Die Arbeit analysiert und interpretiert das Gedicht "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" von Bertolt Brecht. Dabei geht sie auf folgende Aspekte ein: Autorbezug und Erlebnisbericht, Auflösung der Sprechinstanz, Naturgedicht?, Einordnung und Begründung der Polysemie, Religiöses im Text: Schöpfung und Tod.
Roman Jakobson untersuchte die Sprache anhand von sechs Funktionen. Die jeweils dominierende Funktion bestimmt die Struktur der Mitteilung. Literatur ist gekennzeichnet durch ein Überwiegen der poetischen Funktion. Diese ist die Ausrichtung auf die Botschaft, wobei es nicht um den Inhalt geht, sondern darum, wie die Sprache verfährt und welche Struktur sie hat.
Indem sie das Augenmerk auf die Spürbarkeit der Zeichen richtet, vertieft diese Funktion die fundamentale Dichotomie der Zeichen und Objekte. Einerseits tritt die poetische Funktion nicht nur in der Dichtung auf, andererseits sind auch die poetischen Genres nicht allein durch die poetische Funktion gekennzeichnet, sondern auch durch andere sprachliche Funktionen. So ist die Lyrik eng mit der emotiven Funktion verbunden. Diese bringt die Haltung des Sprechers zum Gesprochenen unmittelbar zum Ausdruck.
In dem Gedicht "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" von Bertolt Brecht wird die poetische Funktion schnell anhand der Reime sichtbar. Selektion ist die Auswahl aus bedeutungsähnlichen Wörtern und Kombination die Bildung einer Sequenz. Durch die Auswahl von ähnlichen Wörtern, die sich reimen und deren Kombination ergeben sich Parallelismen im Gedicht.
Im Gedicht finden sich noch einige weitere Äquivalenzen wie Alliterationen, auf die in der Analyse näher eingegangen werden soll. Jakobson schreibt, dass es durch eine Wiederkehr gewisser Folgen von Silben und Rhythmen auch zu einer Wiederholung von Worten und Gedanken kommt. Das wird bei Brecht besonders deutlich, da Bilder im Gedicht immer wieder in leicht veränderter Form auftreten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse
3. Interpretation
3.1 Autorbezug und Erlebnisbericht
3.2 Auflösung der Sprechinstanz
3.3 Naturgedicht?
3.4 Einordnung und Begründung der Polysemie
3.5 Religiöses im Text: Schöpfung und Tod
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht Bertolt Brechts Gedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ hinsichtlich seiner poetologischen Struktur, der Auflösung des lyrischen Ichs und der religiösen Anspielungen innerhalb der Sammlung „Hauspostille“. Die Forschungsfrage widmet sich der Frage, wie das Gedicht als „Gebrauchslyrik“ Entspannung und Naturverschmelzung thematisiert sowie die Grenze zwischen Imagination und Realität durch eine durchlässige Sprechinstanz verwischt.
- Poetische Funktion der Sprache und Sprachstruktur
- Analyse von Metrum, Reimschema und Rhythmik
- Die Auflösung der Sprechinstanz und das lyrische Ich
- Vergleichende Analyse zu „Exercitia spiritualia“ (Ignatius von Loyola)
- Intertextuelle Bezüge zu anderen Werken der „Hauspostille“
Auszug aus dem Buch
3.2 Auflösung der Sprechinstanz
„Wer ist das Ich im Gedicht? - Jeder, der es spricht“18 Laut Schlaffer ist dieses „Ich“ nicht nur im Personalpronomen „Ich“ impliziert, sondern auch im „wir“ und „du“. Alle drei haben den gleichen Referenten und sind bloß Synonyme.19 So scheinen sich auch in „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ alle Pronomen auf das gleiche Subjekt zu beziehen.
Schon in der ersten Strophe verschwimmt der Körper des Subjekts mit den Wasserpflanzen. Der Leib und „die Gewächse, worin Hechte hausen“ (V. 4) vereinen sich zu einem durchlässigen „man“ (V. 3).20 Dabei wird das Subjekt der Natur immer ähnlicher, sodass der Wind ihn „für braunes Astwerk hält“ (V. 8). Diese Anverwandlung des Menschen an das Pflanzliche wurde schon durch die Alliteration „Laub“ (V. 2) und „Leib“ (V. 5) angedeutet.21 Das Ich befindet sich in einem schwebenden Zustand, der durch die Umkehrung von Oben und Unten im zweiten Teil der ersten Strophe noch verstärkt wird: „Wenn der Arm / Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt“ (V. 5f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Roman Jakobsons Sprachtheorie ein und erläutert die Bedeutung der poetischen Funktion für die Analyse von Brechts Gedicht.
2. Analyse: Hier werden die formalen Aspekte des Gedichts wie Strophenbau, Metrik, Reimschema sowie der Einsatz von Alliterationen und die thematische Aufteilung untersucht.
3. Interpretation: In mehreren Unterkapiteln wird das Gedicht hinsichtlich der Sprechinstanz, seiner Naturlyrik-Elemente und seiner religiösen Bezüge detailliert gedeutet.
4. Schluss: Dieses Kapitel zieht ein Fazit und stellt Parallelen zu Brechts Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ als komplementäres Werk her.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Hauspostille, Vom Schwimmen in Seen und Flüssen, Gedichtinterpretation, Sprechinstanz, Lyrik, Naturlyrik, Polysemie, Identitätsauflösung, Exerzitien, Roman Jakobson, Naturverschmelzung, Metrik, Intertextualität, Vitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Gedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1919 auf seine formale Struktur und inhaltliche Bedeutung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Auflösung des lyrischen Ichs, dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie der Einbettung der Gedichte in das religiös ironisierte Konzept der „Exerzitien“ innerhalb der „Hauspostille“.
Was ist die primäre Forschungsabsicht?
Es soll geklärt werden, wie Brecht durch formale Mittel und eine durchlässige Sprechinstanz eine „Gebrauchslyrik“ schafft, die zur Naturandacht einlädt und gleichzeitig durch Doppelbödigkeit ironisiert.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zur Anwendung?
Die Autorin verwendet einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, der strukturalistische Methoden nach Roman Jakobson zur Wort- und Funktionsanalyse mit einer intensiven textimmanenten Interpretation kombiniert.
Was wird im umfangreichen Hauptteil thematisiert?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Sprechinstanz, ordnet das Gedicht innerhalb der Sammlung „Hauspostille“ ein und beleuchtet die religiösen Symbole sowie deren bewusste Umdeutung durch den Autor.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Polysemie, Naturverschmelzung, Sprachfluss, metrische Irregularität und die Funktion des lyrischen Ichs als wechselhaftes „man“.
In welchem Verhältnis steht die „Hauspostille“ zu den religiösen Vorbildern?
Die „Hauspostille“ wird als bewusster Gegenentwurf zu Luthers Postillen und den Exerzitien von Ignatius von Loyola verstanden, wobei Brecht christliche Formen übernimmt, um sie weltanschaulich umzudeuten.
Was bedeutet die „Durchlässigkeit“ der Sprechinstanz in diesem Gedicht?
Die Durchlässigkeit beschreibt das Phänomen, dass das „Ich“ im Gedicht ständig zwischen Pronomen wie „man“, „wir“ und „ich“ wechselt, was beim Leser ein fremdes Rollenangebot erzeugt und die subjektive Identität auflöst.
Warum ist der Vergleich mit „Vom ertrunkenen Mädchen“ im Schluss wichtig?
Der Vergleich verdeutlicht die realistische Seite Brechts, der in der „Hauspostille“ neben den vitalen Momenten des Wasser-Genusses stets auch die Vergänglichkeit und den Tod als Teil der Natur mitdenkt.
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- Annalena Held (Autor), 2015, Interpretation des Gedichts "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" von Bertolt Brecht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1273682