Kaum jemand hat so hautnah über die Auswirkungen des nationalsozialistischen Terrors geschrieben wie der jüdische Romanist Victor Klemperer.
Klemperer war kein klassischer Held des Widerstands, der durch besonderen Witz, Charme oder Mut überlebt hat. Er war ein Mensch, der unter Ängsten litt, manchmal ungerecht war, sich irrte, aber eben auch durchhielt bis zum Letzten, weil er sich durch Nichts und Niemanden davon abbringen ließ, Zeugnis abzulegen. Zeitlebens führte er Tagebuch und notierte akribisch alles, was sich in seinem Leben zutrug. So schildert der in Dresden lebende Klemperer, wie sich der gewöhnliche Faschismus nach und nach in den Alltag einnistet.
Im Aufbau-Verlag erscheinen 1995 jene Tagebücher, die Victor Klemperer zwischen 1933 und 1945 geschrieben hatte. Binnen kurzer Zeit avancieren die beiden Bände mit dem Titel "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" zum Bestseller und werden vier Jahre später für das Fernsehen verfilmt (1999, ARD). Seither ist der Name Victor Klemperer in Deutschland ein fester Begriff.
Auch sein Buch LTI - Notizbuch eines Philologen, eine Sprachanalyse des Dritten Reichs, die auf den Aufzeichnungen der Tagebücher basiert, wurde ein Kultbuch. In seinem Werk LTI, das eine profunde Kritik an der Sprache des Dritten Reichs liefert, verbindet Klemperer in seiner Darstellung sowohl wissenschaftliche Analysen sprachkritischer Betrachtungen als auch biographische Elemente miteinander. Diese eher ungewöhnliche Konzeption präsentiert die LTI anschaulich und verständlich, ohne sich dabei im Rahmen einer rein wissenschaftlichen Abhandlung auf einen tendenziell elitären Leserkreis zu konzentrieren. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum sich Klemperers LTI einer solchen Beliebtheit erfreut.
Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, was Klemperer dazu bewegte das Buch LTI zu schreiben und wie seine Entstehungsgeschichte aussah, warum er es LTI nannte und vor allem, was man bzw. Klemperer unter dem LTI-Begriff versteht. Eine Analyse unter dem Gesichtspunkt des LTI-Begriffes, worauf im weiteren Verlauf immer wieder Bezug genommen wird, ist im Anhang zu finden. Dabei wurde der LTI-Begriff sowohl im engeren als auch im weiteren Sinn verstanden und unterteilt, die Charakteristika der LTI herausgearbeitet und ein Versuch eines Lexikons unternommen, welches sich wiederum in Wortarten und bestimmte Einzelmerkmale unterteilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Klemperers LTI-Begriff
2.1 Die Entstehungsgeschichte der LTI
2.2 Warum nannte Klemperer sein Buch LTI?
2.3 Klemperers LTI-Begriff
3. Anhang
3.1 LTI im engeren Sinn
3.1.1 Charakteristika der LTI
3.1.2 Einzelmerkmale der LTI
3.1.3 Lexikon der LTI
3.2 LTI im weiteren Sinn
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Klemperers zentralen Begriff der "LTI" (Lingua Tertii Imperii), um die Mechanismen und die Wirkung der nationalsozialistischen Sprache auf die Bevölkerung sowie das alltägliche Denken offenzulegen.
- Die Entstehungsgeschichte und Motivation hinter Victor Klemperers Werk LTI.
- Untersuchung der LTI im engeren philologischen Sinn (Mechanisierung, Armut der Sprache).
- Analyse der LTI im weiteren Sinn als Spiegelbild einer totalitären Epoche.
- Differenzierung zwischen offizieller Sprache und Gegendiskurs der Unterdrückten.
- Erstellung eines Lexikons zur Veranschaulichung der sprachlichen Einflussnahme des NS-Regimes.
Auszug aus dem Buch
2.3 Klemperers LTI-Begriff
Klemperer betreibt in seinem Werk LTI nicht nur eine rein philologische Analysetätigkeit, sondern verknüpft diese auch mit seinem persönlichen Schicksal. Neben offiziellen Verlautbarungen mündlicher und schriftlicher Art und Textsorten, wie Familien- oder Todesanzeigen analysiert Klemperer spezifische kommunikative Situationen vor allem des Alltags, in denen sich die Menschen befanden. Dabei stellt er die Komplexität der Einflussnahme durch den nationalsozialistischen Diskurs dar, wobei er beispielsweise die Ausbreitung der LTI bis hinein in seine unmittelbare Umgebung schildert, und untermauert die akribische Sammlung und Auflistung von Einzelfaktoren. Detailliert beschreibt er die Ausbreitung von Redeweisen, arbeitet die sprachlichen Fakten heraus, die die jeweilige Redeweise charakterisieren und bezieht diese Einzelfakten wiederum auf die Gesamtwirkung des Diskurses. Klemperer interessiert sich also „nicht nur für den Wandel der Sprache hin zum Nationalsozialismus, sondern mit gleicher Intensität auch für die innere Dynamik selbst“. In Klemperers Blickfeld gerät so nicht nur die LTI aus rein philologischer Sicht, er will auch aus der Sprache ihren Geist feststellen, denn „nichts führt uns dichter an die Seele eines Volkes heran als die Sprache“. Somit kann man Klemperers LTI als eine Auseinandersetzung mit dem Wirken und Nachwirken des Faschismus betrachten, die sich in bestimmten Sprachformen niederschlägt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt Victor Klemperer als Chronisten des nationalsozialistischen Alltags vor und führt in die Genese seines Werkes "LTI – Notizbuch eines Philologen" ein.
2. Klemperers LTI-Begriff: Dieses Kapitel erläutert die Entstehungsgeschichte des Werkes, die Bedeutung der Abkürzung LTI und analysiert die grundlegenden Merkmale der NS-Sprache sowie Klemperers methodischen Ansatz.
3. Anhang: Der Anhang bietet eine detaillierte, strukturierte Aufbereitung der LTI-Merkmale und ein umfangreiches Lexikon, unterteilt in engere und weitere Sinnzusammenhänge.
Schlüsselwörter
Victor Klemperer, LTI, Lingua Tertii Imperii, Nationalsozialismus, Sprachkritik, Faschismus, Tagebuch, Gegendiskurs, Mechanisierung, Verschleierung, Fremdwörter, Abbreviaturen, Totalitarismus, Wortwert, Sprache des Glaubens.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Klemperers Analyse der Sprache des Dritten Reichs, wie sie in seinem berühmten Werk "LTI – Notizbuch eines Philologen" dargelegt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Mechanismen der NS-Sprache, die Rolle der Sprache bei der Verbreitung faschistischer Ideologie und Klemperers subjektive Beobachtungen als Betroffener.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erklären, was Klemperer unter dem Begriff LTI versteht und wie er den schleichenden Einfluss dieser Sprache auf die Bevölkerung und das Denken analysiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die philologische Analyse von Klemperers Texten, kombiniert mit historischen Kontexten und biographischen Elementen des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entstehung des Buches, der Definition des LTI-Begriffs und der Kategorisierung sprachlicher Merkmale wie Mechanisierung, Emotionalisierung und Verschleierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören LTI, Nationalsozialismus, Sprachkritik, Ideologie, Verschleierung und der "Gegendiskurs".
Was versteht man unter dem LTI-Begriff im "weiteren Sinn"?
Im weiteren Sinn bezeichnet der LTI-Begriff nicht nur die Sprache der Nationalsozialisten selbst, sondern auch die Reaktion darauf und den Ausdruck einer gesamten Epoche durch Architektur, Symbole und alltägliche Handlungen.
Warum bezeichnete Klemperer seine Arbeit als "Balancierstange"?
Klemperer beschreibt sein Tagebuch metaphorisch als "Balancierstange", die ihm half, während der Verfolgung unter dem Nazi-Regime psychisch nicht abzustürzen und Zeugnis über die Zeit abzulegen.
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- Silvia Asser (Author), 2006, Klemperers LTI-Begriff - Das sprachkritische Werk Victor Klemperers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127323