Die besonderen Chancen und Risiken kleiner Staaten in der EU


Diplomarbeit, 2009

84 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzepte zur Bestimmung eines kleinen Landes
2.1 Einfache Indikatoren kleiner Staaten
2.1.1 Die Bevölkerung als Größenindikator
2.1.2 Die geographische Ausdehnung als Größenindikator
2.1.3 Das Bruttoinlandsprodukt / BIP pro Kopf in KKS als Größenindikator
2.2 Aggregierte Indikatoren kleiner Staaten
2.2.1 Einfache Indexbildung als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten
2.2.2 Faktorenanalysen als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten
2.2.3 Clusteranalysen als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten

3. Die EU-Mitgliedschaft kleiner Staaten
3.1 Die Bedeutung der Größe in der Theorie
3.1.1 Auswirkungen geringer Staatsgröße auf die Faktorausstattung
3.1.2 Auswirkungen geringer Staatsgröße auf den Produktionsprozess
3.1.3 Auswirkungen der Staatsgröße auf die Verwundbarkeit
3.1.4 Weitere theoretische Auswirkungen der Staatsgröße
3.1.5 Ergebnisse der theoretischen Betrachtung im Bezug auf die Größe
3.2 Kategorisierung der kleinen Staaten in der EU

4. Die Bedeutung der Größe in Verhandlungsprozessen
4.1 Das Machtdreieck Europas: Wer hat den größten Einfluss auf die EU?
4.2 Abstimmungsvorgänge in der EU: Wenig Stimmen, wenig Einfluss?
4.3 Kleine Staaten in der EU: Überrepräsentiert oder dominiert von den „Großen“?
4.4 Der EU-Haushalt: Sind alle kleinen Staaten Nehmerländer?

5. Die Bedeutung der Größe in den EU-Politikbereichen
5.1. Der EU-Binnenmarkt
5.1.1 Die „Vier Grundfreiheiten“
5.1.2 Auswirkungen des gemeinsamen Binnenmarktes auf die kleinen Staaten
5.2 Die EU-Agrarpolitik
5.2.1 Die Ziele der EU-Agrarpolitik
5.2.2 Auswirkungen der EU- Agrarpolitik auf die kleinen Staaten der EU
5.3 Die EU-Regional- und Strukturpolitik
5.3.1 Ziele und Instrumente der EU- Regional- und Strukturpolitik
5.3.2 Auswirkungen der Regional- und Strukturpolitik auf die kleinen Staaten der EU

6. Theorie vs. Realität - Die EU-Mitgliedschaft kleiner Staaten:

Notwendigkeit oder falsche Hoffnung?

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Die kleinen Länder der EU nach der Bevölkerung

Tab. 2: Die kleinen Länder der EU nach der Fläche.

Tab. 3: Die kleinen Länder der EU nach dem BIP

Tab. 4: Die kleinen Länder der EU nach dem BIP pro Kopf in KKS

Tab. 5: Die kleinen Länder der EU anhand des Indexverfahren von Jalan

Tab. 6: HRST in ausgewählten EU-Ländern

Tab. 7: Stimmen im Rat der Europäischen Union

Tab. 8: Netto-Zahler und Netto-Empfänger der kleinen Mitgliedsstaaten

Tab. 9: EU-15 Direktinvestitionen in die neuen Mitgliedsstaaten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Nationaler Beitrag nach Mitgliedsstaaten in Mio. Euro (2007)

Abb. 2: EU-Ausgaben nach Rubriken und Mitgliedsstaaten in Prozent des BNE (2007).

Abb. 3: Kohäsionspolitik-Ziele und Fonds

1. Einleitung

Die Europäische Union (EU) besteht seit der letzten Erweiterung am 01.01.2007 aus 27 Mitgliedstaaten mit rund 500 Millionen Einwohnern. Durch die Aufnahme von 12 neuen Staaten seit 2004 hat sich die Gemeinschaft stark verändert und wurde immer heterogener. Die Zahl der kleinen Staaten ist ebenfalls angestiegen. Jedoch gibt es in der Literatur keine Einigung darüber, wie ein kleiner Staat definiert werden sollte.[1]

In dieser Arbeit sollen die besonderen Chancen und Risiken kleiner Staaten in der EU aufgezeigt werden. Die Kleinheit eines Landes sollte von mehreren Seiten betrachtet werden, um die Möglichkeiten, die Gefahren und den Einfluss kleiner Staaten im Zusammenhang zu der gesamten Europäischen Union zu verstehen. Ihre Heterogenität in den Bereichen historischer Hintergrund, geographische Lage, natürliche Ressourcen, Einwohnerzahl, Humankapital, Bruttoinlandsprodukt (BIP) etc. sind von entscheidender Bedeutung, um die Rolle der kleinen Staaten in der EU näher zu erläutern.[2] Außerdem soll ihr Machtpotential in Verhandlungsprozessen und den EU-Politikbereichen dargestellt werden, bevor zum Schluss ein Vergleich der Theorie mit der Praxis Aufschluss über die Vor- und Nachteile eines EU-Beitritts gibt.

Im zweiten Kapitel werden zunächst verschiedene Konzepte vorgestellt, die dazu beitragen, dass ein kleiner Staat allgemein definiert werden kann. Dies soll der späteren Einordnung dienen. Neben den traditionellen einfachen Bestimmungsfaktoren werden stark vereinfachte aggregierte Indikatoren dargelegt.

Ziel des dritten Kapitels ist es, die theoretischen Aspekte der Größe und ihre Auswirkungen auf ihre Entwicklungen in der EU darzustellen. Es werden Theorien und Modelle der Literatur betrachtet, die die theoretischen Probleme kleiner Staaten darstellen.

Nach den Grundlagen der Messungen zur Bestimmung kleiner Staaten und dem theoretischen Überblick wird eine Kategorisierung vorgenommen, in der sieben Länder der EU abgegrenzt werden, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit als klein gelten.

Gegenstand des vierten Kapitels ist die Bedeutung der Größe in EU-Verhandlungsprozessen. Nach einer kurzen Einführung in die drei wichtigsten EU-Institutionen des Rates, des Parlaments und der Kommission werden die jeweiligen Abstimmungsvorgänge sowie der Einfluss kleiner Staaten auf die EU-Verhandlungen erklärt. Anschließend wird die damit verbundene Frage nach einer eventuellen Überrepräsentation der kleinen Staaten beantwortet. Es folgt die Darstellung des EU-Haushalts und inwieweit die Mitglieder von ihrer Größe profitieren.

Eine erste Zusammenführung von Theorie und Realität wird in Kapitel fünf durchgeführt. Es werden drei Politikbereiche der EU vorgestellt, die für kleine Staaten von großer Bedeutung sind, da sie sowohl markt- und produktionstechnische Aspekte als auch fiskalische Transferzahlungen beinhalten. Die Bedeutung, die Ziele und die Auswirkungen des EU-Binnenmarktes, der gemeinsamen Agrarpolitik und der Regional- und Strukturpolitik sollen erläutert werden.

Zum Abschluss der Arbeit werden noch einmal die vorgestellten theoretischen Perspektiven mit denen der Realität verglichen, um folgern zu können, ob eine EU-Mitgliedschaft mehr Vor- oder Nachteile für kleine Staaten mit sich bringt und ob sie zwingend erforderlich ist.

2. Konzepte zur Bestimmung eines kleinen Landes

Bevor die Chancen und Risiken kleiner Staaten in der europäischen Union diskutiert werden können, ist es notwendig festzustellen in wie weit ein kleiner Staat definiert werden kann. In der Literatur gibt es zahlreiche Definitionen, die zwar an einem gemeinsamen Grundprinzip festhalten, sich aber zum Teil deutlich unterscheiden. Anhand verschiedener Kriterien, die messbar sind, wird eine Abgrenzung vorgenommen. In den Auswertungen der Forscher boten sich oftmals auffällige Sprungstellen, die als natürliche Grenze dienten und somit zu einer Definition führten.[3]

Im Folgenden werden verschiedene Abgrenzungsmethoden vorgestellt und speziell auf die Mitgliedsländer der EU angewandt. Diese Methoden teilen sich in einfache und aggregierte Indikatoren auf. Erstere beziehen sich auf einen bestimmten Indikator der Staatsgröße, während sich letztere über Verknüpfungen mehrerer Indikatoren definieren.

Hierbei ist zu erwähnen, dass sich bislang keiner dieser Methoden gänzlich durchgesetzt hat, weil die Theorie keine eindeutige Abgrenzung in Bezug auf die Staatsgröße vorgibt. Die Festlegung der Größe der Staaten ist schwer zu beurteilen, da eine bestimmte theoretische Perspektive nicht mehr Gültigkeit besitzt als eine andere.[4]

Im Anschluss wird eine Kategorisierung der europäischen Länder vorgenommen, in der diese größenspezifisch eingeordnet werden.

2.1 Einfache Indikatoren kleiner Staaten

Oftmals wird in der Literatur der Begriff der kleinen EU-Staaten verwendet, aber selten wird explizit eine Einordnung vorgenommen. In der Regel ist davon auszugehen, dass die so genannten einfachen Indikatoren die Größe eines Landes spezifizieren. Diese Größenindikatoren sind durch feste, eindeutig messbare Eigenschaften und Merkmale eines Staates gekennzeichnet. Außerdem ist ihre Ermittlung relativ einfach. Natürlich können sich im Laufe der Zeit einige dieser Faktoren verändern und somit ist es nicht unmöglich, dass aus einem kleinen ein mittelgroßer oder ein großer Staat wird.

Die wichtigsten und sinnvollsten dieser Einzelindikatoren werden im Folgenden vorgestellt und diskutiert.

2.1.1 Die Bevölkerung als Größenindikator

Die Bevölkerungszahl eines Staates ist eine häufig verwendete Größenabgrenzung. Dieser Indikator ist relativ leicht zu ermitteln, da er anhand von Geburtenraten, Zuwanderungen und Volkszählungen bestimmt wird. Zudem gibt die Bevölkerungszahl auch Aufschluss über die potentielle Binnenmarktgröße, die Anzahl der Arbeitskräfte und das vorhandene Humankapital.[5] Diese Punkte sind allerdings nicht ohne weiteres zu übernehmen. So wird hier die Kaufkraft der Einwohner außer Acht gelassen.[6] Auch die Rückschlüsse auf das Humankapital kann nicht pauschalisiert werden. Die Einwohnerzahl Luxemburgs liegt bei ca. 400.000, welche hinter Malta die niedrigste in der EU ist. Jedoch ist das Humankapital, gemessen an den hoch qualifizierten wissenschaftlichen und technischen Berufen, auf mehr als 30 % der Bevölkerung eingestuft worden.[7]

Wie bereits erwähnt gibt es keine eindeutigen Grenzwerte, die ein kleines Land anhand seiner Bevölkerungszahl einordnet. Analysen diesbezüglich variieren zum Teil sehr stark.[8] Kuznets (1960) und Robinson (1960) geben einen Spielraum von 10 Mio. bis 15 Mio. Einwohnern, Demas (1965) und Collier/Dollar (1999) definieren kleine Staaten mit einer Bevölkerungszahl von weniger als 5 Mio.. Ashoff (1988) setzt einen Grenzwert von 1 bis 5 Mio., während diese bei Armstrong/Read (1995) bei unter 3 Mio. liegt. Als kleinste Einwohnerzahl von unter 1 Mio. definieren Easterly und Kraay (2000) kleine Länder.[9] Es ist zu berücksichtigen, dass sich die genannten Verfasser mit Ländern auf der ganzen Welt befassten. Thorhallsson kategorisierte die kleinen Staaten in der EU schon ab unter 15 Millionen Einwohner, merkte aber an, dass diese Einordnung allein problematisch sei.[10]

In Tabelle 1 wurden die sieben bevölkerungsschwächsten Länder der EU ermittelt. Hier werden Sprungstellen deutlich, die als Abgrenzungen gelten können.

Tabelle 1: Die kleinen Länder der EU nach der Bevölkerung (2007)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Eurostat (2008a).

Eine markante Sprungstelle, von ca. einer Million Einwohnern Unterschied, ist zwischen Litauen (3,4 Mio.) und Irland (4,3 Mio.) aufgekommen.[11] Der Bruch hätte aber auch ebenso zwischen Lettland und Litauen vollzogen werden können. Die gewählte Abgrenzung ist reine Willkür, erschien im Zusammenhang aber gerechtfertigt, weil es ein Sprung in der Größenordnung von ca. einem Drittel der Bevölkerung Litauens ist. Hier wurde der Grenzwert eingeführt. Tabelle 1 zeigt die kleinen Länder anhand ihrer Einwohnerzahlen. Es ist zu erkennen, dass die ersten drei Positionen von den Inselstaaten Malta und Zypern sowie von Luxemburg belegt werden. Die folgenden vier Länder (Estland, Slowenien, Lettland, Litauen) können der Region Osteuropas zugeordnet werden. Die Bevölkerung der Staaten ist tendenziell relativ konstant, oder zumindest stehen ihr Wachstum oder Rückgang in der Regel im Einklang zu einem bestimmten Zeitraum. Große Zuströme von Menschen oder Massenemigration sind relativ seltene Phänomene, auch wenn es sie gibt.[12] Auf die Migrationserwartungen wird im Folgenden noch ausführlich eingegangen.

2.1.2 Die geographische Ausdehnung als Größenindikator

Der zweite einfache Größenindikator ist die tatsächliche geographische Ausdehnung. Diese ist genau anhand der Staatsgrenzen bestimmt und somit fixiert.

Lloyd und Sundrum merkten an, dass die geographische Größe auf das Vorkommen natürlicher Ressourcen schließen lässt, da bei einer größeren Fläche auch mehr Rohstoffe vermuten werden.[13] Eine Verallgemeinerung kann aber nicht bestätigt werden. Es wird bei dieser These von einer zufälligen Verteilung der natürlichen Ressourcen ausgegangen, welche in der Realität aber nicht unbedingt gegeben sein muss.[14]

In Tabelle 2 sind die kleinsten EU-Mitglieder in Bezug auf die geographische Ausdehnung dargestellt.

Tabelle 2: Die kleinen Länder der EU nach der Fläche (2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Fischer Weltalmanach, 2008.

Auch aus dieser Perspektive können Malta, Luxemburg und Zypern als die kleinsten drei EU-Länder identifiziert werden. Dies sind auch die einzigen kleinen Mitglieder, in denen die Flächengröße mit der Bevölkerungszahl korreliert.[15] Die folgenden vier Länder haben eine mindestens doppelt so große Flächenausdehnung wie Zypern.

2.1.3 Das Bruttoinlandsprodukt / BIP pro Kopf in KKS als Größenindikator

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bzw. das BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards (KKS) kann ebenfalls zur Bestimmung eines kleinen Landes verwendet werden. In der Literatur kommt dies aber seltener vor, da es eher ein Indikator für die wirtschaftliche Lage eines Landes, als für die Größe ist. Außerdem schwankt jährlich sowohl das BIP, als auch das BIP pro Kopf in einigen Ländern relativ stark. Dies erschwert eine eindeutige Bestimmung eines kleinen Landes.[16]

Einen weiteren Kritikpunkt führte Wöhlcke an:

„Gelegentlich wird auch das Bruttoinlandsprodukt berücksichtigt, [...] aber damit wird die Kleinstaatendiskussion tautologisch; wenn „klein“ und „arm“ in der Definition miteinander verknüpft werden, dann ist natürlich jedes „kleine“ Land zugleich „arm“; Luxemburg wäre dann z.B. nicht „klein“. Mit einer solchen Definition ist die „small-state“-Problematik nicht mehr sinnvoll zu diskutieren.“[17]

Allerdings können durch die genannten Indikatoren durchaus Tendenzen festgestellt werden, die auf ein kleines Land schließen lassen (Vgl. Tab. 3 und 4).

Tabelle 3: Die kleinen Länder der EU nach BIP, 2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Eurostat (2008c).

Tabelle 4: Die kleinen Länder der EU nach BIP/Kopf in KKS, 2007

(EU-27=100)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Eurostat (2008c).

Die Bestimmung eines kleinen Landes durch das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen führt zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Indikatoren Bevölkerungszahl und geographische Ausdehnung. Lediglich Bulgarien ist hinzugekommen, während Luxemburg herausgefallen ist.

Ein anderes Resultat zeigt die Einordnung des Bruttoinlandsproduktes in Kaufkraftstandards. Die ost- bzw. südosteuropäischen Staaten, sowie Portugal ersetzen die Inselstaaten Malta und Zypern. Der Grund hierfür liegt in ihrer relativ hohen Einwohnerzahl bei einem relativ geringen Bruttoinlandsprodukt.

2.2 Aggregierte Indikatoren kleiner Staaten

Die auf den einfachen Indikatoren basierende Einordnung kleiner EU-Staaten ist kritisch zu betrachten. Insbesondere nur einen Indikator für eine genaue Bestimmung der Kleinheit aufzugreifen fällt schwer, da hierbei mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Aus diesem Grund wurden verschiedene Methoden entwickelt, die mehrere Einzelindikatoren zusammenfassen.[18]

2.2.1 Einfache Indexbildung als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten

Ein Verfahren zur einfachen Indexbildung stammt von Jalan. Aus einem Datensatz werden die Variablen der Bevölkerung, des Bruttoinlandsproduktes und die Fläche ausgewählter Länder einbezogen. Zu jeder Variablen wird eine Indexreihe ermittelt, in der der Index 100 das größte Land repräsentiert. Für jedes Land werden somit drei Indizes ermittelt, die danach mit gleicher Gewichtung zusammengefasst werden. Ein kleines Land wird hier dadurch bestimmt, dass der Median der gesamten Indizes einen Grenzwert bildet. Ist der Index eines Landes unter diesem Grenzwert, so wird es als klein angesehen.[19] Außerdem werden diejenigen Länder mit einbezogen, deren Gesamtindex zwar über dem Grenzwert liegt aber in den Einzelindizes unter den Spitzenreitern der kleinen Staaten bleiben. Damit soll sichergestellt werden, dass die Variablen nicht untereinander substituierbar sind.[20]

Mit dem Daten und Auswertungen von Ahlfeld (1982) kann auch für die Mitglieder der europäischen Union eine Rangliste aufgestellt werden. Diese in Tabelle 5 durch Julans Indexbildung dargestellten kleinen Länder bestätigen nahezu eins zu eins die bereits genannten Länder (siehe Tab. 1 bis 4). Sowohl die Inselstaaten Malta und Zypern, als auch alle drei baltischen Staaten zählen nach dieser Auswertung zu den kleinen EU-Staaten. Da die Indizes allein nicht sehr aussagefähig sind, ist ein Vergleich von Deutschland mit Malta anschaulicher. Mit einem Wert von 9,651 hat Deutschland einen mehr als 320- fachen Wert gegenüber Malta (0,030) und mehr als 30- fachen Wert gegenüber Litauen (0,318).

Des Weiteren sind mit Luxemburg und Slowenien ebenfalls zwei Länder nicht zum ersten Mal in der Einordnung vertreten.[21]

Tabelle 5: Die kleinen Länder in der EU anhand

des Indixverfahrens von Jalan (1982)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

nach Ahlfeld (2007), A-7 ff.

2.2.2 Faktorenanalysen als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten

Dem Modell von Jalan wurde vorgeworfen, dass die gleiche Gewichtung der drei Teilindikatoren nicht realistisch sei. Mit Hilfe einer Faktorenanalyse gewichtete Downes 1988 die Variablen Bevölkerung, Fläche und Bruttoinlandsprodukt neu.[22] Die genaue Berechnung ist für diese Arbeit irrelevant und wird nicht weiter verfolgt, da sie ihren Rahmen sprengen würde. Es ist eine statistische Berechnung, ähnlich der Regressionsanalyse, die wiederum eine Rangfolge der Länder vorgibt. Die Abgrenzung der kleinen Staaten ist zum wiederholten Mal willkürlich zu treffen. Laut Ahlfeld empfehlen sich hier auch wieder markante Sprungstellen.[23]

Aus den Ergebnissen kann auch eine Reihenfolge für EU-Staaten ermittelt werden, die mit Tabelle 5, auch in der Reihenfolge, identisch ist.[24] Diese relativ aufwendige Analyse ändert somit nicht die vorherige Einordnung. Würden die Gewichtungen anders gewählt werden, könnte sich die Rangfolge der Länder sicherlich ändern.

2.2.3 Clusteranalysen als Methode zur Abgrenzung kleiner Staaten

Die Abgrenzung kleiner Staaten kann auch mit Hilfe einer Clusteranalyse erfolgen. Diese hilft, Objekte mit ähnlichen Merkmalen in Gruppen einzuteilen. Auf Grundlage der bereits genannten Indikatoren der Bevölkerung, der geographischen Ausdehnung und des Bruttoinlandsproduktes können die verschiedenen Länder kategorisiert werden.[25] Crowards unterscheidet in seinen Analysen zwischen:

1. micro states
2. small states
3. medium states
4. large states

Grundlage der Clusteranalyse ist die Verwendung der quadrierten euklidischen Distanz.[26] Die Grenzwerte werden diesmal klar vorgegeben. Crowards und Ahlfeld kommen zu dem Ergebnis, dass die Cluster der micro states und small states tatsächlich die kleinen Staaten repräsentieren. Da der Großteil der EU-Staaten unter die medium states fällt, gibt es bei dieser Analyse nur vier EU-Länder, die tatsächlich in die Cluster kleiner Länder fallen. Dazu zählen Estland, Luxemburg, Malta und Zypern, wobei anzumerken ist, dass keines dieser Länder dem ersten Cluster des micro state zugeordnet wird.

3. Die EU-Mitgliedschaft kleiner Staaten

Was versprechen sich die vermeintlich kleinen Staaten von einem Beitritt in die europäische Union? Welche Hoffnungen und Hemmnisse unter Berücksichtigung ihrer Größe können theoretisch festgemacht werden? - In diesem Abschnitt soll der allgemeine theoretische Einfluss von kleinen Ländern und ihre ökonomischen Folgen dargestellt werden. Es werden mehrere theoretische Ansätze der Volkswirtschaftslehre vorgestellt und in Bezug zu kleinen Ländern gesetzt. Einige dieser Theorien werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit überprüft. Im Punkt 3.2 wird anhand der bisherigen Ergebnisse eine Kategorisierung der kleinen Staaten in der europäischen Union vorgenommen.

3.1 Die Bedeutung der Größe in der Theorie

Die Volkswirtschaftstheorie zeigt einige Modelle, in denen sowohl die Chancen als auch die Risiken kleiner Staaten aufgezeigt werden. Die verschiedenen theoretischen Erwartungen sollen im Folgenden vorgestellt werden, bevor es in Kapitel 6 zu einer Gegenüberstellung und Bewertung von Theorie und Realität kommt.

3.1.1 Auswirkungen geringer Staatsgröße auf die Faktorausstattung

Die ökonomischen Konsequenzen in Bezug auf die Staatsgröße können in der Theorie mit Auswirkungen auf die Faktorausstattung aufgezeigt werden. Wie schon in Abschnitt 2.1.2 erwähnt, wird bei einer zufälligen Verteilung von natürlichen Ressourcen davon ausgegangen, dass die Wahrscheinlichkeit in kleinen Ländern relativ gering ist, ein hohes Aufkommen dieser Ressourcen zu finden.[27] Vorraussetzung hierfür ist die Annahme einer gleichmäßigen Verteilung. Die Nicht-Verfügbarkeit hat zur Folge, dass ein Land, das seine Nachfrage nicht oder nicht vollständig befriedigen kann, auf Importe aus anderen Ländern angewiesen ist.[28] Im Gegensatz dazu kann ein relativ großes Vorkommen an natürlichen Ressourcen den Eigenbedarf übersteigen und somit gute Exportmöglichkeiten bieten.[29]

Des Weiteren kann die Hypothese aufgestellt werden, dass kleine Länder auf Grund der begrenzten Fläche sowohl im Agrarsektor als auch in der industriellen Fertigung gegenüber großen Ländern benachteiligt sind. Dies trifft nur begrenzt zu. Ein als absolut klein betrachteter landwirtschaftlicher Sektor eines kleinen Landes kann über eine relativ großen Agrarsektor verfügen. Ein Problem könnte dabei sein, dass die Fläche für alternative Benutzungen nicht mehr zur Verfügung steht und andere produktivere Sektoren geschwächt werden.[30]

Die Verbindung von geringer geographischen Ausdehnung und geringer Bevölkerung kann zudem auf einen relativ kleinen nationalen Binnenmarkt schließen lassen, der sowohl Absatzschwierigkeiten als auch Arbeitskräftemangel impliziert.

In der Theorie von Ricardo liegen die Chancen kleiner Länder vor allem in der Spezialisierung auf Güter, für die relative Kosten- und damit relative Preisvorteile in der Produktion bestehen.[31] Als Grund für die relativen Preisvorteile kann neben einer relativ größeren Arbeitsproduktivität und einem relativen Effizienzvorteil auch eine relativ kleine Nachfrage der Güter genannt werden. Allerdings sind die Annahmen eines 2 Länder - 2 Güter Modells mit homogenen Arbeitskräften und einem vollkommenen Markt stark vereinfacht.[32]

Das Faktorproportionentheorem hat ähnliche Annahmen. Die Modelle unterscheiden sich in der Faktorausstattung. Unterscheiden sich zwei Länder in dieser, so wird das Gut exportiert, welches einen relativen Preisvorteil auf Grund einer relativ intensiven Nutzung des relativ reichlich vorhandenen Faktors besitzt.[33]

Allgemein ist eine Spezialisierung eines kleinen Landes als positiv zu bewerten, wenn es komparative Vorteile besitzt. Kleine Länder, wie z.B. die baltischen Staaten, haben hier ihre Chance. Sie verfügen im Vergleich zu den großen EU-Ländern über relativ billige Arbeitskräfte, die in der Regel auch ausreichend qualifiziert sind.[34] Wenn davon ausgegangen wird, dass eine absolut geringere Bevölkerung eine geringe Bandbreite an qualifizierten Arbeitskräften impliziert, kann es zu Nachteilen in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit kommen.[35] Eine sehr arbeitsintensive Produktion bei geringer Bevölkerung kann schnell zu Arbeitskräftemangel führen. Dies hätte zur Folge, dass die Forderung nach höheren Löhnen den Vorteil wieder ausgleicht.[36]

Auf Grund dieser Erwartungen kann es, gerade in kleinen Ländern der EU, von entscheidender Bedeutung sein in Bildung zu investieren, um Humankapital zu schaffen.[37] Die Finanztransfers der EU könnten dazu genutzt werden, um Investitionen in diesem Bereich zu tätigen (siehe Abschnitt 5.3). Hingegen kann eine Humankapitalflucht in Form von Abwanderungen der qualifizierten Einwohner als ein großes Risiko gesehen werden.[38] Die Ursachen sind sowohl höhere Löhne, als auch bessere Perspektiven in großen Ländern. In diesem Bereich haben die kleinen EU-Staaten noch Aufholbedarf. Um langfristig international wettbewerbsfähig zu werden, ist es für die kleinen Staaten aber notwendig in Bildung zu investieren.

Des Weiteren gibt es in der Theorie auch Probleme hinsichtlich der Sachkapitalbildung in kleinen Staaten. Dies hat verschiedene Gründe, wie z.B. ein unzureichendes Finanzsystem, eine geringe Sparbereitschaft aber auch der Mangel an technologischem Know-how.[39] Eine eigene Finanzierung von Investitionen ist in vielen Fällen somit nicht gegeben.

Eine Möglichkeit zur Akkumulation von Sachkapital sind ausländische Direktinvestitionen, die auf Grund von länderspezifischen Vorteilen umgesetzt werden können. Kleine Staaten haben meist den Nachteil, dass den ausländischen Investoren, auf Grund ihrer Kleinheit, das Risiko einer Investition zu groß ist.[40] Diese Risikoeinschätzung kann durch einen EU-Beitritt kleiner Staaten gesenkt werden. Viele der neuen Mitglieder haben eine langjährige Transformationsphase hinter sich, in der sie ihre Finanzsysteme liberalisiert und die Infrastruktur modernisiert haben, um. die Wirtschaft zu stabilisieren bzw. wettbewerbsfähiger zu gestalten. Die Beitrittskandidaten erhalten sowohl finanzielle, als auch beratende Unterstützung durch die EU. Diese Hilfe nutzten die kleinen Länder, um den Abstand zu den alten Mitgliedern zu verringern und die Kopenhagen-Kriterien, die für einen Beitritt notwendig waren, zu erfüllen.[41] Dieser Aufholprozess ist längst nicht abgeschlossen. Der Transformationsrückstand der neuen Mitgliedsländer, insbesondere der osteuropäischen Staaten, ist noch zu groß. Sie hinken im BIP pro Kopf dem EU-15- Durchschnitt noch relativ weit hinterher. Dagegen können die kleinen Staaten Malta, Zypern und Slowenien ein relativ gutes BIP pro Kopf aufweisen.[42] Das Vertrauen von potentiellen ausländischen Investoren könnte durch die EU-Mitgliedschaft steigen, da eine stabile Wirtschaftslage die Voraussetzung eines Beitritts ist. Die Entwicklung Irlands kann hier als ein positives Beispiel genannt werden. Hier waren große Kapitalzuflüsse, vornehmlich aus den USA, zu verzeichnen.[43]

Die Akkumulation von Sachkapital kann auch mit Hilfe von EU- Mitteln vollzogen werden. Es ist somit als eine Art Entwicklungshilfe zu sehen, die ohne EU-Mitgliedschaft für kleine Staaten in Europa so nicht möglich wäre. In wie weit diese Fiskaltransfers auch wirklich geholfen haben, wird in Kapitel 5.3.2 dargestellt.

3.1.2 Auswirkungen geringer Staatsgröße auf den Produktionsprozess

Der Produktionsprozess kleiner Staaten wird im Folgenden näher erläutert. Dabei wird eine Unterteilung in drei Sektoren vorgenommen, die sich auf in den privaten, den öffentlichen und den Bildungssektor aufteilen. Der private Sektor setzt sich aus der Produktion von Kapitalgütern und Endprodukten zusammen, während der öffentliche Sektor vor allem bei Infrastrukturleistungen und administrativen Vorgängen tätig wird. Im Bildungssektor werden die Möglichkeiten der Humankapitalbildung kleiner Länder näher betrachtet.[44]

In der Analyse spielen Skaleneffekte eine wichtige Rolle. Durch sie kann eine Verbindung von der Größe zu Kosten dargestellt werden, sei es aus volkswirtschaftlichen oder aus unternehmensspezifischen Gesichtspunkten.[45] Es gibt in der Literatur verschiedene Ansätze, wie ein Land steigende Skaleneffekte für sich nutzen kann.

Privater Sektor

Kleine Staaten besitzen in der Regel auch einen relativ kleinen Binnenmarkt mit begrenzten Faktorangebot und Faktornachfrage. Der Theorie nach profitieren alle Beteiligten bei einer Marktöffnung nach außen, wie es im Falle eines Beitritts in die EU der Fall ist. Der gemeinsame Binnenmarkt und der damit verbundene internationale Wettbewerb steigern so die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt.[46]

Auf Unternehmensebene können positive Skaleneffekte in der Produktion realisiert werden, indem eine Erhöhung des Faktoreinsatzes eine überproportionale Steigerung der Outputmenge zur Folge hat. Bei konstanter Produktionszeit können auch die Durchschnittskosten gesenkt werden, da sich die Fixkosten auf mehr Endprodukte aufteilen.[47] Eine Senkung der Durchschnittskosten kann in der Theorie auch durch die im Zuge der Globalisierung gesunkenen Transportkosten realisiert werden. Bei einer Öffnung kleiner Länder und dem Beitritt in die europäische Zollunion werden somit Vorteile genutzt, die sowohl die Importe als auch die Exporte erhöhen. Es kommt darauf an, welche Seite stärker ansteigt.

Positive Skaleneffekte haben zudem auch Effizienzvorteile in Form von Spezialisierungseffekten, wie im vorherigen Abschnitt bereits erwähnt wurde. Gründe hierfür sind vor allem Lerneffekte, die zu Zeitersparnissen und Kostensenkungen führen.[48] Inwieweit diese theoretischen Überlegungen auch in der Realität bestätigt werden, bleibt jedoch unklar.

Der Nachteil von kleinen Ländern gegenüber Großen positive Skaleneffekte zu realisieren, konnte durch empirische Studien von Briguglio oder Milner und Weyman- Jones bestätigt werden.[49] Die Autoren fanden einen positiven Zusammenhang zwischen der Größe eines Landes und der Effizienz in der Produktion.[50] Analysen zur Bedeutung von Skaleneffekten in kleinen Staaten in der EU gibt es jedoch noch keine.

In der Wachstumstheorie entwickelten u.a. Romer und Arnold neue Modelle zur Erklärung steigender Skaleneffekte auf volkswirtschaftlicher Ebene. Dabei wurde festgestellt, dass überproportionale Outputsteigerungen erzielt werden können, wenn der gesamtwirtschaftliche Kapitalstock eines Landes ansteigt.[51] Romer fand einen positiven Zusammenhang zwischen der Größe des Kapitalstocks und dem Grad der Spezialisierung auf Grund der gestiegenen möglichen Zwischengütervarianten.[52]

Das Problem der kleinen Staaten liegt in der Schwierigkeit ihren Kapitalstock zu erhöhen. Wie bereits erwähnt haben es kleine Länder schwer, ausländisches Kapital in Form von Direktinvestitionen zu importieren. Das Risiko eines zu kleinen Absatzmarktes und einer geringen Kaufkraft, das mit kleinen Staaten in Verbindung gebracht wird, ist den Investoren möglicherweise zu hoch. Auch eigene Investitionen in den Kapitalstock können meist schwer realisiert werden, da die gesamtwirtschaftliche Ersparnis nicht ausreicht.[53]

Die kleinen Länder Europas könnten diesen theoretischen Nachteil durch die Marktöffnung und den Zugang zum EU-Binnenmarkt verkleinern. Ein EU-Beitritt kann in diesem Fall als eine große Chance für kleine Staaten gesehen werden, da die Handelsbarrieren innerhalb der EU wegfallen. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass gerade Unternehmen kleiner Staaten durch eine internationale Marktöffnung einer übermächtigen Konkurrenz gegenüberstehen.[54] Des Weiteren ist die Reaktion auf den heimischen Markt durch den steigenden Wettbewerbsdruck nicht abzusehen.

In der neoklassischen Theorie werden kleinen Ländern durch Aufnahme von internationalem Handel noch andere Vorteile zugeschrieben. Sie fungieren auf Grund ihrer Kleinheit als Preisnehmer, die den Weltmarktpreis nicht beeinflussen können. Es gibt keinen negativen Preiseffekt des Exportgutes auf Grund eines Exportanstiegs, was keine Verschlechterung der terms of trade nach sich zöge.[55]

Auf der anderen Seite besteht für kleine Länder die Gefahr, dass Güter auf Grund von Qualitätsmängeln oder konträren Normen der Produkte nicht auf dem gemeinsamen Markt von anderen Ländern akzeptiert werden.

Ob diese Überlegungen auch in der Realität zu finden sind, wird in Kapitel 5.1. näher untersucht. Daneben ist die Frage zu klären, ob eine Marktöffnung außerhalb oder innerhalb der Europäischen Union für kleine Staaten vorteilhafter ist und in welchem Maße sie wettbewerbsfähig sind.

Der öffentliche Sektor

Der zweite wichtige Sektor im Produktionsprozess eines Landes ist der öffentliche Sektor einer Volkswirtschaft. Auch hier können Größeneffekte ausgemacht werden, welche sich auf die Strukturen, als auch auf den Haushalt des Staates auswirken.[56]

Vor allem im Personalbereich können Skaleneffekte realisiert werden. Als Vorraussetzung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union wurde schon in den Kopenhagen-Kriterien eine institutionelle Stabilität als Garantie für eine demokratische und rechtstaatliche Ordnung verlangt.[57] Dies bedeutet, dass unabhängig von der Bevölkerungszahl bestimmte personelle Aufgaben im öffentlichen Bereich gewährleistet sein müssen. Diese Funktionen sind von Seiten der kleinen EU-Mitgliedsländer erfüllt. Die Problematik der bevölkerungsschwachen Staaten ist vielmehr der Bestand von ausreichend Personal im öffentlichen Sektor, gerade im außenpolitischen Bereich, da dieses auch relativ kostenintensiv ist.[58] Für die kleinen Länder könnte es somit Schwierigkeiten in der Bereitstellung von Vertretern in den EU-Gremien geben. Das Machtpotential kleiner Staaten ist durch diese Überlegungen in der Theorie sehr klein. In wie weit dies zutrifft, wird in Abschnitt 4.2 näher untersucht.

Ein Mangel an Fachpersonal im öffentlichen Sektor kleiner Staaten kann die Personalkosten auch auf Grund von Arbeitsmarktengpässen vergrößern. So muss der Staat unter Umständen mit dem privaten Sektor um Fachpersonal konkurrieren. Die Folgen wären ein Lohnanstieg in diesem Bereich und eine eventuell selbstverschuldete Eliminierung von Humankapital.[59]

Zur Vermeidung hoher Personalkosten im öffentlichen Sektor ist es deshalb nicht unüblich, mehrere Ämter und Funktionen von einer Person bekleiden zu lassen.[60] Der Gebrauch dieser economies of scope kann in kleinen Staaten häufig festgestellt werden. Der Nachteil dieser Maßnahme ist auch schon genannt worden: Die physische Anwesenheit auf zeitgleichen Veranstaltungen ist unmöglich. Somit können Vertreter, die mehrere Ämter bekleiden, im Gegensatz zu denen großer EU-Staaten an weniger Terminen teilnehmen. Dieser Synergieeffekt verstärkt den Gedanken der Machtlosigkeit kleiner Staaten in der EU.

Ferner können Skaleneffekte auf der Einnahmen- und Ausgabeseite des öffentlichen Sektors ausgemacht werden. Hierbei muss zwischen der staatlichen Bereitstellung von Leistungen in Abhängigkeit der Landesgröße und der Bevölkerungsgröße unterschieden werden.[61]

Ausgaben, die mehr von der flächenmäßige Ausdehnung als von der Bevölkerungszahl abhängig sind, können aus militärischen oder sozialen Einrichtungen bestehen. Hier sind die Pro-Kopf-Kosten der Staatsleistungen umso geringer, je größer die Bevölkerung ist. Die Fixkosten sind relativ hoch. Steuerfinanzierte Leistungen zur Sicherung der Staatsgrenzen wären bei relativ großer Fläche und relativ kleiner Bevölkerung ein Beispiel für negative Skaleneffekte.[62]

Die Bereitstellung der Infrastruktur kann für kleine Staaten ebenfalls zu Problemen führen, da oftmals das Know-how für besonders aufwendige oder große Projekte nicht vorhanden ist. Die EU-Transferleistungen können dazu beitragen, dass mehr öffentliche Güter zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sollte die Privatisierung von staatlichen Einrichtungen dazu führen, dass Marktkräfte die Preise für den Verbraucher senken. Beispielsweise sind die baltischen Staaten noch aus den Zeiten der Sowjetunion geprägt und öffentliche Güter, wie die Bahn oder Telekommunikationsunternehmen, sind noch in staatlicher Hand und haben monopolistische Strukturen.

Der öffentliche Sektor kann hingegen von einer relativ großen Bevölkerungsdichte profitieren. Staaten, wie Luxemburg, Malta und Zypern haben im EU-Vergleich eine relativ kleine flächenmäßige Ausdehnung und dabei eine relativ kleine Bevölkerungszahl, was theoretisch zu einer Zentralisierung der angebotenen Infrastruktur und damit zu sinkenden Kosten führt. Die Organisation und die Verteilung der öffentlichen Leistungen kann somit leichter und kostengünstiger bewältigt werden als in einem Land mit einer relativ niedrigen Bevölkerungsdichte.[63]

In den kleinen EU-Staaten sind die öffentlichen Leistungen in der Regel verbesserungsfähig. Große EU-Länder haben hier einen klaren Vorsprung, den die „Kleinen“ schrittweise aufholen müssen. Dies kann allerdings in der Regel nur durch Lohnsteigerungen und damit verbundenen Mehreinnahmen von Steuern und Abgaben realisiert werden.

Auf der Einnahmeseite des öffentlichen Sektors befinden sich u.a. Steuereinnahmen. Es ist zu vermuten, dass Staaten mit geringerer Population auch geringere Einnahmen an direkten Steuern erhalten, als bevölkerungsreiche Staaten. Um dennoch genügend Einnahmen zu erzielen, kann die Steuerlast mehr auf die indirekten Steuern verteilt werden. Zudem werben viele kleine Staaten mit relativ geringen Unternehmenssteuern, um ausländische Unternehmen anzulocken. Im Falle ausländischer Direktinvestitionen kompensieren die Mitnahmeeffekte in Form von Know-how- Import, Schaffung von Arbeitsplätzen und Kapitalimport die relativ niedrigen Steuereinnahmen. Außerdem sind neue Steuereinnahmen, auch wenn sie gering sind, besser als keine.

Durch die EU-Mitgliedschaft und den damit verbundenen Wegfall von Handelszöllen fallen ursprüngliche Einnahmequellen innerhalb der EU weg. Allerdings ist der Handel in der Zollunion für die kleinen Länder profitabel, wenn es handelsschaffende Effekte gibt. Diese entstehen, bei der Substituierung (zollgeschützter) inländischer Produkte durch billigere Produkte des Auslands.[64] Die entgangenen Zolleinnahmen werden theoretisch durch die Handelsgewinne kompensiert. Die Zollunion forciert in gewissem Maße den Handel mit den Mitgliedstaaten und hemmt den Handel mit Drittländern. Handelsumlenkende Effekte, die Importe aus Drittländern durch teurere Importe aus Partnerstaaten ersetzen, sind in einer großen Zollunion nicht zu erwarten. Der Grund dafür ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich in dieser bereits die meisten effizienten Produzenten befinden.[65] In der Realität finden sich sicherlich einige Erzeugnisse, wie bestimmte Lebensmittel oder Bauwollprodukte, die nicht von EU-Mitgliedern produziert oder zumindest in anderen Ländern gefertigt werden.

Der Bildungs- und Forschungssektor

Der Bildungs- und Forschungssektor ist der dritte relevante Teil des Produktionsprozesses. Durch formale Bildungssysteme, Lerneffekte im Produktionsprozess sowie der Berufsausbildung und Fortbildungen wird Humankapital geschaffen.[66] Auf Grund von Unteilbarkeiten im Bildungssektor können auch hier steigende Skaleneffekte realisiert werden, wenn in Humankapital investiert wird. Mit zunehmenden Spezialisierungsgrad werden die Kosten dafür allerdings steigen. Es ist wichtig, dass kleine Staaten über ein großes Repertoire an ausgebildeten Arbeitskräften verfügen, unabhängig von den Kosten, da die Gefahr der Abwanderung von vorhandenem Humankapital besteht.[67] Als Folge der kleinen Bevölkerung lässt sich in den kleinen Staaten, im Gegensatz zu den großen Mitgliedländern, ein relativ schwach ausgeprägter Bildungssektor vermuten. Im Zuge der Recherchen dieser Arbeit über die formalen Bildungssysteme konnten diese Vermutungen jedoch nicht explizit bestätigt werden. So zeigen Statistiken, dass Humanressourcen in Wissenschaft und Technologie (HRST), gemessen in Prozent der gesamten Bevölkerung, nicht eindeutig auf kleine oder große Staaten schließen lassen (Vgl. Tab. 6). Beispielsweise bestätigen sich die Erwartungen im Jahr 2007 für Länder wie Malta (20,33 %), der Slowakei (26,59 %) oder Rumänien (17,83 %). Im Vergleich zu großen Staaten, wie Deutschland (38,25 %) und Frankreich (35,53 %) liegt der Anteil der Erwerbstätigen zwischen 25 und 64 Jahren in wissenschaftlichen oder technischen Berufen weit unter dem EU-Durchschnitt. Hingegen können kleine Staaten, wie z.B. Zypern (37,71 %) oder Litauen (35,04 %) in dieser Beziehung einen ähnlich hohen Humankapitalindex aufweisen, wie große Länder. Estland übersteigt sogar diesen Anteil und liegt mit 42,49 Prozent qualifizierter Arbeiter in der Gesamtbevölkerung nur knapp hinter dem europäischen Spitzenreiter Norwegen (44,07%).[68]

Des Weiteren ist anzumerken, dass im Zeitraum von 2002 bis 2007 das Humankapital fast aller vermeintlich kleinen Staaten gestiegen ist. Schon vor dem Beitritt der neuen Staaten stieg der Index, was auf Investitionen dieser Staaten auch ohne EU-Hilfen schließen lässt.

Tabelle 6: HRST in ausgewählten EU- Ländern

HRST (Human Resources in Science and Technology) der 25-64 Jährigen in Prozent der Gesamtbevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://nui.epp.eurostat.ec.europa.eu/nui/setupModifyTableLayout.do.

Diese und andere Indikatoren zur Messung des Grades an Humankapital deuten darauf hin, dass sich die kleinen Staaten in der europäischen Union nicht drastisch von den großen Staaten unterscheiden. Gundlach kritisierte diese Schlussfolgerungen und vermutet, dass der Humankapitalbestand insbesondere in den osteuropäischen Beitrittsländern überschätzt werde. Er argumentiert mit einer negativen Beziehung zwischen der Pro-Kopf-Produktivität und den durchschnittlichen Bildungsjahren in den ehemaligen sozialistischen Beitrittsländern.[69]

Eine Mangel an Humankapital kleiner Länder auf Grund eines Defizits im Bildungssektor lässt darauf schließen, dass der Bereich Forschung und Entwicklung auch negativ betroffen ist. Das fehlende Wissen hemmt demnach den technischen Fortschritt sowie die Innovationsaktivitäten.[70] Um international konkurrenzfähig zu bleiben, ist es für Unternehmen wichtig Fachpersonal zu besitzen, welches sich mit den sich rasant ändernden Technologien relativ schnell auseinandersetzen kann.

Die am häufigsten vorgeschlagene Strategie um das Humankapital zu erhöhen, ist eine Aufstockung der Mittel für öffentliche Bildung. Durch die EU- Regional- und Strukturmittel können kleine Länder in diesen Bereich mehr investieren. Auch hier stellt Gundlach die These auf, dass diese Maßnahme nicht zu besseren Auswirkungen führen muss. So ist eine Mehrinvestition in das Bildungssystem nicht von Vorteil, wenn dieses schon ineffizient ausgelegt ist. In einigen Ländern der EU sollten deshalb gesamte Bildungssysteme reformiert werden, um die Leistungen zu steigern und die Kosten zu senken.[71] Im Umkehrschluss könnten die kleinen Staaten trotzdem die zu Verfügung stehenden Mittel positiv für den Bildungs- und Forschungssektor nutzen, um ihr Humankapital zu erhöhen und somit im privaten und produzierenden Sektor konkurrenzfähiger zu werden. Die Vorraussetzung ist ein effizientes Bildungssystem. In einigen kleinen Staaten, wie z.B. in Lettland oder Litauen sind diese erfüllt, denn sie verfügen über relativ gut ausgebildete Arbeitskräfte.[72]

[...]


[1] Vgl. Thorhallsson / Wivel (2006), S. 651 f.

[2] Vgl. Archer / Nugent (2006), S. 3.

[3] Vgl. Crowards (2002), S. 173.

[4] Vgl. Thorhallsson (2006), S. 9.

[5] Vgl. Lloyd / Sundrum (1982), S. 18.

[6] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 9.

[7] Vgl. Dreger / Erber (2008), S. 404.

[8] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 9 f.

[9] Vgl. Ebd. S. 10.

[10] Vgl. Thorhallsson (2006), S. 10.

[11] Vgl. Eurostat (2008a), S. 25.

[12] Vgl. Thorhallsson (2006), S. 16.

[13] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 12.

[14] Vgl. Lloyd / Sundrum (1982), S. 18.

[15] Vgl. Thorhallsson (2006), S. 12.

[16] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 15.

[17] Wöhlcke (1982), S. 29.

[18] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 16.

[19] Vgl. ebd., S. 16 ff.

[20] Vgl. Jalan (1982), S. 43.

[21] Siehe Anhang A .

[22] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 21 ff.

[23] Vgl. ebd., S. 21 ff.

[24] Vgl. ebd., Anhang C.

[25] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 24 ff.

[26] Vgl. ebd. Anhang C.

[27] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 50 f.

[28] Vgl. Rübel (2004), S. 8.

[29] Vgl. Streeten (1993), S. 197.

[30] Vgl. Armstrong / Read (1998), S. 640.

[31] Vgl. Rübel (2004), S. 25 ff.

[32] Vgl. Ebd. S. 20.

[33] Vgl. Rübel (2004), S. 57.

[34] Vgl. Cibulskienė (2003), S. 400.

[35] Vgl. Ward (1975), S. 120.

[36] Vgl. Ahlfeld (2007) S. 64.

[37] Vgl. Cibulskiene (2003), S. 400 f.

[38] Vgl. Brasche (2003), S. 190.

[39] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 53 f.

[40] Vgl. ebd., S. 54.

[41] Vgl. Brasche (2003), S. 158 ff.

[42] Vgl. Hönekopp (2004), S. 1.

[43] Vgl. Köller (2006), S.21.

[44] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 59 ff.

[45] Vgl. ebd., S. 60.

[46] Vgl. Rübel (2004), S.256.

[47] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 60.

[48] Vgl. ebd., S. 60.

[49] Vgl. Briguglio, (1998), S. 509 ff.

[50] Vgl. Milner / Weyman-Jones (2003), S. 5 ff.

[51] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 62.

[52] Vgl. Romer (1987), S. 56 ff.

[53] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 63.

[54] Vgl. Brasche (2003), S.51 f.

[55] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 64.

[56] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 74.

[57] Vgl. Brasche (2003), S. 158.

[58] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 74.

[59] Vgl. ebd., S. 75.

[60] Vgl. ebd., S. 75.

[61] Vgl. ebd., S. 76.

[62] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 76.

[63] Vgl. ebd., S. 76.

[64] Vgl. Breuss (2003), S. 360.

[65] Vgl. ebd., S. 361.

[66] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 69.

[67] Vgl. Read (2001), S. 15.

[68] Vgl. Eurostat (2008).

[69] Vgl. Gundlach (2002), S. 5.

[70] Vgl. Ahlfeld (2007), S. 69.

[71] Vgl. Gundlach (2002), S. 10 ff.

[72] Vgl. F.A.Z. (2005), S. 92 ff.

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Die besonderen Chancen und Risiken kleiner Staaten in der EU
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Professur für Volkswirtschaftslehre, insbes. Wirtschaftspolitik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
84
Katalognummer
V127348
ISBN (eBook)
9783640334032
ISBN (Buch)
9783640333585
Dateigröße
1712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chancen, Risiken, Staaten
Arbeit zitieren
Jörg Fehlhaber (Autor), 2009, Die besonderen Chancen und Risiken kleiner Staaten in der EU, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127348

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