Jemandem einen Fisch geben,
das reicht ihm für eine Mahlzeit;
jemanden fischen lehren,
das reicht ihm für das ganze Leben
Chinesisches Sprichwort
Das Sprichwort veranschaulicht in einem treffenden Vergleich die Notwendigkeit für die Vermittlung von Lernstrategien im Unterricht. Es sagt bezogen auf den Fremdsprachenunterricht aus, dass sich Unterricht nicht nur auf Inhalte richten darf. Nur ein Unterricht, in dem die Schüler viele verschiedene Lernstrategien zur Lösung der unterschiedlichsten Aufgaben kennen- und anwenden lernen (das Fischen lernen), ist geeignet, die Voraussetzung für ein lebenslanges erfolgreiches Lernen zu setzen.
Im Zusammenhang mit Lernstrategien wird in der Fachliteratur häufig der Begriff „Lernerautonomie“ genannt (z.B. Tönshoff, 2003; Macht, 1995), denn erfolgreiches Lernen, insbesondere das Lernen von Fremdsprachen, ist ohne die Fähigkeit, autonom zu lernen, nur bedingt durchführbar.
Henri Holec (1981) definiert die „Lernerautonomie als die Fähigkeit, das eigene Lernen selbst gestalten zu können. Dies bedeutet, dass der Lerner in der Lage ist, Lernziele, Lerninhalte und Progressionen zu definieren, dass er seine Lernstrategien und Arbeitstechniken selbständig auswählen kann und dass er die eigenen Lernprozesse und Lernergebnisse bewerten kann.“
Innerhalb dieses allgemeinen Erziehungsziels des autonomen Lernens ist also die Kenntnis von Lernstrategien und die Fähigkeit, diese anzuwenden, eine wichtige Voraussetzung.
Während Lernstrategien im Fremdsprachenunterricht bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, sollten sie in Zukunft eine stärkere Berücksichtigung finden, um die Autonomie des Lernenden auf- und auszubauen. Auch Häuptle-Barceló (1999, S. 50) plädiert „für eine bewusste Einbeziehung sowohl der kognitiven als auch der metakognitiven Strategien in den Fremdsprachenunterricht, um dem Ziel des autonomen Lernens näherzukommen.“
Besonders im Hinblick auf das lebenslange Lernen ist die Kenntnis von geeigneten Lernstrategien unabdingbar. Der Lerner benötigt lernstrategisches Wissen, damit er auch außerhalb des Unterrichts in der Lage ist, Sprachmaterial und Sprachsituation erfolgreich zu bewältigen. „Nur wenn es gelingt, bei den Schülern ein Repertoire an Strategien aufzubauen und zu fördern, können sie sich zu selbstverantwortlichen, autonomen Lernern entwickeln“ (Wolff, 1998, S.1).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lernstrategien und Lerntechniken
2. 1 Definition des Begriffs Lernstrategie
2. 2 Definition des Begriffs Lerntechnik
3. Funktionen von Lernstrategien
4. Strategien-Konzept nach Oxford (1990)
5. Lernstile und Lernertypen
5. 1 Lernstile
5. 2 Lernertypen
5. 2. 1 Erfahrungsbezogener Lernertyp
5. 2. 2 Analytischer Lernertyp
5. 2. 3 Handlungsorientierter Lernertyp
5. 2. 4 Kognitiv-abstrakter Lernertyp
5. 2. 5 Kommunikativ-kooperativer Lernertyp
5. 2. 6 Visuell orientierter Lernertyp
5. 2. 7 Auditiv geprägter Lernertyp
5. 2. 8 Haptischer Lernertyp
5. 2. 9 Autoritativer Lernertyp
6. Ermittlung und Vermittlung von Lernstrategien
6. 1 Ermittlung von Lernstrategien
6. 2 Vermittlung von Lernstrategien
6. 3 Methodisches Vorgehen bei der Erarbeitung und Vermittlung von Lernstrategien in der Unterrichtspraxis nach W. Tönshoff (2003)
7. Lernstrategien und Lerntechniken im Bereich Wortschatz
7. 1 Wörter verstehen bzw. erschließen
7. 2 Wörter archivieren
7. 3 Wörter lernen und wiederholen
7. 4 Wörter üben und anwenden
7. 5 Den eigenen Lernerfolg kontrollieren
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und praktische Anwendung von Lernstrategien im Fremdsprachenunterricht, um Schülern den Weg zum autonomen und lebenslangen Lernen zu ebnen. Dabei wird analysiert, wie unterschiedliche Lernstile in den Unterricht integriert werden können, um individuelle Lernprozesse zu optimieren.
- Klassifizierung von Lernstrategien und Lerntechniken
- Theoretische Grundlagen zu Lernstilen und verschiedenen Lernertypen
- Didaktische Konzepte zur Ermittlung und Vermittlung von Lernstrategien
- Spezifische Anwendung von Lernstrategien im Wortschatzerwerb
- Förderung der Lernerautonomie durch bewusste Selbststeuerung
Auszug aus dem Buch
6. 3 Methodisches Vorgehen bei der Erarbeitung und Vermittlung von Lernstrategien in der Unterrichtspraxis nach W. Tönshoff (2003)
An dieser Stelle soll nun ein konkretes Beispiel für die Vorgehensweise bei der Ermittlung bzw. Vermittlung von Lernstrategien im Unterricht gegeben werden. Dabei stütze ich mich in erster Linie auf die Darstellung von W. Tönshoff (2003, S. 333), deren einzelne Schritte mir am Klarsten strukturiert erscheinen.
Die Hinführung zur selbständigen Anwendung von Lernstrategien und Lerntechniken erfolgt bei ihm mit Hilfe eines „vierschrittigen Grundmusters,“ das auch „rekursiv“ verwendet werden kann:
1. Bewusstmachung vorhandener individueller Strategien und Lerngewohnheiten
Wie schon oben beschrieben, sollen in einem ersten Schritt die Lernstrategien ermittelt bzw. bewusst gemacht werden, die die Lernenden bereits einsetzen. Dies kann durch einen Erfahrungsaustausch der Schüler untereinander, in Form eines Fragebogens oder nach der Bearbeitung einer konkreten Aufgabe durch eine anschließende Diskussion über die individuell eingesetzten Strategien erfolgen.
2. Präsentation (alternativer) strategischer Verhaltensweisen
In dieser Phase erklärt der Lehrer zunächst die einzelnen Strategien näher und beschreibt, warum, wann und wie sie eingesetzt werden können.
Dann wird der Einsatz der einzelnen Strategien (durch den Lehrer oder einen Schüler) demonstriert, sofern sie von außen beobachtet werden können. Sollte dieses nicht der Fall sein, kann durch „Lautes Denken“ ein Einblick in die kognitiv ablaufenden Prozesse (Planungs-, Durchführungs- und Kontrollschritte) gegeben werden.
Diese Phase beinhaltet nach W. Tönshoff auch das Reflektieren über Strategien beim Gebrauch der Muttersprache und deren Übertragung auf die zu erlernende Fremdsprache. Schließlich werden weitere individuelle Strategien der Lernenden durch diese beschrieben, erläutert und demonstriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht die Notwendigkeit der Vermittlung von Lernstrategien für ein lebenslanges erfolgreiches Lernen und führt den Begriff der Lernerautonomie ein.
2. Lernstrategien und Lerntechniken: In diesem Kapitel erfolgt eine wissenschaftliche Abgrenzung der Begriffe Lernstrategie und Lerntechnik, wobei die Bedeutung des mentalen Plans betont wird.
3. Funktionen von Lernstrategien: Es werden die zentralen Funktionen wie Effektivität, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen beleuchtet, die durch die Anwendung von Lernstrategien gestärkt werden.
4. Strategien-Konzept nach Oxford (1990): Das Kapitel stellt die Klassifizierung von Oxford vor, die Lernstrategien in direkte und indirekte Gruppen unterteilt.
5. Lernstile und Lernertypen: Hier werden unterschiedliche Lernertypen (z.B. analytisch, haptisch, visuell) identifiziert, um die Notwendigkeit differenzierter Arbeitsformen im Unterricht aufzuzeigen.
6. Ermittlung und Vermittlung von Lernstrategien: Das Kapitel bietet methodische Ansätze, wie Lehrkräfte Strategien identifizieren, präsentieren und in den Unterrichtsalltag integrieren können.
7. Lernstrategien und Lerntechniken im Bereich Wortschatz: Dies ist ein praktisches Kapitel, das Strategien wie das Erschließen von Wörtern, Archivierungstechniken und Mnemotechniken für den Fremdsprachenerwerb konkretisiert.
8. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Bedeutung der bewussten Strategievermittlung bereits in jungen Jahren, um autonomes und erfolgreiches Lernen zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Lernstrategien, Lerntechniken, Lernerautonomie, Fremdsprachenunterricht, Lernstile, Lernertypen, Wortschatzarbeit, kognitive Strategien, metakognitive Strategien, Selbststeuerung, lebenslanges Lernen, Strategievermittlung, Mnemotechniken, Transfer, Mehrkanaliges Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Bedeutung und praktischen Implementierung von Lernstrategien im Fremdsprachenunterricht, um Schülern eine eigenständige Sprachlernkompetenz zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenzierung von Lernstrategien und Lerntechniken, der Typologie von Lernenden sowie der methodischen Umsetzung im Unterricht, insbesondere bei der Wortschatzarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer durch das gezielte Bewusstmachen und Training von Strategien zur Lernerautonomie ihrer Schüler beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und didaktischen Konzepten etablierter Experten wie Oxford, Tönshoff, Bimmel und Rampillon.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Konzepte zur Strategienklassifikation, die Analyse unterschiedlicher Lernertypen sowie praktische Anleitungen zur Wortschatzarbeit und Fehlerkontrolle ausführlich diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben den zentralen Begriffen Lernstrategien und Lernerautonomie stehen Fachbegriffe wie Lernstile, Kognition, Transfer und Wortschatzlernen im Fokus.
Warum ist das "vierschrittige Grundmuster" nach Tönshoff relevant?
Es bietet Lehrkräften einen konkreten, rekursiven Leitfaden, um Lernstrategien von der Bewusstmachung bis zur Evaluation im Unterricht didaktisch sinnvoll einzuführen.
Welche Rolle spielt die Vokabelkartei im Konzept der Arbeit?
Die Vokabelkartei wird als eine konkrete Gedächtnisstrategie vorgestellt, die, bei richtigem Einsatz, ein planvolles und effizientes Wiederholen ermöglicht.
- Quote paper
- Alice Sievers (Author), 2004, Lernstrategien beim Fremdsprachenlernen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/127349