive untersucht werden, ohne den Raum selbst zum Forschungsgegenstand zu machen.

2.2.1 Gegenüberstellung der Raumwirtschaftslehre und der Relationalen Wirtschaftsgeografie

Nachfolgend werden die Diskontinuitäten zum (klassischen) raumwirtschaftlichen Ansatz auf fünf Ebenen aufgezeigt: (siehe Tabelle 1)

Tab. 1: Forschungsdesign von Raumwirtschaftslehre und Relationaler Wirtschaftsgeografie (Quelle: Bathelt/Glückler 2003: 33)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Raumkonzept:

In der Wirtschaftslehre wird von einem gegenständlichen Raumkonzept ausgegangen, in dem der Raum das Handeln bedingt bzw. die Region die Entwicklung der Unternehmen. Dem entgegen steht in der relationalen Wirtschaftsgeografie der Raum als Perspektive, der Zugang zu empirischen Problemen geben soll, selbst aber nicht zum beobachteten Gegenstand wird (Bathelt/Glückler 2003: 34).

In Bezug zu dem Thema dieser Arbeit ist dies so gemeint, dass die mexikanische Stadtregion „Ciudad Juárez“ die räumliche Perspektive darstellt, aus der die ökonomischen Beziehungen der Maquiladora-Industrie analysiert werden. Nicht die Region an sich wird also zum Forschungsgegenstand, sondern die Unternehmen als Akteure, die auf die regionalen Strukturen wirken und sie verändern.

Forschungsgegenstand:

Während sowohl im länder- und landschaftskundlichen als auch im raumwirtschaftlichen Ansatz der Wirtschaftsgeografie räumliche Strukturen und Regionen im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen, wird in der relationalen Wirtschaftsgeografie ökonomisches Handeln – in Form von institutionellem Lernen, ökonomischen Innovationen und organisatorischen Verflechtungen – zum Forschungsschwerpunkt (Ebenda).

Handlungskonzept:

Im Gegensatz zur Raumwirtschaftslehre entspricht das Konzept des ökonomischen Handelns im relationalen Konzept nicht mehr einem abstrakten methodologischen Individualismus im Sinne der neoklassischen Theorie, sondern vollzieht sich als soziales Handeln in konkreten Strukturen. Die Akteure werden also nicht als unbeeinflusst von ihrer Umwelt angesehen, sondern als eingebunden in spezifische sozio-institutionelle Kontexte. Die relationale Konzeption des Handelns sieht die Akteure somit nicht mehr isoliert voneinander (Ebenda 33f.).

Wissenschaftstheoretische Grundperspektive:

Während das raumwirtschaftliche Konzept davon ausgeht, dass Handeln als universell auf der Grundlage gesetzesartiger Erklärungen beschrieben werden kann, betont die Relationale Wirtschaftsgeografie den kontextspezifischen Charakter des Handelns. Im Bereich gesellschaftlicher Phänomene lassen sich nur wenig allgemeingültige Gesetze identifizieren. Stattdessen gilt das Prinzip der Kontingenz, nach dem ein Ereignis nicht immer das Eintreten eines anderen Ereignisses impliziert, identische Ausgangsbedingungen also nicht zwangsläufig zu gleichen Ergebnissen führen müssen. Somit ist (ökonomisches) Handeln vor allem kontextuell zu erklären, wenn auch verallgemeinerbare Bedingungen eines Kontexts identifiziert und unter Einschränkungen auf andere Kontexte angewendet werden können (Bathelt/Glückler 2003: 35).

Forschungsziel:

Aus den oben genannten Grundsätzen lässt sich für die relationale Wirtschaftsgeografie ein Forschungsziel formulieren, in dem es nicht, wie in der Raumwirtschaftslehre, um das Aufstellen von Raumgesetzen geht, sondern „um die sachtheoretische Aufklärung sozio-ökonomischen Handelns sowie seiner Beziehungen in räumlicher Perspektive“ (Ebenda 36).

2.2.2 Vier „Ionen“ der Relationalen Wirtschaftsgeografie

Der Perspektivenwechsel von der Raumwirtschaftslehre zu einer Relationalen Wirtschaftsgeografie bringt vor allem eine Fokussierung des organisatorischen Wandels innerhalb und zwischen Unternehmen mit sich. Das relationale Verständnis ökonomischen Handelns, das dem neuen Ansatz zu Grunde liegt, hat dabei drei grundlegende Konsequenzen (Ebenda 36):

Kontextualität:

Mit dieser Konsequenz einer relationalen Grundperspektive ist gemeint, dass Handeln nicht durch universelle Kategorien und Gesetze zu erklären ist, da es unter dem Einfluss situationsabhängiger Beziehungen in einem spezifischen Kontext steht (ebenda).

Pfadabhängigkeit:

In einer historischen Perspektive bedeutet die Kontextspezifität eine pfadabhängige Entwicklung ökonomischen Handelns, da bestimmte Handlungszusammenhänge in der Gegenwart i.d.R. spezifische Entwicklungen nach sich ziehen (ebenda).

Kontingenz:

Trotzdem ist solch ein Entwicklungspfad nicht als deterministisch für die Zukunft zu verstehen. Da ökonomisches Handeln auf Grund seiner Kontextabhängigkeit keinen allgemeinen Gesetzen unterliegt, sind stets Abweichungen von bestehenden Entwicklungspfaden möglich (Bathelt/Glückler 2003: 36).

Eine kontextuelle, pfadabhängige und kontingente Grundperspektive steht im Widerspruch zu theoretischen Programmen, deren Konzepte auf universellen Gesetzen, linearen Entwicklungen und geschlossenen Systemen basieren. Der Perspektivenwandel von der Raumwirtschaftslehre zu einer Relationalen Wirtschaftsgeografie erfordert deshalb eine Neuformulierung der Konzepte, die zur Erklärung ökonomischer Strukturen und Prozesse verwendet werden (Ebenda).

Ausgehend von diesem Perspektivenwandel und basierend auf einer relationalen Grundperspektive entwickeln Bathelt und Glückler ein Konzept, das aus den vier Dimensionen „Evolut ion“, „Organisat ion“, „Interakt ion“ und „Innovat ion“ besteht. Es handelt sich hierbei um einen disziplinübergreifenden Forschungsansatz, der ökonomische und sozialwissenschaftliche Ansätze zu vereinen versucht und die hinter den Dimensionen – im Folgenden „Ionen“ genannt – stehenden wirtschaftlichen und sozialen Prozesse aus einer spezifisch räumlichen Perspektive analysiert (Ebenda). Das dreidimensionale Schema versucht diese Konzeption zu veranschaulichen (siehe Abb. 2).

Nachfolgend werden die vier Ionen als wesentliche Bestandteile der Relationalen Wirtschaftsgeografie erläutert:

EvolutIon:

Die Evolutionsdimension ist eng mit den anderen Ionen verknüpft und geht davon aus, dass historische Prozesse einen grundsätzlichen Einfluss auf aktuelle Entscheidungen haben. Die Konzeption basiert auf der Annahme, „dass soziale und ökonomische Prozesse generell pfadabhängig verlaufen und deshalb erfahrungsgebunden, kumulativ und durch Reflexivität geprägt sind“ (Ebenda 38).

In evolutionsökonomischen Ansätzen der 1980-er Jahre wird die These vertreten, dass technisch-ökonomische Entwicklungen einem abgesteckten Entwicklungspfad folgen, da bestehende Technologien die Grundlage für Innovationsprozesse sind und somit die Zukunft beeinflussen – unabhängig davon, ob Vergangenheitsentscheidungen gut oder schlecht waren. Trotzdem finden ständig Mutations- und Selektionsprozesse statt, die auf der Beurteilung des bisherigen Entwicklungsverlaufs beruhen. Technologische Innovationen sind die Folge, mit dem Ziel, die ökonomische Effizienz zu verbessern (Bathelt/Glückler 2003: 38).

OrganisatIon:

Die Organisationsdimension beschäftigt sich mit der Gestaltung industrieller Arbeits- und Produktionsprozesse in und zwischen Unternehmen sowie anderen Akteuren und Institutionen. „Das grundsätzliche Problem […] besteht darin, Arbeitskräfte, Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen und Anlagen auf betriebsinterner und –externer Ebene so zusammenzubinden, dass unter Einbezug einer räumlichen Perspektive eine möglichst effiziente Teilung und Integration der Arbeit erfolgt“ (Ebenda 37). Es muss seitens der Unternehmen analysiert werden, welche Prozesstechnologien eingesetzt werden, welche Zulieferer am besten in Frage kommen und welche Produktionsschritte integriert bzw. ausgelagert werden sollten. Weiterhin müssen natürlich möglichst effiziente unternehmensinterne Organisationsstrukturen gewählt werden (Ebenda).

Diese Dimension ist für wirtschaftsgeografische Untersuchungen von großer Bedeutung, weil Organisationsstrukturen Einfluss auf die Standortstruktur und die räumliche Organisation der Produktion hat. Es ist unzureichend, räumliche Strukturen allein durch Standortfaktoren erklären zu wollen, da es die sozio-institutionellen Beziehungsstrukturen von Unternehmen sind, die den Standort prägen (Ebenda 38).

Interaktion:

Die Interaktionsdimension ist als ein Bindeglied zwischen den Ionen Organisation und Innovation zu sehen, da es Interaktionsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Akteuren sind, die ein Unternehmen befähigen, Innovationen zu erzeugen. „Die Art der Organisation der Produktion und der Prozess der Generierung von Innovationen [sind] aufs Engste mit Interaktionen der ökonomischen Akteure innerhalb und zwischen Unternehmen sowie zwischen Unternehmen und formellen Institutionen verknüpft“ (Ebenda 39).

Bestimmte Interaktionen ziehen bestimmte Lernprozesse nach sich, wobei sich räumlich spezifische Kommunikationsnetzwerke und Verflechtungen herausbilden. Diese lassen sich – je nach Integrationsgrad der Unternehmen in die Region – nur schwer in andere Kontexte übertragen, wodurch der Standort gewisse „Fühlungsvorteile“ im Sinne spezifischer Informations- und Wissenstransfers bekommt. Trotz globaler Organisationsformen sind Unternehmen daher nach wie vor in regionale Strukturen eingebettet (Bathelt/Glückler 2003: 40).

Innovation:

Die Innovationsdimension „ist eng mit dem Prozess der Entstehung neuer Technologien und den Auswirkungen des technischen Fortschritts verknüpft“ (Ebenda 39). Durch Interaktionsprozesse entsteht neues Wissen, das ständigen Modifikationen unterliegt und Unternehmen zu Innovationen anregt. Dabei folgen sie in ihren Innovationsprozessen bestimmten technologischen Entwicklungspfaden, die von einer spezifischen räumlichen Organisationsstruktur beeinflusst werden.

Das Innovationspotential bestimmter Unternehmensagglomerationen hängt unter anderem davon ab, wie die Unternehmen untereinander und mit Institutionen, die für die Wissensgenerierung wichtig sind, vernetzt sind und kooperieren. Dabei kann räumliche Nähe von Vorteil sein, da sie regelmäßige Interaktionen und Abstimmungen zwischen den Akteuren erleichtert (Ebenda).

3 Empirieteil

Im nachfolgenden zweiten Teil der Arbeit wird der Ansatz der Relationalen Wirtschaftsgeografie verwendet, um das Cluster der Maquiladora-Fabriken in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez zu untersuchen. Von Interesse sind hierbei der Evolutionspfad der Unternehmen, die unternehmensinternen und –externen organisatorischen Veränderungen sowie die Beziehungen der Maquiladoras zu ihrem regionalen Umfeld, im Sinne einer Kooperation mit lokalen Institutionen und Unternehmen. Unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Relationalen Wirtschaftsgeografie, dass ein Entwicklungspfad nicht als deterministisch für die Zukunft verstanden werden kann („Kontingenz“), soll der Einfluss der Lohnveredelungsindustrie auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadtregion analysiert werden. Dabei stellt Ciudad Juárez die räumliche Perspektive dar, aus der das Agieren der Unternehmen betrachtet wird.

Die These dieser Arbeit lautet, dass in der Evolution der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez keine weitreichenden Modernisierungsprozesse stattgefunden haben, die zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Region führen könnten.

Diese These soll im Folgenden anhand der vier Ionen „Evolution“, „Organisation“, „Interaktion“ und „Innovation“ in Bezug auf die Maquiladora-Unternehmen verifiziert werden. Dabei geht jedem Punkt eine theoretische Einleitung voraus, die den Zusammenhang zwischen den Untersuchungen und dem konzeptionellen Rahmen der Relationalen Wirtschaftsgeografie herstellen soll. Es wird sich zeigen, dass sich die Ionen in einigen Bereichen überschneiden und nicht immer klar auseinander gehalten werden können. Trotzdem soll versucht werden, die Problematik aus einer relationalen Sichtweise zu erfassen.

[...]


[1] Die Sonderwirtschaftszone wurde von der mexikanischen Regierung 1965 im Rahmen des Programms für die wirtschaftliche Entwicklung der nördlichen Grenzregion eingerichtet („Programa de Industrialización Fronteriza“ oder auch „Border Industrialization Program“) (vgl. Krätke/Borst 2004: 22).

[2] „Die Lohnveredelung ist eine spezielle Form des Dienstleistungsverkehrs. Unter passiver Lohnveredelung versteht man die Bearbeitung, Verarbeitung oder Ausbesserung von Waren, die aus dem freien Verkehr des Wirtschaftsgebiets in fremde Wirtschaftsgebiete gebracht werden und veredelt wieder eingeführt werden.“ (Definition der Industrie und Handelskammer)

Aktive Lohnveredelung ist „spiegelbildlich“ aus der Sicht des weiterverarbeitenden Wirtschaftsgebiets zu verstehen.

[3] „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ / „Dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.”

(Definition der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987)

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Wachstumschancen einer mexikanischen Grenzstadt im Kontext der Globalisierung
Untertitel
Nachhaltige Entwicklung des Maquiladora-Clusters in "Ciudad Juárez"?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie, Fakultät für Kulturwissenschaften)
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
76
Katalognummer
V127182
ISBN (eBook)
9783640332564
ISBN (Buch)
9783640332571
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die von Carolin Hagebölling vorgelegte Diplomarbeit beinhaltet eine für die Wirtschaftsgeographie und die international vergleichende Regionalforschung höchst interessante Studie zur Entwicklung der Wirtschaftsstrukturen einer mexikanischen Grenzstadt, die eines der regionalen Zentren der Maquiladora im Grenzraum USA/Mexiko ist..." (Erstgutachter) "...Das Ergebnis leitet sich aus einem überaus kenntnisreichen, detaillierten und überzeugt dargelegten empirischen Teil ab..." (Zweitgutachter)
Schlagworte
Wachstumschancen, Grenzstadt, Kontext, Globalisierung, Nachhaltige, Entwicklung, Maquiladora-Clusters, Ciudad, Juárez
Arbeit zitieren
Dipl.-Kult. Carolin Hagebölling (Autor), 2006, Wachstumschancen einer mexikanischen Grenzstadt im Kontext der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127182

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