Inwieweit übt die DP-Vergangenheit Einfluss auf die Entwicklung der Identität von Kindern aus? Am Fallbeispiel T. sollen mögliche individuellen Konsequenzen einer Nachfolgegeneration dargestellt werden.
Im Rahmen des Seminars „Heimatlose Ausländer – Die Aufnahme von überlebenden NS-Opfern in Westdeutschland nach 1945“ an der Universität Osnabrück wurde das Phänomen der „Displaced Persons“ näher untersucht. Mit Hilfe von besonderen Fallakten, die größtenteils dem Arolsen Archive entstammen, wurde der Versuch unternommen, Rückschlüsse der Migrationsbeweggründe, die Strukturen europäischer Flüchtlingspolitik sowie die Lebensumstände der vielen Menschen nachvollziehen und rekonstruieren zu können, die als Vertriebene, Holocaustüberlebende oder Flüchtlinge in DP-Camps untergebracht wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Hinführung und Fragestellung
1.2 Forschungsstand
1.3 Quellengrundlage
1.4 Vorgehensweise und Methodik
2. Hauptteil
2.1 Identität und Integration
2.1.1 Integration
2.1.2 Die vier Dimensionen der Integration
2. 2 Vorstellung der CM1-Akte
2.3 Lebensgeschichtliche Interviews
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der „Displaced Persons“-Vergangenheit der Eltern auf die Identitätsentwicklung ihrer Kinder am konkreten Fallbeispiel von T. und analysiert dabei individuelle Auswirkungen sowie Integrationsprozesse unter Berücksichtigung biographischer Aufarbeitungen.
- Thematisierung der historischen Hintergründe von DP-Camps nach 1945.
- Theoretische Fundierung durch Integrationskonzepte nach Esser und Heckmann.
- Analyse der biographischen Rekonstruktion anhand der CM1-Akte.
- Auswertung narrativ-biographischer Interviews zur Identitätsbildung der nächsten Generation.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Herkunftsidentität und Aufnahmegesellschaft.
Auszug aus dem Buch
1.1 Hinführung und Fragestellung
Im Rahmen des Seminars „Heimatlose Ausländer – Die Aufnahme von überlebenden NS-Opfern in Westdeutschland nach 1945“ an der Universität Osnabrück wurde das Phänomen der „Displaced Persons“ näher untersucht. Mit Hilfe von besonderen Fallakten, die größtenteils dem Arolsen Archive entstammen, wurde der Versuch unternommen, Rückschlüsse der Migrationsbeweggründe, die Strukturen europäischer Flüchtlingspolitik sowie die Lebensumstände der vielen Menschen nachvollziehen und rekonstruieren zu können, die als Vertriebene, Holocaustüberlebende oder Flüchtlinge in DP-Camps untergebracht wurden.
"Die[se] DP-Camps wurden von den West-Alliierten zum Teil noch vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 eingerichtet. Sie dienten Menschen unterschiedlichster Nation und Religion, die sich als Folge von Deportation und Krieg weit weg von ihrer Heimat wiederfanden, als Sammelstelle und Ort der physischen Rehabilitation. Zwischen sieben und neun Millionen Menschen waren bei Kriegsende 'displaced', in der Bedeutung des englischen Begriffs also 'verstellt' bzw. 'am falschen Platz' [..]."
Welche Erfahrungen diese vielen Menschen machen mussten, ist heute kaum vorstellbar. Es ist jedoch naheliegend, dass eben durch diese Erfahrungen sich Verhaltensweisen bzw. Einstellungen offenbaren und sich ein Werte- und Normengerüst etabliert, welches in der Familie durch die Erziehung auf Kinder von DPs übertragen werden könnte und sich möglicherweise über den integrativen Prozess hinweg entwickelt.
Während des oben beschriebenen Seminars wurde im Rahmen einer Rechercheaufgabe die Fallakte der Familie T. untersucht. Teil dieser Familie, die später näher vorgestellt werden soll, ist auch der jüngste Sohn, der aus Gründen der Anonymisierung im Folgenden nur mit T. aufgeführt werden soll. Die Akte stellt die Grundlage und das später aufgezeigte Interview die Voraussetzungen zur Forschungsfrage dieser Arbeit dar: Inwieweit übt die DP-Vergangenheit Einfluss auf die Entwicklung der Identität von Kindern aus? Am Fallbeispiel T. sollen mögliche individuellen Konsequenzen einer Nachfolgegeneration dargestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der „Displaced Persons“ ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich des Einflusses der elterlichen DP-Vergangenheit auf die Identitätsentwicklung von Kindern.
2. Hauptteil: Der Hauptteil umfasst die theoretischen Grundlagen zur Integration und Identität, die biographische Aufarbeitung der CM1-Akte sowie die Analyse narrativ-biographischer Interviews mit T. bezüglich seiner Lebensgeschichte.
3. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage differenziert und hält fest, dass die Vergangenheit als DP eine lebenslange Konstante in der Identitätsentwicklung darstellt, welche jedoch von äusseren Faktoren variabel beeinflusst wird.
Schlüsselwörter
Displaced Persons, Identität, Integration, Biographie, Lebensgeschichtliche Interviews, Sozialisation, Nachfolgegeneration, Flucht, Migration, Identitätsentwicklung, Identifikation, Qualitative Forschung, CM1-Akte, NS-Opfer, Aufnahmegesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Vertreibungserfahrungen und die Zeit in DP-Camps (Displaced Persons) bei den Eltern auf die Identitätsbildung ihrer Kinder auswirken.
Welche zentralen Themenbereiche werden bearbeitet?
Schwerpunkte sind die theoretischen Grundlagen der Sozialintegration (nach Esser und Heckmann), die historische Einordnung der Lebensbedingungen von DPs und die Fallanalyse der Familie T. durch Akten und narrative Interviews.
Was stellt die primäre Forschungsfrage dar?
Die zentrale Frage lautet: Inwieweit übt die DP-Vergangenheit der Eltern einen messbaren Einfluss auf die Entwicklung der Identität ihrer Kinder aus?
Welche wissenschaftliche Methodik wurde für die Datenerhebung genutzt?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse biographischer Dokumente (CM1-Akte) sowie auf die Durchführung und Auswertung von zwei narrativ-biographischen Interviews nach Gabriele Rosenthal.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit detailliert?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Begriffsdefinitionen (Integration, soziale/identifikative Dimensionen), die Vorstellung der Fallakte des Sohnes T. und die Aufarbeitung seiner Lebensgeschichten aus den Interviews.
Durch welche Begriffe lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Schlagworte sind Identitätsentwicklung, DP-Camps, narrative Identitätsforschung, soziale Integration, Migrationsbiographie und Aufarbeitungsstrategien der Nachfolgegeneration.
Wie beeinflusste die Fluchtgeschichte der Familie T. das Verhältnis zum Vater?
Das Verhältnis war durch ein patriarchalisches Rollenbild und unterschiedliche Auffassungen zum Beruf des Musikers geprägt, wobei der Vater erst nach Nachweis des Studienerfolgs des Sohnes seine strikte Haltung aufgab.
Wie ordnet T. seine eigene Identität heute ein?
T. identifiziert sich dual: Er fühlt sich sowohl mit der Aufnahmegesellschaft als auch mit der serbisch-jugoslawischen kulturellen Prägung seiner Herkunftsfamilie verbunden.
Welche Rolle spielt die Musik in der Biographie von T.?
Musik fungiert für T. sowohl als Mittel zur Identitätsstiftung als auch als Instrument der sozialen Integration, was sich unter anderem durch sein Engagement in Schulen und Organisationen wie der „Blues Company“ zeigt.
- Citar trabajo
- Fabian Gedicke (Autor), 2021, Bürgermedaille und Knoblauchfresser. Lebensgeschichtliche Rekonstruktionen und Auswirkungen identitärer Entwicklungen von Displaced Persons, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1271917